Die Erde als pupsender Schweizer Käse
Erdbeben haben die Menschen schon immer in Angst und Schrecken versetzt. Mittlerweile weiß man, dass sie durch die aneinanderkrachende Erdplatten entstehen. Das war nicht immer so - in früheren Zeiten hatte man weitaus fantasievollere Vorstellungen.
stern.de, Wissenschaft, 3. Juni
2007
Das Grauen verliert einen Teil seines Schreckens, wenn man
seine Ursache kennt. Wenn heute irgendwo auf der Welt die
Erde wackelt - wie zuletzt selbst in Großbritannien - weiß
man, was der Auslöser ist: Erdplatten, die sich verhaken
und irgendwann die Spannung in einem gewaltigen Rums
entlassen. Vor 400 Jahren sah das noch ganz anders aus.
Seneca stellte sich die Erde wie einen Schweizer
Käse vor
Als am 8. September 1692 in London die Erde spürbar
erzitterte, schlug dieses Ereignis auch in der Londoner
Presse große Wellen: "Erst Jahre danach hatte sich die
Berichterstattung normalisiert", sagt Frances Willmoth vom
Jesus College im englischen Cambridge, der alte Theorien
über die Entstehung von Erdbeben in dieser Zeit in einem
Artikel im Magazin für Wissenschaftsgeschichte "Endeavour"
beschreibt. Die Presse überschlug sich mit
sensationsheischenden Berichten und moralischen
Reflexionen. Ihren Lesern eine wissenschaftliche Erklärung
für Erdbeben liefern? Fehlanzeige. In einer Zeit, als die
Erfolgsgeschichte der Wissenschaft gerade erst begann, sah
sich kaum eine der Gazetten dazu veranlasst.
Die damaligen Vorstellungen, was unsere Erde im Innersten
zusammenhält, unterschieden sich fundamental von denen, die
wir heute haben. Bin ins 17. Jahrhundert hinein hielten
sich die Ideen der alten Griechen und Römer. Vor allem die
Beschreibung des römischen Philosophen, Staatsmanns und
Naturforschers Seneca prägte das Bild der Menschen (wenn
sie es nicht ohnehin als göttlichen Akt betrachteten, der
keiner weiteren Erklärung bedurfte): Die Erde, das war nach
Senecas Vorstellung ein riesiger Schweizer Käse. Durch und
durch löchrig, von unterirdischen Hohlräumen und Passagen
durchzogen. Erdbeben, so glaubte Seneca, entstünden durch
gewaltige Luftbewegungen oder das Vermischen von Luft und
Wasser in.
Erdbeben waren für Aristoteles geophysikalische
Pupse
"Die meisten englischen Naturphilosophen glaubten auch noch
1600 Jahre später, dass die Erde von Kavernen und Gängen
durchzogen war", sagt Frances Willmoth. Ein Schweizer Käse,
der die Hölle beherbergte: Durch die Kavernen wanderten
Wasser, Luft und andere Substanzen. In manchen Räumen
loderten Feuer. Und immer wieder entwischten Dämpfe in die
Atmosphäre. Der Blick auf "Mutter Erde" war dabei ein sehr
menschlicher. Schon Aristoteles verglich das Innere der
Erde mit menschlichen Eingeweiden und die Ausdünstungen mit
den Winden, die sich in uns aufstauen und entfleuchen. Und
wie es auf ihrem Weg nach draußen gerne rumpelt und pumpelt
, so ergeht es auch der Erdoberfläche. Erdbeben, das waren
für Aristoteles quasi geophysikalische Pupse.
Dass Vulkane dabei auch eine Rolle spielen könnten, darauf
kam man dann erst im 17. Jahrhundert. Jeder, der als junger
Mann auf seiner obligatorischen Studienreise nach Italien
den Ätna besuchte, fand eindrückliche Belege dafür an den
Eingängen ins Erdinnere. Nicht zuletzt diese Erlebnisse
führten zu der allgemein akzeptierten Annahme, dass Feuer
und Explosionen tief im Inneren der Vulkane durch die
unterirdischen Gänge und Kavernen des Erdballs bis an die
Oberfläche hallten, oft im Gleichklang mit einem
Vulkanausbruch.
Hooke glaubte, die Erde "eiere"
Dass es auch Erdbeben geben konnte, wo es keine Vulkane
gab, dafür hatte der Astronom der britischen Royal Society
John Flamsteed eine Erklärung. Seiner Meinung nach
erzitterte die Erde, weil Dämpfe aus dem Erdinneren
strömten und mit dem Salpeter und dem Schwefel der Luft wie
Schießpulver explodierte. Die Idee, dass herabstürzende
Berggipfel in der Steiermark den Boden so sehr erschüttern
lassen könnten, dass selbst in London die Menschen das
mitbekamen, verwarf er relativ schnell wieder.
Eine eher ganzheitliche Sicht hatte der englische Physiker
und Mathematiker Robert Hooke. Er war der Überzeugung, dass
die Erde keine perfekte Kugel war und daher kam es immer
wieder zu plötzlichen Verschiebung der Rotationsachse. Das
Eiern der Erde verformte die Oberfläche und löste die Beben
aus.
Als dann Mitte der 18. Jahrhunderts die Elektrizität
entdeckt wurde, glaubten einige darin die wirkliche Quelle
für die Erderschütterungen entdeckt zu haben. Der Mediziner
und Antiquariat William Stukeley war überzeugt, dass
Erdbeben ein dramatisches Beispiel elektrischer Aktivität
sei, das Ergebnis elektrischer Schocks, die plötzlich aus
der Luft in den elektrisierten Boden zischten. Die Quelle
der Elektrizität konnte er indes nicht benennen. Dafür
musste dann wieder mal, wie so oft in damaligen Zeiten, der
liebe Gott herhalten.
stern.de, Wissenschaft, 3. Juni
2007
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