Bedrohte Räuber mit miesem Ruf
Haie sind als Killer der Meere verschrien, immer wieder gibt es Sensationsmeldungen über Angriffe auf Menschen. Dabei ist es umgekehrt - jährlich fallen Millionen Haie dem größten aller Killer zum Opfer: dem Menschen.
stern.de, Wissenschaft, 10. März
2006
ST100306 - Er hätte die Geschichte so nicht noch
mal schreiben können. Auch wenn Peter Benchley seit 1974 20
Millionen Exemplare seines Romans "Jaws" verkauft hat. Und
Steven Spielberg die Geschichte um den rachsüchtigen weißen
Hai ein Jahr später zu einem der erfolgreichsten Filme
aller Zeiten machte. In späteren Jahren plagte den
Journalisten und Redenschreiber ein schlechtes Gewissen,
weil er den Hai so völlig falsch dargestellt hatte: als
blutrünstigen Dämon aus dem Meer. "Eines Tages wird sich
einer von ihnen dafür rächen", orakelte der Journalist
einst und ergänzte: "Und hoffentlich werde ich dann nicht
in der Nähe sein."
So weit ist es nicht mehr gekommen. Peter Benchley starb am
11. Februar im Alter von 65 Jahren an den Folgen einer
Lungenkrankheit. Es hätte für die Haie auch längst keinen
Grund mehr gegeben, sich an ihm zu rächen. In unzähligen
Artikeln, Fernseh- und Radiostücken hatte Benchley versucht
seinen Fehler wieder gut zu machen. Er schrieb über die
Faszination des Meeres und seine Bewohner und entwickelte
Umweltschutzprojekte. Er schrieb gegen seinen eigenen Roman
an und versuchte den Menschen zu vermitteln, dass sie Haie
schützen müssen, anstatt sie zu töten.
Aber jedes Mal, wenn die Gazetten weltweit über einen der
jährlich 50 bis 60 Haiangriffe auf Menschen berichten, ruft
das den alten von Benchley beschworenen Killer-Mythos
herauf - und die Bilder des Kinofilms des sich heimtückisch
nähernden weißen Riesen, untermalt mit dem anschwellenden
Titelthema des Film. Wie zuletzt, als ein Hai ein
15-jähriges Mädchen am Strand von Hawaii an der Wade
packte. Das Mädchen wurde von zwei Freunden gerettet. Oder
als Anfang Februar ein Langstreckenschwimmen vor der
australischen Küste bei Sydney abgebrochen wurde, weil sich
ein dreieinhalb-Meter-Hai den Schwimmern näherte. Passiert
ist nichts, alle Schwimmer retteten sich in die
Begleitboote.
Hochseefischerei ist die größte Bedrohung der
Raubfische
Dass der Haie die eigentlich bedrohte Lebensform ist und
nicht der Mensch, rückt mit jeder Meldung wieder in den
Hintergrund. Immer mehr Haiarten rutschen auf die Rote
Liste der bedrohten Tierarten ab, seit die
Weltnaturschutzorganisation IUCN begonnen hat, die Bestände
systematisch auf ihre Gefährdung abzuklopfen -zuletzt auf
einem Workshop im schweizerischen Gland, der sich mit Haien
und den ihnen verwandten Rochen in den Meeren rund um
Europa beschäftigte.
In den europäischen Gewässern bestätigt sich das unter
Haiexperten bekannte Problem: Vor allem die langsam
wachsenden Arten haben kaum eine Chance dem Druck durch die
Hochseefischerei zu widerstehen. Manche Arten, die einst
stark befischt wurden, sind inzwischen zwar so selten, dass
sie für die Fischindustrie uninteressant wurden. Aber das
Risiko ausgerottet zu werden steigt ständig, weil die
wenigen Tiere zufällig in die Netze gehen, die eigentlich
für andere, weniger bedrohte Arten ausgeworfen worden. "In
Großbritannien zählen Hai und Rochen zu den am meisten
gefährdeten Tiergruppen überhaupt", sagt Malcolm Vincent
vom Joint Nature Conservation Committee (JNCC).
Viele Haiarten sind noch ungenügend
untersucht
Sorgen macht den Haischützern, dass Europa im Vergleich zum
Rest der Welt nur wenig für den Haischutz unternimmt.
Lediglich die beiden größten Haiarten, der Riesenhai und
der weiße Hai, würden von einer Hand voll Staaten
geschützt. "Überall vorkommende Arten wie der Mako sind
immer häufiger Ziel der Fischereien und werden überhaupt
nicht geschützt", sagt Alen Soldo vom Institut für
Ozeanographie und Fischerei in Kroatien. Ergebnis: Auch der
einst weit verbreitete Mako soll auf die Rote Liste der
IUCN als bedrohte Art aufgenommen werden. Weitere
Neuzugänge sollen der Schlingerhai und der Sandteufel
werden, der in der Nordsee sogar als ausgestorben gilt.
Lichtblicke sind die weniger bedrohten Arten wie der Kleine
Katzenhai: Sie sind klein, leben nahe der Küsten und
wachsen schnell. Die Bestände erholen sich schneller, weil
sie häufiger Nachkommen haben.
Weltweit wurden bisher 321 der rund 360 Arten von der IUCN
untersucht. Davon gelten 42 als bedroht, 61 stehen auf der
Kippe. Bei ihnen ist das Abrutschen der Bestände aber
wahrscheinlicher als eine Erholung. Und in Zukunft werden
noch mehr Haiarten betroffen sein: Von 131 Arten hat die
IUCN nicht genug Daten bekommen, um den Gefährdungsgrad
einzuschätzen. Dass alle diese Arten ungefährdet sind -
davon ist nicht auszugehen.
70 Prozent der Weltmeere sind schon
Hai-frei
Haie werden wegen ihres Fleisches, des Haiöls oder auch nur
wegen ihrer Haifischflosse gejagt, die als Delikatesse
gilt. Obwohl immer wieder von Wissenschaftlern gefordert,
gibt es keine internationalen Begrenzungen für den
Haifischfang, wie etwa bei Walen.
Eine Hoffnung verflüchtigte sich jetzt zudem noch nach
20-jähriger Forschung in den größten Tiefen der Weltmeere.
Haischützer glaubten bislang, in den großen Tiefen unter
3000 Metern schlummerten noch unentdeckte Reserven der
großen Jäger. Doch eine internationale Forschergruppe um
Imants Priede vom Oceanlab der Universität Aberdeen,
Großbritannien, überbrachte im Fachmagazin Proceedings of
the Royal Society B keine gute Nachricht: "Wir glauben,
dass es unterhalb von 3000 Metern Meerstiefe keine größeren
Haibestände gibt, und dass man auch keine weiteren finden
wird." Das schließen sie aus Zufallsfängen von
Fischtrawlern, Sendern, die an Haien befestigt wurden und
systematischen Untersuchungen. Die Besorgnis erregende
Schlussfolgerung: 70 Prozent der Weltmeere sind schon
Hai-frei. Und alle größeren Haipopulationen liegen in der
Reichweite der Fischereiindustrie. Das Fazit der Forscher:
"Haie sind wahrscheinlich viel anfälliger für Überfischung
als wir bisher angenommen hatten."
Auch eine zweite Entdeckung ließ die Hoffnung für Rettung
der Haie um ein weiteres schrumpfen: Forscher aus
Australien und Südafrika verglichen die genetische
Zusammensetzung von Sandhaipopulationen vor Südafrika,
West- und Ostaustralien. Ihre Hoffnung war, dass
Tiergruppen Verluste durch lange Wanderung ausgleichen
würden. Danach sieht es aber nicht aus. Die australischen
Bestände leben völlig isoliert von den südafrikanischen
Gruppen. "Damit ist es unwahrscheinlich, dass die stark
bedrohten Sandhaie Australiens durch natürliche Wanderung
aus weniger bedrohten Gruppen aufgefrischt werden können",
so die Haiexperten im Fachmagazin "Biology Letters". Vor
allem die Ostaustralischen Gruppen ständen kurz vor dem
Aus, wenn nicht schnellstens etwas unternommen würde,
warnen Adam Stow und seine Kollegen. Von den rund 500
Tieren trügen gerade noch 50 Tiere durch Fortpflanzung zum
Bestand bei.
Kannibalismus schon im Mutterleib
Der Sandhai macht es den Tierschützern aber auch nicht
leicht: Er wird erst nach neun bis zehn Jahren
geschlechtsreif, schwangere Haimütter entwickeln nur zwei
Haijunge pro Schwangerschaft und die kannibalisieren sich
auch noch: "Während sie sich im Mutterleib entwickeln,
frisst eines das andere", erklärt Adam Stow das Dilemma der
Haischützer. Deshalb greifen sie zu ungewöhnlichen
Maßnahmen: Bevor sich die Junghaie gegenseitig fressen,
operieren sie die Kleinkiller heraus und ziehen sie in
Brutkästen getrennt auf. "Eine weitere Möglichkeit den
Sandhai zu retten, könnte auch sein, Tiere von einer Küste
zu anderen zu fliegen", sagt Stow.
Eine der Ursachen für den massiven Rückgang des Sandhais
vor Australiens Küste waren neben den Fischtrawlern die
Sporttaucher, die ebenfalls dem Mythos des Menschenfressers
erlegen sind. Sie jagten den Sandhai mit explodierenden
Harpunenspitzen. Adam Stow: "Obwohl er zwar furchterregende
deutlich sichtbare nadelartige Zähne hat, ist er kein
Menschenfresser." Die Zahnform erleichtert es dem Räuber
glitschige Fische zu erhaschen, große Säugerkörper bekommt
er damit nicht zu fassen. Der Sandhai ist so harmlos, dass
es inzwischen unter Sporttauchern populär geworden ist,
einige der wenigen Versammlungsorte der vermeintlichen
Killer aufzusuchen.
Sollte nicht bald mehr getan werden, um diese Art zu
retten, wird die IUCN den Sandhai von der Roten Liste
streichen können - weil er dann endgültig ausgestorben sein
wird.
"Jaws"-Autor Peter Benchley hätte eigentlich noch eine
Menge zu tun gehabt, um den Menschen zu erklären, dass sein
"Weißer Hai" nichts mit der Wirklichkeit zu hat. Doch das
berühmte Titelthema aus Steven Spielbergs Filmversion
entwickelt sich mehr und mehr zum Abgesang auf die Jäger
der Meere.
stern.de, Wissenschaft, 10. März
2006
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