„Galapagos braucht weiterhin Schutz”


In den fünfziger Jahren besuchte der junge Verhaltensforscher Irenäus Eibl-Eibesfeldt zwei Mal die Galapagos-Inseln und fand ein sterbendes Paradies. Ausgelöst durch seine Berichte begann der erfolgreiche Schutz des berühmten "Laboratoriums der Evolution".

Süddeutsche Zeitung, Wissenschaft, S. 24, 7. April 2007


SZ070407 - Die Galapagos-Inseln sind heute ein Symbol für den internationalen Naturschutz. Aufgrund ihrer einzigartigen Tierwelt nannte sie schon Charles Darwin „Laboratorium der Evolution”. In den 1950er-Jahren beschrieb der junge österreichische Verhaltensforscher Irenäus Eibl-Eibesfeldt die bedrohliche Lage der einheimischen Tierwelt auf den Galapagos-Inseln auf eindrückliche Weise.

Seine Berichte über zwei Reisen, 1953/54 und 1957, führten zur Gründung der Charles Darwin Foundation und der gleichnamigen Forschungsstation. Ohne diese beiden Einrichtungen gäbe es heute viele einmalige Lebewesen des Inselreichs nicht mehr. Am Ostersonntag erinnert die Gesellschaft mit einer Feier an die für die Insel überlebenswichtigen Expeditionen, 50 Jahre nach der zweiten Expedition, die Eibl-Eibesfeldt im Auftrag der Unesco machte.

SZ: Professor Eibl-Eibesfeldt, wie sind Sie damals das erste Mal nach Galapagos gekommen?

Eibl-Eibesfeldt: Der berühmte Meeresforscher und Dokumentarfilmer Hans Hass hat mich damals auf seiner ersten Expedition mit seinem Dreimastschoner Xarifa mitgenommen. Er hatte zuvor meinen Chef, Konrad Lorenz, gefragt, woraufhin Lorenz zu mir kam und meinte, er habe meine Frau, die seinerzeit schwanger war, schon überzeugt. Ob ich mit Hans Hass ein Jahr auf eine Expedition in die Karibik und die Galapagos-Inseln wolle? „Du wirst schon was Gescheites lernen”, sagte er, ohne meine Antwort abzuwarten. Das war 1953, ich war zwei Tage vorher 25 Jahre alt geworden.

SZ: Was wussten Sie von den Galapagos-Inseln? Wie haben Sie sich vorbereitet?

Eibl-Eibesfeldt: Ich hatte schon das bekannte Buch des Amerikaners William Beebe gelesen, das es seit den 1930er-Jahren auf Deutsch gab: „Galapagos, das Ende der Welt”. Da stand alles über die Meerechsen, die Finken und die Reise Darwins. Ich hatte Beebes Sekretärin geschrieben, dass ich die Galapagos-Inseln besuchen würde, und ob sie mir etwas Literatur schicken könnte.

SZ: Heute würde man ein paar Forschungsartikel aus dem Internet ziehen.

Eibl-Eibesfeldt: Das war damals natürlich anders. Es passierte etwas Überraschendes, was heute so wohl nicht mehr passieren würde. Der große Beebe schickte mir fünf schwere Bände „Fishes of the Pacific Coast” aus seiner Bibliothek, zusammen mit ein paar Filmen. Da konnte ich dann viel über Fische lernen.

SZ: Was Sie aber später durch eigene Erfahrungen ergänzten.

Eibl-Eibesfeldt: Als ich das erste Mal unter Wasser ging, ich hatte nie vorher getaucht, und das Fischgewimmel sah, dachte ich: Bis ich die alle kenne und ein Forschungsthema gefunden habe, ist die Expedition vorbei. Also habe ich mich auf mein offenes Auge verlassen und entdeckte die erste Putzsymbiose bei Fischen.

SZ: Ebenso offenen Auges sind Sie dann über die Galapagosinseln gewandert. Was haben Sie entdeckt?

Eibl-Eibesfeldt: Dass es eine Menge Probleme gibt. Die Riesenschildkröten, nach denen die Inselgruppe benannt sind, wurden immer weniger. Dafür gab es immer mehr wilde Haustiere. Auf Española, der südlichsten Insel, zum Beispiel entdeckte mein Begleiter Miguel Castro nur noch fünf Riesenschildkröten, ein Männchen und vier Weibchen. Den Weibchen wuchsen schon Flechten auf dem Panzer, weil sie so lange nicht mehr bestiegen worden waren. Die Schildkröten waren in großen Zahlen gejagt und verspeist worden. Der Nachwuchs der Schildkröten kam nicht durch, weil Ziegen die ganze Vegetation auffraßen. Die Insel war wüstenhaft geworden. Ratten fraßen die Eier von Schildkröten, Echsen und kleine Schildkröten und Leguane. Überall liefen streunende Hunde und halbwilde Katzen herum, sogar wilde Schweine gab es.

SZ: Welche Bedrohung stellte der Mensch dar?

Eibl-Eibesfeldt: Ich habe gesehen, wie Seelöwen von Fischern erschlagen wurden, weil die Tiere beim Fischen störten. Die Thunfischer haben Pelzrobben gejagt, wegen ihres guten Fells, das sie verkaufen konnten. Es war abzusehen: Wenn man die Haustiere und die menschliche Besiedlung nicht kontrollierte, würde dieses einzigartige Laboratorium der Stammesgeschichte untergehen.

SZ: Wie kamen Ihre Berichte an?

Eibl-Eibesfeldt: Ich schrieb eine Denkschrift und schickte sie an Kollegen, an Beebe natürlich und andere bekannte Wissenschaftler. Ich schrieb aber auch an die gerade erst gegründete Unesco und die Welttierschutzorganisation IUCN. Ich schlug Schutzgebiete und eine Forschungsstation vor, damit jemand vor Ort ist, der das betreut. Ich wurde sehr nett aufgenommen, trotz meiner Jugend. Zu meiner Überraschung und großen Freude schlug man mir vor, noch mal auf die Galapagos-Inseln zu fahren und eine systematische Untersuchung zu machen.

SZ: Dann sind Sie im Juni 1957 noch einmal auf die Inseln.

Eibl-Eibesfeldt: Für vier Monate. Diesmal kam ein amerikanischer Ornithologe mit, Robert Bowman, der Fotograf Alfred Eisenstaedt und der Künstler Rudolf Freund, das Life-Magazin hatte gefragt, ob sie mitkommen könnten.

SZ: Wie haben Sie Ihre Daten erhoben?

Eibl-Eibesfeldt: Ich habe viel mit Menschen gesprochen. Das waren ja nicht viele, alles in allem etwa 2000 auf drei Inseln. Da gab es Norweger, die in den Konservenfabriken für Thunfische arbeiteten. Da waren die Walfischer. Dann gab es Deutsche, die zwischen den Kriegen ausgewandert waren. Auch von Miguel Castro, der ein einfacher Fischer war, aber über profundes Wissen verfügte, habe ich viel erfahren. Und dann bin ich einfach viel herumgefahren und habe mit Bowman diskutiert.

SZ: Wo und wie haben Sie gewohnt?

Eibl-Eibesfeldt: Wir wohnten in Santa Cruz, im Domizil von Miguel Castro. Das war in einer Barackensiedlung, die die Fischer aus den Resten einer Militärsiedlung aus dem zweiten Weltkrieg errichtet hatten. In einer einfachen Baracke lebten wir, aber wir hatten Wasser, es gab einen Brunnen. Und dann haben wir viel auf Miguels Kutter gelebt oder eben auf den Inseln, wenn wir mehrere Tage unterwegs waren. Mit Schlafsack und Plane, weil ein Zelt zu schwer war. Pullover und Hose, das reichte uns, wir waren nicht anspruchsvoll. Wir hatten nicht mal Funk.

SZ: Wann schrieben Sie den Bericht?

Eibl-Eibesfeldt: Ich bin im Dezember direkt mit Hans Hass auf die zweite Xarifa-Expedition in den Indischen Ozean und war nur zehn Tage zu Hause. Den Bericht habe ich auf meiner Reiseschreibmaschine auf der Xarifa getippt. Von Ceylon habe ich meine Korrespondenz geschickt. Das Fazit war: Es gibt Probleme, aber es gibt überall noch genügend Tierbestände, auf die man aufbauen konnte.

SZ: Die Berichte kamen rechtzeitig Anfang 1958 zum 15. Internationalen Zoologischen Kongress in London an. Warum war das so wichtig?

Eibl-Eibesfeldt: Dort waren alle wichtigen Zoologen, und einige bekannte Forscher haben die Initiative ergriffen. 1959 wurde dann die Charles Darwin Foundation gegründet, die unsere Vorschläge umsetzen sollte. Es dauerte aber noch bis 1964, bis die Charles Darwin Forschungsstation eingerichtet wurde.

SZ: Waren Sie selbst weiter beteiligt?

Eibl-Eibesfeldt: Ich bin Wissenschaftler und machte meine Forschung weiter. Es gab professionelle Organisationen, die das viel besser konnten. Ich sitze bis heute im Exekutivkomitee und habe viele Publikationen geschrieben, mit Heinz Sielmann einen abendfüllenden Film gedreht und dafür gesorgt, dass die Max-Planck-Gesellschaft seit den siebziger Jahren einen Platz für Wissenschaftler finanziert. Ich stehe beratend zur Seite, aber diese ganze Bürokratie, da bin ich froh, wenn das andere machen.

SZ: Wie ist die Situation auf Galapagos heute?

Eibl-Eibesfeldt: Dort hat man in den letzten Jahren Phantastisches geleistet. Die Galapagos sind immer noch einzigartig. Einzelne Inseln wie Española sind inzwischen frei von Haustieren. Der Tourismus wurde aufgebaut, aber reglementiert. Miguel Castro hat in den Sechzigern den Mut zu einem erfolgreichen Zuchtprogramm mit den fünf Schildkröten gehabt, die er entdeckt hatte. Daraus sind inzwischen über 2000 Tiere hervorgegangen. Außer der Forschungsstation der Foundation gibt es auch noch den Nationalpark. 97 Prozent der Inseln stehen unter Naturschutz. Es wird eine tolle Forschung betrieben. Denken Sie nur an das Ehepaar Grant, die über zwei Jahrzehnte die Darwinfinken und ihre Schnabelform beobachtet haben und zeigten, dass Evolution sogar in so kurzen Zeiträumen Arten verändert.

SZ: Ein einziges Paradies?

Eibl-Eibesfeldt: Natürlich gibt es immer neue Probleme. Ziegen dringen plötzlich in neue Gebiete ein und fressen die Vegetation innerhalb kürzester Zeit, Ratten sind kaum in den Griff zu kriegen. Aber auch der Tourismus wird zum Problem werden, denn die Schiffe werden immer größer, inzwischen kommen jährlich an die 100 000 Besucher. Das wird zu viel. Immer mehr Menschen aus Ecuador lassen sich zudem auf Galapagos nieder. Das muss begrenzt werden. Wenn nochmal 10 000 Menschen auf den Inseln siedeln, ist alles hin.

SZ: Kann man als Europäer oder Nordamerikaner guten Gewissens mit dem Jet um die halbe Welt reisen und die Galapagos-Inseln besuchen? Wäre es nicht besser, Galapagos käme ohne Touristen aus?

Eibl-Eibesfeldt: Nein, dann würde die Bevölkerung nichts mehr verdienen, und Galapagos wird vergessen. Wer ein gutes Gewissen hat, soll hinfliegen, weil er helfen kann und auch was zahlen kann. Jene, die kein Gewissen haben, fahren sowieso hin.

Süddeutsche Zeitung, Wissenschaft, S. 24, 7. April 2007

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