Wenn Patienten ihre Galle selber spülen
Ein großes Glas Olivenöl, dazu Grapefruitsaft, dann hundert Gramm Bittersalz in Wasser gelöst - mit dieser Rosskur aus dem Internet wollte ein Patient seine Gallensteine bekämpfen. Und tatsächlich: Jeden Morgen fand er kleine Steinchen im Stuhl. Nur waren es nicht seine Gallensteine.
Spiegel Online, Wissenschaft, 13.
September 2009
SPO130909 - Es ist
nicht einfacher geworden für Ärzte im Internetzeitalter.
Patienten sind zwar häufig besser informiert über
Krankheiten und Symptome. Was ein Segen ist, kann aber auch
zum Fluch werden, den ein Arzt jedes Mal dann zu spüren
bekommt, wenn ein Patient schon beim Reinkommen anmeldet:
"Herr Doktor, ich habe da im Internet etwas gelesen, ich
glaube, ich weiß schon was ich habe."
Besonders problematisch wird es, wenn Patienten anfangen
sich selbst zu therapieren, nach Anleitungen obskurer
Heiler oder gemäß den Tipps in Gesundheitsforen im
Internet. "Wir erleben in unserer täglichen Praxis immer
häufiger, dass Patienten Selbstdiagnosen und
Selbstbehandlungen auf der Basis von Wissen stellen, das
sie durch Internetrecherche akquiriert haben", sagt Nils
Ewald vom Universitätsklinikum Gießen.
Der Internist hat vor einem halben Jahr einen ganz
typischen Fall von Selbsttherapie erlebt. Beschrieben hat
er ihn jetzt in der aktuellen Ausgabe der Deutschen
Medizinischen Wochenschrift (DMW).
Bei einem 59-jährigen Mann waren bei einer
Ultraschalluntersuchung Gallensteine nachgewiesen worden.
Da die Steine keine Probleme bereiteten, gab es keinen
Grund sie zu behandeln. Der Mann war offenbar anderer
Meinung und hatte im Internet nach schonenden Therapien
gesucht, um sie wieder los zu werden. Dabei war er auf ein
häufig empfohlenes "Leberreinigungsprogramm gegen
Gallensteine" gestoßen, eine alternative Entschlackungskur,
die die Steine aus dem Körper befördern soll.
"Trotz der Kur hatten sich die Gallensteine
überhaupt nicht verändert"
Ganz nach der Devise: "Gute Medizin muss bitter schmecken"
zog er alle vier Wochen immer die gleiche Prozedur durch:
Nach einer zwölfstündigen Fastenkur trank er zunächst ein
großes Glas Olivenöl (400 Milliliter), gefolgt von 100
Millilitern Grapefruitsaft. Dann mischte er hundert Gramm
Magnesiumsulfat, auch als Bittersalz bekannt, in 800
Milliliter Wasser. Diese Mixtur trank er verteilt über
zwölf Stunden. Damit die Therapie ihre Wirkung auch voll
entfalten konnte, legte er sich wie vorgeschrieben jedes
Mal auf den Rücken, um die Trinkkur durchzuführen.
Der Erfolg stellte sich zuverlässig am nächsten Morgen ein.
Internist Ewald: "Der Patient fand im Stuhl etwa hundert
grünlich-gelbliche steinartige Gebilde, die man durchaus
für Gallensteine halten könnte." Die Therapie funktionierte
offensichtlich, also machte der 59-Jährige weiter. Da die
Steine aber nach vier Trinkkuren nicht weniger wurden,
fotografierte er sie und zeigte sie seinem Hausarzt. Der
schickte ihn angesichts der "massiven Neigung zu
Gallenstein" in die Gastroenterologie der Uniklinik Gießen
zu Nils Ewald.
Ewald checkte die Gallensteine zunächst mit dem
Ultraschall, von Anfang an skeptisch was den Erfolg der
alternativen Leberreinigung anging. Sein Verdacht
bestätigte sich: "Trotz der Kur hatten sich die
Gallensteine überhaupt nicht verändert. Es waren genau so
viele, sie hatten die gleiche Form und Größe." Doch woher
stammten dann die ausgeschiedenen Steinchen des Patienten?
Der Internist begannen im Internet zu recherchieren: "Wir
fanden weit über 500.000 Einträge zu Stichworten wie
'Leberreinigung' und 'Gallenspülung', oder dem Englischen
'gallstone flushing' oder 'liver cleansing'", sagt Ewald.
Zur Überraschung des Mediziners priesen auch einige von ihm
befragte Heilpraktiker die Methode an. In der medizinischen
Fachliteratur fand er hingegen nichts, was modernen
Kriterien einer guten Therapie entspricht.
Ewald beschloss, der Sache auf den Grund zu gehen. Er ließ
die vermeintlichen Gallensteine seines Patienten im Labor
untersuchen. Das Ergebnis war eindeutig: keine
Gallensteine. "Es fehlte die typische kristalline
Struktur", sagt Ewald. Die chemische Analyse konnte auch
keine gallensteintypischen Bestandteile nachweisen, kein
Cholesterin, kein Bilirubin, kein Kalzium. Stattdessen
Fettsäuren. Die waren für Ewald der Hinweis, dass die
schmierigen Steinchen durch den chemischen Prozess der
Verseifung entstanden waren. Die Ausgangsprodukte für die
im Englischen auch 'soap stones' genannten Krümel, hatte
der Patient sich alle vier Wochen selbst zugeführt:
fettiges Olivenöl, sauren Grapefruitsaft und die
Bittersalzlösung.
Die vermeintlich harmlose Prozedur kann in seltenen
Fällen böse enden
Um ganz sicherzugehen, dass die vermeintlichen Gallensteine
eine Ergebnis der alternativen Entschlackungskur waren,
wagten Ewald und zwei seiner Kollegen einen wagemutigen
Selbstversuch. "Das hat ja eine schöne Tradition in der
Naturwissenschaft", sagt er schmunzelnd. Auf die Frage, wie
man fast einen halben Liter Olivenöl herunterbekommt, meint
er nur: "Reine Willenssache." Vor dem Versuch hatten die
Mediziner per Ultraschall und Untersuchungen
ausgeschlossen, dass sie Gallensteine hatten. Das Ergebnis
der Entschlackungskur war eindeutig: "Wir drei schieden
alle dieselben Steinchen aus wie unser Patient." Übrigens
völlig schmerzlos.
Die ganze Geschichte ist für Ewald und seine Kollegen ein
klarer Beleg für ein allgemeines Problem: "Seriöse und
objektive medizinische Informationen sind für einen Laien
nur schwer von persönlichen Meinungen einzelner
Internetautoren oder gar von Scharlatanerie zu trennen."
Der 59-jährige Patient hätte sich indes einiges ersparen
können, hätte er nur richtig gesucht. Denn es gibt durchaus
Seiten, die vor den Leberreinigungsmethoden warnen, zum
Beispiel auf Esowatch.com, einem
Wikipedia-ähnlichen Lexikon über Pseudowissenschaft,
Esoterik und Verschwörungstheorien. Auf der
Skeptiker-Seite wird schnell klar, das es sich um
eine pseudomedizinische Therapie handelt. Und: Die
vermeintlich harmlose Prozedur kann in seltenen Fällen
böse enden. 2006 berichteten Mediziner von einem
Zwischenfall nach einer "alternativen Leberreinigung".
Die Bauchspeicheldrüse, die angesichts der Fettmengen
Schwerstarbeit leisten musste, hatte sich entzündet. Der
Patient landete im OP.
Der 59-Jährige scheint indes überzeugt von der Methode. Als
der Internist noch mal mit dem Hausarzt telefonierte, um
ihm die Ergebnisse der genauen Analysen mitzuteilen,
erklärte der: Der Patient reinige seine Leber nach wie vor
mit der öligen Entschlackungskur. Und habe jeden morgen
sein krümeliges Erfolgserlebnis.
Spiegel Online, Wissenschaft, 13.
September 2009
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