Sie verstehen zu überleben
In Not auf See, im Eis und in der Wüste versagen die menschlichen Instinkte. Wer durchkommen will, muss wissen, was Experten tun: erst mal entspannen.
SZ Wissen, Ausgabe 16, S. 70, 23. Juni
2007
SZW230607 - Kerstin
Bruns ist sauer. Da treibt sie plötzlich im
sturmgepeitschten Indischen Ozean, nur weil sie einen
Moment lang unvorsichtig war. Eine fast zehn Meter hohe
Welle hat die damals 27 Jahre alte Offizierin an einem
Sommerabend 2004 bei Windstärke neun vom Containerschiff
Hansa Bergen gerissen und als sie den Kopf über Wasser
recken kann, sieht sie nur noch das Heck des
Containerriesen an sich vorbeiziehen. Doch Todesangst
steigt nicht in der jungen Frau auf. Sie ruft nicht einmal
um Hilfe. Sie ist nur wütend. "Ich dachte, dass sie mich
ohnehin retten werden", sagt Bruns rückblickend. "Ich
rechnete mit etwa ein bis zwei Stunden."
Es werden zwanzig Stunden. Panik überkommt Kerstin Bruns
dennoch nicht, nur wachsender Ärger. Eine ganze Nacht lang
lässt sie sich auf mannshohen Wellen treiben. Rücklings
liegt sie da. Zwischendurch denkt sie an ihre Familie,
ihren Freund, sie zählt Sternschnuppen und behält stets die
Lichter der Schiffe im Blick, die nach ihr suchen. Hin und
wieder schläft sie sogar ein. Am nächsten Morgen ziehen
ihre Kameraden sie dann endlich aus der immer noch
stürmischen, aber 23 Grad warmen See.
Bernd Johannes, Psychologe am Deutschen Zentrum für Luft-
und Raumfahrt (DLR) in Hamburg, sagt: "Hätte sich Frau
Bruns anders verhalten, hätte sie Ihnen die Geschichte
heute wahrscheinlich nicht er-zählen können."
Stillzuhalten, abzuwarten sei das Klügste gewesen, was die
27-Jährige in ihrer Situation habe tun können. Für die
meisten Menschen eine fast unbegreifliche Reaktion: Sie
hätten gerufen, geschrien, verzweifelt gewinkt und sich
bewegt, um wahrgenommen zu werden und um im Wasser warm
zu bleiben: ein tödlicher Fehlschluss. Kerstin Bruns
erzählt, sie habe zwar "immer wieder angefangen zu
frösteln". Dass sie sich dennoch nicht bewegte, hat ihr
vermutlich das Leben gerettet. "Sonst hätte sie ihre
Körperwärme viel zu schnell verloren. Nur wer ruhig bleibt,
kühlt nicht zu schnell aus", er-klärt Ulrich Fader, ein
erfahrener Kreuzer- Kapitän bei der Deutschen Gesellschaft
zur Rettung Schiffbrüchiger.
Von Menschen wie Kerstin Bruns zu lernen, heißt überleben
lernen. Denn so besonnen und ruhig wie sie kann nur
reagieren, wer bereits eine Vorstellung davon hat, was in
einer Gefahrensituation auf ihn zukommt. Erst das Wissen um
die Details einer Notlage, die Kalkulation der Risiken
eröffnet Überlebens-chancen in extremen Situationen. Ob im
kühlen Meerwasser, auf eisigen Berggipfeln oder in glühend
heißen Wüsten: Wenn Menschen überschauen, was sie im
Ernstfall erwartet, können sie panische, unkontrollierte,
instinktiv falsche Reaktionen vermeiden.
"Bleibe stets Herr der Situation", lautet der gemeinsame
Grundsatz aller Survivalexperten. Denn instinktiv reagieren
Menschen in unkontrollierten Situationen meistens falsch.
Gerät etwa ein Taucher im tiefen Wasser in Panik, kämpft er
sich strampelnd so schnell wie möglich zur Oberfläche. Dann
droht die gefährliche Dekompressionskrankheit. Ebenso
müssen sich auch Bergsteiger in Sauerstoffnot oder
Durstende auf Rettungsinseln im Meer gegen ihren Instinkt
zu Ruhe und Langsamkeit zwingen. Ganz wenige, winzige
Schlucke Salzwasser nur oder eine allmähliche Gewöhnung an
den Atemluftmangel in der Höhe können die rettende Lösung
sein.
Übernimmt hingegen die Panik das Steuer, folgt eine
Kettenreaktion in die unerwünschte Richtung, bis auch der
letzte Funke Verstand zu erlöschen droht. Kenneth Kamler,
Expeditionsarzt aus New York, berichtet zum Beispiel von
erfrierenden Bergsteigern, "die sich kurz vor dem
Zusammenbruch ihrer Kleider entledigt haben".
Polarabenteurer bestätigen, regelrechte Wärmewellen hätten
sie im Zustand starker Unterkühlung überrollt und sie
hätten sich gern die Kleidung vom Leib gerissen.
Solches Wissen, das Menschen extreme Situationen überleben
lässt, ist allerdings schwer zu sammeln. Der
wissenschaftlichen Erforschung sind Grenzen gesetzt.
Menschen-experimente verbieten sich, und die psychologische
Forschung befasst sich vor allem mit der Prävention und der
Nachbereitung belastender Erfahrungen, mit der Vermittlung
von Strategien zur Stressbewältigung und der
Traumabehandlung. Wer der Frage nachgeht, was unter
Bedingungen der Lebensgefahr mit Menschen geschieht und wie
sie sich richtig verhalten sollten, muss daher erfahrene
Praktiker wie Fader und Bruns befragen. Er muss seine
Aufmerksamkeit auf bereits bekannte physikalische und
physiologische Gesetzmäßigkeiten richten so wie es etwa
der Verkehrsphysiker Dirk Helbing und seine Kollegen vor
einigen Jahren taten, als sie mithilfe einer
Computersimulation das Panikverhalten von Menschenmassen
analysierten, indem sie allein Geschwindigkeit und Gewicht
der Menge sowie die Wechselwirkungskräfte der Individuen
auf eine mathematische Gleichung brachten. Meist sind es
solche Blicke von außen oder Erfahrungsberichte, die
offenbaren, was aus Momenten höchster Gefahr zu lernen ist.
Im Beispiel Bruns lautete das zentrale physikalische
Problem: drohende Konvektion, der Abtransport der
Körperwärme durch Bewegung. Sich im Wasser zu bewegen, hat
denselben Effekt wie starker Wind an Land es führt Wärme
ab. Ausgekühlte Hände, Arme und Beine aber werden steif,
kontrollierte Bewegungen immer schwieriger. Frances
Ashcroft, Physiologin von der Universität Oxford, erklärt:
"Nervensignale werden dann langsamer übertragen, die
manuelle Geschicklichkeit nimmt ab und kalte Muskeln
arbeiten langsamer." Durch starke Bewegung in kaltem Wasser
beschleunigt man diesen Prozess: "Je mehr warmes Blut
fließt, desto größer ist der Wärmeverlust", sagt Ashcroft.
Menschen, die solches Wissen in vergleichbaren Situationen
nicht abrufen können, drohen durch falsches Verhalten ihr
gesamtes physiologisches Gleichgewicht zu verlieren. "Unter
normalen Lebensbedingungen laufen im Körper Millionen fein
aufeinander abgestimmter chemischer Reaktionen ab, wie bei
einem Symphonieorchester, in dem alle Musiker voneinander
abhängen", sagt der Extremmediziner Kenneth Kamler, der
immer wieder Forscher und Abenteurer in die unwirtlichsten
Regionen der Erde begleitet. Ein paar Grad zu viel Wärme
oder Kälte, etwas zu wenig Wasser oder Sauerstoff im Körper
und schon gerät das Mikroklima der Gewebe, in dem jede
Nerven-, Muskel- oder Körperzelle optimal funktioniert, aus
den Fugen. Die Konzentrationen von Elektrolyten wie
Natrium-, Chlorid- und Kalziumionen an den Zellmembranen
verschieben sich dann, was die Kommunikation zwischen den
Zellen genauso stört wie deren Wasserhaushalt. Zellen
trocknen aus oder zerplatzen, die Energieversorgung bricht
zusammen, Giftstoffe sammeln sich an, Nervenimpulse
erreichen ihr Ziel nicht mehr (siehe Kasten Seite 76). Im
Körper bricht das Chaos aus und aus dem sympho-nischen
Zusammenspiel wird eine Kakophonie des Todes.
Wer auf hoher See plötzlich im Wasser landet, der vermeidet
solche Folgen nach derselben Verhaltensregel, wie sie auch
für Bergsteiger auf eisigen Gipfeln gilt: Er muss in jedem
Fall die Kleidung anbehalten. Auch das hat Kerstin Bruns
richtig gemacht. Das umgebende Wasser tauscht sonst wie
strömende Luft die dünne Schicht der Wärmeabstrahlung des
Körpers gegen Kälte aus. Kleidung, selbst vollgesogene,
isoliert in diesem Fall, unter Umständen sogar effektiver
als trockene Kleidung an Land. Denn an der Luft ist der
Konvektionseffekt noch weniger kontrollierbar und oft
wesentlich drastischer: Zwar ist die Haut einer angemessen
gekleideten Person noch bei minus 29 Grad Celsius
ungefährdet, doch durch den sogenannten Windchill-Effekt
macht bereits eine Luft-strömung von 16 Kilometern pro
Stunde daraus minus 44 Grad Celsius. Selbst geschützte Haut
erfriert dann leicht innerhalb von Minuten. Deshalb ist ein
Windschutz, etwa die in Polarforscherfilmen oft hilflos
lächerlich wirkenden Zeltplanen, lebensrettend. Wen es ins
ewige Eis zieht, sollte innerhalb einer halben Stunde in
der Lage sein, aus Zeltplanen oder aus Schnee einen
Windschutz zu bauen, sagen Survivalexperten.
Sonst leiden nicht nur Haut und Gliedmaßen, deren
Blutgefäße sich zugunsten der Wärmeersparnis verschließen
und kaum noch durchblutet werden, sondern auch die
Planungsfähigkeit. Bei sinkender Körpertemperatur im
Inneren von Rumpf und Kopf, der sogenannten Kerntemperatur,
beginnt das Denkvermögen bereits von 35 Grad Celsius an zu
schwinden. Das Sprechen fällt schwer, der Mensch wird immer
apathischer, das Erinnerungsvermögen ist beeinträchtigt, er
kapselt sich immer weiter ab. Schon ein wenig Nässe und
Wind reichen dazu völlig aus, wenn kein Schutz aufgesucht
wird wie etwa bei einem Ehepaar, das 19 Stunden auf einer
in Seenot geratenen Yacht verbracht hatte. Rettungskapitän
Fader erzählt: "Die Frau hat nicht mal mehr mitbekommen,
dass wir seit zwei Stunden damit beschäftigt waren, sie zu
retten. Wir warfen ihr ein Seil zu, aber sie war nicht in
der Lage, danach zu greifen. Als ich mich dann auf ihrer
Yacht um sie kümmern wollte, schaute sie mich ratlos an und
fragte: "Wo kommen Sie denn her?"
Hat solches Wahnerleben einmal über die Rationalität
gesiegt, beschleunigt falsches Verhalten den Todesprozess.
Irgendwann ist auch die letzte Energie des Körpers
aufgebraucht, Muskeln können nicht mehr zittern und so
Wärme generieren. Der Mensch wird zum scheintoten Eisblock,
bis unterhalb von 25 Grad Celsius Kerntemperatur auch der
letzte Funke von Leben erlischt. "Das ist das
Tiefkühlstadium des Stoffwechsels", sagt Frances Ashcroft.
Dann helfen nur noch, was nach allen bisherigen
Erkenntnissen kleine Wunder zu sein scheinen.
Bis heute fehlt Wissenschaftlern wie Ashcroft und Kamler
jede Erklärung dafür, wie zum Beispiel der Bergsteiger Beck
Wea-thers wieder zum Leben erwachen konnte, ein Teilnehmer
jener tragischen Mount-Everest-Expedition von 1996, die Jon
Krakauer in seinem Buch "In eisige Höhen" beschreibt. Der
teilnehmende Arzt Kamler hatte den am Boden erstarrten Beck
Weathers für tot gehalten und ihn am Berg zurückgelassen.
"Weathers erzählte später, wie er in einen zeitlosen,
traumartigen Zustand verfallen war, in dem er sich seiner
Umgebung bewusst war, sich aber nicht rühren konnte", sagt
Kamler. Eine Stimme sei in sein Bewusstsein gedrungen, als
jemand sich über ihn beugte und sagte: "Er ist tot." Doch
zwei Tage später stand Weathers plötzlich in Kamlers Zelt.
Er hatte die letzten Reserven seiner erloschen geglaubten
Lebenskraft noch einmal mobi-lisieren können und den Weg
zurück ins Basislager gefunden. Kamler sagt: "Bei
Windtemperaturen wie auf dem Mars, Sauerstoffmangel,
ausgedörrt und erschöpft hätte er eigentlich gar nicht
überleben dürfen."
Aus solchen Episoden zu lernen, wie man Lebensgefahren
meidet, ist nicht leicht. Denn der Umgang mit Bedingungen,
wie mancher Bergsteiger sie schon in den Hochgebirgen
dieser Welt angetroffen hat, lässt sich kaum bis ins letzte
Detail planen. Außer schneidender Kälte kann Atemnot drohen
und zugleich die Höhenkrankheit einsetzen: ein Konglomerat
aus Symptomen, die vor allem durch den Mangel an Sauerstoff
ausgelöst werden, möglicherweise auch durch den Säuregrad
des Bluts, der mit der Menge von Kohlendioxid im Blut
zusammenhängt: "Man kann nicht vorhersagen, wen es
erwischt, denn die individuelle Fitness spielt keine
Rolle", sagt Frances Ashcroft. Etwa 40 Prozent aller
Bergwanderer auf Höhen über 4000 Meter haben damit mehr
oder weniger zu kämpfen. Dann hilft nur: Ruhe, Langsamkeit,
Zeit zur Gewöhnung.
Auf diese Weise sind selbst Höhen von mehr als 8000 Metern
ohne Sauerstoffgerät zu bewältigen, wie Reinhold Messner
und Peter Habeler erstmals 1978 auf dem Mount Everest
bewiesen haben. Jeder Schritt wurde zum Gewaltakt. Die
letzten hundert Meter zum Gipfel krochen sie über eine
Stunde lang. "Wir waren nur noch eine einzige nach Luft
schnappende Lunge", beschrieb Messner seinen Zustand. Den
beiden Bergpionieren war der Vorstoß in die Todeszone
gelungen, weil sie ihren Körper allmählich an die
Höhenbedingungen gewöhnt hatten. Die Zahl der roten
Blutkörperchen hatte sich erhöht und damit die Fähigkeit
des Bluts, mehr Sauerstoff zu transportieren.
Der Schutz vor Kälte und der Umgang mit Sauerstoffmangel
sind für Extremmediziner allerdings ein Kinderspiel
verglichen mit der Aufgabe, sich an die Wüstenbedingungen
anzupassen. "Hitze ist weitaus tückischer als Kälte",
betont der Expeditionsarzt Kamler. Denn der menschliche
Temperatur-spielraum nach oben sei viel knapper bemessen.
"In einer Welt mit Temperaturunterschieden von über 60 Grad
trennen uns von einer tödlichen Überhitzung unser ganzes
Leben lang nur sechs Grad Celsius." Die Physiologin
Ashcroft erklärt, was passiert, wenn die Kerntemperatur
steigt: "Über 41 Grad Celsius lösen sich die Körpereiweiße
auf und die Zellen werden irreversibel geschädigt. Bereits
43 Grad Celsius sind tödlich."
Aus diesem Grund entscheidet in Wüstenregionen das Gelingen
eines viel heikleren Vorhabens über Leben und Tod: Es gilt,
die Hitze aus dem Körper herauszuhalten. Der Körper besitzt
mit der Fähigkeit zu schwitzen zwar ein außerordentlich
effektives System "es kann die Abfuhr von Wärme auf das
Zwanzigfache steigern", sagt Frances Ashcroft, weil Schweiß
auf der Haut wie ein mit Wasser benetzter Weinkühler aus
Ton funktioniert, dessen Feuchtigkeit zum Verdunsten
Energie benötigt und so Kälte erzeugt. "Doch ist unser
Schwitzen eine üble und gefährliche Wasserverschwendung",
sagt Kenneth Kamler. Verliert der Körper unter
Normalbedingungen ungefähr zwei Liter Wasser täglich,
erhöht sich der Verlust durchs Schwitzen auf bis zu drei
Liter pro Stunde auf das Dreifache also des
durchschnittli-chen Mindestbedarfs an Flüssigkeit pro Tag.
Deshalb empfehlen Überlebensexperten, in Wüsten tagsüber zu
ruhen und sich nur abends oder nachts zu bewegen. Das
begrenzt auf einfachste Weise den Flüssigkeitsverlust, auch
wenn es dem Instinkt zuwiderläuft, sich in sengender Hitze
still zu verhalten, statt sich einen kühlenden Luftstrom zu
verschaffen. Der Überlebenskünstler Rüdiger Nehberg
bestätigt: Auch in der Hitze ist Abwarten die beste Lösung.
Er hatte sich bei einer Wüstenexpedition den Fuß verstaucht
und berichtete später: "Ich legte mich in den Schatten
einer Felsspalte und wartete durstig auf meine Kumpane, die
Wasser von der nächsten Oase bringen konnten." Obwohl der
Durst gewaltig war und Nehberg eine ganze Nacht lang warten
musste, verließ er die Felsspalte nicht. Er konnte nicht
sicher sein, dass die Kameraden es schafften. Den Schatten
zu verlassen, wäre hingegen sein sicherer Tod gewesen.
In solchen Situationen gilt es, Wasser aus allem zu ziehen,
was greifbar ist: den Tau von Blättern, aus Felsspalten und
Dellen im Gestein, die Feuchtigkeit aus dem Fleisch von
Kakteen und aus Wurzeln unter der Erde. Auch das Blut von
Tieren, selbst der eigene Urin kann dehydrierenden Menschen
das Leben retten. "Urin ist nicht ganz so salzig wie das
eigene Blut, deshalb hilft er immer noch ein bisschen, es
zu verdünnen, sonst verändert es mit gefährlichen Folgen
seine Fließeigenschaften", sagt Kenneth Kamler. Allerdings
solle man nur sehr wenig Urin zu sich nehmen. Denn der
Harnstoff schädigt irgendwann die Nieren.
Auf diese Art habe sich zum Beispiel der italienische
Pentathlet Mauro Prosperi im Jahr 1994 vor dem Verdursten
retten können, berichtet Kamler. Der Mann war beim
marokkanischen Marathon des Sables während eines Sandsturms
in der Sahara vom Weg abgekommen und anschließend neun Tage
weitergelaufen. Als er schließlich versuchte, sich das
Leben zu nehmen, um den Qualen des Verdurstens zu entgehen,
war sein Blut bereits so dick, dass die Schnitte an den
Pulsadern sich selbst verschlossen rechtzeitig für seine
Rettung durch eine Nomadenfamilie, die Prosperi mehr als
200 Kilometer entfernt von der Marathonroute fand.
Doch nicht nur willentlich und aus Verzweiflung
beschleunigt mancher Verdurstende das eigene Ableben. Vor
allem Menschen, die schiffbrüchig auf dem Meer treiben und
bis zum Horizont von Wasser umgeben sind, gefährden sich
auch durch falsches Verhalten. Nicht von ungefähr lautet
ein altes Seemannssprichwort: "Meerwasser macht
wahn-sinnig." Rettungskapitän Fader berichtet: "Das Trinken
von Salzwasser ist nach Unterkühlung die zweithäufigste
Todesursache auf Rettungsflößen."
Viele Schiffbrüchige können der Versuchung nicht
widerstehen und anstatt nur ihren Mund zu benetzen, fangen
sie an, kleine Mengen Meerwasser zu verschlucken, die immer
größer werden, bis jede Hemmung abgelegt ist. Das steigert
den Durst zusätzlich. Das Meersalz chemisch
Natriumchlorid bringt das chemische Gleichgewicht im
Körper durcheinander. Die elektrischen Systeme der
Nervenzellen, die auf Natrium und Chloridionen basieren,
entgleisen. Kenneth Kamler sagt: "Dann handeln
Schiffbrüchige vollkommen irrational, halluzinieren und
wollen auf dem Wasser spazieren gehen."
Dabei kann Salzwasser auch zum Lebensretter werden, wenn
man es nur in kleinsten Mengen zu sich nimmt: Wer es
schafft, weniger als einen halben Liter pro Tag zu trinken,
gewinnt Zeit, weil er nicht schon nach drei bis vier Tagen
bewusstlos wird und stattdessen länger nach Hilfe Ausschau
halten kann. Nach etwa einer Woche versagen allerdings die
Nieren wegen der hohen Salzkonzentration ihren Dienst mit
tödlichen Folgen.
Um Salzwasser so kontrolliert zu trinken und sich zu Ruhe
und Langsamkeit zu zwingen, braucht der in extreme Not
geratene Mensch allerdings neben den nötigen Kenntnissen
auch den eisernen Willen, sein Wissen anzuwenden.
Survivalexperten wie der frühere Bundeswehr-Einzelkämpfer
Heinz Volz, Autor des Buchs "Überleben in Natur und
Umwelt", kommen in ihren Überlebensgrundsätzen indirekt auf
dieses Problem zu sprechen: "Überleben kannst du nur, wenn
du den Willen dazu hast! Rettung ist nur möglich, wenn du
Panik vermeidest und Furcht überwindest. Beherrsche jede
Situation! Lass dich nicht von ihr beherrschen!"
Ist Überleben also auch eine Frage der psychologischen
Ausstattung eines Menschen? "Nein, man kann nicht sagen,
dass ein bestimmter psychologischer Typus in solchen
Situationen im Vorteil und ein anderer im Nachteil wäre",
sagt Bernd Johannes, Psychologe am DLR-Institut für Luft-
und Raumfahrtmedizin. Das Angesicht des Todes kann jeden
Menschen zu unüberlegten Handlungen treiben. Ein hohes Maß
an Sensibilität etwa, wie sie dem sogenannten reaktiven Typ
eigen ist, der stark auf sämtliche Reize reagiert, kann
einerseits zu schnellen, falschen, gefährlichen Aktionen
führen. Andererseits könne unter Umständen dieser Typ auch
"gerade durch seine Sensibilität besser mit einer Situation
zurechtkommen als der weniger Sensible", sagt Johannes.
Erproben und untersuchen lässt sich das natürlich nicht.
Zusammengefasst lautet das Urteil der Experten daher: Wie
man die bekannten psychologischen Faktoren auch dreht und
wendet, sie scheinen weniger wichtig zu sein als Erfahrung
und praktisches Wissen. "Egal, welche
Persönlichkeitsstruktur, egal, ob du alt bist oder jung:
Wenn man keine Handlungsstruktur hat, ist man eher
gefährdet", meint Psychologe Johannes.
So bleiben es die beispielhaften Erfahrungen von Seeleuten,
Bergbezwingern, Polarforschern, Wüstenwanderern und
Einzelkämpfern, deren schmerzvoll gesammeltes
Überlebenswissen sich in extremen Situationen bezahlt macht
auch wenn die kleinste gemeinsame Lehre daraus in
Momenten höchster Gefahr für den gewöhnlichen Menschen
nahezu unerfüllbar zu sein scheint: immer mit der Ruhe.
KASTEN: Was passiert im Körper, wenn ...
... es zu kalt wird
Effekt: Bei einer Unterkühlung (Hypo-thermie) unter 36 Grad
Celsius Kerntemperatur werden biochemische Reaktionen
langsamer. So arbeiten etwa die sogenannten
Natrium-Kalium-Pumpen in den Zellmembranen immer
schlechter, die normalerweise für ein optimales Verhältnis
der Elektrolyte Natrium und Kalium auf beiden Seiten der
Membran sorgen. Nur dann können Nervenzellen kontrolliert
Reize weiterleiten, etwa für den Herzrhythmus und kognitive
Leistungen.
Folge: Es kommt zu unkontrollierten Erregungen der
Nervenzellen, zu Dauererregungen oder Erregungen bleiben
aus. Die Folge sind Bewusstseinsstörungen und Verwirrung.
Unter 32 Grad Celsius Kerntemperatur ist der Betroffene
kaum noch ansprechbar, und es kommt auch zu vereinzelten
Herzrhythmusstörungen. Von 30 Grad Celsius an abwärts ist
der Betroffene bewusstlos, der Puls ist kaum noch spürbar.
Unterhalb von 28 Grad Celsius Kerntemperatur ist die Person
scheintot.
... es zu heiss wird
Effekt: Bei einer Überhitzung (Hyperthermie), die bei einer
Kerntemperatur über 37,5 Grad Celsius beginnt, weiten sich
die äußeren Blutgefäße. Dadurch werden sie stärker
durchblutet, was Wärme nach außen leitet, die Schweißdrüsen
werden aktiviert. Magen, Darm und Kopf werden entsprechend
schwächer durchblutet, und im abgesonderten Schweiß werden
viele Elektrolyte wie Magnesium und Ka-lium aus dem Körper
gespült. Durch den Wasserverlust verdickt sich das Blut.
Folge: Krämpfe drohen, weil Magnesium und Kalium verloren
gehen, die in der Reizübertragung für die Muskelentspannung
zuständig sind. Steigt die Kerntemperatur weiter, führt die
Mangeldurchblutung des Hirns zu Schwindel, Müdigkeit und
Schmerzen, und die des Magens und Darms dazu, dass beide
weniger Flüssigkeit aufnehmen, was das Bakterienmilieu
verändert und Übelkeit verursacht. Das verdickte Blut
versorgt die Gewebe immer schlechter, Organe stellen die
Arbeit ein.
... die Luft dünn wird
Effekt: Rezeptoren in der Karotisdrüse der Halsschlagader
melden das sinkende Niveau des Sauerstoffs im Blut, mit dem
das Gehirn versorgt wird. Das Atemzentrum im Hypothalamus
regt dann die Atmung an, Herzfrequenz und Blutdruck erhöhen
sich. Wird der Körper an den O2-Mangel gewöhnt, schüttet er
Erythropoietin aus, das die Bildung Sauerstoff
transportierender roter Blutkörperchen anregt: auf bis zu
60 Prozent des Blutvolumens, was das Blut zähflüssiger
macht.
Folge: Die Organe werden mit weniger Energie versorgt, zu
deren Gewinnung Sauerstoff nötig ist. Es kommt zu
Fehlfunktionen. Im Gehirn äußern sie sich in Benommenheit
und Schwindelgefühlen. Das Gehen fällt schwer, weil die
Muskeln unterversorgt sind. Der erhöhte Blutfluss
verursacht Kopfschmerzen, begleitet von Übelkeit,
möglicherweise weil Rezeptoren im Gehirn stark gereizt
werden. Durch den Druck des dicken Bluts droht sich in
Lunge und Gehirn Wasser einzulagern.
... das Wasser knapp wird
Effekt: Bereits ein Wasserverlust in der Größenordnung von
einem Prozent des Körpergewichts hat messbare Auswirkungen.
Je geringer der Hauptbestandteil des Körpers, der als
Transport- und Lösungsmittel die optimalen
Konzentra-tionsgleichgewichte von Elektrolyten wie Natrium,
Kalium und Kalzium gewährleistet, desto dicker wird das
Blut, was die Pumparbeit des Herzens erhöht, und desto
schlechter werden Signale und Reize weitergeleitet und
verarbeitet.
Folge: Ab einem Wasserverlust von fünf bis acht Prozent des
Körpergewichts leidet der Mensch an Müdigkeit und
Schwindelgefühlen. Bei einem Verlust von mehr als zehn
Prozent treten physische und geistige Desorientierung auf,
Halluzinationen bei eingeschränktem Hör- und Sehsinn sowie
möglicherweise auch epileptische Anfälle, weil
Nervensignale für die Muskulatur nicht mehr koordiniert
weitergeleitet werden. Bei 15 bis 25 Prozent Wasserverlust
tritt der Tod ein.
SZ Wissen, Ausgabe 16, S. 70, 23. Juni
2007
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