Die Intelligenz der Sonnenblume
Ist die Wahrnehmung von Pflanzen doch mit der von Tieren und Mensch vergleichbar? Ein Gruppe von Botanikern schreibt dem Grünzeug ähnliche Fähigkeiten wie Tieren zu – und wird dafür von Kollegen angefeindet.
Süddeutsche Zeitung, Wissenschaft, S. 16,
29. Mai 2007
SZ290507 - Pflanzen sind primitive Lebensformen,
heißt es. Sie sind schön anzusehen, schmecken vielleicht
noch als Salat oder Gemüse, aber das war es dann auch. Sie
verharren fest verwurzelt immer an der gleichen Stelle, sie
hören nicht, sie fühlen nicht, sie riechen nicht wie es
Mensch und Tier können. Und was die Intelligenz angeht,
sagt der Ausdruck „dumm wie Stroh” schon fast alles. Wer
das Gegenteil behauptet, gerät schnell in Verdacht,
esoterisch veranlagt zu sein.
Doch es gibt eine Gruppe von Wissenschaftlern, die das ganz
anders sieht: „Für uns gibt es zwischen Tier- und
Pflanzenreich kaum Unterschiede”, sagt Dieter Volkmann,
emeritierter Professor von der Universität Bonn. Seit
einigen Jahren versuchen er und seine akademischen
Mitstreiter, den Pflanzen neue Achtung zu verschaffen.
Die Wissenschaftler sehen sich als Wegbereiter eines neuen
Forschungszweiges, dessen Name bereits bei traditionellen
Botanikern Schaudern auslöst: Neurobiologie der Pflanzen.
Die Vertreter dieser Fachrichtung haben sich vor drei
Jahren in einer neuen Gesellschaft organisiert und ein
Fachmagazin gegründet. Kürzlich trafen sie sich zum dritten
Mal auf einem Symposium, um sich über ihre
Forschungsergebnisse auszutauschen. In der Neurobiologie
der Pflanzen gehe es um die elektrophysiologische
Signalverarbeitung bei Pflanzen, sagt Volkmann.
Bereits in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wies man
elektrochemische Aktionspotentiale, die bis dahin nur von
tierischen Nervenzellen bekannt waren, bei den schnellen
Bewegungen der Venusfliegenfalle und der Mimose nach. Aber
nach Meinung von Pflanzenneurobiologen wie dem Bonner
Frantisek Baluska und dem Florentiner Stefano Mancuso gehen
die Gemeinsamkeiten noch viel weiter.
In ihren Fachartikeln werden immer wieder pflanzliche
Strukturen und Abläufe mit denen des Nervensystems von
Mensch und Tier verglichen. Baluska und Volkmann
beschreiben etwa die „pflanzliche Synapse”. An diesen
Zellübergängen würden – genau wie bei den Synapsen der
Tiere – Signale mittels chemischer Botenstoffe von einer
Zelle zur nächsten weitergegeben. „Wir haben in den
vergangenen fünf bis zehn Jahren außerdem festgestellt,
dass es Regionen in der Pflanze gibt, die speziell dafür
ausgestattet sind, Umweltreize wahrzunehmen”, sagt
Volkmann. Die Wurzelspitze etwa habe einen Schwerkraftsinn.
Und sie reagiere auf akustische Reize, fand Stefano Mancuso
heraus. Da spezialisierte Zellen in der Wurzelspitze
ähnlich wie Hirn-Neuronen in synchronen Phasen oszillieren,
scheut Baluska sich nicht, von einem Gehirn-ähnlichen
Zustand zu sprechen. „Wir behaupten natürlich nicht, dass
Pflanzen so etwas wie Nerven oder gar ein Gehirn haben”,
sagt Dieter Volkmann. Aber es gebe Analogien zwischen dem
Tier- und Pflanzenreich, die bisher nicht ausreichend
berücksichtigt worden seien.
Das Gehirn in der Wurzel
Die alten Begriffe reichen nicht mehr aus, um all die neuen
Entdeckungen zu beschreiben. „Wenn man bedenkt, dass
Sonnenblumen Aktionspotentiale über eine Distanz von 30
Zentimetern senden können – wobei das Signal mehr als 1000
Zellen überwinden muss – drängt sich der Vergleich mit
Tieren geradezu auf”, sagt Eric Brenner vom Botanischen
Garten in New York. Pflanzen reagieren seiner Meinung nach
als Gesamtorganismus auf Umweltreize, und nicht – wie man
bisher dachte – nur in einzelnen Bereichen, von denen der
eine nicht weiß, was der andere tut. „Dieses
Informationsnetzwerk innerhalb der Pflanze wollen wir
entschlüsseln”, erklärt Brenner.
Botaniker haben in den vergangenen Jahren immer wieder
aufsehenerregende Entdeckungen gemacht, die selbst das
Unkraut am Rande des Weges in neuem Licht erscheinen
lassen. Demnach nehmen Pflanzen ihre Umwelt offenbar so
detailreich wahr, dass es die Experten an tierische
Fähigkeiten wie „schmecken”, „riechen” und „tasten”
erinnert. „Pflanzen reagieren koordiniert auf etwa 20
verschiedene Signale aus ihrer Umwelt, etwa Feuchtigkeit,
Licht, Schwerkraft, Bodenstruktur oder Wind”, sagt Anthony
Trevawas, Pflanzenneurobiologe an der University of
Edinburg in Schottland. Wurzeln suchen sich gezielt ihren
Weg in Richtung notwendiger Mineralien. Pflanzen
kommunizieren untereinander über Duftstoffe und warnen sich
vor Fraßfeinden. Wilder Tabak lockt sogar Raubinsekten
eigens an, um die Plagegeister zu bekämpfen. Wurzeln
unterscheiden auf geheimnisvolle Weise zwischen „selbst”
und „nicht selbst” und achten während ihres Wachstums im
Boden darauf, dass sie den unterirdischen Teilen anderer
Gewächse nicht zu nahe kommen. Pflanzen richten ihre
Blätter immer genau so aus, dass sie exakt die optimale
Menge an Licht bekommen.
Forscher wie Trewavas halten es aufgrund der Fülle und
Komplexität der pflanzlichen Fähigkeiten sogar für
notwendig, von Intelligenz im Sinne von Problemlösung zu
sprechen: „Selbst Bakterien wird eine basale Form von
Intelligenz zugesprochen, und mehrzellige Pflanzen können
all das, was Einzeller können, in deutlich komplexeren
Formen”, sagt er.
In Teilen der etablierten Forschergemeinde wächst der Unmut
über die grüne Neurobiologie. „Viele von uns dachten, das
erledigt sich von selbst. Aber nein, es gerät völlig außer
Kontrolle”, ärgert sich David Robinson vom Heidelberger
Institut für Pflanzenwissenschaften. Der ganze Ansatz sei
einfach „Unsinn” und habe keinerlei wissenschaftliche
Grundlage, lamentieren andere. In einem Brief im Fachblatt
Trends in Plant Biology (Bd. 12, S. 135, 2007) drückten
kürzlich mehr als 30 Wissenschaftler ihren Ärger und ihre
Bedenken in wohlformulierter Kritik aus. Zusammenfassen
lässt sich der Inhalt des Schreibens in etwa so: „Liefert
handfeste Beweise oder macht den Laden dicht.” Den
Neurobiologen wird vorgeworfen, Ergebnisse mit Begriffen
aus der Nomenklatur des Tierreichs aufzuhübschen, um
Aufmerksamkeit zu erheischen und letztlich Geldgeber an
Land zu ziehen. Dies sei etwa in Italien gelungen, wo
Franco Mancuso eine Sparkasse für die Finanzierung eines
Forschungsprojektes gewinnen konnte.
„Wir haben den Vertretern der neuen Richtung jetzt den
Fehdehandschuh hingeworfen”, sagt David Robinson, der den
Brief initiiert hat. Das Schreiben drücke die Meinung von
weit mehr Forschern als den Unterzeichnern aus, sagt
Gerhard Thiel von der TU Darmstadt. „Viele Kollegen
meinten: „Gott sei Dank äußert sich endlich mal jemand
dagegen.”
Den Verfassern geht es auch um den Ruf der Botaniker in der
Öffentlichkeit. Sie fürchten ins Fahrwasser von
unwissenschaftlicher Esoterik und New Age zu geraten. Der
größte Unfall wäre für Thiel: „Stellen Sie sich vor, auf
dem Titel einer Boulevard-Zeitung stünde eines morgens:
„Pflanzen haben ein Gehirn.” Das brächte ein ganzes Fach in
Misskredit, nur weil einige Vertreter leichtfertig mit
Begriffen spielen.
Es gebe zwischen Tier- und Pflanzenreich zwar
Gemeinsamkeiten auf molekularer Ebene und es gebe auch
Hinweise auf pflanzliche Substanzen, die wie
Neurotransmitter wirkten. Auch würden in beiden Welten
Signale über größere Distanzen gesendet und empfangen:
„Aber es gibt bei Pflanzen doch keine vergleichbaren
Strukturen auf der Ebene der Zellen, der Gewebe oder
Organe”, schreiben die Kritiker in ihrem Brief. Schon das
Konzept der „pflanzlichen Synapse” müsse erst einmal
bestätigt werden, mahnt Tiehl an. Durch Begriffe aus der
Neurobiologie der Tiere werde lediglich das Nichtwissen
über die Mechanismen pflanzlicher Reaktionen kaschiert.
Ignoranz und Dogmatismus
Die Kritiker sollten weniger dogmatisch sein, antworten die
Pflanzenneurobiologen. „Der Begriff Plant Neurobiology ist
eine Metapher”, sagt etwa Anthony Trevawas. Metaphern
könnten sehr nützlich sein, weil sie neue Denkansätze
ermöglichten, findet auch Dieter Volkmann. „Das mag zu
Anfang schwammig sein, auch Kontroversen schaffen, aber der
entscheidende Punkt ist doch, dass man auf eine neue Art
und Weise über Pflanzen nachdenkt.” Wenn das nicht mehr
möglich sei, hätten Ignoranz und Dogmatismus wie schon so
oft in der Botanik gesiegt. Doch für David Robinson geht
die Neurobio-Fraktion zu weit: „Mit Metaphern zu neuem
Denken anzuregen ist eine Sache, aber das ist ja wohl kaum
ein überzeugender Grund, eine internationale Gesellschaft
danach zu benennen”, sagt er. Dann könne man auch gleich
eine „Gesellschaft der Pflanzenlunge” gründen
Süddeutsche Zeitung, Wissenschaft, S. 16,
29. Mai 2007
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