Feinschliff an medizinischen Rohdiamanten
In Dortmund hat die Max-Planck-Gesellschaft ein neues Zentrum gegründet, um das enorme Potenzial der Grundlagenforschung im Bereich der Arzneimittelforschung besser zu nutzen und die Lücke zwischen Grundlagenforschung und industrieller Produktentwicklung zu überbrücken – damit Innovationen nicht verloren gehen.
MaxPlanckForschung Spezial, S. 46,
2009
MPF0809 - Dortmund, am Rande der Stadt: Hier im
Südwesten hat sie Kohle und Fördertürme schon lange hinter
sich gelassen. Im Technologiepark stehen
Forschungsinstitute, die Technische Universität, die
Fachhochschule. Rund 280 kleine und größere Unternehmen der
Elektro-, Mikro- und Nanotechnologie haben seit Mitte der
1980er-Jahre ihre Heimat auf dem Campus in der Nähe der
Akademien gefunden. Ein sichtbarer Beleg für den
Strukturwandel, den die Region seit Jahrzehnten
vorantreibt. 26 dieser Unternehmen erwirtschaften ihren
Umsatz im Bereich der Lebenswissenschaften: Bio-IT,
Analysetechnik, Medizintechnik. Firmen, wie man sie
wahrscheinlich in jedem Technologiepark einer größeren
Stadt findet.
Im November 2008 jedoch öffnete im ersten und zweiten
Obergeschoss des ansässigen Biomedizinzentrums ein
Unternehmen, das es so noch nirgendwo in der Republik gibt:
das Lead Discovery Center, kurz LDC. Gründer: die
Max-Planck-Innovation, die Technologietransfer-Stelle der
Max-PlanckGesellschaft. Wer dahinter ein weiteres
Max-Planck-Institut vermutet, liegt verkehrt: „Das ist eine
eigenständige Firma“, erklärt Matthias Stein-Gerlach,
Patent- und Lizenzmanager bei MaxPlanck-Innovation.
Der Name der GmbH gibt das Ziel vor: ‚Lead‘ ist ein Begriff
aus der Arzneimittelentwicklung. Dabei geht es aber nicht
um die Führerschaft in einer Medikamentenklasse. Ein ‚Lead‘
ist ein gut charakterisierter Vertreter einer
Substanzklasse, der sich in der frühen, ersten Phase der
Wirkstoffforschung herauskristallisiert. Es ist der Kern,
um den sich alles dreht, der molekulare Rohdiamant, der
erst noch zum potenten Wirkstoff geschliffen werden muss.
„Am Lead Discovery Center werden keine Medikamente
entwickelt, sondern mit Ideen aus der Grundlagenforschung
neue Substanzen entdeckt, aus denen dann später in der
Pharmaindustrie Arzneimittel entstehen“, beschreibt
Stein-Gerlach das Konzept.
POTENTE WIRKSTOFFE AUS DER
GRUNDLAGENFORSCHUNG
Medikamentenentwicklung ist ein ureigenes Feld der
Industrie. An den Max-Planck-Instituten und anderen
akademischen Forschungseinrichtungen gibt es zwar Ansätze
dazu, „aber das sind im Grunde nur kleine Bausteine des
Ganzen“, sagt Stein-Gerlach. Um eine Institution wie das
LDC aufzubauen, war klar, dass es Experten aus der
Industrie braucht, die den Prozess auch managen können, die
mehrere Jahre Industrieerfahrung in der Drug Discovery
haben. „Und wir wollten ein Haus, mit dem wir solche Leute
begeistern können, wo man ein eigenes Geschäftsmodell
etablieren kann und wo wir auch von den Gehaltsstrukturen
im öffentlichen Dienst unabhängig sind“, sagt
Stein-Gerlach. Deshalb das Firmenkonzept. Der
Wissenschaftsmanager ist einer der Initiatoren und Leiter
eines Projekts mit Namen „Drug Discovery & Development
Center“ (DDC). Das LDC ist der erste bereits umgesetzte
Baustein des DDC-Gesamtkonzeptes.
Der zweite hat bisher nur einen Arbeitstitel: Development
Company (DC) – und befindet sich im Aufbau. Dort werden die
Rohdiamanten aus dem LDC den ersten Feinschliff erhalten,
bevor sie an Pharmafirmen lizenziert werden, die sie zu
potenten Arzneimitteln veredeln.
Während das LDC finanziell noch eine Verbindung zur
Max-Planck-Gesellschaft hat, wird das DC komplett privat
finanziert werden. „Die Development Company ist eine
Spielwiese für sämtliche Geschäftsmodelle, die Biotech so
hat – Co-Development, Co-Finanzierung, Kooperation“,
erklärt Stein-Gerlach. Ziel des Gesamtkonzeptes ist es,
eine Lücke zu schließen, indem das LDC eine Brücke baut
zwischen Grundlagenforschung und industrieller
Arzneimittelentwicklung. Das zu lösende Problem: Es gibt
viele gute Ideen für medizinische Wirkstoffe, gerade in den
Max-Planck-Instituten, doch viel zu selten schafft es eine
davon in die Industrie. „Einige dieser Ansätze werden in
ausgegründeten Unternehmen für den Markt weiterentwickelt
oder als Patente über die Max-Planck-Innovation an Dritte
auslizenziert“, sagt Stein-Gerlach. Erfolgsbeispiel ist
etwa das Krebsmedikament Sutent®. Das Mittel mit einem
neuen Wirkprinzip gegen Nierenzellkrebs war in den
1990er-Jahren von Max-Planck-Wissenschaftlern um Axel
Ullrich entwickelt worden. Es hat 2006 die Zulassung in den
USA und für die EU bekommen.
Die meisten therapierelevanten Ergebnisse der
Max-Planck-Forscher befänden sich aber in einem zu frühen
Stadium, so Stein-Gerlach. Oft seien sie deshalb für die
Pharmaindustrie oder für private Investoren nicht
interessant genug. Ist auch das Ziel nicht genau erkennbar
oder wird gar ein völlig neuer Ansatz gewählt, bekommen die
etablierten Firmen kalte Füße: „Da sagen sie schnell, das
ist uns zu riskant“, sagt Bert Klebl, der sich mit dem
Chemiker Peter Nussbaumer die Geschäftsführung am LDC
teilt.
Die Unwägbarkeiten der frühen Phase der
Medikamentenentwicklung sind wohl auch der Grund dafür,
dass sich große Pharmafirmen immer öfter aus diesem Bereich
zurückziehen. Viele dachten, dass quirlige, kleine
Biotech-Unternehmen in die Bresche sprängen. Doch diese
Hoffnung hat sich nicht erfüllt. „Abgesehen von einigen
wenigen Beispielen gibt es heute in Deutschland kaum noch
forschende Biotechnologie-Unternehmen. Die haben sich meist
auf Serviceleistungen zurückgezogen“, sagt Klebl, der auch
wissenschaftlicher Leiter des Max-Planck-Start-ups ist.
Er und Nussbaumer haben selbst mehrere Jahre in der Pharma-
wie in der Biotech-Szene gearbeitet. Jetzt wollen sie und
ihre mehr als 30 Mitarbeiter ein Bindeglied sein zwischen
zwei Welten, die sich auseinandergelebt haben: akademische
und industrielle Forschung. „Wir wollen die Beteiligten
wieder an einen Tisch bringen und ihre Dolmetscher sein“,
sagt Klebl. Das Problem: Beide Welten verfolgen
verschiedene Ziele. Grundlagenforscher sind ständig auf der
Suche, sie wollen Neues entdecken, auch abseits des Weges.
Das bringt sie weiter, und es bringt ihnen Publikationen.
Das interessiert den Industrieforscher aber überhaupt
nicht: „Dort wird nur am Projekt mit klaren Etappen und
definierten Meilensteinen gearbeitet“, sagt Klebl. Wer den
Hauptpfad verlässt, läuft Gefahr sich zu verfransen. Seinem
Spieltrieb, im positiven Sinne, seiner Neugier zu folgen,
dafür ist keine Zeit: „Das kostet zu viel Geld“, sagt
Klebl.
KOSTSPIELIGE ENTWICKLUNG, HOHES RISIKO
Die Entwicklung eines Medikaments ist aber zeitraubend,
teuer und risikoreich. Von der ersten Idee bis zum fertigen
Arzneimittel in der Apotheke vergehen in der Regel zehn bis
15 Jahre. Die Entwicklungskosten liegen nach Angaben des
Verbandes der forschenden Pharmaunternehmen bei 600
Millionen Euro, andere Berechnungen gehen von 100 Millionen
Euro aus. Als Faustregel gilt: Auf ein erfolgreiches
Projekt kommen 99 Misserfolge. Die hohe Ausfallrate hat
aber nicht nur wissenschaftliche, sondern auch strukturelle
Gründe innerhalb der Pharmafirmen und Biotech-Unternehmen.
Ein Problem, dass es im LDC nicht geben soll: „Wir müssen
zwar auch damit rechnen, das ein Projekt nicht
funktioniert, bei uns entfällt aber das Risiko der
politischen Entscheidungen“, sagt Stein-Gerlach.
Beispiel Biotech-Branche. „In diesen kleinen Unternehmen
klammert man sich krampfhaft an ein oder zwei Projekte und
unternimmt alles, um diese weiterzutreiben, weil sonst die
Pleite droht“, sagt Stein-Gerlach. Im Pharmabereich hängen
oft finanzielle Boni am Erreichen der nächsten
Projektphase. Auch da werde dann immer wieder versucht, mit
einem – wissenschaftlich betrachtet – wenig Erfolg
versprechenden Kandidaten in die nächste Runde zu kommen.
Anders im LDC: „Hier wird nur nach wissenschaftlicher
Qualität gefiltert“, sagt Stein-Gerlach. Das
Geschäftsmodell sieht nicht vor, eine Projekterhaltung
extra zu belohnen. Man habe keine Angst, ein Projekt durch
ein neues zu ersetzen; das nächste stehe sowieso schon in
den Startlöchern. „Das ist ein bisschen wie ein
Biotech-Unternehmen mit einer nie endenden Pipeline“, sagt
er, „die sich aus der Forschung an rund 30
Life-Science-Instituten der Max-Planck-Gesellschaft
speist.“ Damit ist für Nachschub gesorgt.
DEN AKTIENKURS FEST IM BLICK
Ein anderes Problem ist der Konflikt zwischen Wissenschaft
und Kapital in der Pharmabranche, aber noch viel mehr in
den Biotech-Schmieden: „Die Wissenschaftler dort kämpfen
mit sehr kurzen Investitionszyklen von nur zwei, drei
Jahren, die sie mit den langen Entwicklungszeiten
koordinieren müssen“, sagt Bert Klebl. Es komme oft zu
einem Wechselspiel zwischen Geldgeber und
Firmenangestellten, bei dem es weniger um wissenschaftliche
als um wirtschaftliche Ziele gehe. Anders ausgedrückt: Der
Blick auf den Aktienkurs und die Zufriedenheit des
Investors bestimmt die Art, in der wissenschaftliche
Ergebnisse präsentiert werden. Am LDC sei man unabhängig
von solchen kurzen Investitionszyklen – und von Leuten,
denen es nur darum gehe, Wissenschaft so schnell wie
möglich zu vergolden.
Was nicht heißt, dass man am LDC kein Geld verdienen will,
im Gegenteil. Es handelt sich schließlich um eine Firma.
Eine Einnahmequelle werden langfristig die Rückläufe sein
aus Lizenzen für Entwicklungen aus dem LDC. Es wurde extra
ein Fonds aufgelegt, der in die Projekte des DC investiert
und daraus Gewinne erwirtschaften soll. Die tägliche Arbeit
wird zunächst durch unterschiedliche Quellen finanziert,
unabhängig von den Spielregeln des Kapitalmarktes: private
Investitionen, Spenden, öffentliche Fördergelder. Hinzu
kommen Mittel für Projekte der Max-Planck-Gesellschaft und
anderer Institute, die ihre Projekte in
Entwicklungspartnerschaften mit dem LDC einbringen. Gleich
zu Anfang kam noch ein warmer Geldregen in Form eines
Preisgeldes hinzu: Im September 2008 gewann das DDC-Konzept
den BioPharma-Strategiewettbewerb des
Bundesforschungsministeriums in Höhe von 20 Millionen Euro.
Nach drei Jahren und erfolgreicher Evaluation kann der
Gewinn durch weitere Millionen aufgestockt werden.
Mit dem Geld aus öffentlichen und privaten Mitteln arbeiten
die mehr als 30 Mitarbeiter derzeit an sechs Projekten.
Darunter eines, bei dem am Ende vielleicht ein Medikament
gegen Krebs oder Alzheimer herauskommen könnte. Matthias
Baumann, Experte für Pharmakokinetik, leitet das Projekt,
das intern unter dem Namen PP2A läuft und vieles von dem
vereint, was typisch für ein LDC-Projekt ist: Die Idee
stammt aus einem Max-Planck-Institut, es hat eine gute
wissenschaftliche Basis und einen originellen Ansatz, den
man bei einer Pharmafirma eher nicht verfolgen würde.
HOFFNUNGSTRÄGER GEGEN KREBS UND ALZHEIMER
Initiator des Projekts ist eine Gruppe von Forschern um die
Humangenetikerin Susann Schweiger, die heute an der
britischen University of Dundee arbeitet. Bevor sie nach
Schottland ging, forschte sie am Max-Planck-Institut für
molekulare Genetik in Berlin in der Abteilung von
Hans-Hilger Ropers, an die sie heute noch eng assoziiert
ist. Unterstützung bekommt das Team von Rainer Schneider
vom Institut für Biochemie der Universität Innsbruck.
Ausgangspunkt des Projekts ist das Molekül
Proteinphosphatase 2A (daher die Abkürzung PP2A), ein
Enzym, das einen an den Aminosäurerest eines Moleküls
gekoppelten Phosphatrest abspaltet. Diesen Vorgang
bezeichnen Wissenschaftler als Dephosporylierung. „PP2A
spielt in sehr vielen zellulären Signalwegen des Körpers
eine Rolle“, sagt Baumann. Medizinisch ist das Molekül
besonders interessant, weil es ein sehr potenter
Tumorsuppressor ist. „Wenn man PP2A“, sagt Baumann, „mit
einem Wirkstoff aktivieren oder aber seine Blockade
verhindern kann, dann hat man gute Chancen, Krebszellen am
Wachstum zu hindern.“ Doch nicht nur das: Weil PP2A zudem
eine wichtige Funktion bei der Regulation von Proteinen
hat, die mit dem Zytoskelett einer Zelle zusammenhängen,
spielt es auch bei Alzheimer eine Rolle.
Die Wurzeln dieses Projektes liegen weit in der
Vergangenheit. In den sechziger Jahren beschrieb der
amerikanische Genetiker John Opitz eine genetische
Erkrankung, die durch Fehlbildungen der Mittelachse des
menschlichen Körpers charakterisiert ist. Die Erkrankung
wurde nach ihrem Erstbeschreiber Opitz-Syndrom genannt. So
Betroffene kommen mit einer Kiefer- oder Gaumenspalte auf
die Welt, die Augen sind zu weit voneinander entfernt und
die Harnröhre ist missgebildet.
Erst in den Neunzigerjahren zeigte sich dann, was die
genetische Ursache für zumindest einen Teil der Betroffenen
war: die Mutation eines Gens mit Namen MIDLINE 1, kurz
MID1. Ist es nicht mehr voll funktionsfähig, läuft die
Embryogenese aus dem Ruder.
KEIN EXKLUSIVER CLUB
2001 entdeckte die Berliner Gruppe um Schweiger, Ropers und
Schneider in der Entstehung des Opitz-Syndroms einen
entscheidenden Zusammenhang: Das von MID1 kodierte
gleichnamige Protein bindet über eine regulatorische
Untereinheit an PP2A – mit dem Ergebnis, dass PP2A abgebaut
wird. Das ist der Normalfall. Bei Menschen mit dem
Opitz-Syndrom funktioniert genau das aber nicht. Bei ihnen
ist daher der Level von PP2A erhöht – genau der Zustand,
der für Krebs- und Alzheimerpatienten vorteilhaft wäre,
würde er doch in dem einen Fall das Wachstum von
Krebszellen, im anderen Fall die Alzheimer auslösende
Zusammenlagerung der sogenannten Tau-Proteine verhindern.
Dass dies alles so funktionieren könnte, bestätigen die
Labor-Untersuchungen der Forschergruppe, mit denen Baumann
und seine Kollegen zusammenarbeiten. „Wenn wir eine
ähnliche Situation, wie sie im Körper bei Opitz-Patienten
vorliegt, herbeiführen könnten, haben wir einen Schalter,
einen Ansatzpunkt, um vielleicht Alzheimer und Krebs zu
therapieren“, sagt Baumann. Also suchen die Forscher nach
einer Substanz, mit der sie MID1 hindern können, an die
regulatorische Untereinheit zu binden und PP2A zu
neutralisieren.
Das PP2A-Projekt ist ein Beispiel dafür, wie ein Vorhaben
aussehen muss, das den Review-Prozess überstehen will.
Einfach nur eine Idee zu haben, genügt nicht: „Das Vorhaben
sollte schon gut durch Tests validiert sein“, sagt Baumann.
Erste Versuche, die die Hypothesen bestätigen, sollten in
jedem Fall vorhanden sein. Das PP2A-Projekt ist nur eines
von drei Projekten, die ein Mittel gegen Krebs
hervorbringen könnten und das vielleicht einmal in die
Fußstapfen von Sutent® treten könnte.
Bei anderen haben die Wissenschaftler Autoimmunkrankheiten
und Entzündungen im Visier. In allen sechs Projekten
handelt es sich um Grundlagenforschung aus
Max-Planck-Instituten. Doch das ist erst der Anfang. Das
LDC soll auch anderen Forschungseinrichtungen,
Universitäten und auch Firmen in ganz Europa offen stehen.
„Es soll kein Exklusivclub für die Max-Planck-Gesellschaft
bleiben“, betont Stein-Gerlach. Auch an anderen Instituten
gibt es gute Wissenschaftler mit interessanten Ideen. Denen
will man genauso helfen, den Sprung in die Industrie zu
schaffen. Das LDC wird jedes Mal daran mitverdienen. Und
Forschungsprojekte, die mit öffentlichen Mitteln gefördert
wurden, hätten eine Chance, etwas an die Öffentlichkeit
zurückzugeben. Schon jetzt wird es eng in den Büros und
Labors im Biomedizinzentrum in Dortmund; der Umzug steht
an, ein paar Blocks weiter. Die Arbeitsfläche wird sich
mehr als verdoppeln und somit Platz schaffen, um neue Ideen
auszutesten.
KASTEN: Der lange Weg zum Medikament
Eine Substanz, die einmal Wirkstoff eines potenten
Medikaments werden will, durchläuft ein Auswahlverfahren
wie bei „Germany‘s Next Top Model“ oder „Deutschland sucht
den Superstar“ – es sind drei große Phasen bis zur
Medikamentenzulassung, ein Prozess, der bis zu 15 Jahre
dauern kann: Ausgangspunkt ist oft ein Target, eine
Zielstruktur im Körper, die im Zusammenhang mit einer
Krankheit steht und Angriffspunkt für einen Wirkstoff sein
kann – um den Krankheitsverlauf zu hemmen oder positiv zu
beeinflussen. Zum Beispiel ein Rezeptor, also eine
Andockstelle für ein Signalmolekül, das Teil des
entzündlichen Prozesses ist. Haben die Forscher diese
Zielstruktur entdeckt, versuchen sie eine Substanz zu
finden, die daran ansetzt und diese aktiviert oder hemmt.
Dabei folgen sie meistens dem alten Spruch „Probieren geht
über Studieren.“
Tausende von Stoffen, sogenannte Compounds, in
Substanzbibliotheken werden in automatisierten Verfahren an
der Zielstruktur getestet, bis sich eine Molekülstruktur
herauskristallisiert, die das Zeug zum Wirkstoff in sich
trägt. Das ist der erste Teffer, der ‚Hit‘. Kann man ihn
weiter optimieren, wird er zur Leitstruktur, dem ‚Lead‘.
Ist dieser Rohdiamant entdeckt, wird ein ausgewählter
Vertreter dieser Leitstrukturserie entwickelt. „Man geht
von einem Gerüst aus, dem Scaffold, das dann
unterschiedlich dekoriert wird, um zu sehen, ob das Molekül
potenter wird, löslicher oder vielleicht auch toxischer“,
sagt Matthias Baumann, Biologe und Experte für
Pharmakokinetik am LDC. So ein Gerüst kann beispielsweise
eine chemische Struktur wie ein Aminopyrimidin sein, ein
Ring aus vier Kohlenstoff- und zwei Stickstoffatomen plus
einer Aminogruppe. An diese hängt man verschiedene andere
chemische Gruppen, von denen man sich eine Verbesserung der
Wirkung erhofft.
Hilfreich ist dabei die Röntgenkristallstruktur des Targets
zusammen mit der betreffenden Substanz. Dann wisse man, wie
ein Molekül zu liegen kommt, zum Beispiel in der aktiven
Tasche eines Enzyms, erklärt Baumann. „Man sieht, wo noch
Platz ist, wo man noch Interaktionen mit dem Enzym knüpfen
kann, etwa über Wasserstoffbrückenbindungen“. Der Schlüssel
wird immer besser ans Schloss angepasst, die Substanz
gewinnt an Potenz und Selektivität.
Der Lead wird dann in immer komplexeren Situationen
getestet, erst in Lösungen, dann in Zellen, schließlich im
Tierversuch. Übersteht er diese Hürde, so gilt dies als
„Proof of Concept“. Bis hierhin bietet das LDC seine
Leistungen an.
In der präklinischen Phase wird dieser Wirkstoff vor allem
in Tierversuchen von Maus bis Affe genauer unter die Lupe
genommen, um herauszufinden, wie er durch den Stoffwechsel
wandert, welche Nebenwirkungen er produziert.
Am Ende des „Wirkstoff-Contests“ steht die Klinische Phase.
In drei Stufen (Phase 1-Studie, Phase 2-Studie, Phase
3-Studie) wird der Wirkstoff in immer aufwendigeren Studien
an immer mehr Menschen auf Anwendbarkeit, Sicherheit und
Wirksamkeit im Vergleich zu einem Scheinmedikament
(Placebo) getestet. Erst wenn der Stoff diese Hürden
genommen hat, ist das Auswahlverfahren beendet. Die
Zulassung kann kommen.
MaxPlanckForschung Spezial, S. 46,
2009
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