Vom Versicherten zum Versuchskaninchen
Eine namhafte private Krankenversicherung ködert Krebspatienten für eine Studie zu einer umstrittenen Therapie - und verschweigt die wirtschaftlichen Verflechtungen der Versicherung und dem leitenden Mediziner.
Süddeutsche Zeitung, Wissenschaft, S. 24,
24. März 2007
SZ240307 - Erst staunte Gregor Spira. Dann aber
begann sich der Strahlentherapeut vom privaten
Westdeutschen Prostatazentrum in Köln richtig zu ärgern. Im
März vergangenen Jahres zeigte ihm ein Krebspatient ein
Schreiben seiner Krankenkasse. Die Koblenzer Debeka machte
dem Mann darin einen Vorschlag: Das Prostatakarzinom, an
dem der Mann litt, könnte mit einem neuen und viel
versprechenden Verfahren behandelt werden, der so genannten
Nano-Krebstherapie. In dem Brief lobte die Debeka:
„Eventuell können durch dieses Verfahren die
nicht-chirurgischen Therapien beim Prostatakarzinom
verbessert, vielleicht sogar ersetzt werden.”
Die Kasse habe eine Vereinbarung mit einer Gesellschaft an
der Berliner Charité, der Thermo Health Care, geschlossen.
Die behandelnden Ärzte hätten das Verfahren entwickelt und
verfügten über eine hohe Erfahrung in onkologischen
Therapien. Das „innovative Verfahren” sei „in einer
Vorstudie (Phase 1) erfolgreich auf Durchführbarkeit und
Verträglichkeit geprüft” worden. Außerdem lobte das
Schreiben die Nano-Krebstherapie als „neue Ära der
Krebstherapie”. Die Kasse übernehme natürlich sämtliche
Behandlungskosten.
Der Patient war verunsichert. Schließlich hatte er doch
längst eine andere Therapie begonnen. War das also eine
falsche Entscheidung? Strahlentherapeut Spira reagierte
dagegen verärgert. Nicht nur weil sein Patient verunsichert
wurde, sondern vor allem, weil die Debeka in ihrem
Schreiben entscheidende Informationen unterschlug. „Da wird
einem Patienten, der eine etablierte Therapie mit guten
Heilungschancen begonnen hat, mit der Nano-Krebstherapie
eine noch experimentelle Behandlungsform angeboten”, sagt
Spira.
Dass die Nano-Krebstherapie noch weit von einer etablierten
Behandlungsform entfernt ist, bestätigen auch andere
Mediziner. „Diese Therapieform befindet sich in der rein
experimentellen Phase”, sagt Paolo Fornara, Direktor der
Universitäts- und Poliklinik für Urologie in Halle. Jan
Fichtner, Chefarzt einer Urologischen Klinik und
Vorstandsmitglied der Urologischen Gesellschaft kommt zu
der gleichen Einschätzung. Was als „neue Ära der
Krebstherapie” gepriesen wird, befindet sich noch in den
Kinderschuhen.
Die Nano-Krebstherapie ist eine Weiterentwicklung der
Hyperthermie-Therapie, bei der versucht wird – bisher wenig
erfolgreich – Tumoren durch hohe Temperaturen zu zerstören.
Bei der Nano-Krebstherapie wird der Tumor mit winzigen
Eisenteilchen angereichert. In einem Magnetfeld heizen sich
die Nanoteilchen auf und sollen so gezielt die Tumorzellen
zerstören. In den neunziger Jahren wurde die Technologie
von einem Team um den Biologen Andreas Jordan entwickelt.
Jordan ist heute Vorstand der Berliner MagForce
Nanotechnologies AG. Sie besitzt mehrere Patente im
Zusammenhang mit der Nano-Krebstherapie und liefert alles
Notwendige für die Behandlung: Nanoteilchen, Software und
Geräte, die das Magnetfeld erzeugen.
Nur für Eingeweihte verständlich
Ob die Technologie tatsächlich eine neue Ära der
Krebsbehandlung einleitet, wird sich erst in einigen Jahren
zeigen. Seit März 2003 laufen erste kleinere klinische
Studien, doch bisher gibt es noch keine Untersuchung, in
der die Wirksamkeit beim Menschen stichhaltig überprüft
werden konnte. Die im Debeka-Schreiben erwähnten Phase
1-Studien dienen nur dazu, die Verträglichkeit und
Sicherheit zu testen. Die Therapie wurde in zwei solchen
Phase 1-Studien bisher lediglich an 18 Personen mit
Prostatakrebs erprobt. Die Debeka ließ das unerwähnt,
ebenso fehlte in dem Schreiben der Hinweis, dass die Debeka
auf diese Weise eigentlich versuchte, Probanden für eine
größere Phase 2-Studie zu gewinnen.
In dieser Studie soll die Nano-Krebstherapie eine zweite
etablierte Therapieform, die Seeds-Implantation, ergänzen.
Der Hinweis der Teilnahme an dieser Studie findet sich erst
in einer überarbeiteten Version. „Seit Sommer 2006
verweisen wir ausdrücklich auf diese Studie und erläutern
die erforderlichen Einschlusskriterien”, sagt Reinhard
Wüstenberg von der Debeka. Der Zusatz war auch dringend
notwendig: „Nicht zu schreiben, dass die Personen an einer
Studie teilnehmen, damit verletzte die Kasse ihre
Informationspflicht gegenüber ihren Versicherten”, sagt
Wolfgang Schuldzinski, Gesundheits- und
Versicherungsexperte der Verbraucherzentrale NRW.
Dass einige Patienten mit dem Therapievorschlag erst
erreicht werden, wenn sie sich schon in einer anderen
Therapie befinden, bedauert die Kasse. Grundlage für das
Schreiben sei die Diagnosestellung auf Basis einer
Prostatabiopsie. „Die dazugehörigen Rechnungen werden
häufig jedoch erst einige Wochen nach der Behandlung bei
uns zur Kostenerstattung eingereicht. Dabei ist es
bedauerlicher Weise trotz aufwändiger manueller Prüfung
nicht auszuschließen, dass unser Schreiben unsere
Mitglieder erst erreicht, wenn eine Therapie bereits
begonnen wurde”, sagt Wüstenberg. Man versuche durch einen
entsprechenden Hinweis, das Mitglied auf diesen Umstand
direkt zu Beginn des Schreibens hinzuweisen. „Unabhängig
davon, wann und in welcher Phase unser Schreiben das
Mitglied erreicht, soll die Therapieentscheidung nicht
durch uns, sondern nur mit dem behandelnden Arzt gefällt
werden”, sagt Wüstenberg. Die Kasse habe seit Februar 2006
164 Männern mit Prostatakarzinom das Angebot unterbreitet.
Die Phase 2-Studie soll 130 Probanden umfassen und ist
inzwischen angelaufen.
Die Kasse verteidigt den ungewöhnlichen Schritt, Probanden
für eine Studie unter ihren Versicherten zu rekrutieren. In
Deutschland sei es schwierig, innovative medizintechnische
Behandlungsverfahren zu evaluieren, da zwar alle die
Durchführung von Studien fordern, es aber schwierig sei,
diese zu finanzieren. Krankenversicherungen und -kassen
sollten sich durchaus an den Kosten für neue
Therapieansätze beteiligen können: „Die Forschung sollte
nicht nur der Industrie überlassen werden”, sagt
Wüstenberg.
Peter Wust, der Leiter der Nano-Krebstherapie-Studien an
der Klinik für Strahlenheilkunde am Campus Virchow-Klinikum
der Berliner Charité, findet das Engagement der Kasse
vorbildlich. „Es handelt sich um eine außerordentlich
lobenswerte Förderung der Wissenschaft und einer
innovativen Technologie durch eine Kasse.” Würden andere
Kassen diesem Beispiel folgen, ließe sich das Problem der
in Deutschland beklagenswerten klinischen Forschung lösen,
sagt Wust. Das Debeka-Anschreiben verteidigt der Mediziner:
„Wir hatten das erste Schreiben verfasst, allerdings hatten
wir dort auf Wunsch gewisse Formulierungen übernommen, die
wir dann später verworfen haben. Es war ja ein völlig neues
Feld und wir waren uns der Implikationen nicht gleich
bewusst.”
Aber auch dieses zweite Schreiben finden
Gesundheitsexperten wenig überzeugend und unvollständig. Im
Text wird zwar darauf verwiesen, dass der Patient an einer
Studie teilnehmen soll. Die Kasse schreibt aber auch, dass
sie ihren Versicherten eine Therapie anbieten möchte, die
„über die Standardverfahren hinausgeht”.
„Das Problem an dem Schreiben der Debeka ist, dass jeder
einzelne Satz zwar nicht falsch ist, der Tenor aber einen
klar positiven Eindruck von dem Verfahren vermittelt” sagt
Jürgen Windeler, Leitender Arzt des Medizinischen Dienstes
der Spitzenverbände der Krankenkassen (MDS). Nur ein
Eingeweihter könne verstehen, ob diese Therapie erprobt ist
oder nicht. Wolfgang Schuldzinski findet die Darstellung
ebenfalls unangemessen: „Die Kasse müsste sachlich
informieren und nicht mit angedeuteten Erfolgsaussichten.
‚Wir wollen Sie auf eine Therapiemöglichkeit hinweisen’,
das ist schon nicht in Ordnung”, sagt Schuldzinski. Der
entscheidende Punkt sei, so Jürgen Windeler, „über die
Therapie und ihren Nutzen weiß man so gut wie nichts”.
Diese Situation müsse unmissverständlich beschrieben
werden. „Von einer „vorteilhaften” Therapiemöglichkeit zu
schreiben, „ist bei so einer Ausgangslage nicht
angebracht”, sagt Windeler.
Wirtschaftliche Interessen
Das Schreiben enthält jedoch auch eindeutige Fehler. So
sitzt die Thermo Health Care, die Gesellschaft, die als
Anlauf- und Koordinierungsstelle für die Patienten dient,
nicht an der renommierten Berliner Charité, sondern in
Krefeld. „Der Sitz der Thermo Health Care GmbH & Co. KG
war ursprünglich in Berlin. Anfang 2006 wurde der
Firmensitz aus organisatorischen Gründen nach Krefeld
verlegt”, wendet Reinhard Wüstenberg ein. Das Anschreiben
will die Kasse grundsätzlich weiter versenden. „Wir prüfen
aber derzeit, wie wir in Abstimmung mit den Medizinern der
Charité, den Inhalt nochmals verbessern können”, sagt
Wüstenberg.
Einen wichtigen Punkt hat die Debeka dabei aber bisher
unerwähnt gelassen. Der Patient erfährt nichts von den
wirtschaftlichen Verflechtungen und Interessen der
Beteiligten. Die Protagonisten sind eng verbunden:
Gesellschafter der Thermo Health Care sind neben anderen
die Debeka, MagForce-Vorstand Andreas Jordan samt seiner
Firma MagForce Nanotechnologies AG und der Studienleiter
Peter Wust von der Berliner Charité. Wust ist darüber
hinaus in einer Form wirtschaftlich involviert, die nach
Meinung von Experten seine wissenschaftliche Unabhängigkeit
infrage stellt. Er ist neben Jordan einer der Mitgründer
der MagForce Nanotechnologies AG und hält Aktien der Firma.
Peter Wust bestätigt dies auf Anfrage: „Ich war sowohl bei
der Thermo Health Care als auch bei MagForce als
Gesellschafter an der Gründung beteiligt. Mein
MagForce-Anteil beträgt derzeit 0,9 Prozent.” Es sei bei
Start-ups üblich, dass die Mitentwickler zumindest mit
einem kleinen Anteil beteiligt werden, um das Know-How zu
sichern. Ob aus diesen Beteiligungen jemals finanziell
etwas zurückkomme, sei vollkommen offen. „Es steht für mich
bestimmt nicht im Vordergrund. Mein Interesse ist rein
wissenschaftlich.” Natürlich deckten sich diese Interessen
mit denen der Gesellschaft: „Nur eine wissenschaftlich
solide Arbeit wird auf Dauer auch zu einem geschäftlichen
Erfolg führen”, sagt Wust.
Jürgen Windeler sieht für Mediziner einen
Interessenkonflikt zwischen Patientenberatung und
wissenschaftlicher Tätigkeit einerseits und eigenem
wirtschaftlichen Profitstreben andererseits: „Ich kann mir
schwer vorstellen, wie von einem Arzt eine angemessene, das
heißt bei einem solchen experimentellen Verfahren sehr
zurückhaltende Aufklärung, geleistet werden kann, wenn er
Aktien in dem Verfahren hat, also am Erfolg des
Unternehmens interessiert ist, der nur durch einen Absatz
dieser Therapie erreicht werden kann.” Solche Beteiligungen
auch im Fall der Debeka müssten transparent gemacht werden:
„Und zwar jedem einzelnen Patienten”.
Wolfgang Schuldzinski übt ähnliche Kritik. „Dass ein Arzt
eine Studie durchführt und leitet und dann an dem
Unternehmen beteiligt ist, das ein wirtschaftliches
Interesse am Erfolg der Studien hat, und dass ebenfalls
eine Kasse an den wirtschaftlichen Verflechtungen beteiligt
ist, und versucht, Patienten für diese Studie zu gewinnen,
erscheint ethisch fraglich.” Auch wenn ein Arzt so sehr
davon überzeugt sei, dass eine Methode der Durchbruch ist,
dann solle er sich erst nach dem Abschluss der Studien
daran beteiligen.
Süddeutsche Zeitung, Wissenschaft, S. 24,
24. März 2007
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