Kindsmorde im Reich der Affen
Baby-Morde gibt es im Tierreich immer wieder - doch bei Schimpansen kannte man bislang vor allem Männchen als Täter. Jetzt berichten Forscher von Weibchen-Gangs, die den Nachwuchs anderer Mütter töten.
Süddeutsche Zeitung, Wissenschaft, S. 20,
15. Mai 2007
SZ150507 - Die Schimpansen-Mutter hatte keine
Chance. Sie kauerte über ihrem Baby, um es mit ihrem Rücken
gegen die Schläge und das Zerren der Affen-Meute zu
schützen. Sie blutete bereits im Genitalbereich. Nach zehn
Minuten brach ihre Abwehr zusammen. Die sechs Häscher
packten das jammernde Jungtier, stritten sich unter großem
Geschrei darum, bis schließlich eines der Tiere das eine
Woche alte Baby packte und mit einem Biss zwischen Kopf und
Nacken tötete. Das Muttertier wurde nie mehr gesehen.
Baby-Morde unter Artgenossen beobachten Schimpansenforscher
selten aber regelmäßig. Doch dieser Überfall im Budongo
Wald im ostafrikanischen Uganda ist eine ganz besondere
Seltenheit. Denn die Mörderbande war eine Frauengang. Fünf
trugen selbst noch ihr Jungtier unter dem Arm.
Affenforscherin Katie Slocombe von der schottischen St.
Andrews University, die die Szene zusammen mit einem
Kollegen beobachtet hatte, war hin- und hergerissen. "Ich
war verstört über die Gewalt dieser sonst so liebevollen
Tiere. Zugleich fühlte ich mich privilegiert, dass ich eine
so seltene Beobachtung machen konnte."
Normalerweise ist Kindstötung Männersache bei den nächsten
Verwandten des Menschen. Die Weibchen gelten eigentlich als
die friedfertigen, zurückgezogenen Gruppenmitglieder, die
auch untereinander kaum konkurrieren.
Die verletzte Mutter schaute machtlos zu
Die Primatologen berichten noch über zwei weitere Vorfälle
in der Sonso Schimpansengemeinschaft, die sie zwar nicht
selbst beobachtet hatten, aber rekonstruieren konnten.
Slocombe: „In einem Fall fanden wir zwei Weibchen, die sich
laut schreiend um den toten Körper eines einwöchigen Babys
stritten.“ Die verletze Mutter saß daneben und schaute dem
Spektakel machtlos zu. Nähere Untersuchungen offenbarten
eine Bisswunde am Kopf des Jungtieres wie schon beim ersten
Opfer. Im dritten Fall fanden die Forscher nur noch
einzelne Körperteile eines massakrierten Neugeborenen,
nachdem sie durch Schreie des Muttertieres aufgeschreckt
worden waren. „Auch hier konnten keine Männchen beteiligt
gewesen sein, weil meine Kollegin Melissa Emmery Thompson
alle Männchen während des Angriffs 800 Meter entfernt
beobachtet hatte“, sagt Slocombe.
Für die Forscher fügen sich die drei Vorfälle zu einem
Muster zusammen, so wenige es auch sind: "Diese drei
Attacken innerhalb von 28 Monaten sind weder isolierte
Fälle pathologischer Individuen, noch ein bloßes Beiprodukt
männlicher Aggression." Stattdessen scheint
gemeinschaftliche Kindstötung Teil des weiblichen
Verhaltensrepertoires zu sein. "Die Kopfbisse zeigen, dass
dies absichtliche Tötungen und keine Unfälle waren", sagt
Slocombe. Und es sind nicht die ersten Jungaffen, die durch
den Biss einer Schimpansin sterben.
Schimpansenmännchen dagegen sind bekannt für ihre
Aggression und Gewalt. Sie ziehen in Gruppen los und töten
erwachsene Tiere, und auch die Jungen benachbarter Clans.
Ihren Willen setzen die hochrangigen Paschas auch innerhalb
ihrer Gruppe aggressiv durch. Bei dem von Slocombe
beobachteten Zwischenfall waren auch drei Männchen
beteiligt, jedoch nur als hysterische Zeugen: "Sie
schrieen, trommelten und sprangen herum, beteiligten sich
aber nicht am Angriff der sechs Weibchen", sagt Slocombe,
die ihre Beobachtungen auf Video aufgenommen und im
Fachblatt Current Biology beschrieben hat (Bd. 17, S. 356,
2007).
Jane Goodall, Pionierin der Schimpansenforschung, hatte
Mitte der siebziger Jahre erstmals von einem fatalen
Weibchenpaar berichtet: Die Schimpansin Passion und ihre
Tochter Pom. Als "barbarische Mörderin" hatte Goodall
Passion beschrieben.
Innerhalb von zwei Jahren hatte das Killerpärchen drei
Jungtiere getötet, und die Wissenschaftlerin ratlos und
verstört zurück gelassen: Nur Langzeitbeobachtungen könnten
zeigen, ob es sich um ein krankhaftes oder ein evolutionär
vorteilhaftes Verhalten handle, schrieb Goodall. In den
neunziger Jahren wurden dann erneut Hinweise für die
strategische Killermentalität unter Schimpansenweibchen im
ostafrikanischen Gombe Nationalpark gefunden.
Infantizid bei Tieren wurde bis in die siebziger Jahre als
grundsätzlich krankhaftes, abnormales Verhalten betrachtet,
weil es der Theorie der Arterhaltung widersprach. Im Lichte
der Soziobiologie und ihrer Sichtweise auf das egoistische
Lebewesen konnte es aber durchaus sinnvoll sein, die
Jungtiere von Artgenossen zu töten.
Kindsmord galt ursprünglich als typisch männliches
Verhalten
"Gründe für dieses Verhalten gibt es viele. Fremde
Jungtiere werden getötet als zusätzliche Nahrungsquelle
oder um ein Nest zu übernehmen", sagt Luis Ebensperger von
der Universidad Catolica de Chile. Die Männchen von Löwen
oder Hanuman-Languren - eine Primatenart - versuchen,
Jungtiere des Vorgängers zu töten, um selbst schneller
Nachwuchs zeugen zu können.
Kindsmord wird meist als typisch männliches Verhalten
betrachtet, aber es gibt auch Arten, bei denen die Weibchen
die Jungen ihrer Artgenossinnen beseitigen: "Bei Wölfen,
Zwergmangusten, Dingos oder Wildhunden töten ranghohe
Weibchen den Nachwuchs untergebener Rudelmitglieder", sagt
Ebensperger.
Aggressions-Auslöser bei den Sonso-Schimpansen war nach
Meinung von Slocombe und ihren Kollegen der Kampf um
Ressourcen. Es war eng geworden im Reich der Sonso und es
gab einen enormen Frauenüberschuss. Seit dem Jahr 2001
waren 13 neue Weibchen eingewandert, zum Teil mit
Jungtieren.
Die Größe der Sonso-Gemeinschaft war innerhalb von zehn
Jahren von 42 auf 77 Tiere angestiegen, anfangs kam auf ein
Männchen ein Weibchen, heute kommen auf ein Männchen drei
Weibchen. Trotz der Bevölkerungsexplosion konnte die Gruppe
ihren Lebensraum nicht ausweiten, weil es zu wenige
ausgewachsene Affen-Männer gab.
Unprofessionelle Jane Goodall
Damit fehlte auch der Schutz für Weibchen vor den
aggressiven Übergriffen der Geschlechtsgenossinnen. "Der
Mangel an Platz führte zu einem Kampf um die Futterbereiche
zwischen den Neuankömmlingen und den ansässigen
hochrangigen Weibchen", sagt Slocombe. "Auch das
Alpha-Weibchen Passion und ihre Tochter Pom begannen ihren
Todeszug, als Pom erwachsen wurde und ihr eigenes
Futtergebiet aufbauen musste", sagt Anthropologe Martin
Muller von der Boston University.
Das Killerpärchen Passion und Pom hätte noch mehr Jungtiere
getötet, doch Jane Goodall hatte dem Morden nicht mehr
länger zusehen wollen: "Sie griff in drei Fällen ein,
schrie und warf Stöcke und Steine nach den beiden", sagt
Martin Muller.
Katie Slocombe kann die unprofessionelle Reaktion gut
verstehen: "Uns taten die Schimpansenmutter und ihr Kleines
auch leid, das ist ganz natürlich. Aber einzugreifen war
keine Option." Es wäre auch einfach zu gefährlich gewesen
sich mit sechs wild gewordenen Schimpansendamen im
Blutrausch anzulegen.
Süddeutsche Zeitung, Wissenschaft, S. 20,
15. Mai 2007
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