Hightech für Reiche, Diabetes für Arme


Stammzell- und Gentherapie heilen in 60 Jahren die Krankheiten der Reichen. Auch Malaria und Tuberkulose sind dann beherrschbar. Der Abstand zwischen Arm und Reich aber bleibt: Einen goldenen Lebensabend genießt nur, wer sich Hightech leisten kann.

Spiegel Online , Wissenschaft, 13. Februar 2007


SP130207 - Das Leben von Petra Witte und Chinonso Mbeki hätte vor 60 Jahren anders ausgesehen. Heute - im Jahr 2067 - führen sie ein normales Leben. Dabei war die eine mit einer angeborenen Stoffwechselkrankheit belastet, der andere hat sich mit einem Erreger infiziert, der ihn früher - 2007 etwa - wahrscheinlich getötet hätte.

Seit ihrer Kindheit hatte Petra Witte Typ-1-Diabetes. Ihr eigenes Immunsystem zerstörte die Insulin produzierenden Beta-Zellen aus der Bauchspeicheldrüse. Ohne Insulin zu spritzen, hätte sie 2007 keine Chance gehabt zu überleben. Doch im Jahr 2067 züchten Mediziner Insulin produzierende Beta-Zellen aus speziellen Stammzellen. Gleichzeitig verändern die Mediziner die zellulären Insulin-Fabriken: Sie schleusen neue Gene ein, damit Wittes Immunabwehr sie nicht als Fremdkörper betrachtet. Außer jährlichen Kontrolluntersuchungen gibt es nichts, was die Patientin daran erinnert, dass sie einmal zuckerkrank war.

Auch für Chinonso Mbeki sieht die Welt 2067 besser aus, als es 2007 der Fall gewesen wäre. Eine Tsetse-Fliege hatte ihn mit dem Erreger der Schlafkrankheit infiziert, als er noch ein Kind war. Anfang des Jahrtausends wäre er wahrscheinlich daran gestorben, weil es in seinem abgelegenen Dorf in den afrikanischen Tropen keine Antibiotika gab. 2067 gibt es davon reichlich, und über die Kosten müssen sich seine Eltern keine Sorgen machen - die Weltkrankenversicherung hat es bezahlt.

Hightech im Norden

Ob es Petra Witte und Chinonso Mbeki 2067 wirklich so gut gehen wird, ist hoffnungsvolle Phantasie. Wie die Zukunft der globalen Medizin und Gesundheit dann tatsächlich aussehen wird, traut sich heute niemand vorherzusagen. Die aktuellste Hochrechnung der Weltgesundheitsorganisation WHO über weltweite Todesursachen reicht nur bis ins Jahr 2030. Auch die Zukunftsprognose "Pharma Futures" dreier Rentenfonds über mögliche Entwicklungen im globalen Gesundheitsbereich trägt zwar den Untertitel "A longterm value outlook". Sie sagt aber nur die Zukunft der nächsten zehn Jahre voraus - von 2004 aus betrachtet.

Wo aber niemand etwas weiß, da ist Platz für Visionen. Wer im reichen Norden versucht, in die Zukunft zu schauen, sieht vor allem den Aufstieg der Hightech-Medizin voraus. Was Anfang des Jahrtausends noch in den Kinderschuhen steckt, sollte im Jahr 2067 längst Routine sein, so die Hightech-Auguren.

Dank Stammzelltherapie und Tissue Engineering, der Züchtung maßgeschneiderten Gewebes, können Mediziner 2067 neue Organe herstellen und erkrankte oder beschädigte Körperteile wie Netzhaut, Herzklappen, Blutgefäße oder Haut austauschen. So werden vor allem die Folgen des Alters erträglicher. Die Lebenserwartung in den Industriestaaten ist noch weiter gestiegen, Hundertjährige sind keine Seltenheit mehr. Demenzerkrankungen wie Alzheimer oder die Schüttellähmung Parkinson lassen sich dank embryonaler Stammzellen heilen. Statt ein Einheits-Medikament beim Apotheker abzuholen, erfährt man per Gentest, welche der zahlreichen Mittel zu den persönlichen Genvarianten passt.

Im Süden kommt nicht viel an Stammzellen, Gentherapie, Organzüchtung - während der reiche Norden einen gesunden Lebensabend verbringt, kommt im ärmeren Süden von den modernen Technologien nicht viel an. Zwar hat sich in 60 Jahren die Idee durchgesetzt, dass Gesundheit ebenso ein Menschenrecht ist wie das Recht auf Meinungsfreiheit oder die Unversehrtheit der Person. Aber was hat ein Mensch von diesem Grundrecht, wenn er sich teure Therapien nicht leisten kann? Eine Frage, die sich auch im Norden immer mehr Menschen stellen müssen, weil die Gesundheitssysteme längst auf ein Minimum zusammengeschrumpft sind.

Trotzdem ist in den armen Ländern die Entwicklung nicht stehen geblieben. Tuberkulose und Tropenkrankheiten wie Malaria sind 2067 längst beherrschbar. Aids bleibt unheilbar, hat aber seinen tödlichen Schrecken verloren. Die Kindersterblichkeit konnte drastisch gesenkt werden.

Den Grundstein für diese Entwicklung haben die WHO und zahlreiche private Organisationen wie "Ärzte ohne Grenzen" oder die Bielefelder Buko Pharmakampagne schon Anfang des 21. Jahrhunderts gelegt. "Es muss nach Bedarf geforscht werden und nicht nach Gewinnaussichten", formuliert Buko-Mitarbeiter Christian Wagner eine zentrale Forderung der globalen Bewegung Anfang des 21. Jahrhunderts. Sie kämpft dafür, dass Tropeninfektionen in Zukunft nicht mehr zu den "vernachlässigten Krankheiten" zählen wie noch 2007. Weil die Armen der Welt ihre Medikamente nicht zahlen können, ist der gewaltige Markt nicht lukrativ genug für Pharmafirmen.

Forschen ohne Gewinnaussichten

Immer mehr Non-Profit-Gesellschaften werden auf diesem Bewusstsein gegründet, und auch Staaten zahlen 2067 in einen gemeinsamen Topf ein. Daraus finanzieren sie die Entwicklung von einfachen HIV-Tests und Medikamenten gegen Malaria, die Schlafkrankheit, Chagas und Leishmaniose. Probleme mit dem Patentschutz auf Arzneientwicklungen sind kein Thema mehr, weil die Forschungsgelder aus öffentlicher Hand stammen.

Doch der Abstand in der Lebenserwartung zwischen Arm und Reich bleibt, und er trifft auch immer mehr Menschen im Norden. Der Grund für die Diskrepanz: Auch wenn inzwischen die wichtigsten Arzneien in fast allen Ländern verfügbar und dank Weltkrankenversicherung bezahlbar sind - teure und aufwändige Hightech-Medizin wird für alle Ärmeren auf der Welt 2067 so unerreichbar sein wie 2007 einfachste Medikamente.

Zugleich wiederholt sich in den einst ärmsten Ländern eine Entwicklung, die 2007 in Schwellenländern wie China, Indien und Brasilien beobachtet wird. Mit zunehmendem Wohlstand breiten sich klassische Lifestyle-Krankheiten aus: Diabetes, die Lungenkrankheit COPD, Krebs und Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Um deren Folgen zu bekämpfen, hatte einst der Aufstieg der Hightech-Medizin begonnen. Doch deren Früchte werden 2067 nur die genießen, die sich einen beschwerdefreien Lebensabend finanziell leisten können.

Spiegel Online , Wissenschaft, 13. Februar 2007

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