Verschnaufpause der Evolution


Die Vielfalt der heutigen Säugetierarten entwickelte sich erst lange nach dem Tod der Dinosaurier. Die Erfolgsgeschichte der Säuger begann indes lange vor dem Dinocrash.

Süddeutsche Zeitung, Wissenschaft, S. 18, 29. März 2007


SZ290307 - Es gibt Geschichten, die werden immer wieder erzählt. Und keiner fragt mehr, ob sie stimmen. Eine Geschichte geht so: Der Mensch verdankt seine Existenz allein einem kosmischen Zufall. Als vor 65 Millionen Jahren ein Meteorit auf der Erde einschlägt, rafft es die Dinosaurier dahin. Das Massensterben ermöglicht den Aufstieg der Säugetiere, die den Mensch hervorbringen. Doch eine neue Untersuchung stellt diese Version der Geschichte in Frage: „Das Massenaussterben und das Ende der Saurier hat nach unseren Ergebnisse keine entscheidende Rolle für die Evolution der heute lebenden Säugergruppen gespielt”, sagt Olaf Bininda-Emonds von der Uni Jena (Nature , Bd. 446, S. 507, 2007). Demnach seien moderne Säugerordnungen wie die Nagetiere, Primaten oder Raubtiere viel früher entstanden als viele geglaubt hätten.

Es ist eine These, die Anlass dazu geben könnte, Schulbücher umzuschreiben. Bininda-Emonds und sein Team stützen sich auf den umfassendsten molekulargenetischen Stammbaum, der jemals für die Säugetiere erstellt wurde. Er umfasst 99 Prozent aller lebenden Arten, von der Spitzmaus bis hin zum Blauwal, nur 44 der 4554 bekannten Spezies blieben unberücksichtigt, weil über sie zu wenig bekannt ist.

Bininda-Edmonds ist Fachmann für Superstammbäume: „Das sind Stammbäume, in denen man am Computer viele kleinere Bäume zu einem großen zusammenfasst”, sagt er. Vier Jahre haben er und seine Kollegen gebraucht, um alle Daten, die andere Wissenschaftler erstellt hatten, zusammenzufassen. Dass die Evolution der Säuger anders abgelaufen sein könnte, als es die Fossilien erzählen, darauf hatten in den vergangenen Jahren immer wieder molekulargenetische Analysen hingewiesen. Doch nie hat es einen so umfassenden Ansatz gegeben.

Für den Eintrag im Stammbaum genügt den Evolutionsbiologen ein wenig DNS der Säuger. Die Wissenschaftler verglichen dabei ausgesuchte Abschnitte des Erbguts. Anhand von Sequenz-Unterschieden, die durch Mutationen entstehen, und anhand der mehr oder weniger konstanten Mutationsrate pro Zeit bestimmen die Forscher, wie eng Tiergruppen verwandt und wann sie in der Evolution entstanden sind. Den genauen Zeitpunkt kalibrieren sie, indem sie ihre Daten mit den Ergebnissen aus den Fossilienfunden abgleichen.

Nach dem neuen Superstammbaum verlief die Evolution moderner Säugetier allerdings etwas anders ab, als es die fossilen Überreste erzählen – vor allem in der Zeit vor dem Dinosaurier-Sterben, aus der es kaum Fossilien gibt. Nach den genetischen Daten explodierte die Säugervielfalt nicht kurz nach dem Dino-Massensterben vor 65 Millionen Jahren. Die Gruppe der Säuger blühte das erste Mal vor 75 bis 100 Millionen Jahren richtig auf. „Und schon damals entstanden die Ordnungen, die wir heute kennen, die Primaten, die Nager, die Raubtiere oder die Huftiere”, sagt Bininda-Edmonds.

Nach dem Ende der Dinosaurier hätten zwar einige Säugergruppen einen kleinen Schub erlebt: „Das belegen auch die Fossilien”, sagt der Forscher aus Jena, „aber es waren nicht die Gruppen, die wir heute kennen.” Nach kurzem Aufschwung starben die meisten dieser Urzeitsäuger aus. Erst danach, vor rund 56 Millionen Jahren, gab es eine explosionsartige Vermehrung Säuger: Die Evolution brachte in den folgenden 22 Millionen Jahren all die Familien zustande, die heute die Erde bevölkern – aber auf der Grundlage einer Artenvielfalt, die zig Millionen Jahre zuvor entstanden war. „Die Zündschnur der Explosion ist damit viel länger als man bisher angenommen hatte”, sagt Bininda-Edmonds. Die beim Massensterben frei gewordenen ökologischen Nischen allein haben den Schub offenbar nicht ausgelöst. Den wahren Grund für den zweiten Frühling der Säugergruppe kennen Forscher aber nicht. „Es könnte mit einer bekannten globalen Erwärmung zusammen hängen, die damals begann”, vermutet Bininda-Edmonds.

Dass die Vielfalt der Säuger erst mit Verzögerung nach dem Ende der Dinosaurier richtig in Gang kam, zeigten sowohl die molekulargenetischen Daten, als auch die Fossilien, sagt Thomas Martin, Paläontologe an der Universität Bonn: „Das bestätigt der Blick auf die Fossilienvielfalt bekannter Fundstellen wie der Grube Messel bei Darmstadt.” Doch die erste Blüte der Säuger sieht er skeptisch: „Ich halte die angegebenen Entstehungsalter für viel zu hoch.” Die Molekulargenetik lege eine gleichmäßige Mutationsrate zugrunde und komme daher auf zu hohe Entstehungsalter. „Ich halte es für ausgeschlossen, dass die Nagetiere bereits vor 98 Millionen Jahren entstanden sind.” Bisher habe niemand Nagetierfossilien in Schichten gefunden, die älter als 55 Millionen Jahre seien.

Doch das sei ein Problem der Fossilsucher, entgegnet Bininda-Edmonds: „Gibt es die Fossilien nicht, weil es die Tiere nicht gab, weil die Forscher die Versteinerungen nicht finden oder weil die Bedingungen für Versteinerungen nicht gepasst haben?” Das Fehlen von Belegen sei kein Beleg für das Fehlen von etwas. Nach dem neuen Superstammbaum der Säuger müssen die Paläontologen vielleicht nur besser suchen, um die Wurzeln des Menschen und seinen Säugetierverwandten zu entdecken. Dass Ende der Saurier hat damit wohl eher nichts zu tun.

Süddeutsche Zeitung, Wissenschaft, S. 18, 29. März 2007

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