Gesund getrickst
Wissenschaft in der Werbung soll Verbraucher von der Seriosität und der Wirksamkeit der Produkte überzeugen. Doch Männer und Frauen in weißen Kitteln und Hinweise auf wissenschaftliche Studien haben nur zweifelhafte Beweiskraft.
MedBiz, Beilage Financial Times
Deutschland, S. 10, 1. März 2007
MB/FTD010307 - Wenn die Haarpracht schwindet,
kratzt das am Ego – vor allem, wenn die Diagnose „erblich
bedingter Haarausfall“ lautet. Denn dagegen scheint kein
Kraut gewachsen zu sein. Doch es gibt Hoffnung. Zumindest
wenn man der Werbung für das Haarwaschmittel Alpecin C1
glaubt. Koffein sei der Schlüssel gegen das unvermeidliche
vorzeitige Schwinden des Haupthaares: „Stärkt geschwächte
Haarwurzeln. Beugt erblich bedingtem Haarausfall vor“,
verspricht der Hersteller, die Firma Dr. Kurt Wolff aus
Bielefeld.
Um die Aussagen wirkungsvoll zu unterstreichen, setzt das
Unternehmen auf seiner Website auf die geballte
Überzeugungskraft von Wissenschaft und Forschung. Verweise
auf Studien an der Universität Jena und der Berliner
Charité, mikroskopische Aufnahmen von Haarfollikeln,
Diagramme und detaillierte Beschreibungen des
Studienaufbaus beeindrucken den Laien und bringen ihn zu
der Überzeugung: Die Wirkung des Shampoos ist
wissenschaftlich belegt.
Ob allerdings die Untersuchungen, mit denen Firmen für ihre
Produkte werben, die versprochene Wirkung tatsächlich
beweisen, darf bezweifelt werden. Denn es geht selten um
objektive Befunde, wenn Wissenschaft in der Werbung
eingesetzt wird. Sie ist Verkaufsargument wie der
Glamourfaktor von Prominenten. Doch während niemand
ernsthaft glaubt, dass David Beckham am liebsten Pepsi
trinkt, soll Wissenschaft beim Verbraucher Seriosität
suggerieren.
Das wissenschaftliche Repertoire der Werber ist groß:
Männer und Frauen in weißen Kitteln, Begriffe, die direkt
aus der Fachliteratur entlehnt scheinen, Umfrageergebnisse,
Statistiken, Diagramme und sogar Verweise auf klinische
Studien und Konferenzbeiträge – alles Versatzstücke aus der
Welt der Labore und der unbestechlichen Analysen. „Das
reicht von purer Pseudoscience bis zu echten
wissenschaftlichen Ergebnissen“, sagt Wolfgang Schweiger,
Kommunikationswissenschaftler an der Münchner
Ludwig-Maximilians- Universität. Allerdings sei „der
Forschungsstand dazu nahezu null“.
Eine der wenigen Untersuchungen zum Thema bestätigt den
Eindruck, dass vor allem in Bereichen mit Wissenschaft
geworben wird, die im weitesten Sinne der Gesundheit und
dem Wohlergehen der Menschen dienen. Italienische Forscher
um Nico Pitrelli von der Scuola Internazionale Superiore di
Studi Avanzati in Triest durchforsteten italienische
Zeitungen und Magazine nach wissenschaftlichen Elementen in
der Werbung.
In rund 1000 von über 6000 Anzeigen wurden sie fündig. Vor
allem Produkte aus dem pharmazeutischen Bereich und der
Körperpflege – mit deutlichem Abstand auch der Ernährung –
versuchen, mit „wissenschaftlich“ anmutenden Argumenten zu
überzeugen. Aktuelle Beispiele aus Deutschland finden sich
schnell: Der Hamburger Konzern Beiersdorf etwa setzt bei
der Creme DNAge nicht auf Prominenz, sondern hat den
Kristallisationspunkt der Lebenswissenschaften, die DNA,
gleich in den Namen eingebaut.
Bei der Creme Regenerist von Procter & Gamble sind die
neuen Stars im Anti-Aging-Kampf „Amino-Peptide“, eigentlich
nur ein unspezifischer Oberbegriff für alle möglichen
Bruchstücke vom Peptid-Ende einer Aminosäurensequenz. In
einigen Weblogs im Internet werden die Amino-Peptide denn
auch bereits als neues „Bluff-Wort“ bezeichnet.
Nicht nur bei den Kosmetika, sondern auch bei den
Nahrungsmitteln (Stichwort: Functional Food, also
angereicherte Lebensmittel) setzen die Unternehmen auf die
Aura der Wissenschaftlichkeit. Joghurt stärkt die
Immunabwehr dank „guter“ Bakterien, was angeblich durch
unzählige wissenschaftliche Studien untermauert ist. Auf
den Infoseiten der neuen Margarine Rama-Idee erfährt der
interessierte Konsument, dass unaussprechliche Zusatzstoffe
wie Docosahexaensäure (DHA) oder Alpha-Linolensäure (ALA)
„den optimalen Aufbau von Gehirn- und Nervenzellen“
unterstützen und die „Ernährung fürs Köpfchen“, die
„geistige Entwicklung von Kindern“, fördern. Die
Substanzen, die normalerweise in Fisch zu finden sind, tun
auch in Margarine ihre Wirkung, suggeriert der Text
zwischen Bildchen von Nervenzellen und ALAund
DHA-Molekülen.
Ein gewagter Schluss, denn ob die isolierten Substanzen
dort wirklich wirken, wurde nicht extra untersucht. Dieses
Prinzip wird immer wieder auch bei
Nahrungsergänzungsmitteln angewandt. Arzt und Apotheker
Wolfgang Becker-Brüser vom unabhängigen Patientenmagazin
„Gute Pillen – Schlechte Pillen“ sagt dazu: „Aus
Erkenntnissen, die mit Nahrungsmitteln erhoben wurden, wird
einfach auf Nahrungsergänzungsmittel mit isolierten
Einzelbestandteilen hochgerechnet. Das ist unzulässig.“
Doch solche Feinheiten können viele Verbraucher gar nicht
erkennen. Ihnen bleibt nichts übrig, als den so fundiert
daherkommenden Behauptungen der Werbung zu vertrauen.
„Wissenschaft hat einfach eine sehr hohe Glaubwürdigkeit“,
sagt Karen Heumann von der Hamburger Werbeagentur Jung von
Matt, die die Rama-Idee-Kampagne mitentwickelte. „Menschen
betrachten Wissenschaft als verlässlich“, sagt auch
Kommunikationswissenschaftler Schweiger. Sie stehe für
sichere Ergebnisse und sei für Konsumenten der Garant für
eine neutrale Überprüfung der Produktqualität. Gern
schicken Werber deshalb auch leibhaftige Wissenschaftler
ins Feld. „Es ist diese Kombination aus Kompetenz und
Vertrauenswürdigkeit, die einen ganz starken Einfluss
darauf hat, dass eine Aussage als glaubwürdig beurteilt
wird“, sagt Schweiger.
Bekanntestes Beispiel in Deutschland: Dr. Best und seine
flexiblen Zahnbürsten. Der Amerikaner Dr. James Best war
Professor für Zahnheilkunde und Berater für
GlaxoSmithKline, bis er 2002 starb. Seitdem verwendet die
Firma auf Wunsch der Familie Bests Foto nicht mehr in der
Werbung; die Produktlinie gibt es nach wie vor.
Aber: Auch Wissenschaftler sind keine Heiligen, und
akademische Titel und weiße Kittel sicher kein Garant für
die Wahrheit. Fehlen unabhängige, methodisch abgesicherte
Studien, sprechen Experten daher auch schon mal von einer
eminenzund nicht von einer evidenzbasierten Medizin: Statt
wissenschaftlicher Belege stehe nur die Autorität des
Wissenschaftlers für die Wirksamkeit des Produkts.
Unabhängige Studien sind in der Werbung ohnehin selten.
Häufig handelt es sich um Untersuchungen, die die Firmen
selbst erstellt oder in Auftrag gegeben haben.
Aus der Medizin ist aber bekannt, dass solche Studien
auffallend häufig zugunsten des Produktes ausfallen.
Kürzlich spürten amerikanische Wissenschaftler das gleiche
Muster auch bei Functional-Food auf: Milch, Softdrinks und
Fruchtsäfte, denen Mineralstoffe, Vitamine oder Kalzium
zugesetzt waren, wurden durchweg positive gesundheitliche
Effekte zugesprochen. „Die Chance, dass ein Artikel oder
ein Forschungsergebnis zugunsten eines Getränkes ausfällt,
ist vier- bis achtmal höher, wenn die Autoren ihr Geld von
einer Firma erhielten“, schreiben Lennard Lesser vom
Children’s Hospital in Boston und sein Team in der
Januarausgbe des Fachmagazins „PLoS Medicine“. Besonders
einseitig fiel das Ergebnis aus, wenn die Wirkung
experimentell untersucht worden war. In keiner der 16 von
Firmen gesponserten Untersuchungen hatten die Forscher
etwas Negatives über die Produkte zu berichten. Stammte das
Geld hingegen aus gemischten Töpfen oder fehlte jede
Firmenbeteiligung, gab es in 7 von 19 Studien auch
deutliche Kritik am Produkt.
Auch Pharmaexperte Becker-Brüser hat keine guten
Erfahrungen mit den vermeintlich wissenschaftlichen Studien
gemacht: „Oft sind die Angaben nicht überprüfbar. Da fehlen
Quellenangaben mit den Fundstellen der Veröffentlichungen,
sofern es diese überhaupt gibt“, sagt er. Gebe es doch
Hinweise auf echte Studien – wie sie etwa in manchem
Begleitmaterial angeboten werden – zeige sich für den
Experten schnell, was diese wert seien: „Es handelt sich
nach unserer Erfahrung überwiegend um Studien, die der
Grundlagenforschung zuzurechnen oder wissenschaftlich ohne
Aussagefähigkeit sind, sogenannte Marketingstudien.“ Aus
Daten der Grundlagenforschung werde einfach auf die
Anwendung beim Menschen hochgerechnet, ohne dass Studien
zur klinischen Relevanz solcher Daten für den Menschen
existieren.
Bei den auf der Alpecin-Website beschriebenen
Untersuchungen trifft das zu, was Becker-Brüser bemängelt:
„Auffällig ist, dass sie oft nicht mit den angebotenen
Produkten gemacht worden sind, sondern mit Einzelstoffen in
Reagenzglasstudien, anderen Dosierungen oder anderen
Kombinationen.“ Eine langfristig angelegte Untersuchung an
Männern mit anlagebedingtem Haarausfall und einer
Kontrollgruppe fehlt bisher für das Haarwaschmittel mit
Koffein.
Mit Wissenschaftlern zusammenzuarbeiten, um an
werbewirksame Ergebnisse zu kommen, kann auch schiefgehen.
So wollte die Firma Natural Energy Solutions in Hennef mit
einer Studie die leistungssteigernde Wirkung ihrer
Atemluft-Aufbereitungstechnologie Airnergy bestätigen
lassen. Doch als die beauftragten Forscher um die
Sportwissenschaftlerin Petra Platen von der Ruhr-Uni Bochum
keinen Unterschied zum Placebo fanden, verweigerte die
Firma die ausstehende Zahlung an die Wissenschaftlerin.
Vorwurf: Platen habe sich nicht an das abgesprochene
Studienprotokoll gehalten. Die Parteien trafen sich vor
Gericht, die Wissenschaftlerin bekam recht. Sie hatte alles
richtig gemacht. Das Forschungsergebnis möchte Platen
später in einem Fachmagazin veröffentlichen. In der Werbung
für Airnergy taucht es natürlich nicht auf.
Ob all das, was Wissenschaft in der Werbung belegen soll,
tatsächlich zutrifft, kann also bezweifelt werden. Für
Diskussionsstoff dürfte die Health-Claim-Verordnung der EU
sorgen, die ab 2007 schrittweise in Kraft tritt.
Versprechen, gegen konkrete Krankheiten wie Krebs zu
helfen, sind in der Werbung zwar auch dann noch nicht
gestattet. Aber zumindest sind Aussagen erlaubt, die sich
auf Krankheitsrisiken beziehen. Werbesprüche wie „Unser
Joghurt stärkt die Knochen“ wären möglich – nur müssen sie
wissenschaftlich abgesichert sein. Fragt sich nur, wie
fundiert.
MedBiz, Beilage Financial Times
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