Der Robin Hood im Menschen
Wer Managergehälter als ungerecht empfindet ist nicht alleine. Der Gerechtigkeitssinn ist ein tief verwurzeltes Empfinden der Menschen, belegt eine neue Studie.
Süddeutsche Zeitung, Wissenschaft, S. 22,
12. April 2007
SZ070407 - Lasst uns die Reichen bestrafen und den
Armen spenden. Was sich wie das Motto der Romanfigur Robin
Hood anhört, ist auch das Ergebnis eines ökonomischen
Spiels mit 120 Studenten an der Universität im
kalifornischen Davis. Für das Forscherteam um den
Politikwissenschaftler James Fowler ist es der Beleg dafür,
dass Menschen einen tiefsitzenden Sinn für Gerechtigkeit
haben, der sie antreibt, Ungleichheit zu beseitigen.
Immer wieder haben Sozial- und Wirtschaftswissenschaftler
die Bedingungen menschlicher Fairness untersucht. Bei ihren
Spielen geht es meist um das Verteilen von Geld. Dabei
haben die Forscher festgestellt, dass viele Probanden auf
eigene Kosten Mitspieler bestrafen, die sich unfair
verhalten. „Warum machen sie das? Wollen sie die
Kooperation in der Gruppe aufrechterhalten, von der sie
selbst profitieren, oder handeln sie aus einem
uneigennützigen Sinn für Gerechtigkeit?”, fragen sich die
kalifornischen Forscher in Nature (Bd. 446, S. 794, 2007).
Um eine Antwort zu finden, entwarfen Fowler und sein Team
ein Spiel, in dem niemand zum eigenen Vorteil handeln
konnte. In fünf Runden verteilten die Forscher virtuelle
Geldbeträge zufällig an die Spieler, sodass es reiche und
arme Mitglieder der jedes Mal anders gemischten Gruppe gab.
Dann konnte jeder Spieler anderen Teilnehmern auf eigene
Kosten Geld abziehen oder zuweisen. Was am Ende übrig war,
durften alle mitnehmen: im Durchschnitt zehn Dollar.
Um die 70 Prozent der Teilnehmer nutzen die Möglichkeit,
das Einkommen der Mitspieler zu verändern. Die Tendenz war
eindeutig: Den Reichen zogen ihre Mitspieler fünf- bis
sechsmal so viel ab wie den Armen. Gleichzeitig spendeten
sie bei unterdurchschnittlichem Einkommen fast dreimalso
viel wie bei überdurchschnittlichem. Die ungleiche
Zuteilung hatte viele Spieler erregt, wie ein Fragebogen
offenbarte: Besonders erzürnte Spieler investierten 26
Prozent mehr Geld, um Hochverdiener zu bestrafen, und
spendeten 70 Prozent mehr an Niedrigverdiener als Spieler,
die emotional nicht berührt waren.
Diese Studie löst Umdenken bei Wirtschaftsforschern aus:
„Bisher dachten wir, dass vor allem das Verletzen sozialer
Norm Menschen dazu bringt, andere zu bestrafen”, sagt Ernst
Fehr von der Universität Zürich. Wie tief aber das
Bedürfnis nach Gerechtigkeit sitze, könne jeder an sich
selbst testen: „Stellen Sie sich vor, man könnte einen Euro
zahlen und Josef Ackermann, dem Vorstandsvorsitzenden der
Deutschen Bank, würden dafür zehn Euro abgenommen.” Fehr
vermutet, dass viele Menschen zahlen würden, weil sie
Managergehälter ungerecht finden.
Süddeutsche Zeitung, Wissenschaft, S. 22,
12. April 2007
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