Geruchsforschung als Millimeter-Arbeit
Wie schaffen es Taufliegen eigentlich, innerhalb kürzester Zeit eine Obstschale oder ein mit süffigem Rotwein gefülltes Glas ausfindig zu machen? Die Forscher um Bill Hansson am Max-Planck-Institut für chemische Ökologie in Jena wollen dem Geruchssystem der kleinen Fliege mit ausgefeilter Messtechnik auf die Spur kommen, dabei misst ihr Untersuchungsobjekt kaum mehr als einen halben Millimeter.
MaxPlanckForschung, S.25, 2,
2009
MPF0709 -
Grundlagenforscher haben es nicht leicht: 1951, auf dem
Treffen der Nobelpreisträger in Lindau, wollte die Gattin
eines Wissenschaftlers von dem berühmten Pheromonforscher
Adolf Butenandt wissen, wann man denn diese „sex attractive
substances“ bekommen könne, an denen er arbeite. Butenandt
erklärte ihr, dass er Pheromone von Schmetterlingen
untersucht habe, und die Frau entgegnete enttäuscht: „Oh,
Dr. Butenandt, why did you waste your time with
butterflies?“ Was hätte die Dame wohl zu Bill Hansson
gesagt?
Der Direktor der Abteilung für evolutionäre Neuroethologie
in Jena „verschwendet“ seine Zeit nicht mit Faltern,
sondern mit noch unscheinbareren Fliegen, die eine Vorliebe
für vergammeltes Obst besitzen. Fruchtfliege, Taufliege
oder Essigfliege – je nach dem, welcher Name geläufiger ist
– heißen die zwei bis drei Millimeter großen Plagegeister,
die jeder im Sommer in seiner Obstschale findet. Die
Fliege, die gerne auch mal als Haustier der Laborforscher
bezeichnet wird, ist wahrscheinlich das einzige Tier,
dessen lateinischer Name so bekannt ist wie sein deutscher:
Drosophila melanogaster. Bill Hansson, gebürtiger Schwede,
untersucht seit neun Jahren den Geruchssinn des kleinen
Insekts, seit 2006 am Max-Planck-Institut für chemische
Ökologie in Jena.
Die Entscheidung für dieses Untersuchungsobjekt ist
natürlich kein Zufall: „Kein Tier gibt uns so viele
Möglichkeiten wie Drosophila“, sagt Hansson. Die Fliege
lässt sich gentechnisch verändern und dabei wie ein
Baukasten handhaben: „Man kann Steine wegnehmen, Steine
umformen, einen roten Stein mit einem blauen Stein
tauschen“, so der Max-Planck-Direktor etwas vereinfachend.
DUFTKOMPASS MIT KNUBBELIGEN RIECHORGANEN
Die Flexibilität ist nötig, denn Hansson und sein Team
haben die Latte des Erfolgs hoch gelegt: „Wir wollen das
Riechen bei Drosophila als Ganzes verstehen“, sagt Hansson
mit leicht schwedischem Akzent, also den Geruchssinn des
Insekts erforschen vom kleinsten Rezeptormolekül über die
Verknüpfungen im Gehirn bis hin zum Verhalten, das die
Fliege an den Tag legt, wenn sie Witterung aufgenommen hat.
Die Forscher wollen jeden einzelnen Geruch
auseinandernehmen und herausfinden, wie er auf das Tier
wirkt. Dabei erscheint die Fliege auf den ersten Blick
nicht gerade als das ideale Objekt, um den Geruchssinn zu
erforschen, verglichen etwa mit dem Seidenspinner, dem
klassischen Versuchstier in der Pheromonforschung.
Die Fliege ist kleiner, ihr Verhalten nicht so exaltiert
wie das des Falters: „Wenn ein Falter-Männchen nur ein
Molekül des Lockstoffs der Weibchen riecht, zack, geht es
ab, alles andere ist dann egal“, sagt Hansson. Bei
Drosophila sei das eher „unklar“. Was auch damit zu tun
hat, dass Pheromone bei den Fliegen über große Distanzen
keine Rolle spielen. Das sieht man auch den Riechorganen
der beiden Arten an. Wie eine Kreuzung aus Farn und Geweih
thronen bei den Faltermännchen die fein verästelten und –
gemessenen an der Größe des Insekts – großflächigen
Antennen am Kopf und repräsentieren eindrucksvoll, welche
bedeutende Rolle der Geruch in ihrem Sexualleben spielt.
Bei Drosophila sind es zwei kleine konische Knubbel, die
zwischen den vergleichsweise riesigen Facettenaugen sitzen.
Der Begriff Riechkolben könnte treffender nicht sein. Etwas
tiefer, oberhalb des Saugrüssels, sitzen zwei weitere
kleine Knubbel, die Kiefertaster oder Maxillarpalpen, die
ebenfalls dem Riechen dienen. Aus Antenne und Kiefertaster
sprießen Hunderte von feinen Riechhaaren, die Sensillen. In
diese muss ein Duftmolekül eindringen, um überhaupt erkannt
zu werden. „Im Prinzip funktioniert jedes Riechhaar wie
eine kleine Nase“, sagt Hansson. Über Poren – Insekten
haben ein ansonsten nicht durchlässiges Außenskelett –
tauchen die Duftmoleküle in eine proteinhaltige Lösung, die
Sensillenlymphe ein. Dort werden die Moleküle von
Duftstoffbindenden Proteinen in Empfang genommen, die sie
zum Ziel ihrer Reise begleiten: den Geruchsrezeptoren.
STANDLEITUNG INS RIECHZENTRUM
Das Duftmolekül dockt an einen Rezeptor an, der auf einem
der ein bis drei Dendriten sitzt, den verlängerten Armen
einer Nervenzelle. Dort wird die Meldung „Duftmolekül
angedockt“ in ein elektrisches Signal umgewandelt. Der
Impuls wandert über die Standleitung der Nervenzelle, das
Axon, direkt in das Riechzentrum der Fliege. „Genau wie bei
uns und allen anderen Tieren sind die Geruchsrezeptoren die
einzigen peripheren Rezeptoren, die ein Signal ohne Umwege
ins Gehirn leiten“, sagt Hansson. Das Riechhirn der Fliege,
der Antennallobus, ist aus vielen kugelförmigen
Nervenknoten aufgebaut. Diese sogenannten Glomeruli sehen
aus wie eine Ansammlung kleiner Ballons.
Jede der 1200 Nervenbahnen mit insgesamt 45 verschiedenen
Rezeptorproteinen innerviert in einen zugehörigen Ballon.
Untereinander sind die „Geruchsballons“ wiederum durch
Neuronen verschaltet; über Projektionsneurone stehen sie in
Verbindung mit höheren Hirnarealen – und sorgen so
vielleicht dafür, dass der Geruch eines überreifen Apfels
ein Bild vor dem inneren Facettenauge der Fliege entstehen
lässt und ihr sozusagen „das Wasser im Rüssel
zusammenlaufen lässt“. „Wir kennen all diese
morphologischen Bausteine des Geruchssystems ziemlich gut“,
sagt Hansson, „aber wir wissen nicht, was jeder im Detail
macht.“ Um all das an den winzigen Fliegen untersuchen zu
können, braucht Hanssons Team ein ganzes Arsenal an
Mikroskopen.
Kaum ein Laborraum, in dem nicht eines dieser
Hightech-Geräte steht. Wer durch die Labore wandert, dem
fällt auf, dass diese Mikroskope nicht mehr viel mit einem
herkömmlichen Schulmikroskop gemein haben. Die Zeiten der
einfachen Lichtmikroskope sind lange vorbei; jedwede
technische Möglichkeit wird genutzt, um das alte System
auszureizen, die Auflösung zu erhöhen oder nur bestimmte
Bereiche im Objekt sichtbar zu machen. Die Namen –
konfokale LaserscanningMikroskope,
Multi-Photonen-Laserscanning-Mikroskope,
Fluoreszenz-Mikroskope oder Inverse Mikroskope – lassen nur
erahnen, wie das gelingt.
NICHT ALLE MOLEKÜLE IM DUFT ZÜNDEN
NEURONEN
Links und rechts von jedem Mikroskop-Arbeitsplatz türmen
sich verschiedene Geräte. Bei einem bleibt Hansson stehen:
„Das ist unsere Spezialität“, sagt er. Es handelt sich um
einen GasChromatographen, ein Gerät, das einen Duft in
seine molekularen Bestandteile zerlegt und analysiert. Das
Ergebnis druckt der Chromatograph auf ein Papier als
Duftkurve mit den Spitzenwerten für jeden einzelnen
Bestandteil. Gleichzeitig bläst das Gerät die Duftmoleküle
mit sanftem Luftstrom zielgerichtet zur Fliege. Wie die
Fliegen, genauer gesagt ihre mit Rezeptoren bestückten
Nervenzellen auf den Duft ansprechen, registrieren die
Forscher unter dem Mikroskop in Echtzeit. Im Regal neben
dem Mikroskoptisch stehen daher ein Bildschirm und ein
Computer. „Wir kombinieren die Geruchsanalyse mit den
neuronalen Aktivitätsspektren und lassen uns sozusagen von
der Antenne erzählen, welche von den Hunderten Molekülen,
die von einer Banane ausgesendet werden, bei der Fliege
wirksam sind“, sagt Hansson.
Silke Sachse, Leiterin der Forschungsgruppe Optische
Ableitung, sieht den Fliegen förmlich beim Riechen zu. Um
von einem lebenden Tier von der Größe eines Apfelkerns
überhaupt verwacklungsfreie Aufnahmen machen zu können,
klemmt sie das Tier an einem drei Millimeter schmalen
Kupferplättchen fest. Dabei schiebt sie den schmalen
Bereich der Fliege zwischen Kopf und Brust – wie bei einer
überdimensionalen Halskrause – in einen 0,1 Millimeter
breiten Spalt des Plättchens. Den Kopf befestigt sie mit
etwas Wachs. Das Tier muss absolut ruhig gestellt sein,
damit die Mikroskopaufnahmen nicht verwackeln. Dann schiebt
die MaxPlanck-Forscherin den Objektträger unter die
Mikrokoplinse. Eine Videokamera nimmt das hundertbis
vierhundertfach vergrößerte Bild auf, das man auf dem
Monitor bequem betrachten kann.
MUTANTE ALS STRAHLENDES MUSTERBEISPIEL
Für ihre Untersuchung nutzt die Biologin eine
Fliegenmutante, bei der man das Riechen in den Antennen,
den Palpen und im Gehirn mit einem Farbstoff auf fast
magische Weise sichtbar machen kann: „Diese trans gene
Drosophila produziert einen fluo reszierenden Farbstoff,
der alle olfaktorischen, sensorischen Neuronen anfärbt“,
sagt Sachse. Unter normalem Licht ist nichts Besonderes zu
erkennen. Doch sobald die Forscherin auf Fluoreszenz
umschaltet, legt sich der Fensterausschnitt ins Dunkle und
die Antennen und Palpen erstrahlen in Neongrün. „Wir können
durch die Kutikula hindurch messen“, sagt Sachse. Der
Farbstoff leuchtet so hell, dass er das hauchdünne
Außenskelett der Riechkolben durchstrahlt. Das Riechhirn zu
beobachten ist nicht ganz so einfach. „Dazu schneiden wir
ein Fenster in die Kopfschale“, erklärt Sachse. Und das in
Mikrometer-Dimensionen.
Das Gehirn von Drosophila ist etwas mehr als einen halben
Millimeter groß, ein Antennallobus ein Zehntel Millimeter,
ein Glomerulus noch zehnmal kleiner. „Das ist wirklich
wahnsinnig klein.“ Auch nach vielen Jahren Forschung ist
Silke Sachse immer noch beeindruckt von den Dimensionen, in
denen sie arbeitet. Wenn es etwas zu riechen gibt, so
strahlt auch das Riechhirn hellgrün. Doch der Farbstoff mit
Namen Chamäleon kann noch mehr – er kann Veränderungen
anzeigen: „Der Farbstoff bindet Calcium. Und je mehr
Calcium er bindet, desto heller leuchtet der
Antennallobus“, sagt Sachse. Je größer der Reiz an einer
Nervenzelle ist, desto mehr Calcium-Ionen strömen in die
Zelle ein. Je mehr Calcium einströmt, desto mehr bindet an
den Farbstoff, desto heller leuchtet die Zelle im
Fluoreszenzlicht auf.
GRÜNES WETTERLEUCHTEN ÜBER DEM RIECHHIRN
In der Filmaufnahme erinnert das Ganze an ein
Wetterleuchten, das über das Riechhirn zieht: Hier ein
kurzes Aufflackern, dort ein greller Schein, je nachdem,
welches Duftmolekül die Antennen auffangen. Auf diese Weise
erhält Sachse Aktivitätsmuster, die für jeden Geruch
typisch sind und die sie den Spitzen in der Duftkurve
zuordnen kann: „Ich sehe jetzt genau, wo welche Neuronen
wie stark bei welchem Duft aktiv sind.“ Aus den kurzen
Filmen schneidet sie einzelne Aufnahmen heraus und
übersetzt die Aktivität in andere Farben: rot für starke,
grün für mittlere und blau für keine Aktivität.
NEUER REZEPTORTYP IM FLIEGENRIECHORGAN
GEFUNDEN
Während Silke Sachse das Geruchssystem der Fliege
berührungslos beobachtet und analysiert, dringt ihr Kollege
Dieter Wicher in noch kleinere Dimensionen vor. Er arbeitet
sich bis an den Ort vor, an dem das Duftmolekül mit der
Fliege Kontakt aufnimmt: die Geruchsrezeptoren in den
Sensillen der Antenne. „Das ist besonders interessant, weil
Insekten ja dafür bekannt sind, dass sie Duftstoffe in sehr
geringen Konzentrationen wahrnehmen“, sagt Wicher. Die
Taufliege benötigt nur zehn oder hundert Moleküle in einem
Kubikzentimeter Luft, um Witterung aufzunehmen. „Das ist
Millionen Mal empfindlicher als der menschliche
Geruchssinn“, sagt Hansson: „Wir brauchen normalerweise
einige hundert Millionen Moleküle und mehr, um etwas zu
riechen.“
Einen Teil der Erklärung für die überaus sensiblen Nasen
der Insekten liefern der Aufbau der Rezeptoren und die Art
und Weise, wie sie das Signal „Duftmolekül angekommen“
vermitteln. Wicher und seine Kollegen identifizierten einen
bisher unbekannten Rezeptortyp mittels der
Patch-ClampMethode: Mit Pipetten, die als Elektroden dienen
und deren fein polierte Spitzen einen Innendurchmesser von
nur einem Hundertstel Millimeter haben – ein menschliches
Haar ist fünf bis zehn Mal so dick –, messen die Forscher
den durch einzelne Ionenkanäle fließenden Strom im Bereich
von Billionstel Ampere direkt an der Nervenzelle. Die
Ergebnisse präsentierten Hansson, Wicher und ihre Kollegen
im April 2008 in NATURE.
Normalerweise überträgt der Rezeptor das Signal in einem
mehrstufigen Prozess über sogenannte G-Proteine, die an der
Innenseite der Zellmembran sitzen. Am Ende ergießt sich der
Botenstoff cAMP (zyklisches Adenosinmonophosphat) in die
Zelle. Dieser überträgt das Signal weiter an Ionenkanäle,
die an anderer Stelle in der Membran sitzen. Das braucht
aber eine gewisse Zeit. Die Kanäle öffnen sich, um
schließlich mit Calcium-, Natriumund KaliumIonen ein
elektrisches Potenzial aufzubauen. Von da aus gelangt die
Information auf elektrischem Wege weiter bis ins Riechhirn.
IN DER KÜRZE LIEGT DIE WÜRZE – AUCH BEIM
SCHNÜFFELN
Wicher und seine Kollegen fanden heraus, dass der Rezeptor
und der Ionenkanal in der Membran der Insektenneurone
direkte Nachbarn sind und nicht, wie bei uns, über die
Membran verteilt liegen. Bei den Insekten bilden sie eine
Einheit aus zwei Teilen, ein sogenanntes Dimer. „Dass es
sich um ein Dimer handelt, wussten wir schon. Dass das
zweite Protein aber der Ionenkanal ist, haben wir erst
anhand unserer Messungen nachweisen können“, sagt Wicher.
Die unmittelbare Nähe von Rezeptor und Kanal hat
entscheidende Vorteile: Das Signal kann eine Abkürzung
nehmen. Anstatt die lange Strecke über G-Protein und
cAMP-Produktion zu nehmen, können sich Rezeptor und
Ionenkanal kurzschließen. Das tun sie, wenn große
Konzentrationen des Duftmoleküls den Rezeptor
überschwemmen.
Ist die Duftspur aber nur schwach, schaltet der Rezeptor
auf den klassisch biochemischen Weg über G-Protein und
cAMP-Botenstoff um, der aber immer noch kürzer ist als in
der Säugerzelle. „So ist die Reizweiterleitung bei Insekten
viel empfindlicher als die olfaktorischen Rezeptoren
anderer Tiere“, sagt Wicher. Noch haben die Forscher das
System nicht ganz verstanden: Wie etwa sehen die
Einzelschritte in der G-Protein-Signalkette aus? Was
reguliert die Rezeptoren? Eines allerdings scheint klar zu
sein: Das andere Design der Geruchsrezeptoren bei Insekten
im Vergleich zu Säugerrezeptoren liefert einen Hinweis
darauf, dass sich die beiden Geruchssysteme unabhängig
voneinander entwickelt haben und nicht – wie bisher
angenommen – den gleichen Ursprung besitzen. „Das ist
offenbar wirklich eine Sonderanfertigung bei den Insekten“,
sagt Wicher.
WAS IM DUFT DEN FLIEGEN BEINE MACHT
Hat die Fliege mit ihren so anders aufgebauten Rezeptoren
einmal Witterung aufgenommen, kommt Hanssons Mitarbeiter
Markus Knaden ins Spiel. Er braucht keines der vielen
Mikroskope, die in den Laboren stehen. Er will nicht in die
Fliegen hineinsehen, sondern das ganze Tier beobachten.
Knaden studiert das Verhalten der Fliegen und damit das
letzte Glied in der Kette des Geruchssystems von
Drosophila. Die Fragen, die er beantworten will, sind
eigentlich ganz einfache: Was macht die Fliege, wenn sie
einen Geruch oder eine Geruchskomponente wahrnimmt? Folgt
sie der Duftspur, flüchtet sie oder bleibt sie
desinteressiert? Dass das gar nicht so einfach zu
erforschen ist, wie man bei einem vermeintlich schlicht
gestrickten Lebewesen wie einer Fliege vermuten könnte,
erfuhr der Verhaltensökologe bei seinen ersten Versuchen.
ZEHN AUF EINEN STREICH IM WINDKANAL
Normalerweise gibt es eine Standardversuchsanordnung für
solche Fragen. Die Fliege sitzt in einem Windkanal am Fuß
einer Stange, auf die sie bei Bedarf klettern kann. Dann
durchströmt ein Duft den Kanal, und man beobachtet, wie die
Fliege reagiert. „Mit dieser Anordnung kann man aber immer
nur ein einzelnes Tier untersuchen, was sehr zeitaufwändig
ist, denn wir wollen ja eine Vielzahl von
Geruchskomponenten an verschiedenen Individuen testen“,
sagt Knaden. Deshalb ersann der Biologe eine Anlage, in der
er zehn Fliegen gleichzeitig in parallelen Röhren
untersuchen kann. Über ein ausgeklügeltes System kann er
die Geruchsstoffe je nach Belieben zuführen. Das Verhalten
zeichnet eine Kamera auf, um es später am Computer
auszuwerten.
Auf dem Papier und als alles fertig aufgebaut war, sah es
ganz wunderbar aus, nur: „Als wir dann zum ersten Mal die
Fliegen in die Röhren setzten und die Duftstoffe
einströmten, passierte gar nichts“, sagt der
Verhaltensforscher, und man merkt ihm den Frust immer noch
an. Knaden und seine beiden Mitarbeiter konnten machen, was
sie wollten, die Labortiere verweigerten den Dienst. Jetzt
muss er sich etwas Neues überlegen. Vielleicht doch wieder
jedes Tier einzeln beobachten? Oder die Versuchsanordnung
irgendwie verändern? Er weiß es noch nicht. Alles in allem
hat ihn das Ganze von der Planung bis zu den ersten
Versuchen bisher eineinhalb Jahre gekostet. Aber so läuft
Forschung nun mal – es gibt keine Garantie für den Erfolg.
Auch Nobelpreisträger Adolf Butenandt und seine Mitarbeiter
mussten zahllose Rückschläge hinnehmen, bis es ihnen
seinerzeit gelang, die „sex attractive substances“ der
Schmetterlinge zu isolieren. Alles Zeitverschwendung, wie
die schockierte Dame befand? Tatsächlich war Butenandts
Forschung bahnbrechend für das Verständnis des Geruchs. Und
wer unbedingt einen Nutzen braucht, um Grundlagenforschung
dieser Art zu rechtfertigen, bitte schön: Jede
Borkenkäferfalle basiert heute letztlich auf der
Geruchsforschung an Insekten. Die Fallen locken die
Käfermännchen allerdings nicht zu ihrer Liebsten, sondern
in den Tod.
KASTEN: EVOLUTION DES FLIEGENGERUCHS
Um herauszufinden, wie sich der Geruchssinn von Drosophila
im Laufe der Evolution den unterschiedlichen
Lebensbedingungen angepasst hat, verglich Bill Hanssons
Team mehrere Drosophila-Arten. Aber „das Geruchssystem von
Drosophila ist evolutionär betrachtet sehr konservativ“,
sagt Hansson. Eigentlich hat es sich kaum verändert – nur
bei einer Art war das dramatisch anders: In der Inselwelt
im tropischen Klima der Seychellen nördlich von Madagaskar
lebt eine besonders wählerische Fruchtfliege. Drosophila
sechellia liebt die Noni, und nur die Noni. Die Fliege hat
die Frucht des Indischen Maulbeerbaumes Morinda citrifolia
nicht nur zum Fressen gern, sie legt auch ihre Eier darauf
ab. „Die Frucht hat einen sehr speziellen Geruch“, findet
Hansson, „eine Mischung aus Ananas und Gorgonzola.“ Der
Käsegeruch ist ein Zeichen für einen hohen Säuregehalt.
Dieser ist bei der gelben Noni-Frucht so hoch, dass Fliegen
normalerweise daran sterben, wenn sie an ihr naschen.
Nicht so die Seychellen-Variante. Sie ist vollkommen auf
die exotische Frucht eingestellt und hochgradig von ihr
abhängig. „Die Abhängigkeit spiegelt sich in ihrem
olfaktorischen System wider“, sagt Hansson. Die meisten
Neurone in den Antennen sind auf die beiden Duftnoten des
speziellen Noni-Geruchs geeicht. Gleichzeitig sind sie
unglaublich sensibel. Sie nehmen den Noni-Duft noch wahr,
wenn nur billionstel Milligramm in der Luft liegen. Selbst
das Geruchshirn hat sich auf den Leckerbissen, der zugleich
Kinderstube ist, eingestellt: Zwei der Glomeruli empfangen
sämtliche Signale der Noni-Neuronen von der Antenne. „Und
sie sind dreimal so groß wie die entsprechenden Glomeruli
bei Drosophila melanogaster“, sagt Hansson. Während ihre
Verwandten bei sehr hohen Duftkonzentrationen die Flucht
ergreifen, kann Drosophila sechellia der gelben Frucht
einfach nicht widerstehen.
MaxPlanckForschung, S. 25, 2,
2009
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