Der große Streit über den kleinen Hobbit
Ausgestorbene Menschenart oder nur ein kranker Homo sapiens? Forscher debattieren immer schärfer über den in Indonesien gefundenen Schädel. Ein Handgelenk könnte nun den Streit über den Hobbit-Schädel entscheiden.
Handelsblatt, Wissenschaft, S. 9, 5. Juli
2007
HB050707 - Manchmal scheint sich die Geschichte
doch zu wiederholen. Nachdem 1856 im Neandertal bei
Düsseldorf der Schädel und die Gebeine des wohl
berühmtesten Urmenschen entdeckt worden waren, herrschte
jahrelang Uneinigkeit darüber, von wem diese Knochen
stammten. Die einen waren - zur Recht - überzeugt, dass es
sich um eine andere Menschenart handelte, die anderen
hielten dies für unmöglich.
150 Jahre später streiten sich die Paläoanthropologen
erneut über einen Schädel und ein paar Gebeine. Und wieder
lautet die Frage: Bisher unbekannte Menschenart oder Homo
sapiens mit krankhaft kleinem Kopf (Mikrozephalie)? Das
Streitobjekt ist der Schädel eines Wesens, das als "Hobbit"
bekannt wurde, benannt nach dem Zwergenvolk in Tolkiens
"Herr der Ringe". Ein australisch-indonesisches
Forscherteam fand den Schädel und ein paar bröselige
Knochen 2003 in einer Höhle auf der indonesischen Insel
Flores. Gerade mal einen Meter groß soll die 30 Jahre alte
Frau gewesen sein.
Alle paar Monate erscheint nun ein neuer Forschungsartikel,
der Belege für die eine oder andere Seite liefert. Dabei
konzentriert sich der Streit vor allem auf die Größe, Form
und einzelne Teile des Kopfes, wie etwa das Kinn, das zum
Schädel eines Homo sapiens gehört, bei LB 1 aber fehlt
(LB=Liang Bua, Name der Höhle). Oder die Zähne der
Hobbit-Frau, die wiederum denen moderner Menschen ähneln.
Dabei war für die Entdecker der Befund zunächst eindeutig:
"Am Schädel konnte man gleich erkennen, dass es kein
moderner Mensch war", sagte Mike Morwood, von der
University of New England in Armidale, Australien. Kollege
Peter Brown ließ sich vom Fachmagazin "Nature" zitieren,
das den Fund im Oktober 2004 präsentierte: "Mir fiel die
Kinnlade runter, als ich das Gehirn vermessen hatte." Mit
knapp 400 Kubikzentimetern war es so klein wie das eines
Babys oder eines Schimpansen. Brown und Morwood waren
überzeugt: Dies ist eine neue Art der Gattung Mensch.
Sie nannten das Wesen nach dem Entdeckungsort: Homo
floresiensis. Es wäre die letzte ausgestorbene Homo-Art,
die noch gleichzeitig mit dem anatomisch modernen Menschen
lebte. Denn als die kleine Frau vor 18 000 Jahren über ihre
Insel lief, waren die Neandertaler schon ausgestorben.
Die Forscher gaben auch gleich eine Erklärung für ihre
geringe Körpergröße. LB 1 könnte ein geschrumpfter
Nachfahre des Homo erectus sein, der den Gesetzen der
Insel-Regel folgte. Danach schrumpft eine Tierart auf
Inseln im Laufe der Evolution, um sich dem mangelnden Platz
und den kargen Futterressourcen anzupassen. Ein prächtiges
Beispiel für die Kraft dieser Regel hatten die Forscher
gleich neben den Hobbit-Knochen ausgegraben. Die Reste
eines Stegodons, eines ausgestorbenen Elefantenverwandten.
Das Tier war nur wenig größer als der Hobbit. Auf dem
Festland wurden die Urelefanten drei bis vier Meter groß.
Doch 2005 kamen Zweifel an der These auf, dass der Hobbit
eine neue, geschrumpfte Menschenart sei. "Der Schädel ist
einfach zu klein, um der Insel-Regel zu folgen", meinte
etwa Robert Martin vom Field Museum in Chicago.
Der renommierte indonesische Paläoanthropologe Teuku Jacob
kam dann auf ungeklärtem Wege in den Besitz des Schädels,
um ihn sich genauer anzusehen. Sein Fazit: klarer Fall von
Mikrozephalie. Der Schädel sei sehr unsymmetrisch und zeige
Zeichen von Verformungen. Damit begann ein Schlagabtausch,
der bis heute nicht entschieden ist.
Svante Pääbo vom Max-Planck-Institut für evolutionäre
Anthropologie in Leipzig versuchte, den Verwandtschaftsgrad
des Hobbits zum modernen Menschen durch Gen-Analyse zu
bestimmen - und scheiterte. Das warm-feuchte Klima in
diesen Breiten hat die Erbsubstanz DNS in den Knochen zu
stark zerstört, um noch etwas aus ihr herauszulesen.
Ein deutsches Forschertrio - Jochen Weber aus Schweinfurt,
Alfred Czarnetzki und Carsten Pusch von der Universität
Tübingen - verglich einen computergenerierten
Schädelausguss von LB 1 mit denen moderner Mikrozephalen
und fand beachtliche Ähnlichkeiten in der Morphologie:
Größe, Form, Proportionen. Man könne nicht sicher zwischen
LB 1 und einem von Mikrozephalie betroffenen Kopf
unterscheiden. "Wenn man sich auf die Morphologie des
Kopfes beschränkt, ist LB 1 der älteste nachgewiesene
Mikrozephale, den es bisher gab."
Brown und Morwood entdeckten 2004 noch einige einzelne
Knochen, aus denen sie schlossen, dass in der Höhle bis zu
acht Exemplare der kleinen Menschen lagen. Doch Alfred
Czarnetzki ist skeptisch: "Das kann man ja nur genau sagen,
wenn derselbe Teil eines Skelettelementes in der
entsprechenden Anzahl vorkommt, also zum Beispiel acht
Schäfte von linken Schienbeinen. Die gibt es aber nicht."
Mikrozephalie werde zudem vererbt, und so könnten die
Knochen auch von weiteren Erkrankten stammen. Die Datenlage
sei sehr lückenhaft, und es werde auch mit viel zu vielen
Schätzungen, etwa für die Körpergröße, gearbeitet,
kritisiert der emeritierte Anthropologe die Kollegen.
Matthew Tocheri vom Smithsonian Institute in Washington
untersuchte den Handknochen der Zwergenfrau. Der liefert
seiner Meinung nach den Beweis: "Das ist definitiv kein
moderner Mensch, nicht einmal annähernd", sagte er im Mai
beim Jahrestreffen der amerikanischen
Paläoanthropologischen Gesellschaft.
Bei einer modernen Hand sind die Gelenkknochen so angelegt,
dass sie einwirkende Kräfte abfedern. Auch der Neandertaler
hatte solche modernen Hände. Affen oder ältere Vorfahren
des Menschen wie der Homo habilis (vor 1,8 Millionen
Jahren) besitzen diese Schockabsorber-Konstruktion noch
nicht. Drei der Handgelenksknochen von LB 1 gleichen denen
der älteren Vorfahren. "Sie sind auch nicht krankhaft
verformt", sagt Tocheri.
Ob er damit überzeugen kann, wird sich erweisen, wenn er
seine Ergebnisse in einem Fachmagazin mit Gutachterprozess
veröffentlicht hat. Derzeit wartet er auf die Zusage eines
Magazins. Aber auch dann blieben noch Zweifel, findet die
Gegenseite: "Die Handknochen sehen zwar nicht aus wie die
einer modernen Hand", erkennt Robert Martin an. "Aber wie
können wir ausschließen, dass es nicht eine krankhafte
moderne Hand ist, solange es keinen Vergleich gibt?"
Der Streit über den Neandertaler klang aus, als 1886 im
belgischen Spy zwei weitere Exemplare des prähistorischen
Düsseldorfers ans Licht kamen. Auf einen solchen Fund
warten auch heutige Paläoanthropologen. Er könnte die
Debatte zu Gunsten der Homo-floresiensis-Fraktion
entscheiden. Dann hätte sich die Geschichte tatsächlich
wiederholt.
Handelsblatt, Wissenschaft, S. 9, 5. Juli
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