Prima Oma
Großmütter machen Familien glücklich und erfolgreich. Ohne sie wäre die Evolution der Menschheit ganz anders verlaufen.
SZ Wissen, S. 80, Mai/Juni 2005
SZW300405 - Jamie Foxx stand im Februar 2005 auf
der Bühne des Kodak Theatre in Hollywood und musste
schlucken. Dann schickte der Schauspieler, der gerade einen
Oscar für seine Rolle als Ray Charles bekommen hatte, einen
Gruß gen Himmel: "Ich danke meiner Großmutter, meiner
ersten Schauspiellehrerin."
Omas sind wichtig. Das muss einfach mal gesagt werden. Und
das bestätigt ja auch gerne jede Familie, die eine
Großmutter in das tägliche Einerlei integriert hat. Die
Großmutter kocht für die Kleinen, wenn die Eltern arbeiten,
sie ist Spielpartner, wenn die Mutter mal eine Pause
braucht, und nimmt die Kinder am Wochenende auf, damit Mama
und Papa sich in Ruhe um die weitere Familienplanung
kümmern können. Doch angesichts sinkender Geburtenzahlen
und aktiver Pensionäre scheint die Bedeutung der Großmutter
als unterstützende Kraft stetig zu schwinden. Dabei hat sie
entscheidend zum Erfolg des Menschen in der Evolution
beigetragen.
Die Großmutter ist, wissenschaftlich gesehen, ein Kuriosum.
Biologen denken in Kategorien wie "lebenslanger
Fitnessmaximierung". Das bedeutet: Ein Lebewesen versucht
normalerweise sein Leben lang, die Zahl seiner Nachkommen
zu erhöhen, um mehr Kopien seiner Gene in die nächste
Generation zu retten. Besteht dazu keine Chance mehr,
wartet der Tod. Wer in solchen Darwinschen Kategorien
denkt, für den stellt eine Frau von 60, 70, 80 und mehr
Jahren ein echtes Rätsel dar. Denn um die 50 beginnt die
Menopause, die Fortpflanzungsphase der Frau gelangt an ihr
unwiderrufliches Ende. "Eigentlich dürfte es kein Leben
über die Reproduktionsphase hinaus geben", sagt die
finnische Evolutionsbiologin Mirkka Lahdenperä von der
Universität Turku.
Eine Spinne, die einmal im Leben hunderte Eier legt und
stirbt, das passt ins Bild der Biologen. Eine Amsel, die in
fünf Sommern zehnmal brütet und dann im folgenden Winter
tot vom Baum fällt - in Ordnung. Aber eine Lebensform,
deren Weibchen - Kindheit und Alter zusammengenommen -
länger in unfruchtbarem als in gebärfähigem Zustand leben,
das verlangt nach einer Erklärung. "Dass Frauen eine
verlängerte postreproduktive Phase haben, ist schon
rätselhaft", findet die Finnin Lahdenperä.
"Die entscheidende Frage ist: Zu welchem Zweck werden wir
überhaupt so alt?", sagt Kristin Hawkes von der Universität
von Utah in Salt Lake City. Die Menopause kennen Biologen
auch bei anderen Säugetieren wie Raubkatzen, Hunden, Walen,
Hasen, Elefanten und Affen. Auch bei Schimpansenweibchen
ist im Zuge des natürlichen Alterungsprozesses irgendwann
Feierabend mit der Fortpflanzung, etwa mit 45 Jahren. "Der
entscheidende Unterschied ist aber, dass den Frauen noch
viele Jahrzehnte bleiben, während bei Schimpansen nur drei
Prozent der Weibchen über den Fruchtbarkeitsknick hinaus
leben", sagt Hawkes.
Und das ist keine Errungenschaft der modernen Medizin.
"Einen schleichenden Trend zum Immer-älter-Werden gab es
schon immer in der menschlichen Evolution, beim
Australopithecus genauso wie beim Neandertaler oder dem
frühen Menschen", sagt Rachel Caspari von der Universität
von Michigan in Ann Arbor. In der Altsteinzeit vor 30000
Jahren jedoch nahm der Anteil alter Menschen dramatisch zu,
hat Caspari gemeinsam mit Sang-Hee Lee von der Universität
von Kalifornien in Riverside herausgefunden.
Die Wissenschaftlerinnen analysierten Zahnfossilien von 768
Urmenschen. "Der Anteil der Alten ist beim Homo sapiens der
Steinzeit mehr als viermal so hoch wie bei dessen
Vorfahren", sagt Caspari. Die amerikanischen Forscherinnen
glauben, dass es dafür einen wichtigen Grund gibt. Dank
einer günstigen Genkombination wurden manche Frauen sehr
alt und hatten somit die Zeit und die Erfahrung, ihren
Kindern bei der Betreuung der Enkel zu helfen - und die
Eltern hatten Zeit, mehr Nachwuchs zu zeugen. Auf diese
Weise haben die Großmütter dafür gesorgt, dass ihr
lebensverlängerndes genetisches Erbe immer weiter
verbreitet wurde.
Kristin Hawkes hatte Mitte der neunziger Jahre erste
überzeugende Belege für den überlebenswichtigen Einfluss
von Großmüttern bei den traditionell lebenden Hadza im
Norden Tansanias gesammelt. Die alten Frauen sammeln
Früchte, Wurzeln und Samen, wenn die Mütter nicht auf
Nahrungssuche gehen können, weil sie Neugeborene stillen
müssen. Ohne die Hilfe der Omas würden die Familien Hunger
leiden. Eindrucksvoll belegte im vergangenen Jahr auch eine
im Fachblatt Nature veröffentlichte Studie eines
internationalen Forschungsteams um Mirkka Lahdenperä den
Einfluss der Großmütter.
Die Finnin und ihre Kollegen schauten sich die
Lebensumstände kanadischer und finnischer Familien im 18.
und 19. Jahrhundert an. Wenn eine Großmutter in der Familie
lebte, hatten ihre Söhne und Töchter im Schnitt mehr
Kinder. Mehr Enkel erreichten das Erwachsenenalter als in
Familien ohne Oma. Umgerechnet auf Jahrzehnte, die Frauen
über das fünfzigste Jahr hinaus lebten, errechnete
Lahdenperä den so genannten Fitnessgewinn: "Eine Großmutter
gewinnt alle zehn Jahre zwei Enkel hinzu."
Das Ergebnis fiel in Finnland ähnlich aus wie in Kanada, es
war gleichgültig, wie arm oder reich die Familien waren -
wenn nur die Großmutter in der Familie oder zumindest in
der Nachbarschaft lebte. Dann bekam die Tochter im Schnitt
zweieinhalb Jahre früher ihr erstes Kind, und die
Intervalle zwischen den Geburten waren kürzer.
Vollkommen ungetrübt ist das Bild der "helfenden
Großmutter" allerdings nicht. Denn die Daten vieler Studien
bestätigen inzwischen das Klischee von der bösartigen
Schwiegermutter. Ruth Mace vom University College London
fand Ende der neunziger Jahre in ländlichen Gebieten
Gambias erste Hinweise auf "unterlassene Hilfeleistung" der
Großmütter väterlicherseits. In den Jahren zwischen 1950
und 1974 hatten nur die Großmütter mütterlicherseits
entscheidenden Einfluss auf das Überleben der Enkel. Die
Schwiegermütter trugen genau wie die Väter nichts dazu bei.
Jan Beise vom Rostocker Max-Planck-Institut für
demographische Forschung und der Soziobiologe Eckart Voland
von der Universität Gießen untersuchten dann den Einfluss
der Großmütter bei Immigrantenfamilien in Quebec zwischen
1680 und 1750; auch sie kamen zum Ergebnis, dass nur die
Großmütter mütterlicherseits positive Auswirkungen hatten:
"Nur sie senkten das Sterberisiko der Babys innerhalb der
ersten beiden Jahre, und zwar um bis zu 30 Prozent", sagt
Beise.
Einen geradezu fatalen Einfluss hatten die Schwiegermütter
in der ostfriesischen Region Krummhörn. Aus Kirchenbüchern
des 17. und 18. Jahrhunderts haben Beise und Voland
herausgelesen: "Die Großmutter mütterlicherseits half den
Enkeln zu überleben, die Schwiegermutter verschlechterte
die Chancen." Lebte sie im selben Ort, stieg das
Sterberisiko des Babys im ersten Monat auf das
Zweieinhalbfache. Die Schwiegertöchter beklagten außerdem
häufiger Totgeburten. Warum sich die Alten als schlechtere
Omas erweisen, lässt sich nur schwer erklären.
Möglicherweise ist es die Unsicherheit, der auch ihre Söhne
nicht entrinnen können: Sind es wirklich meine Kinder,
meine Enkel? Vielleicht bevorzugen Frauen ihre Mütter als
Hilfe, weil sie ihnen vertrauter sind.
Und die Großväter? Nachweisbaren Einfluss auf das Überleben
der Kinder haben sie nicht. Dabei weiß jeder, dass auch
Opas eine Menge für die Kinder tun. "Es gibt Hinweise, dass
alte Männer wichtige Funktionen haben", sagt Jan Beise,
"bei den traditionell lebenden Aché aus Paraguay gehen
Männer bis ins hohe Alter mit auf die Jagd und bringen mehr
mit, als sie selber konsumieren." Die Senioren reichen ihre
Erfahrungen weiter, sie lehren die Jungen zum Beispiel, wie
man erfolgreich jagt. Dass alte Menschen generell
entscheidend für unsere Evolution waren, glauben Rachel
Caspari und Sang-Hee Lee: "Alte Menschen bieten einer Sippe
die Möglichkeit, Wissen zu sammeln und spezielle Kenntnisse
und Erfahrungen an folgende Generationen weiterzugeben."
Damit stellen sie den Kristallisationspunkt von Kultur dar.
Für Caspari und Lee ist deshalb klar, was der evolutionäre
Vorteil des Homo sapiens gegenüber anderen menschlichen
Gattungen war: "Moderne Menschen wurden einfach älter und
weiser."
Für Jan Beise und seine Frau ist das Ganze übrigens mehr
als eine Forschungsfrage: "Wenn unsere Mütter in der Nähe
lebten, könnte ich mir durchaus noch ein weiteres Kind
vorstellen." Beide Omas wohnen aber mehrere hundert
Kilometer entfernt. So haben es Beise und seine Frau nur
auf die immerhin überdurchschnittliche Zahl von zwei Söhnen
gebracht.
SZ Wissen, S. 80, Mai/Juni 2005
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