Der König und sein schmilzendes Reich
Sie sind die unangefochtenen Könige einer klirrend kalten Eiswelt. Doch während sich in Berlin die Zoobesucher vor Knuts Gehege drängeln, kämpfen die wilden Vettern des Eisbärbabys gegen die Folgen des Klimawandels.
stern.de, Wissenschaft, 4. April
2007
SZ040407 - Knut ist
gut. Wer wollte anderes behaupten, wenn selbst dem
renommierten Fachmagazin "Nature" das Schicksal des kleinen
Eisbären eine Meldung wert ist - natürlich mit Bild. Doch
bei aller Begeisterung für den kleinen Knuddel: Am Ende ist
er nur das süße Symbol einer vom Aussterben bedrohten Art.
Denn während sich die Berliner Zoobesucher vor dem Gehege
des kleinen Bären drängeln, kämpfen Knuts wilde Vettern
gegen die Folgen des Klimawandels. Das Ende ist ungewiss.
Auch wenn man es dem kleinen Berliner Racker noch nicht
ansieht, als Erwachsener wird er ein Vertreter der größten
Landraubtierart auf dem Planeten sein. Mit einer halben
Tonne Kampfgewicht sind Eisbärmännchen die unangefochtenen
Könige der klirrend kalten Eiswelt rund um den Nordpol. Die
Königinnen sind nur halb so schwer und bringen ein bis zwei
kleine Knuts pro Jahr zur Welt.
Der Mythos vom lichtleitenden Fell
Eisbären sind die geborenen Killer aus der Kälte. "Eine elf
Zentimeter dicke Speckschicht kombiniert mit besonderen
Fell- und Hauteigenschaften isolieren den Körper exzellent
und halten die Körpertemperatur von 37 Grad Celsius auch
bei nachweislich minus 37 Grad konstant", sagt Scott
Schliebe, einer der Autoren des kürzlich veröffentlichten
Zustandberichtes über die Eisbären des U.S. Fish and
Wildlife Services. Die schwarz pigmentierte Haut absorbiert
Sonnenstrahlung und damit Wärme viel besser als die helle
Haut anderer Säuger. Das dicke Fell isoliert den Körper
zwar sehr gut, dank vieler kleiner Luftkammern in den
Haaren. Allerdings werden die Eigenschaften der farblosen
Fellhaare seit Jahren regelmäßig überschätzt.
Es sei ein nicht aus der Welt zu schaffender Mythos, dass
die Haare die wärmenden Sonnenstrahlen wie Lichtleitfasern
bis zur schwarzen Haut des Bären leiten, sagt Physiker
Daniel Koon von der St. Lawrence University in Canton, USA.
"Die Haare verhalten sich nicht wie Lichtleitfasern, weder
im ultravioletten noch im sichtbaren Licht." Aufgekommen
sei die Idee in den achtziger Jahren, als Wissenschaftler
feststellten, dass das Eisbärfell im UV-Licht schwarz
erscheint, also Ultraviolett absorbiert. "Meine
Labormessungen zeigen, dass es gerade mal ein Tausendstel
eines Prozents von rotem Licht durch ein Haar von einem
Inch (2,54 Zentimeter) Länge schafft. Dieselbe winzige
Menge UV-Licht schafft es nicht mal ein Fünftel der Strecke
durch dieses Haar", schreibt er auf seiner Homepage.
Sie sind gefeit gegen Kälte - und gegen
Hungerperioden
Doch der Eisbär, den die Inuit Nanuq nennen, verfügt über
andere Waffen gegen die Kälte. Tatsächlich sind die Bären
so gut gegen die Kälte geschützt, dass sie eher mit dem
Problem kämpfen zu überhitzen. Es gibt nur wenige Stellen,
an denen die Körperwärme einen Ausweg aus dem Speck
isolierten Körper findet - wie Schnauze, Nase, Ohren,
Fußpolster, die Innenseite der Schenkel und die Schulter,
an der Blutgefäße wenige Millimeter unter der Haut
verlaufen.
Eisbären sind nicht nur gegen die Kälte gefeit, sondern
auch gegen längere Hungerperioden. "Sie haben die unter
Bären einzigartige Möglichkeit, den Körper immer wieder
nach Bedarf in einen Winterschlaf-ähnlichen Zustand zu
versetzen", sagt Schliebe. So fahren sie den Stoffwechsel
herunter und verhindern, dass die Fettreserven zu schnell
aufgebraucht werden. "Das, zusammen mit der Fähigkeit Fett
mit einer Effizienz von 98 Prozent zu verdauen, ist sicher
die wichtigste Anpassung an die arktische Umwelt", sagt
Schliebe.
Stundenlang harren sie vor den Atemlöchern
aus
Das Reich der Eisbären wächst und schrumpft jedes Jahr aufs
Neue - von rund 15 Millionen Quadratkilometern im
winterlichen März auf etwa sieben Millionen
Quadratkilometer im sommerlichen September, ein Verlust
etwa so groß wie Australien. Denn was die meisten
vergessen: "Etwa zwei Drittel der Arktis sind Meer", sagt
Schliebe. Wenn die Temperaturen anziehen, wächst die
Meereisgrenze nach Süden bis an die kontinentalen Grenzen
Asiens und Amerikas. Dann ist Jagdsaison für die Eisbären.
Und sie haben eine Vorliebe: Ringelrobben.
Knuts wilde Verwandte stürzen sich besonders gern auf
Robbenbabys. Nach einer Schätzung kanadischer Forscher
Anfang der neunziger Jahre töten Eisbären fast jedes zweite
Jungtier im Frühjahr. "Das kann aber regional sehr
unterschiedlich sein", beteuern Scott Schliebe und seine
Co-Autoren. Nach der Robbenbabyzeit konzentrieren sie sich
vor allem auf junge, unerfahrene Tiere.
Stundenlang können die Bären an den Atemlöchern der Robben
ausharren, um dann im entscheidenden Moment blitzschnell
und mit der ganzen Kraft ihrer Pranken und dem
spezialisierten Raubtiergebiss die 60 Kilo schweren
Meeressäuger aus dem Wasser zu zerren. Blutig roter Schnee
um ein Eisloch markiert eine erfolgreiche Jagd in den
Weiten der Eiswüste.
Sie jagen gewaltige Fleischberge wie Walrosse und
Narwale
Den Sommer über zehren die Eisbären vor allem ihre
Fettreserven auf. Anders als bei Grizzlys oder Schwarzbären
besteht ihr Speiseplan fast nur aus Fleisch. Die braunen
und schwarzen Verwandten sind Allesfresser, die auch mit
Beeren, Nüssen oder anderen Pflanzenteilen über die Runden
kommen. Ursus maritimus dagegen, wie der Eisbär
wissenschaftlich genannt wird, macht seiner Stellung an der
Spitze der Nahrungskette alle Ehre.
Die eisigen Riesen stürzen sich im Winter nicht nur auf die
bevorzugten Ringelrobben, sondern auch mal auf so gewaltige
Fleischberge wie Walrosse, Narwale oder Belugawale. Im
Sommer ist dann Fasten angesagt, auch wenn Bärenforscher
vereinzelt berichten, der König der Arktis fresse
menschlichen Müll oder grüne Kost.
Ohne das Meereis haben sie keine Chance
So gut die Eiskönige an die harschen Bedingungen ihres
Riesenreiches auch angepasst sind: Die Spezialisierung wird
ihnen in diesem Jahrhundert zum Verhängnis, ihre Welt
schmilzt ihnen buchstäblich unter den Sohlen weg - und
nicht nur für einen Sommer, sondern möglicherweise für
immer. Verschiedene Modellrechnungen sagen voraus, dass das
Meereis bis zum Ende des Jahrhunderts verschwinden könnte,
weil es einfach nicht mehr kalt genug wird im Winter.
Forscher und Organisationen sind sich weitgehend einig:
Ohne das jährlich wiederkehrende Meereis haben Knuts
Verwandte so gut wie keine Chance. "Eisbärforscher weltweit
machen sich wirklich Sorgen um das Überleben der Eisbären",
sagt Kit Kovacs vom Norwegischen Polarinstitut in Tromsø.
Verschwinde das Meereis oder bilde sich an immer weniger
Stellen, werde es immer weniger Ringelrobben geben. Der
Speiseplan der wählerischen Eisbären biete dann nichts mehr
zum Überleben. Außerdem: "Damit verschwinden auch die
traditionellen Wanderrouten zu den Geburtsplätzen und den
Futterplätzen im Sommer", sagt Kovacs.
Wachsen die Lücken zwischen Eisplatten, müssten die Bären
immer öfter Strecken schwimmend zurücklegen - der
Energieverbrauch steigt. Mit schwer wiegenden Folgen nicht
nur für die Bären: Hungrige Tiere sind aggressiver und
schrecken auch nicht mehr vor menschlichen Siedlungen
zurück. Russische WWF-Forscher meldeten im Dezember 2006
nächtliche "Belagerungen" des Ortes Vankarem durch bis zu
dreißig Eisbären.
Erste Anzeichen vom Ende der eisigen
Riesen?
Das arktische Meereis sei bereits messbar zurückgegangen.
"Es taut früher im Jahr auf und bildet sich später", so der
World Wildlife Fund (WWF). In der kanadischen Hudson Bay
läutete das aufbrechende Eis 2004 den Frühling zwei Wochen
früher ein als 1984. Die Western Hudson Bay Eisbärgruppe
schrumpfte von etwa 1194 im Jahr 1987 auf 934 im Jahr 2004.
Kit Kovacs: "Der Zustand der Erwachsenen hat sich
verschlechtert, weil sie weniger Fettreserven anlegen, als
sie sollten. Die Zahl der Jungtiere geht zurück", sagt
Kovacs.
Bisher handelt es sich nur um statistische Zusammenhänge -
ob der Rückgang tatsächlich mit dem früher einsetzenden
Frühling zusammenhängt, dieser Verdacht muss sich noch
erhärten. Aber: "Das ist die südlichste Verbreitung der
Eisbären, und genau da würden wir die ersten Anzeichen für
die Folgen des Klimawandels erwarten", sagt Kit Kowacs. Es
wären die ersten Anzeichen vom Ende der eisigen Riesen.
Forscher vergleichen Eisbären inzwischen mit den
Kanarienvögeln, die Bergleute früher in die Stollen
mitnahmen. Die Tiere bemerkten als erste Sauerstoffmangel
oder giftige Gase; sie wurden unruhig oder fielen tot von
der Stange. Dann wurde es Zeit zu handeln.
stern.de, Wissenschaft, 4. April
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