Leerer Bauch füllt den Kopf
Insekten erinnern sich besonders gut an das, was ihnen in Notzeiten geholfen hat und unterscheiden sich damit nicht vom Menschen – trotz ihres so viel kleineren Gehirns.
Süddeutsche Zeitung, Wissen, S. 18, 22.
März 2006
SZ220306 - Wer mit den Eltern essen geht, erlebt
manchmal eine Überraschung. Anstatt eine kulinarische
Leckerei zu ordern, wählt der Vater, Kriegskind, lieber ein
belegtes Brot mit Schinken. Erstaunen bei den Nachkommen,
verständiges Lächeln bei der Mutter. Menschen, die Zeiten
des Mangels erlebt haben wie die Kriegsgeneration, haben
häufig Lieblingsspeisen, die Kinder des Wohlstandes nicht
reizen. Ein Brot, dick belegt mit Schinken, war für die
Kriegskinder ein seltenes, aber prägendes kulinarisches
Erlebnis. Auch Jahrzehnte später läuft manchem noch bei dem
Gedanken daran das Wasser im Mund zusammen.
„Genau so geht es Heuschrecken“, sagt der Verhaltensökologe
Alex Kacelnik von der Universität Oxford. Mit seinen
Kollegen Lorena Pompilio und Spencer Behmer berichtet er im
Fachmagazin Science von einem Versuch mit Grashüpfern, die
sich ähnlich verhalten wie manche Menschen der
Kriegsgeneration: Sie bevorzugen das, was ihnen in Zeiten
des Mangels lieb und teuer war (Bd. 311, S. 1613, 2006).
Die Forscher stellten die Grashüpfer vor die Wahl: Entweder
konnten sie Gras mit Pfefferminz- oder Limonengeschmack
verspeisen. Beide Grasvariationen hatten die Forscher ihren
Versuchstieren vorher bereits in einer Trainingsphase
präsentiert: einmal, als sie ausgehungert und einmal, als
sie satt waren. Im späteren Wahlversuch bevorzugten die
Heuschrecken dann das, was ihnen Kacelnik und seine
Kollegen aufgetischt hatten, als der Insektenmagen knurrte.
Hatten die Tiere in ihrer Fastenzeit Gras mit
Pfefferminzgeschmack auf dem Teller, bevorzugten sie später
Gras mit Pfefferminzgeschmack. Gab es in der harten Zeit
Limonengras, war Limonengras ihre Lieblingsspeise.
Die eigentliche Entdeckung dabei ist, dass für die
Entscheidung der Sechsbeiner offensichtlich das Gleiche
gilt, was Neurowissenschaftler und Verhaltensbiologen seit
kurzem auch vom Menschen und anderen Wirbeltieren kennen.
„Entscheidungen werden durch die Vergangenheit manchmal so
stark beeinflusst, dass sie Außenstehenden irrational und
unökonomisch erscheinen mögen“, sagt Kacelnik. Was lieb und
teuer ist, hängt nicht nur von seinem aktuellen Wert ab,
sondern auch von dem Wert, der ihm anfangs beigemessen
wurde. Er variiert, je nach damaligem Zustand.
In klassischen Lerntheorien hatten Biologen diese Schatten
der Vergangenheit bei Tieren bisher ignoriert. „Wir
betrachteten Tiere als kühle Rechner, die versuchen, ihren
Gewinn innerhalb kurzer Zeitfenster zu maximieren“, sagt
Kacelnik. Ihre Wahl sollte nur ihr Zustand im Moment der
Entscheidung beeinflussen und nicht der Wert, den etwas
hatte, als sie es kennen lernten.
Verhaltensbiologen konnten deshalb auch nicht erklären,
warum Versuchstiere sich im Labor immer wieder irrational
und unökonomisch verhielten. Anstatt in Wahlversuchen die
Taste zu drücken, die den größten Brocken versprach,
entschieden sich Affe, Ratte oder Star auch schon mal für
den kleineren Vorspeisenteller. Inzwischen verstehen die
Forscher warum: Die süße Erinnerung der Vergangenheit siegt
manchmal über die rationale Entscheidung in der Gegenwart.
Aber gilt für Insekten, mit Gehirnen kleiner als ein
Stecknadelkopf, was für „Geistesgrößen“ wie den Homo
sapiens, eine Labormaus oder andere Wirbeltiere gilt?
Wissenschaftler interessieren sich schließlich für
allgemein gültige Prinzipien. Mancher Laie wundert sich
darüber, dass Insekten überhaupt ein Gedächtnis haben.
„Natürlich, sonst wären sie ja nicht in der Lage etwas zu
lernen“, sagt der Neurobiologe Martin Heisenberg von der
Universität Würzburg. „Wir wissen sogar viel mehr über das
Gedächtnis der Insekten als über unser eigenes.“ Das hat
zwei Gründe: Ein Taufliegenhirn kommt mit überschaubaren
100 000 bis 200 000 Nervenzellen aus. Beim Menschen sind es
100 Milliarden. „Außerdem kooperieren Insekten im Labor
viel besser als Labormäuse oder Ratten“, sagt der Sohn des
Nobelpreisträgers Werner Heisenberg.
Gedächtnis im Pilzkörper
Dass Insekten ein Gedächtnis haben, wissen Forscher schon
seit fast einhundert Jahren. Karl von Frischs
Futterdressurversuche mit Honigbienen von 1912 und 1913
bewiesen, dass Insekten lernen konnten: „Lernen und
Gedächtnis verwenden wir praktisch synonym“, sagt
Heisenberg. Inzwischen wissen Neurobiologen auch, wo im
Hirn die Sechsbeiner welche Erinnerungen speichern.
Heisenbergs Team entdeckte vor sechs Jahren, was bei
Honigbienen schon länger bekannt war: Taufliegen speichern
Geruchserinnerung in einem als Pilzkörper bezeichneten
Hirnbereich. Herausgefunden hatten sie dies, indem sie
Drosophila-Mutanten züchteten, die sich keine Gerüche
merken konnten. Als sie dann ein spezifisches Gen für den
Pilzkörper aktivierten, eröffnete sich auch für die
Taufliege wieder das Reich der Düfte.
Die vereinzelten Gedächtnisspuren im Insektenhirn haben
Neurobiologen inzwischen zu einer Gedächtniskarte
gestrickt, in der sie Areale für Gerüche, Farben oder
Muster identifiziert haben. „Wie beim Menschen ist auch bei
der Fliege das Gedächtnis nicht diffus über das Gehirn
verteilt“, sagt Heisenberg.
Erst kürzlich beschrieben Heisenberg und sein Team in
Nature, wie die Fliege optische Erinnerungen aufbewahrt.
Drosophila legt das Bild eines Tisches nicht wie einen
fotografischen Schnappschuss im Gehirn ab – das würde die
Kapazitäten überfordern. Stattdessen merkt sie sich nur
bestimmte Merkmale von Mustern, zum Beispiel die Neigung
der Tischkanten oder deren Lage zueinander.
Das Abspeichern von Informationen funktioniert bei Insekten
so wie bei anderen Tieren auch, etwa indem Synapsen immer
durchlässiger werden für Informationen, die so besser
behalten werden. Die Gemeinsamkeiten von Sechsbeinern und
Zweibeinern sind so groß, dass Hirnmutanten von Drosophila
als Modellobjekte für Erkrankungen des Menschen wie
Alzheimer oder Parkinson dienen.
In einem Punkt unterscheiden sich Insekt und Mensch
allerdings gewaltig. Von einem Elefantengedächtnis wird man
bei Biene, Taufliege oder Heuschrecke kaum sprechen. Bienen
ist im Frühjahr zwar noch manches aus der Zeit vor ihrer
Winterstarre gegenwärtig. Auch Heuschrecken vergessen nicht
alles, was sie vor der letzten Häutung erlebt haben. Aber
ansonsten umfasst der Erinnerungszeitraum der Insekten nur
Sekunden, Stunden oder Tage.
„Unsere Wanderheuschrecken erinnerten sich in älteren
Versuchen an einen Geruch, den wir ihnen gemeinsam mit
einem saftigen Stück Gras präsentierten, zwei Tage lang“,
sagt Kacelniks Kollege Spencer Behmer. Die Tiere entpuppten
sich als nachtragend, wenn es um unangenehme Erinnerungen
ging: „Wenn wir einen Geschmack mit Gift koppelten,
erinnern sie sich bis zu vier Tage daran.“ Gegen das
Vergessen gibt es aber für Insekten ein bewährtes Mittel,
das auch Schülern beim Vokabellernen hilft: „Wenn man die
Erinnerung immer wieder auffrischt, dann werden sie sich
ein Leben lang darin erinnern“, sagt Behmer.
Wie lange allerdings die süße Erinnerung an das Gras mit
Pfefferminz- oder Limonengeschmack aus der Hungerphase
anhält, wissen Kacelnik und Behmer nicht genau.
Sicherheitshalber hatten sie die Heuschrecken direkt am Tag
nach der Trainingsphase vor die Wahl gestellt. Hätten sie
länger gewartet, hätten die Grashüpfer ihr Schinkenbrot aus
den Zeiten des Mangels wahrscheinlich längst wieder
vergessen. Überraschungen im Restaurant erlebt man mit
Heuschrecken in diesem Punkt wohl eher nicht.
Süddeutsche Zeitung, Wissen, S. 18, 22.
März 2006
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