Nicht jeder Reiz macht Eindruck
Manchmal sehen wir Dinge, nehmen sie aber nicht wahr. Warum das so ist und welche Rolle die neuronale Rückkopplung beim Sehen spielt, erforschen Wissenschaftler um Ralf Galuske am Max-Planck Institut für Hirnforschung.
MaxPlanckForschung, Fokus, S. 20,
1/2007
MPF0507 - „Sagen Sie
mal, wieso bekomme ich hier eigentlich kein Gemüse?“ Der
Patient klang ein wenig verärgert bei der täglichen Visite,
drei Tage nachdem er aus der Intensivstation in sein
Krankenzimmer verlegt worden war. Die Ärzte schauten sich
verwundert an. Wie es schien, hatte der schwere
Schlaganfall in der rechten Gehirnhälfte mehr angerichtet,
als sie bisher festgestellt hatten: An den drei Tagen,
seitdem der Patient wieder feste Nahrung zu sich nehmen
konnte, hatte es durchaus Gemüse gegeben.
„Bei dem Patienten waren durch den Schlaganfall offenbar
nicht nur Bereiche für die Motorik betroffen, sondern auch
Regionen, die für komplexe Wahrnehmungsvorgänge zuständig
sind“, sagt Ralf Galuske, vor vielen Jahren einer der
Ärzte, die den Patienten, der Erbsen und Möhren vermisste,
betreut hatten. Heute leitet der Neurophysiologe eine
Arbeitsgruppe am Max-Planck-Institut für Hirnforschung in
Frankfurt am Main. Wie bei Essgeschirr in Krankenhäusern
üblich, hatte das Gemüse in einem eigenen, abgetrennten
Bereich auf der linken Seite der Menüplatte gelegen.
Der Gefäßverschluss hatte bei dem Patienten durch den
Ausfall eines höheren visuellen Areals der Großhirnrinde zu
einem Phänomen geführt, das Neurologen Neglekt nennen: Er
sah das Gemüse zwar, sein Gehirn vernachlässigte es aber,
so dass der Patient alles, was auf der linken Seite lag,
nicht aktiv wahrnahm. „Der Patient hätte das sehen können,
wenn man ihn darauf hingewiesen hätte“, sagt Ralf Galuske.
Die Augen und auch die Verarbeitung der visuellen Reize in
den primären Großhirnarealen waren völlig intakt. Aber
durch den Ausfall des höheren Areals im visuellen System
gelang es dem Mann nicht von selbst, die Aufmerksamkeit
darauf zu richten. Erst wenn man die Menüplatte
herumgedreht hätte, wäre das Mittagessen für ihn komplett
gewesen.
Etwas sehen, es aber nicht wahrnehmen – eine eigenartige
Vorstellung. Für die meisten Menschen bedeuten Sehen und
Wahrnehmen das Gleiche. Selbst Hirnforscher Galuske hat
seine Probleme damit, den Unterschied zu erklären. Das ist
vielleicht ein Beleg dafür, wie sehr Menschen von ihrem
Sehsinn abhängen. Es ist vergleichbar mit einer
Alltagssituation, in der sich jeder schon einmal befunden
hat: Man sucht das Salz in der Küche, wühlt sich durch alle
Gewürzdöschen, weil man vermutet, dass der Salzstreuer
irgendwo dahinter sein muss. Dabei steht er die ganze Zeit
schon in der ersten Reihe direkt vor unserer Nase.
EIN FEEDBACK AUS HÖHEREN REGIONEN
„Wir sehen die Welt nicht, wie sie ist, sondern wie wir
glauben, dass sie ist“, sagt Ralf Galuske. Anders
ausgedrückt: Unser Wissen lässt uns die Welt mit anderen
Augen sehen. Galuske und sein Team wollen herausfi nden,
was bei diesem Prozess in unserem Gehirn passiert. „Die
klassische Sichtweise war immer, dass die
Signalverarbeitung ein sequenzieller Prozess ist“, erklärt
der Forscher. Der Reiz wird aufgenommen, über Nervenbahnen
in den Thalamus gelenkt, vorgefi ltert, läuft weiter in den
primären Cortex und von da aus in ein höheres Zentrum – und
dann sehen wir ein Bild oder riechen oder spüren etwas.
Dass an dieser Vorstellung zumindest für die Bilder, die
wir sehen, etwas nicht stimmen kann, darauf deuteten schon
anatomische Untersuchungen in der Vergangenheit. Denn von
den höheren Zentren mit Namen wie PMLS oder PLLS laufen
Nervenbahnen auch wieder zurück zu den primären Bereichen
im visuellen Cortex, der Area 17 oder 18. „Die eingehenden
Signale sollten also irgendwie durch Signale aus den
höheren Zentren beeinflusst werden“, sagt Galuske.
Um dieses Feedback, diese Rückkopplung also, zu
entschlüsseln, untersuchen der Frankfurter Max-
Planck-Wissenschaftler und seine Mitarbeiter den Sehvorgang
bei Katzen. Die Entscheidung für das Sehen und für die
Katze als Studienobjekt hat gute Gründe: „Man kann beim
Sehen sehr schön kontrollieren, welche Stimuli man gibt,
und in Folge recht gut die Verarbeitung im Gehirn
nachvollziehen“, sagt der Neurowissenschaftler. Er könne
einerseits sehr reduktionistisch herangehen, ohne dabei den
Blick für das Ganze zu verlieren: Während er die Arbeit
einzelner Neuronen verfolgt, kann er auch den ganzen
visuellen Cortex beobachten.
DER MENSCH ALS AUGENTIER
Andererseits kann er aber auch komplexe visuelle Reize
erzeugen und sie trotzdem noch kontrollieren. „Das fi nde
ich bei auditorischen Reizen schwieriger“, sagt Galuske und
ergänzt: „Als auditorisch nicht geschulter Mensch.“ Bei der
Erforschung des Sehsinns kann er auf einen reichen Schatz
an Ergebnissen zurückgreifen: „Den Sehsinn bei Carnivoren,
also Fleischfressern, und Primaten haben in den vergangenen
50 Jahren eine Menge Leute untersucht.“ Menschen sind eben
Augentiere.
Dass Hirnforscher gerade das Sehen dieser beiden
Tiergruppen untersuchen, ist natürlich kein Zufall.
Primaten sind unsere nächsten Verwandten, und im Leben
eines Raubsäugers wie der Katze spielt der Sehsinn eine
ähnlich große Rolle wie beim Menschen. „Das heißt, die
Katze sieht möglicherweise sehr ähnlich wie wir.“ Bei
Mäusen könne man sich da nicht so sicher sein. Sie müssen
sich als potenzielle Beutetiere vor allem verstecken und
sich deshalb auf einen stark ausgeprägten Tast- und
Geruchssinn verlassen, der ihnen eine Orientierung im
Dunkeln ermöglicht. „Jäger, wie eben Carnivoren, haben im
Gegensatz dazu ein komplexes visuelles System, damit sie
ihre Beute schon auf große Entfernungen orten können, ohne
selbst aufzufallen“, sagt Ralf Galuske.
Was der Forscher mit einfachen und komplexen Reizen meint,
erklärt er an einem Fernsehbildschirm, auf den die Katzen
in den Versuchen blicken: „Einfache Stimuli sind zum
Beispiel schwarze, vertikal oder horizontal orientierte
Balken, die sich vor einem weißen Hintergrund nach oben
oder unten, rechts oder links bewegen.“ Noch einfacher sind
Punktwolken. Weil Punkte keine Orientierung haben, liefern
sie lediglich die Information, in welche Richtung sich die
Wolke bewegt.
WANDERNDE ZÄUNE STIFTEN VERWIRRUNG
Für den Sehsinn eine echte Herausforderung stellen
komplexere Reize dar, selbst wenn sie noch recht simpel
aufgebaut sind. „Wir legen einfach zwei Balkenmuster leicht
schräg versetzt übereinander und lassen sie in
entgegengesetzte Richtungen wandern“, sagt Ralf Galuske.
Diesen Stimulus bezeichnet er als plaid, nach dem
englischen Wort für Karo- oder Schottenmuster. Zunächst
sieht man, wie die beiden Streifenmuster unabhängig
voneinander übereinander herlaufen, eines nach rechts,
eines nach links. Dann wird das obere Balkenmuster
allmählich transparenter, und das Bild verändert sich
plötzlich. Die unabhängig agierenden Ebenen verschmelzen zu
einem einheitlichen Balkenmuster, das an einen Jägerzaun
erinnert, der aber zu keiner der beiden Seiten wandert –
sondern nach oben. Kann das sein? Dann kippt der Eindruck
wieder und man sieht die beiden Streifenmuster wie zu
Beginn nach rechts und links wandern. Verblüffend.
„Dieser Plaid-Stimulus ist im Grunde eine optische
Täuschung“, erklärt Galuske. Die beiden Balkenebenen
wandern die gesamte Zeit über zu den Seitenrändern, auch
dann, wenn man den Eindruck hat, ein Jägerzaun laufe nach
oben. Das Einzige, was sich tatsächlich verändert, ist die
Transparenz der oberen Balken. So werden die unteren Balken
auch an den Stellen sichtbar, an denen sie sich
überschneiden. Vorher waren sie dort von den darüber
liegenden Balken verdeckt.
Irgendwie lässt sich das Gehirn davon beeindrucken und
sieht plötzlich nur noch den Jägerzaun, der nach oben
wandert. Verschwindet die Transparenz, hört der optische
Zauber auf. Die Wahrnehmung springt wieder zurück zu den
zwei Balkenmustern, die übereinander gleiten. Galuske kann
diesen Stimulus sogar so weit manipulieren, dass bei
bestimmten Transparenzbedingungen die Wahrnehmung auch ohne
weitere Veränderungen ständig zwischen den beiden möglichen
Interpretationen hin- und herspringt.
„Der eigentliche Punkt ist jetzt aber“, sagt er, „dass die
einzelnen Neuronen in den primären visuellen Arealen die
beiden Wahrnehmungsalternativen gar nicht unterscheiden
können.“ Die optische Täuschung des nach oben wandernden
Jägerzauns entsteht erst im Gesamtbild. Die Neuronen im
primären Cortex sehen ja nur einen sehr kleinen Ausschnitt
aus dem Gesamtbild und werden daher in beiden Fällen mit
denselben Konturen konfrontiert.
„Nichtsdestotrotz konnten wir schon in den primären
visuellen Arealen unterschiedliche Aktivitätsmuster fi
nden“, sagt Galuske. Also muss irgendetwas passiert sein,
was die Einzeleindrücke so zusammenfasst, dass ein anderer
Gesamteindruck entsteht. „Und unsere Vermutung war, dass
diese Unterschiede durch das Feedback aus den höheren
Zentren des visuellen Cortex hervorgerufen werden. Dort
gibt es offenbar Neurone, die über sehr große Bereiche des
Gesichtfelds Signale integrieren können.“
Um diese These zu überprüfen, schauen die Hirnforscher dem
Katzenhirn zu, wie es auf dem Fernsehschirm den wandernden
Streifen betrachtet. Vermutlich nicht allzu spannend für
die Katze, aber umso spannender für das Forscherteam. Das
gelingt natürlich nicht, wenn man einzelne Neuronen im
Ultradünnschnitt angefärbt unter dem Mikroskop studiert.
Gefragt ist da der große Überblick, die systemische Sicht
auf das große Ganze von außen am lebenden Objekt.
Allerdings auch nicht auf das ganze Gehirn, eigentlich ist
es nur ein Ausschnitt der Area 18 im primären visuellen
Cortex von etwa einem halben bis einem Zentimeter
Durchmesser. Aber selbst das bedeutet, dass die
Hirnforscher Millionen von Nervenzellen auf einmal
erfassen. Und „zuschauen“ kann man sogar ganz wörtlich
nehmen, denn neben der klassischen elektrophysiologischen
Ableitung, bei der die elektrische Aktivität einzelner
Nervenzellen mit hauchdünnen Drähtchen im Gehirn
registriert wird, setzen Ralf Galuske und seine Kollegen
vor allem auf ein optisches Verfahren.
WIE SICH UNSER GEHIRN TÄUSCHEN LÄSST
„Eigentlich nehmen wir die Aktivität der Nervenzellen nicht
direkt auf, sondern nur indirekt“, sagt der
Wissenschaftler. Nervenzellen, die ar beiten, verbrauchen
Sauerstoff. Er wird – gebunden an den Blutfarbstoff
Hämoglobin – über feinste Blutgefäße herantransportiert.
Die Arbeit der Zellen in Area 18 beobachten die Forscher
mit einer kleinen Kamera über einem etwa einen Zentimeter
großen und mit einem Glasplättchen verschlossenen Fenster
im Knochen über dem entsprechenden Bereich der
Großhirnrinde.
Dabei nutzen die Forscher aus, dass Hämoglobin mit und ohne
Sauerstoff rotes Licht unterschiedlich stark absorbiert.
Hat der Blutfarbstoff seine Sauerstoff-Last in der Zelle
abgeladen, absorbiert das Blut viel mehr rotes Licht als
frisches, sauerstoffreiches Blut. Deshalb erscheinen
Bereiche auf der Landkarte, in denen Nervenzellen viel
arbeiten und gierig den Sauerstoff aus dem Blut aufgenommen
haben, dunkler als jene, wo Neuronen eine Pause einlegen.
Doch Galuske und sein Team sehen noch mehr. Denn
Nervenzellen feuern nicht einfach nur darauflos, weil sich
vor dem Auge etwas tut. Die meisten Neuronen haben eine
Vorliebe. Manche reagieren nur auf Bewegungen von rechts
nach links, während andere das Auf und Ab bevorzugen. Die
einen werden bei horizontalen Balken ganz unruhig, andere
feuern nur bei senkrechten Streifen. „Viele Nervenzellen
haben eine Richtungs- oder Orientierungspräferenz, manche
reagieren weniger selektiv“, sagt der Forscher.
Je nachdem, was genau die Neurobiologen untersuchen, werten
sie die Reaktionen auf unterschiedliche Stimuli im
Ausschnitt des visuellen Cortex in verschiedenen Landkarten
aus – die Meisterwerken abstrakter Malerei in nichts
nachstehen. Schwarzweiße Muster visualisieren Aktivität
oder eine bestimmte Reizvorliebe, farbenfrohe dienen dazu,
zum Beispiel die Richtungspräferenzen über den gesamten
Bereich zu erkennen. So machen unterschiedliche Farb- oder
Schwarz-Weiß-Muster sichtbar, wie der visuelle Cortex die
Bilder verarbeitet, wenn die Katze für drei Sekunden ein
Fernsehprogramm mit horizontalem Balkenmuster, nach rechts
oder links wabernde Punktwolken oder übereinander gleitende
Streifenebenen schaut.
Das alles dient nur einem Zweck: herauszufinden, welchen
Einfluss das Feedback der höheren Sehzentren PMLS oder PLLS
auf die tiefer liegenden Bereiche wie Area 18 im primären
visuellen Cortex haben. Um aber diesen Einfluss
herauszufiltern, müsste man die Area 18 beobachten und
zugleich das Feedback ausschalten können. Und genau das
haben Ralf Galuske und seine Leute geschafft. Die
direkteste Methode wäre eine Läsion, also die Entfernung
eines Teils des Nervengewebes. „Das ist sehr drastisch,
weil das Hirn danach sehr stark traumatisiert ist“, sagt
Galuske. Man müsste eine Zeit lang warten, bis sich das
Gehirn wieder erholt hätte. Wartet man zu lange, könnte es
sein, dass die Funktionen des entsprechenden Hirnbereichs
inzwischen von anderen übernommen wurden und die Störung
somit bereits wieder ausgeglichen ist. „Dann sehen Sie nur
den kompensierten Zustand.“
NERVENZELLEN IN EISIGEN SCHLAF VERSETZT
Eine andere Möglichkeit wäre eine pharmakologische
Intervention. Es gibt eine Vielzahl von Substanzen, die die
Aktivität von Neuronen hemmen und die neuronalen Prozesse
lokal zum Stillstand bringen. „Allerdings ist es sehr
schwierig, diese Pharmaka so großflächig einzusetzen, dass
die Aktivität eines ganzen Großhirnareals unterbunden
wird“, so Ralf Galuske. Die benötigten Mengen könnten dann
auch an vielen anderen Stellen des Gehirns unerwünschte
Wirkungen entfalten.
Bertram Payne und Stephen Lomber, zwei amerikanische
Kollegen von der amerikanischen Boston University, mit
denen die Frankfurter Gruppe zusammenarbeitet, lieferten
eine Technik, die diese Probleme umgeht. „Wir machen das
thermisch“, sagt Galuske. Die Forscher setzen das höhere
Hirnareal für kurze Zeit in eine Art Winterschlaf. Durch
ein dünnes Metallröhrchen, das am Ende zu einer Schlaufe
geformt ist, fl ießt klirrend kaltes Methanol. Wenn es aus
dem Trockeneis herauskommt, hat es eine Temperatur von
minus 70 Grad Celsius.
Das Gewebe wird so auf drei bis fünf Grad, in etwas
tieferen Schichten bis auf zehn Grad abgekühlt. „Das reicht
aus, damit in den Nervenzellen keine Aktionspotenziale mehr
ausgelöst werden.“ Das Ergebnis ist ein Neglekt – wie bei
dem Patienten, der sein Gemüse übersehen hat. Auch die
Katze nimmt dann in Laborversuchen Leckerbissen auf einer
Seite nicht mehr wahr, die sie vorher noch verputzt hat.
Wenn die Forscher die Kühlung abstellen, erholt sich der
Hirnteil innerhalb weniger Minuten und feuert wieder
Aktionspotenziale.
Der Vergleich der Landkarten und Daten mit und ohne Neglekt
bestätigt zunächst, was vorher bereits von verschiedenen
Forschern vermutet wurde: Es gibt einfache quantitative
Unterschiede. Ohne das Feedback aus den höheren Ebenen
sinkt die gesamte Aktivität in der Area 18. Die Karten
wirken blass, wo vorher noch starke Hell-Dunkel-Kontraste
zu sehen waren. „Wenn nur das zutreffen würde, wäre es
nicht besonders aufregend, das Feedback hätte lediglich
eine Gain-Setting-Funktion“, erklärt Galuske. Es wäre nicht
mehr als ein Verstärker an einer Musikanlage, und der
Neglekt hätte einen Effekt wie ein heruntergedrehter
Lautstärkeregler.
Aber es passiert doch mehr: Wenn das Feedback ausgeschaltet
ist, tauchen die Aktivitätsmuster in den Landkarten, die
der globalen Wahrnehmung des Jägerzauns entsprechen, nicht
mehr auf. Es werden nur noch die einzelnen Komponenten
dieses komplexen Reizes dargestellt. Und das Aufregende
zeigt sich bei den Richtungspräferenzen. Die Punktwolken
offenbaren, dass einzelne Bereiche der Area 18 durch die
Kühlung ihre Vorliebe für bestimmte Bewegungsrichtungen
verändern.
Das ist viel mehr, als einfach nur die Lautstärke an der
Musikanlage rauf- und runterzudrehen, sondern eher so, als
ob der Rockfan seine Vorliebe für harte Gitarrenmusik
abgelegt hätte und jetzt auch noch Schlager, Reggae und
Blasmusik hört. „Das Feedback sorgt für einen echten
qualitativen Unterschied“, sagt der Wissenschaftler.
WISSEN VERÄNDERT DAS BILD VON DER WELT
Aber die optische Untersuchung im Rotlicht lässt nur
Aussagen über ganze Zellgruppen zu. Erst die
elektrophysiologische Ableitung mit den hauchdünnen
Drähtchen erlaubt den Blick auf einzelne Nervenzellen. Und
der zeigt dann, dass das Feedback vor allem diejenigen
Nervenzellen in der Area 18 beeinflusst, die besonders
richtungssensibel sind, während die anderen, nicht so
wählerischen Neuronen deutlich weniger auf die Rückkopplung
reagieren. „Das Feedback reguliert nicht nur die allgemeine
Antwortstärke, sondern kontrolliert ganz bestimmte Gruppen
von Neuronen“, sagt Ralf Galuske.
Das Wissen der höheren Zentren verändert sozusagen unser
Bild der Welt ganz gezielt bereits in den sehr frühen
Verarbeitungsschritten und scheint auf diese Weise
Interpretationen vorzugeben oder zumindest zu erleichtern.
Die Rückkopplung kann also helfen zu erklären, warum wir
manchmal Dinge sehen, die es gar nicht gibt – wie die
optische Täuschung des wandernden Jägerzauns. Und zugleich
kann es erklären, warum wir manchmal Dinge nicht sehen,
obwohl sie direkt vor unserer Nase stehen – wie der
Salzstreuer in der ersten Reihe.
MaxPlanckForschung, Fokus, S. 20,
1/2007
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