Aufrecht auf dem Ast
Beobachtungen vom Baumlauben der Orang Utans brachten britische Forscher zur Überzeugung: Der zweibeinige Gang entstand nicht erst in der Ebene, sondern auf den Bäumen.
Süddeutsche Zeitung, Wissenschaft, S.
21,1. Juni 2007
SZ010607 - Das Bild ist ein Klassiker: Eine Reihe
sich vom Boden aufrichtender menschlicher Vorfahren – ganz
rechts steht aufrecht der moderne Mensch, Homo sapiens. So
beliebt das Bild ist, Evolutionsforscher mögen es nicht,
weil es einen falschen Eindruck vermittelt. Es sieht aus,
als habe sich der Mensch in einer geraden Linie von seinen
äffischen Vorfahren auf vier Füßen bis in die Gegenwart
ohne Umwege entwickelt. Tatsächlich führte der Weg über
verschlungene Seitenäste, und mancher angebliche Vorfahre
entpuppte sich als evolutionäre Sackgasse.
Die populäre Ahnenreihe weist einen weiteren Fehler auf,
wenn die neueste These zur Evolution des aufrechten Ganges
stimmt, die Forscher im Fachmagazin Science vorstellen (Bd.
316, S. 1328, 2007). Die menschlichen Urahnen mussten sich
demnach nicht aus dem Staub der Savanne von ihren vier
Füßen erheben, um auf zwei Beinen zu gehen. Die Vorfahren
von Homo sapiens und den Menschenaffen lernten die
Grundbegriffe des Gehens auf zwei Beinen in den Bäumen. Als
der Wald sich lichtete, brauchten sie nur vom Baum zu
steigen und auf zwei Beinen weiterzugehen.
Das schlägt ein Forschertrio um Susannah Thorpe von der
britischen University Birmingham vor. Wenn das stimmt, wäre
der aufrechte Gang des Menschen keine einzigartige
evolutionäre Erfindung der Gattung Homo, sondern eine
traditionelle Fortbewegung. „Sich auf allen Vieren
fortzubewegen und den Körper auf die Fingerknöchel zu
stützen wie Schimpansen und Gorillas, das war die
eigentliche Innovation”, sagt Susannah Thorpe.
Die These stellt die Vorstellung von der Evolution des
aufrechten Ganges auf den Kopf. Auch wenn sich
Paläoanthropolgen uneinig sind, was menschliche Vorfahren
zum aufrechten Gang trieb – die offene Savanne, das
Sozialverhalten, freie Hände für besseren Transport oder
ein Leben am Wasser – eines schien klar zu sein: Die
menschlichen Vorfahren verließen die Bäume auf vier Füßen,
als sich die Urwälder im Miozän vor 24 bis fünf Millionen
Jahren lichteten, weil das Klima ständig zwischen trockenen
und feuchten Phasen wechselte. Erst die menschliche
Entwicklungslinie am Boden erfand das Gehen auf zwei Beinen
über lange Strecken. Das zweibeinige Dahinwackeln moderner
Menschenaffen war nur der klägliche Beleg dafür, dass diese
Gruppe sich in punkto Fortbewegung am Boden nicht
wesentlich weiter entwickelt hatte, seit Mensch und Affe
evolutionär eigene Wege gingen.
Anders als sonst belegen die Forscher ihre Idee nicht mit
fossilen Knochen oder versteinerten Spuren. Sie folgten ein
Jahr lang Orang-Utans in der Urwaldlandschaft des Gunung
Leuser Nationalparks auf Sumatra. „Orang-Utans auf Sumatra
verbringen die meiste Zeit auf Bäumen und vor allem ist
ihre Bewegungsart dem Menschen ähnlicher als die von
Schimpansen, Bonobos oder Gorillas”, schreiben Thorpe und
Kollegen.
Die Affenforscherin wertete fast 3000 Beispiele von
Orang-Bewegungen auf Bäumen aus. Die Tiere wanderten häufig
auf zwei Beinen von Ast zu Ast und stützten sich dabei mit
den Händen ab. Die statistische Auswertung belegte den
entscheidenden, evolutionären Vorteil des aufrechten
Ganges: „Abgestützt und auf zwei Beinen erreichen die
Orang-Utans die süßesten Früchte an den äußeren, dünnen
Ästen im Dach der Bäume”, sagt Thorpe. Die Hälfte der Zeit
hangelten sich die Orangs zwar durch die Äste, während sie
sich nur in zwölf Prozent der Fälle auf zwei Beinen
abgestützt bewegten. Der aufrechte Gang habe gegenüber
anderen Fortbewegungsarten aber einen entscheidenden
Vorteil: „Es ist sicher und gleichzeitig hat man die Hand
frei.”
Das Problem mit den besten Leckerbissen an den dünnen Ästen
müssten schon die gemeinsamen Vorfahren der Menschenaffen
und der menschlichen Urahnen gehabt haben. Das mache es
sehr wahrscheinlich, dass diese auf zwei Beinen und
abgestützt durch die Hände durch das Kronendach kletterten,
so die Forscher. Die menschliche Linie führte den
aufrechten Gang einfach in der Ebene weiter. Die Gorilla-
und die Schimpansenlinie entwickelten die
Fortbewegungsarten auf vier Füßen am Boden, während
Orang-Utans Südostasiens sich darauf spezialisierten auch
weiterhin von Baum zu Baum zu hangeln.
Der Erklärungsansatz bietet eine Lösung für etliche Fragen
zur Evolution des aufrechten Ganges. „Wenn Zweifüßigkeit
auf Bäumen entstand, muss man nicht mehr erklären, wie die
Evolution durch das Stadium der ineffiziente
Fortbewegungsart kam, wie wir sie von den Schimpansen
kennen”, schreiben Paul O’Higgins und Sarah Elton in
Science. Es erkläre zudem, warum viele der frühen Menschen
verhältnismäßig lange Arme haben. Es sind Relikte des
aufgestützten Kletterns auf zwei Beinen in Bäumen wie es
Orangs heute noch formvollendet zeigen.
Süddeutsche Zeitung, Wissenschaft, S.
21,1. Juni 2007
zurück zu: Die Texte
2007