Die Kultur und das liebe Vieh
Ist es die Kultur, die uns zum Menschen macht? Erkenntnisse der Tierverhaltensforschung lassen daran zweifeln.
Handelsblatt Wissenschaft, S. 12, 26.
Januar 2006
HB260106 - Kultur hat Konjunktur – bei Tieren.
Forscher berichten in Fachmagazinen, auf Kongressen oder
Seminaren über „kulturelles Verhalten“ von Affen, Vögeln
oder Meeressäugern. „Es ist in den letzten Jahren sogar ein
bisschen zu einem Modethema verkommen“, sagt
Verhaltensbiologe Kevin Laland von der schottischen
Universität St. Andrews. Aber was haben Homers „Ilias“, die
Pyramiden und der Kölner Karneval mit dem Jagdverhalten von
Delfinen oder den Fressgewohnheiten von Affen zu tun?
Ursprünglich war der Kulturbegriff ein Konzept der
Sozialwissenschaften zur Beschreibung der Unterschiede
zwischen Gesellschaften. Doch was definiert eine Kultur?
Rituale, Kunst, Moral, Sprache? „Wir wissen intuitiv, was
eine Kultur ausmacht, aber Wissenschaftler haben es bisher
nicht geschafft, daraus eine für alle verbindliche
Definition abzuleiten“, sagt Laland.
Tierverhaltensforscher nahmen sich des Themas an. Sie haben
bei Tieren entdeckt, was man vorher für ausschließlich
menschlich hielt. In den 50er Jahren führte der Japaner
Kinji Imanishi den Gedanken evolutionärer Kontinuität von
Mensch und Tier zu Ende: Wenn eine Generation von der
vorhergehenden etwas lernt, unabhängig von Vererbung oder
Umweltbedingungen – etwa die Herstellung eines Werkzeuges
–, und dieses Verhalten findet sich nur in einer bestimmten
Gruppe, so ist das ein Merkmal, das man beim Menschen als
kulturell bezeichnet. Solche Verhaltenstraditionen sind
Kristallisationskerne von Kultur. Warum also nicht auch bei
Tieren?
Immer wieder entdecken Wissenschaftler gruppentypisches
Verhalten, das tierischer Nachwuchs von den Eltern lernt.
Bekanntes Beispiel: Viele Singvögel singen in Dialekten,
genau wie Menschen verschiedener Regionen anders sprechen.
Die Küken lernen den Dialekt und geben ihn weiter. Es
entsteht eine Gesangstradition. Aber ist das schon eine
Kultur? Darüber streiten sich auch Biologen.
1999 veröffentlichten Affenforscher eine Aufsehen erregende
Arbeit im Magazin „Nature“: Schimpansen leben wie Menschen
in Kulturen und unterscheiden sich durch zahlreiche
Traditionen. Die Schimpansen in der afrikanischen Region
Gombe zeigen gruppentypische Eigenarten beim Verspeisen von
Ameisen, beim Kratzen des eigenen Rückens, beim
gegenseitigen Lausen oder dem Brautwerben. „Es gibt bei
ihnen sogar einen Regentanz“, sagt Andrew Whiten von der
Universität St. Andrews, einer der Autoren. Artgenossen der
Mahale- oder der Tai-Kultur zeigen andere Eigenarten.
Europäer essen mit Messer und Gabel, Ostasiaten mit
Stäbchen – Schimpansen des Tai-Waldes fressen Ameisen
direkt vom Stöckchen, „in der Gombe-Gruppe ziehen sie das
Stöckchen erst durch die Faust und fressen sie aus der
Hand“, sagt Whiten. Die Forscher stellten 39 solcher
Traditionen fest. Vier Jahre später berichteten andere über
die Kulturen der Orang-Utans. „Orang-Kulturen existieren
wohl schon seit 14 Millionen Jahren“, lautete das
euphorische Fazit im Magazin „Science“ – viel länger, als
es Homo sapiens gibt.
Nicht nur Primaten zeigen Traditionen: Schwertwale
unterscheiden sich in Jagdstrategien, der Blaukopfjunker –
ein Korallenfisch – wählt zur Paarung nur Orte aus, die er
in seiner Gruppe kennen gelernt hat. Männliche Kuhvögel
entwickeln in ihren Lebensgemeinschaften Werberituale.
Schneeaffen in Japan haben sich angewöhnt, im Winter in
heißen Quellen zu baden. In der australischen „Haibucht“
entdeckte Michael Krüzten von der Universität Zürich 2005,
dass Delfinweibchen von ihren Müttern eine
schnabelschonende Art der Krebsjagd lernen: Sie stülpen
sich einen Schwamm über die Schnabelspitze („Proceedings of
the National Academy of Sciences“).
Es gibt aber auch Kritik: Bei einfachem tradiertem
Lernverhalten von Kultur zu sprechen überzeugt nicht jeden:
„Das Lernverhalten von Schimpansen mit der Kreativität zu
vergleichen, die ,Ilias’ oder den Satz des Pythagoras zu
erfinden, ist nicht einleuchtend“, findet Evolutionsbiologe
William Abler vom Field Museum in Chicago. Für den
Affenforscher Frans de Waal von der amerikanischen
Emory-Universität ist das aber nur eine Frage der
Perspektive: „Von den kulturellen Höhen aus betrachtet, die
wir in Kunst, Wissenschaften oder Politik erreicht haben,
scheint bei Tieren nicht die Spur von Kultur erkennbar zu
sein.“ Seiner Meinung nach ist aber die Frage nach der
Kultur der Tiere ähnlich der, ob Hühner fliegen können: „Im
Vergleich zu einem Adler vielleicht nicht, aber Hühner
haben Flügel, sie können damit flattern und kommen sogar
auf Bäume.“
Wenn soziales, tradiertes Lernen der Kern von Kultur ist,
dann könnten Verhaltensbiologen noch einige Überraschungen
erleben: „Schauen Sie sich das Tandemlaufen bei Temnothorax
albipennis an, über das ,Nature’ kürzlich berichtete“, sagt
Andrew Whiten optimistisch. Bei dieser Ameisenart lehren
ältere Geschwister die Jungameisen, den Weg zur
Futterquelle zu finden, indem sie sie regelrecht an die
Hand nehmen und als Tandem den Weg weisen. Dieser Fall von
tradiertem Lernverhalten zeigt, dass man auch bei Tieren
mit winzigem Hirn höhere kognitive Leistungen erwarten
sollte.
Am Ende geht es darum, aus der „Kultur der Viecher“ etwas
über den Menschen zu erfahren. Andrew Whiten: „Wir können
aus den Arbeiten einiges über unsere kulturellen Wurzeln
lernen. Die vormenschliche Kultur hat vielleicht einmal so
ausgesehen wie bei Schimpansen heute.“
Handelsblatt Wissenschaft, S. 12, 26.
Januar 2006
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