Der fremde Wille
Winzige Parasiten wandern ins Gehirn von Tieren und verändern deren Charakter und Verhalten. Einige Wissenschafttler vermuten, dass dies auch bei Menschen vorkommt und vielleicht einer der Gründe für kulturelle Unterschiede ist.
Süddeutsche Zeitung, Wissenschaft, S. 22,
2. Mai 2007
SZ020507 - Drehbuchautoren würden sich bei diesem
Stoff die Hände reiben. Die Hälfte der Menschheit ist von
einem Hirnparasiten befallen. Die winzigen Einzeller haben
sich in den Köpfen der Betroffenen eingenistet und
kontrollieren deren Verhalten – sie verändern gar die
Persönlichkeit der Infizierten. Ein hervorragender Plot für
einen bizarren Science-Fiction-Schocker?
Offenbar nicht, vielmehr könnte dieses Szenario der
Realität entsprechen. Der Parasiten-Ökologe Kevin Lafferty
von der University of California, Santa Barbara, USA,
schaffte es mit dieser These im vergangenen Jahr in das
angesehene Fachmagazin Proceedings of the Royal Society B
(Bd. 273, 2006, S. 2749). Das lässt sich durchaus als Beleg
anführen, dass der Verdacht nicht völlig aus der Luft
gegriffen ist.
Dennoch klingt die These des Wissenschaftlers
abenteuerlich. Kevin Lafferty deutet den Einfluss des
Parasiten als eine der Ursachen für einige Unterschiede
zwischen menschlichen Kulturkreisen. Demnach entspringe
südländisches Machogehabe, deutscher Ordnungssinn oder
asiatische Zurückhaltung dem Wirken des parasitären
Einzellers. Diese abgehobene Idee ist vorläufiger Höhepunkt
in einem besonders gruseligen Zweig der Parasitenforschung:
Wie seltsame Schmarotzer-Wesen aus eigenständigen Wesen
willenlose Zombies machen.
Es sind Entdeckungen wie die zuletzt im Fachblatt PNAS (Bd.
104, 2007, S. 6442) veröffentlichten, die Lafferty
letztlich zu seiner These brachten. Ein Forscherteam um
Robert Sapolsky von der Stanford University, USA, hatte
Ratten und Mäuse mit dem Hirnparasiten Toxoplasma gondii
infiziert. Dann beobachteten sie, wie die Tiere auf den
Geruch von Katzenurin reagierten. Normalerweise meiden die
Nager Orte, an denen der strenge Geruch zu erschnüffeln
ist. Ein lebenswichtiger Schutzmechanismus, denn vor allem
Mäuse stehen auf dem Speiseplan von Katzen ganz oben.
Hatte sich der Einzeller aber in das Gehirn der Nager
eingenistet, empfanden sie Katzenurin offenbar anziehend.
In Wahlversuchen bewegten sich die Nagetiere immer wieder
in Richtung des Geruchs, der für sie den Tod bedeuten kann.
Toxoplasma gondii hatte sie zu seinen Marionetten gemacht.
„Denn erst in der Katze vollendet der Parasit seinen
Lebenszyklus”, sagt Sapolsky. Im Raubtierdarm verwandelt er
sich in das nächste Stadium, die Oozyste, die der Räuber
dann wieder ausscheidet und so eine neue Runde in Leben von
T. gondii einläutet.
Nur wenige Wochen zuvor hatten Biologen der Universität
Bonn von einem Wurm berichtet, der Flohkrebse in den Tod
treibt (International Journal of Parasitology, Bd. 37,
2007, S. 61). Die Larve von Pomphorhynchus laevis
programmiert ihren Wirt ähnlich um wie Toxoplasma gondii.
Der infizierte Krebs weicht räuberischen Flussbarschen
nicht mehr aus, sondern schwimmt ihnen quasi ins Maul. Der
Grund für die plötzliche Attraktivität des eigentlich
todbringenden Fisches: „Der Parasit scheint die
Verarbeitung der Geruchsreize in den Krebsen umzukehren”,
sagt Sebastian Baldauf, Erstautor der Studie. In
Wahlversuchen reichte den kleinen Krebsen schon die
Geruchsspur im Wasser, die der Räuber zuvor hinterlassen
hatte, um sich angezogen zu fühlen.
Auf den Grashalm
gezwungen
Wie stark der Einfluss des Parasiten auf seinen Wirt sein
kann, zeigt der Klassiker der parasitären Gehirnwäsche. Die
Larve des Kleinen Leberegels Dicrocoelium dendriticum, von
Parasitenforschern als Zerkarie bezeichnet, wandert in den
Kopf einer Ameise und setzt sich in einem Nervenknoten
fest, der die Mundwerkzeuge steuert. Das treibt das Insekt
zu einem bizarren Verhalten. Anstatt bei aufziehender
Abendkühle ins Nest zu laufen, marschiert die Ameise wie
ferngesteuert los, krabbelt an einem Grashalm hoch,
verbeißt sich darin und verbringt dort die Nacht. „Der Egel
erhöht auf diese Weise seine Chancen, seinen Endwirt, ein
am Morgen grasendes Schaf, zu erreichen”, sagt Baldauf.
Bleibt die Ameise von ihrem Schicksal verschont, verlässt
sie am Vormittag den Halm und wandert ins Nest zurück. Am
folgenden Abend macht sie sich wieder auf den Weg, um sich
in einen Grashalm zu verbeißen.
Parasitologen kennen eine Vielzahl solcher
Zombie-Geschichten aus dem Tierreich. Stets bringen
Parasiten ihre Wirte dazu, Dinge zu tun, die sie dem Tod
näher bringen, aber den Weg für die nächste Generation des
Parasiten bereiten. Grashüpfer stürzen sich in Gewässer,
damit der Saitenwurm Spinochordodes tellinii das Insekt
verlassen und sich paaren kann. Ein Plattwurm treibt
Herzmuscheln bei Ebbe an die Schlickoberfläche, damit
Wattvögel wie der Austernfischer sie erwischen.
Saugwurmlarven wandern in die Fühler von Bernsteinschnecken
und verwandeln das Sinnesorgan in farbig pulsierende
Fortsätze, um Wasseramseln aufmerksam zu machen.
Ob es sich dabei immer um echte Manipulation handelt, ist
nur selten so gut gesichert wie im Fall der vom Urin
betörten Ratten. Für Robert Poulin von der University of
Otago in Neuseeland greifen viele seiner Kollegen
vorschnell zu diesem Begriff: „Oft sind die
Verhaltensweisen einfach nur eine Folge der Infektion, zum
Beispiel weil dem Wirt die Energie fehlt, andere Dinge zu
tun.” Menschen legten sich bei einer Grippe ins Bett, nicht
weil das Virus die Menschen dazu zwingt, sondern weil die
Immunabwehr dem Patienten die Kräfte raubt. Und ob die
Ratten- und die Flohkrebsparasiten ihren Wirt wirklich zu
ihren evolutionären Gunsten beeinflussten, sei nicht
bewiesen, sagt Poulin. „Noch hat niemand unter natürlichen
Bedingungen gezeigt, dass parasitierte Ratten auch häufiger
von Katzen gefressen werden.”
Auch darüber, was genau die Hirnwürmer im Nervensystem
ihres Wirtes anrichten, können die Forscher oft nur
spekulieren. „Möglicherweise verändert der
Flohkrebs-Parasit die Ausschüttung des Neurotransmitters
Serotonin, was die Signalverarbeitung im Flohkrebs-Gehirn
verändern könnte”, sagt Sebastian Baldauf. Der Verdacht
liegt nahe. Im Fall des verwandten Flohkrebses Gammarus
lacustris zeigten Forscher, dass sie das veränderte
Verhalten durch einen Schuss Serotonin auslösen konnten,
aber nicht durch andere Botenstoffe. Mäuse mit einer
Toxoplasma-Infektion zeigen erhöhte Werte von Dopamin,
einem Neurotransmitter, der im Zusammenhang mit
Neugierverhalten steht. Ob die Substanzen aber vom
Parasiten stammen oder der Parasit den Wirt zwingt, mehr
von dem Stoff zu produzieren, ist unklar.
Andere Parasiten scheinen Neurotransmitter zu imitieren. In
einigen Fällen zerstört die Anwesenheit des Parasiten
einfach die Nervenzellen oder verändert das physiologische
Gleichgewicht und löst im Wirtskörper eine Immunreaktion
aus. Forscher fanden Hinweise, dass der Eindringling
gezielt Gene ausschaltet, die die Produktion von
Neuropeptiden steuern. In den wenigsten Fällen handelt es
sich aber um belastbare Belege.
Infektion ohne
Anzeichen
Wo eindeutige Zusammenhänge fehlen, ist Raum für
Spekulationen, wie die von Kevin Lafferty. „Wenn Toxoplasma
gondii Ratten- und Mäusehirne gezielt manipuliert, warum
dann nicht auch beim Menschen?” Auch Homo sapiens wird von
dem Einzeller befallen, bedeutet für den Parasiten aber
eine Sackgasse. Die Toxoplasmose führt nur in seltenen
Fällen zu Hirnhautentzündung und zu schweren Schäden bei
Föten. Weltweit sind nach Schätzungen 30 bis 60 Prozent der
Menschen infiziert, die Infektion bleibt aber ohne
erkennbare Folgen – dachte man bislang. „Es gibt inzwischen
einige Hinweise für einen Zusammenhang zwischen
Schizophrenie und einer Toxoplasma-Infektion”, sagt Robert
Sapolsky. Forscher hatten bei Menschen mit schizophrenen
Störungen auffallend häufiger Toxoplasma-Antikörper
nachgewiesen. Und die Antipsychotika Haloperidol und
Valproinsäure, die auch bei Schizophrenie eingesetzt
werden, beseitigten die Vorliebe Toxoplasma-infizierter
Ratten für Katzenurin.
„Beim Menschen scheinen latente Infektionen mit dem
Parasiten langfristig die Persönlichkeit zu verändern”,
sagt Lafferty und verweist auf psychologische Studien.
Infizierte Frauen seien zum Beispiel warmherziger, Männer
traditionsbewusster, beide Geschlechter neigten stärker zu
Selbstzweifeln als nicht Infizierte. Von da ist es für ihn
nicht mehr weit bis zu Kulturkreisen, die letztlich auch
nur durch die Persönlichkeiten Einzelner geformt würden.
Mehr als Korrelationen von Infektionshäufigkeiten und
psychologischen Profilen, die keine Aussage über die
kausalen Zusammenhänge liefern, hat er allerdings nicht zu
bieten. Das weiß er selbst, auch wenn er findet, dass die
Argumentation logisch sei. Umso überraschter war er, wie
positiv sein Konzept von Kollegen aufgenommen wurde: „Ich
hatte mit mehr Kritik gerechnet” Nur: Dass Parasiten Wirte
wie Ratten, Flohkrebse und Schnecken zu Marionetten ihrer
Lebensweise machen, scheint überprüfbar zu sein. Aber: „Um
den Einfluss auf den Menschen zu testen, müsste man eine
große Gruppe mit Toxoplasma gondii infizieren”, sagt Robert
Poulin. Das sei aber unmöglich. Allein die Idee bereitet
Gänsehaut.
Süddeutsche Zeitung, Wissenschaft, S. 22,
2. Mai 2007
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