Bangladesch könnte Tsunami drohen


Ein australischer Geoforscher vermutet eine Seebeben-Zone im nördlichen Golf von Bengalen. Neben modernen GPS-Daten, sprächen auch historische Berichte dafür.

Handelsblatt, Wissenschaft, S. 9, 6. September 2007


HB060907 - Das Risiko für einen Tsunami im Golf von Bengalen und seinen Anrainerstaaten Indien, Bangladesch und Myanmar ist weit größer als bisher angenommen. Diese Überzeugung bringt Phil Cummins von Geoscience Australia heute im Fachmagazin "Nature" zum Ausdruck.

Die Region galt bisher als weit weniger gefährdet als die weiter südlich gelegenen Gebiete entlang dem Sundabogen, den Inselketten von den Andamanen und Nikobaren über Sumatra und Java bis zu den Kleinen Sunda-Inseln. An Weihnachten 2004 wurde dieses Gebiet von einem verheerenden Erdbeben im Sundagraben vor Sumatra und einem darauffolgenden Tsunami überrascht, bei dem 230 000 Menschen ums Leben kamen.

Die Inselketten liegen in einer Erdbebenregion, weil vor der Küste des Inselbogens eine Subduktionszone verläuft. In diesem Bereich taucht die Australische Kontinentalplatte unter die Eurasische Platte ab.

Umstritten ist seit Jahrzehnten der weitere Verlauf der Subduktionszone in der nördlichen Spitze des Indischen Ozeans. In diesem Bereich schiebt sich die Indische Kontinentalplatte unter die Eurasische. Eine Mehrheit der Forscher ging bisher davon aus, dass die Zone entlang der Küste von Myanmar tektonisch nicht mehr aktiv ist und auf dem Land und nicht in der See verläuft. Damit könne ein Erdbeben auch keinen Tsunami auslösen.

Laut Phil Cummins gebe es inzwischen aber ausreichende Belege dafür, dass diese Zone tatsächlich im nordöstlichen Golf von Bengalen 100 bis 200 Kilometer vor der Küste Myanmars verläuft und erst im Delta von Ganges und Brahmaputra landeinwärts zieht. Dafür sprächen neben neuesten GPS-Daten der Plattenbewegungen auch historische Berichte aus der Küstenregion Myanmars. Geoforschern seien die Berichte über das Arakan-Erdbeben am 2. April 1762 durchaus bekannt: "Aber es hat sich niemand die historischen Details angesehen", sagt Cummins, ein Experte für geschichtliche Quellen von Erdbeben. 1841 habe ein britischer Schiffskapitän die Bewohner der Insel Cheduba befragt. "Die Interviews bestätigen, dass es damals zumindest lokal einen Tsunami gegeben hat", schreibt Cummins.

Eine Besonderheit des bengalischen Beckens fördere zudem die Entstehung von Beben. Eine bis zu 20 Kilometer dicke Sedimentschicht, entstanden aus dem Schlamm von Ganges und Brahmaputra, isoliere das darunterliegende Gestein so gut, dass die thermischen Bedingungen das Risiko für Erdbeben erhöhten.

"Seine Warnungen sollte man ernst nehmen", sagt Richard Arculus von der Australian National University. Einige Monate vor dem Seebeben von 2004 habe Cummins bereits auf historische Quellen über Tsunamis am Sundabogen hingewiesen und das Fehlen eines Warnsystems bemängelt. Ob ein solches System in dieser Region helfen könnte, bezweifelt indes Tsunamiexperte Edward Bryant von der University of Wollongong, Australien. "Die Vorwarnzeit wäre wohl zu kurz, um noch Menschen zu evakuieren."

Handelsblatt, Wissenschaft, S. 9, 6. September 2007

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