Käse für Kaiser Rudolf
Für eines der mysteriösesten Bücher der Welt hat ein Kaiser einst viel Geld gezahlt, um in seinen Besitz zu gelangen. Jetzt erhärten Untersuchungen den Verdacht, dass der Text, den bisher niemand entschlüsselt hat, kein geheimes Wissen, sonden puren Unsinn enthält.
Süddeutsche Zeitung, Wissenschaft, S. 16,
18. April 2007
SZ180407 - Seit Jahrhunderten verzweifeln Gelehrte
an dieser Schrift. Niemand hat bislang ergründet, welches
geheime Wissen in diesem rätselhaften Buch zusammengetragen
wurde. Astronomie, Astrologie, wertvolle botanische
Aufzeichnungen? Das Buch, das als Voynich-Manuskript
bekannt ist, schweigt – seit über 400 Jahren. Nun erhärtet
sich der Verdacht, dass all die Gelehrten ihre Energie,
ihre Zeit und ihr Wissen an das Manuskript verschwendet
haben.
Statistische Untersuchungen bestätigen die These, dass
dieses mysteriöseste aller Bücher gar kein geheimes Wissen
enthält. Statt dessen attestiert der Physiker und
Programmierer Andreas Schinner dem Werk ein vernichtendes
Urteil. Die 230 Seiten enthielten nichts als blanken
Unsinn, argumentiert der Österreicher in der
Fachzeitschrift Cryptologia (Bd. 31, S. 95, 2007). Das Ende
des Voynich-Krimis? Nein, denn stimmte die Einschätzung
Schinners, dann wäre die Geschichte des Voynich-Manuskripts
die eines unfassbaren Gaunerstücks.
Sie beginnt im 16. Jahrhundert. Rudolf II., von 1576 bis
1612 Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Deutscher
Nation, bezahlte für das in unscheinbare Pergamentdeckel
gehüllte Werk 600 Dukaten. Heute entspräche das 60 000
Euro. Der Liebhaber von Wissenschaft und Kunst hielt das
Werk für ein geheimes Laborbuch des an Wissenschaften
interessierten Franziskaners Roger Bacon. Auf diese Fährte
könnten ihn die dilettantischen Illustrationen geführt
haben: Diese stellen seltsame Pflanzen, astrologische und
astronomische Diagramme und nackte Frauen mit gewölbten
Bäuchen dar, die in mit Rohren verbundenen Wannen sitzen.
Die Illustrationen sind so über das Buch verteilt, dass der
Eindruck entsteht, es handle sich um sechs Kapitel mit
wissenschaftlichen Texten, die Gebiete wie Pharmazie,
Botanik oder Astronomie behandeln. Mehr Indizien hatte der
Kaiser nicht, der Text ist in handschriftlichen Zeichen
verfasst, die bis heute niemand entschlüsselt hat.
1912 spürte der amerikanische Büchersammler Wilfrid Voynich
das Buch in der Villa Mondragone im italienischen Frascati
auf. Seitdem beißt sich eine Schar von Forschern die Zähne
an dem Text aus – meist in ihrer Freizeit. Das Original
befindet sich in der „Beinecke Bibliothek für seltene
Bücher und Manuskripte” der Universität Yale. Scans der
Seiten sind über das Internet einzusehen. Genauere
wissenschaftliche Untersuchungen wie etwa eine
Radiokarbondatierung zur Altersbestimmung des Pergaments
ließ die Bibliothek bisher nicht zu.
Dass der Text sich kryptologischen Zugängen verweigert,
ließ wilde Spekulationen wuchern. Ist das geheimnisvolle
Buch ein seltenes Dokument der mittelalterlich christlichen
Kathar Bewegung? Andere fabulierten davon, dass sich darin
ein Hinweis auf den Stein der Weisen oder gar eine
verschlüsselte Botschaft Außerirdischer finde? Wieder
andere vermuteten einen unbekannten Code oder eine
Geheim-Sprache.
Nichts von alledem, meint auch Computerspezialist Gordon
Rugg von der britischen Keele University: „Der mysteriöse
Text ist aller Wahrscheinlichkeit nach reiner Unsinn.”
Hartnäckig hält sich seit den siebziger Jahren die These,
Kaiser Rudolf II. und alle späteren Besitzer seien einer
Scharlatanerie aufgesessen.
Für diese Hoax-These, die 400 Jahre Entschlüsselungsarbeit
ad absurdum führen würde, lieferte Rugg 2004 erstmals
handfeste Hinweise. Rugg versuchte nicht, den Text zu
entschlüsseln, sondern rekonstruierte den Weg wie der Text
entstanden sein könnte: mit einer Verschlüsselungstechnik
aus dem 16. Jahrhundert. Anhand einer mehrspaltigen
Buchstaben-Tabelle und einer gitterartigen Schablone
erstellte er Texte, die dem Voynich-Manuskript verblüffend
ähnelten, aber nichts als Unsinn enthielten. „Damit hätte
ein Autor das Buch auf einfache und billige Weise innerhalb
von drei bis vier Monaten herstellen können”, sagt Rugg,
der die „Tabellen-und-Gitter-Methode” Anfang 2004 in der
Fachzeitschrift Cryptologia veröffentlichte (Bd. 28, S. 31,
2004).
Mathematisches Strickmuster
Im selben Blatt präsentiert nun Andreas Schinner
Ergebnisse, die seiner und Ruggs Meinung nach die
Betrugs-These noch wahrscheinlicher machen. Der freie
Softwareprogrammierer und Theoretische Physiker von der
Linzer Johannes Kepler Universität verzichtete ebenfalls
darauf, das Manuskript zu dechiffrieren. Stattdessen
verglich er statistische Eigenschaften der Schrift mit
denen bekannter Werke: der Bibel auf Englisch und Deutsch,
dem Roman „Alice im Wunderland” und einer chinesischen
Bibel auf Mandarin.
„Bei allen Tests weicht das Voynich-Manuskript von den
anderen erheblich ab”, fasst Schinner seine Untersuchung
zusammen. Während etwa in normalen Texten einzelne
Textstücke von Silben bis zu Absätzen eher zufällig
verteilt sind, stimme dies beim Voynich Text nur bis zur
Länge einer Textzeile. „Über diese Länge hinaus beeinflusst
das Vorhandensein oder Fehlen eines Stückes dessen weiteres
Vorkommen im Text”, sagt Schinner – es gibt also ein
regelmäßiges Muster. Durch Verschlüsselung verschwänden
solche Korrelationen aber eher, als dass sie entstünden.
Auch bei Häufigkeit und Verteilung ähnlicher Wörter gibt es
Muster: „Während normale Texte immer gewisse
Unregelmäßigkeiten im Kurvenverlauf zeigen, fällt beim
Voynich-Text der mathematisch nahezu perfekte Kurvenverlauf
auf”, sagt Schinner. Besonders auffällig sei, dass ähnliche
Wörter im Voynich Text sehr häufig nebeneinander platziert
wurden. Menschliche Autoren vermeiden dies sonst so gut es
geht. Für Schinner ein Hinweis, dass die vermeintliche
Sprache eher Ergebnis eines stochastischen, konstruierten
Verfahrens als menschlicher Kommunikation ist. „Meine
Ergebnisse engen die Interpretationsmöglichkeiten ein”,
sagt der Physiker. Es sei noch kein Beweis für die
Betrugs-Theorie, mache aber andere Möglichkeiten
unwahrscheinlicher. Schinners These wäre eine Variante von
Gordon Ruggs „Tabellen-und-Gitter-Methode”.
Gordon Rugg hält Schinners Arbeit für einen Durchbruch:
„Jetzt gibt es qualitative und quantitative Belege für die
Betrugs-Theorie, aber keinerlei positive Beweise dafür,
dass es sich um einen echten verschlüsselten Text handelt.”
Es könnte zwar sein, dass sich innerhalb des „ganzen Mülls”
Botschaften versteckten, aber auch das sei nach Schinners
Analyse unwahrscheinlicher.
Schon Gordon Ruggs Arbeit hatte einige Voynich Fans
aufgeben lassen. Im weltweiten E-Mail-Zirkel der
Voynich-Gemeinde schrieb ein Teilnehmer: „Verdammt, das
bedeutet ja dann wohl, dass der größte Spaß vorbei ist.”
Nun werde Schinners Arbeit die Geschichte dem
Schlusskapitel näher bringen, so Rugg.
Doch es gibt auch Kritiker wie den britischen
Softwareprogrammierer und Spieleentwickler Nick Pelling.
Der Autor eines Buches über die Geschichte des
Voynich-Manuskriptes glaubt nicht, dass Ruggs und Schinners
Ansätze zum Ziel führen, sie ließen zu viele andere Aspekte
außer Acht: „Ruggs Methode ist sehr interessant, lässt aber
viele Fragen unbeantwortet, und Schinner baut nur auf
diesem wackligen Fundament auf.”
Das Rätsel ließe sich erst lösen, wenn man dem gesamten
Buch mit kunstwissenschaftlichen Methoden genauer zu Leibe
rückt und nicht mit statistischen Methoden. „Das Buch
müsste zum Beispiel einmal mit Spektroskopie Schicht für
Schicht entblättert werden, um etwa Originalbereiche von
später hinzugefügten Teilen anderer Besitzer zu
unterscheiden.” Dann ließe sich auch bestätigen, worauf die
Seitenzahlen und die Frisuren der nackten Frauen
hindeuteten: „Dass das Buch bereits aus dem 15. Jahrhundert
stammt. Einer Zeit, in der es Ruggs Verschlüsselungstechnik
noch gar nicht gab”, sagt Pelling. Den Vorwurf, dass das
Buch älter sein könnte, als die Verschlüsselungstechnik
fand Rugg immer schon reichlich schwach: „Der Autor wollte
einfach, dass das Buch so alt aussah”, entgegnet er.
Auch wenn das Rätsel nicht endgültig gelöst ist, Gordon
Rugg gibt sich selbstbewusst und hält es mit einer unter
Wissenschaftlern bekannten Weisheit: Ockhams Rasiermesser,
benannt nach dem mittelalterlichen Philosophen Wilhelm von
Ockham: Danach ist die einfachste Erklärung meist die
beste. „Wenn das stimmt, dann handelt es sich beim
Manuskript um eine Gaunerei mit einem sinnlosen Text.”
Süddeutsche Zeitung, Wissenschaft, S. 16,
18. April 2007
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