COPD: Darf´s ein bisschen mehr sein?
Immer mehr Menschen erkranken in Deutschland am Lungenleiden COPD - sagen Pharmafirmen und Betroffene. Ist COPD wirklich die Killerkrankheit der nächsten Jahrzehnte oder ein überschätztes Lungenleiden?
Süddeutsche Zeitung, Wissenschaft, S. 16,
16. Februar 2007
SZ160207 - Das Freihusten nach dem Aufstehen
gehört für viele Raucher zum morgendlichen Ritual wie die
erste Zigarette. Für Ärzte ist es das Signal einer
womöglich lebenslangen Leidensgeschichte: das ersten
Anzeichen einer COPD, der chronisch obstruktiven
Lungenerkrankung, einer Kombination aus chronischer
Bronchitis und einem Lungenemphysem.
Vom vierzigsten Lebensjahr an leiden vor allem Raucher -
mehr als 90 Prozent der Betroffenen - unter
Atembeschwerden; zunächst nur, wenn sie sich anstrengen,
später auch in Ruhe.
Sie haben das Gefühl, keine Luft mehr zu bekommen, husten
und produzieren Auswurf. Weil Lungenbläschen platzen,
überbläht sich das Atemorgan. Erst dieses Lungenemphysem
macht die chronische Bronchitis zur COPD. Geheilt werden
kann sie nicht, Linderung verschaffen Sprays. Manchmal
hilft nur eine Lungentransplantation. Bestes Gegenmittel
ist es, mit dem Rauchen aufzuhören.
Glaubt man Berichten aus den vergangenen Jahren, leiden an
der "unerkannten Volkskrankheit" mehr Menschen als in den
neunziger Jahren angenommen. COPD sei die "Killerkrankheit
der nächsten Jahrzehnte". Dabei verweisen Mediziner auf
WHO-Zahlen, wonach die Lungenkrankheit 2020 dritthäufigste
Todesursache weltweit sein wird.
Boehringer-Ingelheim, Hersteller einer Arznei gegen die
Atemnot, schrieb 2006: "In Deutschland leiden
schätzungsweise bis zu fünf Millionen Menschen an COPD -
Tendenz steigend." Die Deutsche Lungenstiftung nimmt drei
bis vier Millionen an, und behauptet: "Die Zahl wird
aufgrund des starken Tabakkonsums weiter steigen."
Die Selbsthilfegruppe Lungenemphysem/COPD sagt: "Allein in
Deutschland sind fünf Millionen erkrankt; die Zahl der
Erkrankten steigt beängstigend von Tag zu Tag weiter." In
einem Faltblatt schreibt die Lungenstiftung, "dass zehn bis
fünfzehn Prozent der Bevölkerung an COPD leiden"; das wären
acht bis zwölf Millionen Menschen.
Das Problem dieser Schätzungen: Es gibt keine verlässlichen
Zahlen. Zu diesem Ergebnis kommen Autoren der Nationalen
Versorgungsleitlinie COPD - der bundeseinheitlichen
Richtschnur, die Ärzten helfen soll, das Lungenleiden zu
erkennen und richtig zu behandeln. Danach ist "COPD
vielerorts noch immer zu wenig beachtet, zu wenig
diagnostiziert und zu wenig behandelt". Aber was die
Häufigkeit angeht, heißt es: "Die Prävalenz der COPD in
Deutschland ist nicht genau bekannt."
Heinz-Harald Abholz, Allgemeinmediziner an der
Universitätsklinik Düsseldorf widerspricht den
Schreckensszenarien. "Nach unseren Berechnungen gibt es in
Deutschland deutlich weniger als eine Million Menschen mit
COPD." Abholz ist kein Lungenfacharzt, aber Mitautor der
Nationalen Versorgungsleitlinie für COPD.
Sein Team hat 28 Allgemeinarztpraxen untersucht. An zwei
aufeinander folgenden Tagen hatten die Ärzte an Rauchern
über 40 Jahren die Lungenfunktion getestet und sie zu
Rauchgewohnheiten und Symptomen befragt. Unter 437 Rauchern
fanden sich nur 16 mit COPD.
Zur Kontrolle verglichen sie ihre Daten mit denen der
Allgemeinärzte: Die hatten von den 16 nur einen nicht
erkannt. "Wenn wir unser Ergebnis hochrechnen, kommen wir
auf maximal eine halbe Million Betroffene", sagt Abholz.
Gegen den globalen Trend
Abholz versteht nicht, warum es in Deutschland - anders als
in Entwicklungsländern - so viele COPD-Kranke geben sollte
und warum es immer mehr werden sollten: "Die Hauptursachen
sind Rauchen und Luftverschmutzung; beide nehmen in
Deutschland ab." Mehr als 90 Prozent der COPD-Kranken sind
oder waren Raucher.
Der Gesundheitsbericht des Robert-Koch-Instituts 2006
belegt, dass die Zahl der Raucher seit Jahren stagniert
oder leicht abnimmt. Der jährliche Pro-Kopf-Verbrauch an
Zigaretten sank seit den siebziger Jahren von 2000 Stück
auf unter 1400 im Jahr 2004.
Der Tabakkonsum, der auch Selbstgedrehte berücksichtigt,
stagniert seit Anfang der neunziger Jahre bei 2000 Gramm
pro Kopf jährlich. "Die Luft in Deutschland ist besser als
vor zwei Jahrzehnten", heißt es in dem Bericht. Nur
Feinstaub sei in Ballungsräumen ein Problem.
Wie kommen Pharmafirmen, Fachverbände oder
Selbsthilfegruppen darauf, dass die Zahl COPD-Kranker
zunehmen könne? Die vielzitierte WHO-Studie mit der das
COPD-Schreckensszenario belegt wird, stammt von 1996. Die
Forscher prognostizierten die zehn weltweit häufigsten
Todesursachen für 2020. Danach lag COPD 1990 auf Platz
sechs. Bis 2020 würde sich die COPD bis auf Platz drei
vorarbeiten, so die Autoren.
Doch die globale Aussage ist nicht auf Deutschland
übertragbar, zeigt die neueste Studie im Auftrag der WHO
(PLoS Medicine, Bd 3. S. 2010, 2006).
Global betrachtet wird COPD 2030 zwar in der Rangliste der
globalen Todesursachen aufsteigen, aber nur bis Platz vier.
In Deutschland wird sich die WHO-Prognose nicht bestätigen.
"Tatsächlich sollten die Todeszahlen durch COPD in
hochentwickelten Ländern abnehmen", sagt Colin Mathers,
Hauptautor der Studie.
Dass COPD 2030 weltweit trotzdem mehr Todesopfer fordert
als 2002 liegt an Schwellenländern. "Einerseits rauchen in
diesen Regionen viele Menschen, andererseits erreichen sie
immer öfter ein höheres Alter, in dem das Risiko für COPD
am höchsten ist", sagt Mathers. Die Luftverschmutzung nimmt
in aufstrebenden Staaten zu. In Entwicklungsländern
verpesten Brennstoffe wie Holz, Kohle und Viehdung die
Innenräume.
Die Autoren der Studie von 1996 nahmen für Industrieländer
an, dass die Zahl der Raucher höher bleiben würde:
"Tatsächlich ist das Rauchen beträchtlich zurückgegangen",
sagt Mathers.
Deshalb sterben 2030 in Ländern wie Deutschland
voraussichtlich nicht mehr Menschen an Raucherkrankheiten
wie COPD, Lungenkrebs oder Herzinfarkt als 2002. Im selben
Zeitraum verdoppelt sich dagegen die Zahl der Rauchertoten
im Rest der Welt von 3,5 Millionen auf sechs oder gar acht
Millionen. Die WHO-Untersuchung bestätigt damit die
Ergebnisse der Düsseldorfer Untersuchung.
Tobias Welte, Lungenexperte der Medizinischen Hochschule
Hannover, will den Argumenten von Abholz nicht folgen.
Welte hat für die WHO und mit Unterstützung von
Boehringer-Ingelheim Daten über die Häufigkeit von COPD in
Deutschland zu ermitteln versucht. Ergebnisse stehen noch
aus. "Eine Entwarnung an der Raucherfront kann es nicht
geben", sagt Welte.
Die Raucherzahlen gingen zwar zurück. Junge Menschen, vor
allem Frauen, rauchten aber weiter, viele Migranten
ebenfalls.
"Die in der Jugend verursachten Schäden lassen sich nur
bedingt rückgängig machen", sagt er. Laut seiner Studie sei
ein Drittel der COPD-Erkrankungen bei Nie-Rauchern
aufgetreten. Die Ursache sei unklar. Der Einfluss von
Feinstaub scheine höher als gedacht. "Wir meinen, nur weil
es nicht mehr stinkt, sei die Luft sauber", sagt er.
Skeptisch ist Welte auch hinsichtlich methodischer Aspekte.
Mit dem Ansatz, die Häufigkeit einer Krankheit in Praxen
abzuschätzen, lag Abholz aber schon einmal richtig. 2006
untersuchte sein Team, wie häufig "offene Beine" sind.
Statt der verbreiteten eine Million Betroffenen kamen die
Forscher auf 50 000, was eine frühere Studie bestätigte.
Süddeutsche Zeitung, Wissenschaft, S. 16,
16. Februar 2007
zurück zu: Die Texte
2007