Geliebtes Gift
Botox ist der schillerndste Stoff der Wissenschaft, der ein bewegtes Doppelleben führt: als Modespielzeug, das ewige Schönheit verspricht, und als tödlichste Waffe der Natur. Ein Steckbrief.
Der Kosmetiker
SZW160208 - Der Stoff ist der Star. Er prägt das
Gesicht der Celebrity-Szene, ob in Hollywood, Paris oder
Berlin: roter Teppich, Blitzlichter - Botox macht das
makellose Lächeln der Prominenz. Aber auch auf der Seite
der Fans werden die Gesichter immer glatter. 3,2 Millionen
kosmetische Eingriffe mit Botox pro Jahr verzeichnet die
amerikanische Society for Aesthetic Plastic Surgery (ASAPS)
mittlerweile, auf etwa 50 000 bringen es die Deutschen,
schätzt der Mediziner Boris Sommer von der Deutschen
Gesellschaft für Ästhetische Botulinumtoxin-Therapie
(DGBT). Das Einspritzen in faltenreiche Gesichtspartien
ist, nachdem es sich unter Stars und in Klatschgeschichten
verbreitet hat, heute der häufigste Schönheitseingriff
weltweit. Dabei wird eine winzige Dosis des gentechnisch
hergestellten Eiweißkomplexes Botulinumtoxin, das
natürlicherweise in Bakterien vorkommt, unter die Haut
gespritzt. Botox reduziert die Muskelaktivität, die zu
Falten führt, und das Gewebe entspannt sich. Falten
verschwinden nach einer Injektion für drei bis acht Monate,
dann wird der Eingriff wiederholt.
Der Killer
Der Stoff ist mörderisch. Botulinumtoxin, von Bakterien
produziert, gilt als das gefährlichste natürliche Gift der
Welt. Es wirkt an der Übergangsstelle zwischen Nerven- und
Muskelzellen: in den Synapsen, die Reize übertragen. Das
Toxin wandert in die Synapsen und verhindert dort, dass
sich ihre Membranen mit jenen Transportbläschen verbinden,
die den Botenstoff Acetylcholin freisetzen. Der Botenstoff
wird nicht weitergegeben, der Reiz nicht übertragen, der
Muskel kontrahiert nicht mehr. Bei einer Vergiftung wirkt
Botulinumtoxin zunächst an Muskeln im Kopfbereich. Man
fühlt sich schwach, Mund- und Rachenraum werden trocken.
Man sieht doppelt, weil das Gift die Augenmuskeln angreift.
Es kommt zu Schluck- und Sprachstörungen, dann zu
Lähmungserscheinungen an Armen und Beinen, bis schließlich
die Atmung aussetzt. Die Angaben zur Giftigkeit für den
Menschen sind hochgerechnete Werte aus Tierversuchen mit
Schimpansen. Pro Kilogramm Gewicht gelten demnach
anderthalb Nanogramm des Gifts im Blut als tödlich, also
105 Nanogramm für eine 70 Kilogramm schwere Person. Damit
ist es etwa 400-mal so giftig wie Sarin, etwa eine Million
Mal giftiger als Arsen und nahezu zwei Millionen Mal so
gefährlich wie Strychnin.
Der Geschäftemacher
Botox ist der Handelsname eines Präparats, der sich
selbstständig gemacht hat und mittlerweile im
Sprachgebrauch allgemein für Botulinumgift und -produkte
steht, die es enthalten (so wie zum Beispiel der
ursprüngliche IBM-Markenname PC heute für fast sämtliche
Rechner steht). Darüber hinaus hat Botox eine neue
Bedeutung erlangt: Es wird vornehmlich mit kosmetischen
Eingriffen assoziiert, obwohl das 1989 von der
amerikanischen Pharmafirma Allergan als Therapeutikum gegen
muskelstörungsbedingtes Schielen (Strabismus) auf den Markt
gebrachte Mittel für Kosmetiker noch bis Ende der
Neunzigerjahre ein echter Geheimtipp war - mit einem für
US-Verhältnisse überschaubaren Kundenkreis: Nur 65 000-mal
kam die Substanz in den USA im Jahr 1997 zum
Anti-Falten-Einsatz, stellte die ASAPS fest, als sie
erstmals die Nutzungsdaten ermittelte.
Die kosmetische Zulassung bekam Botox in den USA zwar erst
2002, doch verhinderte die vordem fehlende behördliche
Erlaubnis weder diesseits noch jenseits des Atlantiks einen
schnell wachsenden Absatz bei kosmetischen Nutzern. Der
jährliche Anti-Falten-Gesamtumsatz beträgt heute in den USA
1,3 Milliarden Dollar. Das Verfahren macht mittlerweile 28
Prozent aller kosmetischen Eingriffe aus - auch in
Deutschland, wo für diesen Gebrauch erst seit 2006 zwei der
mittlerweile fünf existierenden Präparate zugelassen sind.
Neben Botox gibt es heute Vistabel (ebenfalls von
Allergan), Dysport (von Ipsen in Großbritannien), Neurobloc
oder auch Myobloc (von Elan beziehungsweise Solstice
Neurosciences in den USA) und Xeomin (von Merz in
Deutschland). Marktmotor ist nach Angaben der Firma
Allergan die - verglichen mit der therapeutischen - doppelt
so starke kosmetische Nachfrage.
Das bekräftigte jüngst ein Ärzteteam der University of
California in San Francisco, das in zwölf US-Städten die
Wartezeit von Patienten auf einen Hautarzttermin erhob: Auf
eine kosmetische Botoxbehandlung warteten sie
durchschnittlich acht Tage, auf eine Muttermaluntersuchung
zur Krebsvorsorge 26 Tage. Der Grund: Eine Botoxbehandlung
bezahlt der Patient sofort. Sie kostet in den USA etwa 400
Dollar, in Deutschland bis zu 500 Euro. Für eine
Muttermaluntersuchung zahlt die Versicherung dem US-Arzt
nur knapp 75 Dollar. In Deutschland wird Botox bereits in
der Hälfte aller Fälle kosmetisch genutzt, schätzt Boris
Sommer von der DGBT. Es gibt "Botox to go" an der
Einkaufsmeile und ambulante Spritzen auf Botoxpartys. Die
Kundschaft besteht, ähnlich wie bei Tupperpartys, zu 90
Prozent aus Frauen im Alter zwischen 35 und 50 Jahren.
Der Verdacht
Ein Grund für den weitgehend sorgenfreien Umgang mit
Botulinumtoxin-haltigen Präparaten ist die extrem niedrige
Dosierung. Nur bis zu fünf Nanogramm des Eiweißkomplexes
sind in der Ampulle eines gängigen therapeutischen
Präparats enthalten. Dem Stoff ist darin ein
stabilisierendes Protein beigefügt, damit er nicht
zerfällt. Das eigentlich toxische Protein macht daher nur
einen Bruchteil jener fünf Nanogramm aus. Und diese
wiederum stellen weniger als fünf Prozent einer Dosis dar,
die - intramuskulär verabreicht - nach Hochrechnungen aus
Tierversuchen für einen 70 Kilogramm schweren Menschen
tödlich sein könnte. Dennoch mehren sich Anzeichen, dass
Botulinumtoxin nicht ganz so sicher ist, wie die meisten
Nutzer vermuten.
Der amerikanische Augenarzt Alan Scott, der Anfang der
Siebzigerjahre als Erster die therapeutische Wirkung an
Affen erforscht hat, versucht noch heute, die
Nebenwirkungen der Behandlung von Augenfehlstellungen oder
Lidkrämpfen in den Griff zu bekommen. Bei bis zu 25 Prozent
der Behandelten komme es zu hängenden Lidern oder
Doppeltsehen, sagt er. Aus ähnlichen Gründen verschickten
im Sommer 2007 die Pharmafirmen in Deutschland in
Abstimmung mit den Gesundheitsbehörden erstmals eine
Warnung an Ärzte in Form eines "Rote-Hand-Briefs": ein
Eingeständnis, dass das Gift zu sorglos eingesetzt wird,
weil es sich nach einer Injektion an Stellen ausbreiten
kann, an die es nicht gehört. Die Folge: sehr seltene, aber
schwere Fälle von Muskelschwäche und Schluckstörungen. Auch
kann der Schutzreflex behindert werden, der Fremdkörper von
der Lunge fernhält.
Während Behörden lediglich zur Vorsicht mahnen, geht das
unabhängige Berliner arznei-telegramm weiter. Die
kritischen Mediziner schildern den Fall eines 51-jährigen
Mannes, der Botox gegen Spannungskopfschmerzen in die
Nacken- und Rückenmuskulatur gespritzt bekam - eine
Behandlung, für die das Mittel nicht zugelassen war. Der
Mann litt anschließend wochenlang an schweren
Schluckstörungen. Angesichts von weltweit 600 Berichten
über schwere Störwirkungen nach medizinischer und
kosmetischer Botox-anwendung und sogar 28 Todesfällen im
medizinischen Einsatz sollte, so das arznei-telegramm, die
"Indikation für kosmetische Zwecke aufgegeben und der
Off-Label-Gebrauch drastisch eingeschränkt werden".
Die Biografie
1817 wurde erstmals die Giftwirkung (Botulismus von lat.
botulus = Wurst, eine Form der Fleischvergiftung)
beschrieben. Der schwäbische Arzt Justinus Kerner erkannte
ein "Fettgift" aus verdorbener Räucherwurst als Ursache und
erforschte sie an Katzen, Kaninchen, Vögeln, Fröschen - und
an sich selbst: mit einer wässrigen Lösung des Gifts, das
er aus verdorbener Wurst extrahiert hatte. Er beschrieb ein
"Mattwerden und Spannen in den Augenlidern" sowie "große
Tro-ckenheit am Gaumen und Rachen".
1895 entdeckte der Mikrobiologe Emile Pierre van Ermengem
das heute als Clostridium botulinum bekannte Bakterium. Den
Botulismus-Ausbruch nach einem Leichenschmaus im belgischen
Ellezelle konnte er auf das giftige Bakterium zurückführen.
1897 bis 1970 wurden sieben verschiedene Typen des
Botulinumgifts beschrieben und mit den Buchstaben A bis G
entsprechend der Reihenfolge ihrer Entdeckung bezeichnet.
Sie unterscheiden sich im Aufbau und in der Art, die
Nervenzelle zu stören. Botulinumtoxin A wirkt mit bis zu
fünf Monaten am längsten, spielt die größte Rolle bei
Vergiftungen und wird heute in vier Präparaten eingesetzt.
Nur Neurobloc enthält Botulinumtoxin B. Dieses wirkt bis zu
drei Monate lang, F zwei Monate und E nur einen Monat. Die
Typen C, D und G sind für Menschen ungefährlich. In den
Neunzigerjahren wurden entsprechend unterschiedliche
Gruppen des Bakteriums ausgemacht, vier an der Zahl: Gruppe
eins produziert eines, manchmal zwei der Gifte A, B oder F.
Gruppe zwei produziert B, E oder F. Gruppe drei C oder D
und Gruppe vier G. 2007 wurde das Genom der
Clostridium-botulinum-Gruppen am britischen Sanger
Institute bei Cambridge sequenziert.
"Ursprünglich dachten Mikrobiologen, es handele sich um ein
und dasselbe Bakterium", sagt der beteiligte Forscher Mike
Peck, "heute wissen wir, dass ihre einzige Gemeinsamkeit
ist, dass sie das Gift produzieren" - und auf ähnliche
Weise überleben: Die Bakterien kommen vor allem im Boden
vor, unter sauerstoffarmen Bedingungen, und können durch
Verunreinigung in haltbar gemachte Lebensmittel gelangen,
in denen sie sich bei Luftabschluss gut vermehren.
Härtezeiten überstehen sie, indem sie sich einkapseln, als
Sporen. Gelangen Sporen oder Bakterien in den Körper -
durch die Nahrung, durch Wunden, theoretisch auch einmal
durch die Luft - legen sie los: "Während sich viele
Bakterien durch fein abgestimmte Strategien an die Abwehr
des Wirts angepasst haben und lang im Körper bleiben,
arbeitet C. botulinum nach der Vorschlaghammermethode",
sagt Julian Parkhill vom Sanger Institute. Im Körper
produzieren sie Gift, töten den Wirt, zersetzen ihn und
warten auf den nächsten.
Militärische Laufbahn
Die erste Möglichkeit, Botulinumtoxin zu nutzen, die
Wissenschaftler in die Tat umsetzten, war die Entwicklung
eines Kampfstoffs im amerikanischen Biowaffenprogramm
während des Zweiten Weltkriegs. Auch in anderen Ländern, wo
Forscher die Entwicklung eines Impfstoffs vorantrieben,
wurde Botulinumtoxin damals in größeren Mengen hergestellt.
Heute zählt es zum "dreckigen Dutzend" der Biokampfstoffe.
Nach Angaben der amerikanischen "Working Group on Civilian
Biodefense" produzierte der Irak im Golfkrieg von 1991 an
die 19 000 Liter Botulinumtoxin.
Während des Kalten Kriegs hatte die Sowjetunion mit dem
Gift experimentiert und erfolglos versucht, das Botox-Gen
von C. botulinum in andere Bakterien einzuschleusen. Die
Produktion des Gifts ist so aufwendig, dass es nach Angaben
der "Working Group" für Terrorgruppen sehr schwierig wäre,
ausreichende Mengen zu produzieren. Auch dass der Stoff an
der Luft schnell zerfällt, macht ihn ungeeignet für einen
Anschlag, sagen die Experten: "Die Verbreitung wäre
technisch schwierig." Gezeigt hat das ein folgenloser
Anschlag der Aum-Sekte, die 1990 Botulinumtoxin mit
Sprühfahrzeugen in Tokio verteilte. Die Präparatehersteller
blocken Anfragen nach Produktionsweisen entsprechend strikt
ab: "aus sicherheits- und wettbewerbstechnischen Gründen".
Medizinische Karriere
1973 beschrieb erstmals der Augenarzt Alan Scott von der
Smith-Kettlewell Eye Research Foundation in San Francisco,
wie er mit Botulinumtoxin das Schielen bei Affen
behandelte, das auf einer Verkrampfung der Augenmuskeln
beruhte. Es war der Anfang des therapeutischen Einsatzes.
Kindern mit spastischen Bewegungsstörungen wird Botox
inzwischen häufig gespritzt. Ihre Krämpfe lösen sich für
ein paar Monate und sie können besser Bewegungen lernen.
Auch bei anderen Erkrankungen wie etwa Schiefhals,
spastische Hand oder Lidkrampf wirkt das verdünnte Gift.
Weil auch Drüsen muskel-gesteuert sind, lindert
Botulinumtoxin zudem krankhaftes Schwitzen. Heute ist das
Mittel in mehr als 70 Ländern für mehr als 20 verschiedene
Indikationen zugelassen.
Die muskelentspannende Wirkung des Gifts hatte bereits eine
Mitarbeiterin von Alan Scott darauf gebracht, einen
nebenbei erzielten Effekt genauer zu untersuchen: die
Glättung von Hautpartien, die durch ständige
Muskelaktivität faltig geworden waren. 1982 veröffentlichte
Jean Carruthers, Augenheilkundlerin an der University of
British Columbia in Vancouver, erste Ergebnisse zur
Faltenminderung durch Botulinumtoxin. Ihr Mann, der
Dermatologe Alastair Carruthers, erforschte daraufhin die
Wirkung des Gifts gezielt bei mimischen Falten. Ergebnis:
Wenn es hoch verdünnt und gezielt gespritzt wurde,
verschwanden die Falten für einige Zeit. Als das Präparat
Botox für den therapeutischen Einsatz gegen Strabismus 1989
die Marktzulassung erhielt, war bereits ein kleiner Kreis
über die kosmetischen Möglichkeiten eingeweiht.
SZ Wissen, S. 36 - 39, 3/2008
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