Die kranke Macht der Statistik
Tests, Screenings, Krankheitsrisiken: Unser ganzes Gesundheitsleben ist geprägt von Zahlen und Statistiken. Mal jagen sie uns Angst ein, mal wiegen sie uns in Sicherheit - oft zu Unrecht. Mit etwas statistischer Bildung würden sich viele Menschen nicht so leicht ins Bockshorn jagen lassen.
Spiegel Online, Wissenschaft, 22. April
2009
SPON220409 - Man stelle sich vor: Der Doktor sitzt
vor einem und erklärt in ruhigem, ernstem Ton: "Eine neue
Studie zeigt, dass dieses Medikament, das Sie nehmen, das
Risiko für eine Thrombose um 100 Prozent erhöht. Wollen Sie
es weiter nehmen oder lieber nicht?"
Genau in dieser Situation befanden sich Mitte der neunziger
Jahre Tausende britischer Frauen. In Zeitungen und
Magazinen waren alarmierende Artikel über die Antibabypille
der dritten Generation aufgetaucht. Sie erhöhe das Risiko
für eine Thromboembolie um besagte 100 Prozent. Ärzte
hatten von offizieller Stelle einen Warnbrief erhalten. Die
Medien waren extra verständigt worden. Verunsicherte Frauen
wechselten die Verhütungsmethode oder hörten auf, die Pille
zu nehmen.
Fatale Folge: Die Zahl der ungewollten Schwangerschaften
nahm zu, der Abwärtstrend bei Abtreibungen in der ersten
Hälfte der neunziger Jahre in Wales und England kehrt sich
um. Gesundheitsexperten schätzen, dass die Pillenpanik zu
13.000 zusätzlichen Abtreibungen und 800 zusätzlichen
Schwangerschaften bei unter 16-Jährigen führte. Die Kosten
für das nationale Gesundheitssystem betrugen geschätzte 4
bis 6 Millionen britische Pfund.
Die Pillenpanik in Wales und England war das Ergebnis eines
Phänomens, dass Bildungsforscher wie Gerd Gigerenzer
"kollektive Zahlenblindheit" oder "fehlende statistische
Bildung" bezeichnen. "Ein Phänomen, das weit verbreitet,
aber kaum bekannt ist", sagt Gigerenzer. Bisher hat er sich
dem Problem als Direktor des Max-Planck-Institutes (MPI)
für Bildungsforschung in Berlin gewidmet. Nun wurde in den
Gebäuden des MPI das Harding Center for Risk Literacy
eröffnet, in dem sich Gigerenzer mit fünf Mitarbeitern
exklusiv dieser Fragestellung widmen kann. Benannt ist es
nach dem britischen Multimillionär David Harding. Der hatte
Gigerenzers Sachbuchbestseller "Das Einmaleins der Skepsis"
gelesen. Jetzt stattet er das Zentrum mit einem Budget von
1,5 Millionen Euro aus.
In Vorträgen und Büchern versucht Gigerenzer den Menschen
einfachste statistische Kenntnisse zu vermitteln. Wir
können relative nicht von absoluten Risiken unterscheiden,
wir glauben, medizinische Tests wären hundert Prozent
sicher. Das Beispiel der "Pillenpanik" - nicht die erste in
Großbritannien - zeigt etwa, wie leicht Menschen sich von
hohen Prozentzahlen verunsichern lassen. "Die hohen
Prozentzahlen gaukeln ein hohes Risiko vor", sagt
Gigerenzer. Dabei handelt es sich nur um ein relatives
Risiko. Hätten damals Institutionen, Ärzte und Medien den
Frauen die Zahlen für das absolute Risiko mitgeteilt, wäre
die Sache wahrscheinlich anders gelaufen.
Relative Risiken vs absolute Zahlen
In realen Zahlen ausgedrückt klingt das britische
Pillen-Beispiel nämlich weit weniger gefährlich: Bei den
Antibaby-Pillen der zweiten Generation hatte von 7000
Frauen eine Frau eine Thromboembolie erlitten. Bei der
neuen Pillengeneration waren zwei von 7000 betroffen. Ein
Anstieg um 100 Prozent, wenn man das relative Risiko
betrachtet. Ein Anstieg um 1 von 7000, wenn man es in
absoluten Zahlen ausdrückt. "Damit können Sie den Frauen
keine Angst einjagen", ist Gigerenzer überzeugt.
Das Problem: Weil wir in Sachen Statistik so ungebildet
sind, lassen wir uns auch leicht ins Bockshorn jagen. Die
Pillenpanik ist nur eines von vielen Beispielen. Ein
anderes ist eine Meldung über die angeblich drastisch
erhöhte Krebsgefahr durch Oralsex, die 2007 weltweit
Schlagzeilen machte: Auch hier wurde mit relativen Risiken
operiert. Viele solcher Beispiele hat Gigerenzer in einem
Artikel im Fachblatt " Psychological Science in the Public
Interest" zusammengefasst.
Statistische Unbildung findet sich in allen Schichten und
Berufssparten. Politiker wie der ehemalige New Yorker Rudy
Giuliani oder Englands Premier Tony Blair preisen die
Vorzüge ihres Nationalen Gesundheitssystems, weil sie die
Sterblichkeitsstatistik offenbar nicht verstehen. Viele
deutsche Ärzte können ihren Patientinnen nicht erklären,
wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, dass sie Brustkrebs
haben. Viele Menschen sind überzeugt, dass HIV- oder
DNA-Tests absolut verlässlich seien.
Gigerenzer hat zwei Erklärungen für die kollektive
statistische Unbildung. Zum einen: Wir lernen es nicht in
der Schule, und auch nicht an den Universitäten. "Ärzte
haben keine adäquate Ausbildung im Verständnis von Risiken
und Unsicherheiten. Das ist eigentlich ein Skandal", findet
Gigerenzer. In der Schule wird Statistik vor allem für die
Schule und nicht fürs Leben gelehrt. "Man muss es lehren
wie eine Problemlösungs-Strategie für die wirkliche Welt",
sagt Gigerenzer. Schüler sollten lernen, welche Fragen sie
stellen müssen, um eine Statistik zu verstehen. Sie müssen
begreifen, dass es transparente und verschleiernde
Darstellung von Statistiken gibt.
Mit Prozentzahlen wird meist mehr verschleiert als
offenbart
Für Gigerenzer ist das nämlich das nächste Problem: Risiken
und Wahrscheinlichkeiten werden in der Regel so
dargestellt, dass es einfach schwer fällt, sie zu
verstehen. "Den Ärzten und all den anderen Menschen fehlt
kein Gen für das Verständnis von Gesundheitsstatistiken",
sagt er. Es gebe einfach Methoden, Risiken transparent oder
intransparent zu präsentieren. Mit Prozentzahlen, die oft
spektakulär klingen, wird meist mehr verschleiert als
offenbart. "Sie bringen nur was, wenn man weiß, auf was sie
sich beziehen. Aber das wird selten gemacht", sagt der
Bildungsforscher. Echte Häufigkeiten seien viel
hilfreicher, wie der Fall der Pillenpanik zeige.
Schließlich müssten wir alle akzeptieren, was schon
Benjamin Franklin gesagt hatte: "Nichts ist sicher, außer
der Tod und die Steuern. "Jeder Test liefert einen gewissen
Anteil falsch positiver und falsch negativer Ergebnisse.
Tests produzieren Fehlalarme. Das eigenartige ist: Menschen
wissen das eigentlich, aber aus einem anderen Kontext: Wer
rennt schon jedes Mal auf die Straße, nur weil die
Alarmanlage des Autos losgeht. Kein System ist perfekt.
Auch beim Ausschlagen des Metalldetektors am Flughafen
stürzen sich die Beamten nicht jedes Mal auf den leicht
verunsicherten Flugpassagier. "Sie wissen, dass ein Gerät
Fehlalarme produziert. Und genau das gleiche passiert bei
medizinischen Tests." Die Erkenntnis kann sogar Hoffnung
machen. Dann bedeutet ein positiver Befund nach einer
Mammographie nicht gleich das Todesurteil. Die Chancen sind
hoch, dass es ein falsch positiver Fehlalarm war.
"Statistisches Verständnis ist so wichtig wie Lesen und
Schreiben", predigt Gigerenzer immer wieder. Es sind keine
angenehmen Wahrheiten, die er den Menschen schmackhaft
machen will. Franklins Satz müssten die Deutschen endlich
verinnerlichen. Es sind einfachste Grundbegriffe, die wir
alle lernen müssen. Der Unterschied etwa zwischen absolutem
und relativem Risiko, den die Ärzte, Medien und Frauen in
England nicht erkannten. Oder die einfache Frage bei
Prozentzahlen: "Prozent von was?"
Doch hinter Gigerenzers Wunsch, dass die Menschen die
Statistik verstehen und mit Unsicherheiten leben lernen,
steht noch etwas anderes: Die Vorstellung des mündigen
Bürgers, der sich nicht von Experten paternalistisch die
Welt erklären lässt. "Experten sind nicht dazu da, uns die
Illusion von Gewissheit zu geben, das sind schlechte
Experten", sagt Gigerenzer. Wir sollten den Mut haben, die
Unsicherheiten des Lebens anzuerkennen. "Beim Fußball oder
Glücksspiel, da will auch keiner wissen, wie es ausgeht",
sagt Gigerenzer. Wir müssen akzeptieren, dass wir in einer
unsicheren Welt leben. Und dass hundert Prozent mehr
manchmal sehr wenig sein kann.
Spiegel Online, Wissenschaft, 22. April
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