Baumeister der Natur
Kieselalgen schützen sich vor Fraßfeinden durch filigrane Glasgehäuse. Wissenschaftler wollen verstehen, wie die Einzeller die Zellwände mit Strukturen im Nanometerbereich bauen, und hoffen sie dann für die Nanotechnologie nutzen zu können.
Handelsblatt, Fortschritt, S. 9, 23.
April 2009
HB230409 - Das soll
die Zukunft der Nanotechnologie sein? Das ist eine Handvoll
Sand. Ganz gewöhnlicher Dreck. Mit bloßem Auge betrachtet,
haben Kieselalgen-Gehäuse nichts Beeindruckendes: Sie sehen
aus wie Sandkörner. Erst unter dem Mikroskop erkennt man,
welche Wunder der Natur man vor sich hat: Die Vergrößerung
offenbart filigrane Gehäuse aus Siliziumdioxid, demselben
Material, aus dem die Natur Edelsteine und der Mensch Glas
herstellt. Diese feinen, aber äußert stabilen Glaspaläste
bauen sich die Einzeller als Schutz vor Fressfeinden.
Diatomeen-Experten schätzen, dass es mehrere Zehntausend,
vielleicht sogar mehr als 100 000 Kieselalgenarten im
pflanzlichen Plankton der Meere, Seen und Flüsse gibt. "Und
jede Art baut ihren eigenen Gehäusetyp", sagt Richard
Gordon bewundernd. Der Professor für Theoretische Physik
von der Universität von Manitoba in Winnipeg ist seit
Jahrzehnten Diatomeen-Liebhaber. Er hat - durch Zufall -
die Diatomeen-Nanotechnologie aus der Taufe gehoben, als er
1988 in einem Vortrag vor Ingenieuren die kleinen
Kieselalgen als Mikrofabriken anpries.
Die kleinsten Diatomeen-Gehäuse, auch Frusteln genannt,
sind nur zwei Mikrometer groß, etwa ein Fünfzigstel der
Dicke eines Haares. Die größten erreichen Ausmaße von bis
zu zwei Millimetern. Manche sind rund, andere dreieckig,
einige sehen aus wie fliegende Untertassen oder Seesterne,
andere haben kleine Türmchen an den Ecken. Jede Frustel ist
gleichmäßig mit Poren, Stegen und anderen Strukturen
überzogen, die nur wenige Nanometer (also millionstel
Millimeter) klein sind. Und das ist es, was die Einzeller
für die Forschung so interessant macht: Sie sind exzellente
Baumeister im Nanometerbereich.
"Sie produzieren komplexe 3-D-Strukturen mit großer
Genauigkeit in offenbar unendlichen
Variationsmöglichkeiten", sagt Nils Kröger vom Georgia
Institute of Technology in Atlanta. Von diesem Kunststück
ist die Nanotechnologie noch meilenweit entfernt. Sie gilt
zwar als Schlüsseltechnologie des 21. Jahrhunderts, doch so
richtig in die dritte Dimension ist die Fertigung noch
nicht abgehoben, findet Mark Hildebrand. "Mit den bekannten
Prozessen entstehen vor allem zweidimensionale Strukturen
und nur Rudimentäres in 3-D", sagt der Experte für
Diatomeen-Zellwände von der Scripps Institution of
Oceanography an der University of California, San Diego.
Auch von der Fertigungsgeschwindigkeit der einzelligen
Baumeister können menschliche Nanotechnologen nur träumen:
Mehrmals am Tag teilen sich die Zellen mitsamt Gehäuse, das
wie eine Butterbrotdose aus zwei Hälften aufgebaut ist. Bei
nur drei Teilungen am Tag entstehen so innerhalb von zehn
Tagen mehr als eine Milliarde Zellen mit perfekt
ausgearbeiteten Gehäusen in 3-D. Da kann kein industrieller
Fertigungsprozess mithalten. Schon gar nicht im
Nanometerbereich.
Doch von der industriellen Produktion ist auch die
Kieselalgen-Nanotechnologie noch weit entfernt. "Noch gibt
es keine kommerzielle Anwendung, die auf
Diatomeen-Nanotechnologie basiert", sagt Richard Gordon.
Die Forschungsrichtung entwächst gerade erst den
Kinderschuhen. Erste Patente wurden angemeldet, Ideen und
Visionen gibt es viele. Gordon hat sie erst kürzlich wieder
in einem Artikel im Fachmagazin "Trends in Biotechnology"
zusammengefasst.
Der Fantasie scheinen keine Grenzen gesetzt: "Man könnte
mit Diatomeengehäusen medizinische Wirkstoffe in den Körper
einschleusen", sagt er. Da sie wie Perlmutt irisieren, also
das Licht in die Regenbogenfarben brechen, könnten sie für
die Kosmetikindustrie interessant sein. Oder man nutzt sie
wie photonische Kristalle als Lichtleiter in der
Kommunikation oder als UV-Schutz. "Selbst
Mikro-Flüssigkeiten, die sich von selbst fortbewegen, sind
denkbar", sagt Gordon. Ein Einsatz in der
Silizium-Nanometerwelt der Halbleiterindustrie drängt sich
geradezu auf.
Für Wissenschaftler wie Kröger oder Hildebrand, die in
ihren Labors versuchen, den Einzellern die Geheimnisse der
filigranen Siliziumwände zu entlocken, ist das noch
Science-Fiction im wahrsten Sinne des Wortes. Sie versuchen
gerade erst, eine der zentralen Fragen der Biologie zu
beantworten: Wie entsteht aus einem eindimensionalen
linearen genetischen Code ein mehrdimensionaler, filigran
ausgearbeiteter Körper?
Die Forscher kennen zwar bereits viele der Hauptbeteiligten
am Gehäuseaufbau, etwa bestimmte komplexe Proteine, die es
so in keinem anderen Organismus gibt. Oder die 75 Gene des
Siliziumstoffwechsels. Doch noch entwickeln sie vor allem
die Werkzeuge, mit denen sie die Gen-Maschinerie einmal
kontrollieren wollen.
Kröger und seine Kollegin Nicole Poulsen entdeckten 2005
etwa einen Genabschnitt, den sie an- und ausschalten
können, je nachdem, ob sie ihre Einzeller mit Ammonium oder
Stickstoff füttern. Hildebrands Gruppe und andere arbeiten
an Techniken, mit denen sie kontrollieren können, wie viel
von welchem Genprodukt hergestellt werden soll. Und sie
identifizieren weitere Gene, die am Aufbau der
Siliziumdioxidwände beteiligt sind.
Doch die Forscher wollen nicht nur Silizium kontrolliert
wachsen lassen. Sie wollen es auch nutzen. 2007 brachten
Kröger und Poulsen ihre "Hausalge" dazu, ein Enzym in ihr
poröses Skelett einzubauen. Das machte das Enzym
unempfindlicher gegen Hitze und organische Lösungsmittel.
Solche Eiweiße seien interessant als wiederverwendbare
industrielle Katalysatoren, sagt Kröger.
Kenneth Sandhage von der Ohio State University in Columbus
geht dagegen einen ganz anderen Weg. In einem inzwischen
patentierten Verfahren namens BaSIC ersetzt er das
Siliziumdioxid Molekül für Molekül durch andere Substanzen.
Ergebnis ist eine dreidimensionale Replik des
ursprünglichen Kieselalgengehäuses mit all seinen Poren und
Strukturen - aus Magnesiumoxid, aus Titandioxid oder aus
elementarem Silizium. "Die Materialien erweisen sich als
äußerst effektive Gas-Sensoren oder Katalysatoren", preist
Kröger die Arbeit seines Kollegen an.
Als nächsten Schritt wollen die Kieselalgenforscher die
Nanostrukturen der Algenzellwände gezielt verändern. "Wir
hoffen, eines Tages die Größe der Poren, ihre Form und die
Symmetrie der Porenmuster steuern zu können", sagt Kröger.
Er gibt sich und seinen Kollegen fünf bis zehn Jahre, in
denen sie wesentliche Erfolge vorweisen müssen: "Nur dann
wird die Kieselalgen-Nanotechnologie eine Zukunft haben."
Doch die Forschergemeinde im Bereich
Diatomeen-Nanotechnologie ist klein. Kieselalgen waren
immer ein Randthema in der Biologie, oft nur ein Hobby für
Liebhaber wie Richard Gordon. Mit ein wenig Neid blicken
die professionellen Forscher auf die Milliardentöpfe in
anderen Forschungsbereichen. "Die Diatomeen-Nanotechnologie
erhält weltweit geschätzt vielleicht eine Million Dollar
pro Jahr", sagt Kröger. Wahrscheinlich haben einige der
Geldgeber noch nicht tief genug in die Mikroskope geblickt.
Sonst würden sie außer der Schönheit der Glaspaläste auch
erkennen, was sonst noch alles aus einer Handvoll Sand
herauszuholen wäre.
Kasten:
Kieselalgen Kohlendioxid-Wunder Kieselalgen oder Diatomeen
sind Einzeller, die in Meeren, Flüssen und Seen leben und
einen Teil des pflanzlichen Planktons bilden. Sie leisten
wichtige ökologische Aufgaben: Sie binden zum Beispiel so
viel Kohlendioxid (CO2) wie alle Regenwälder zusammen.
Einzellige Siliziumfabriken Kieselalgen sind der
Hauptproduzent von Silizium im Meer. Sie leben in
filigranen Gehäusen aus Siliziumdioxid, den Frusteln. Die
Einzeller nehmen das im Wasser gelöste Silizium auf und
verarbeiten es zu porösen, aber sehr stabilen Zellwänden.
Asphalt und Zahnpasta Prähistorische Ablagerungsschichten
fossiler Kieselalgengehäuse sind teilweise mehrere Hundert
Meter hoch. Aus ihnen wird der Kieselgur, die
Diatomeenerde, abgebaut. Kieselgur wird verwendet als
Filtermaterial, Putzkörper in Zahnpasta, in Autoreifen und
Asphalt, als Schleif- und Poliermittel. Es war auch
Trägermaterial für Zyklon B, und Alfred Nobel vermengte es
einst mit Nitroglyzerin zu Dynamit.
Handelsblatt, Fortschritt, S. 9, 23.
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