Schöner wohnen und forschen im Eis
In der deutschen Antarktis-Station wird es allmählich ungemütlich. Eis und Schnee drücken die drei Röhren von Neumayer II immer weiter zusammen. Teile der Folgestation stehen derzeit in Bremerhaven zur Probe.
Handelsblatt,
Wissenschaft, S. 9, 6. September 2007
HB060907 - Es wird Zeit zu gehen. Wer will schon
noch länger in einem Haus wohnen und arbeiten, das jedes
Jahr rund einen Meter tiefer im Schnee versinkt und
irgendwann vom Eis zerquetscht werden wird. Die Forscher
der deutschen Polarstation Neumayer II sitzen nicht mehr
lange in ihren drei Röhren unter der zwölf Meter dicken
Schicht aus Eis und Schnee auf dem Ekström-Schelfeis in der
Antarktis.
Die Nachfolgestation Neumayer III, die derzeit in Teilen
zur Erprobung auf dem Firmengelände des Herstellers in
Bremerhaven steht, wird diese Woche der Öffentlichkeit
präsentiert. Im Dezember soll der Aufbau im ewigen Eis etwa
sechs Kilometer südlich von der alten Station beginnen. Der
Einzug der Wissenschaftler ist für Februar 2009 geplant.
"Der Umzug ist nötig, weil Eis und Schnee die Station in
wenigen Jahren zerdrückt haben werden", sagt Angelika
Dummermuth, die Pressesprecherin des federführenden
Alfred-Wegener-Instituts in Bremerhaven. Das frühzeitige
Ende der 1992 in Betrieb genommenen Station war
vorhersehbar. Die Station steht auf Schelfeis, einer ins
Meer verlängerten Eisplatte eines Gletschers, der beständig
Schnee und Eis ins Meer schiebt. Die Scherkräfte und der
wachsende Druck der Schneedecke setzen der Forschungsröhre
immer mehr zu.
Das Drücken und Schieben ist jedem der bis zu neun
Mitarbeiter auf der Station vertraut: "Das knirscht und
kracht den ganzen Tag über", sagt Dummermuth. In der
gesamten Station sind in den Innenräumen Beulen und Dellen
in den Wänden zu erkennen.
Damit die neue 2300 Tonnen schwere Station nicht auch im
Schnee versinkt, haben die Konstrukteure den neuen Komplex
auf 16 hydraulische Stelzen gesetzt. Die halten die 68
Meter lange und 24 Meter breite Plattform sechs Meter über
der Schneedecke. Ein Graben unterhalb der Station ist 8,20
Meter tief und wird als Tiefgarage genutzt werden.
Die Lebensdauer verdoppelt sich dank der
Stelzenkonstruktion laut dem AWI von bisher 15 auf 25 bis
30 Jahre. Positiver Nebeneffekt: Es bleiben langfristig
keine Bauteile im Schnee zurück, eine Anforderung, die das
Antarktis-Umweltschutzprogramm inzwischen stellt. Das
Wohnen und Arbeiten soll bequemer werden. Es gebe mehr
Platz, und für einen Teil der Messungen müssten die
Wissenschaftler künftig die Station nicht mehr verlassen -
eine durchaus angenehme Aussicht bei Temperaturen bis minus
47 Grad Celsius und Winden bis 130 Stundenkilometern.
Handelsblatt,
Wissenschaft, S. 9, 6. September 2007
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