Auf die Länge kommt es an
Blütenkelch und Saugrüssel treiben sich in der Evolution gegenseitig auf Länge. Manchmal wechselt die Blüte auch einfach zu einem Bestäuber mit längerem Rüssel.
Süddeutsche Zeitung, Wissenschaft, S.
19, 8. Juni 2007
Darwin entdeckte nicht nur das
große Muster der Evolution, er wusste auch auf viele kleine
Fragen eine Antwort. Etwa warum Madagaskars Sternorchidee
Angraecum sesquipedale ihren Nektar in einem mehr als 200
Millimeter langen Blütensporn versteckt. Darwins Antwort:
Weil es einen Bestäuber gibt, dessen Saugrüssel so lang ist
wie der Blütenkelch.
Blume und Bestäuber schaukelten im Lauf der Evolution ihre
Sporn- und Rüssellänge in kleinen Schritten gegenseitig
hoch. Je länger der Rüssel, desto länger wurde der Sporn.
Zu kurze Saugrüssel und Kelche fielen im evolutionären
Wettlauf heraus, weil die Bestäubung schlechter
funktionierte oder der Bestäuber nicht an den Nektar kam.
Es gibt aber auch einen zweiten, schnelleren Weg zu langen
Blütenkelchen, wie das US-Forscherduo Justen Whittall und
Scott Hodges am Beispiel der nordamerikanischen Akelei
entdeckte (Nature, Bd. 447, S. 706, 2007). Die bis zu 120
Millimeter langen Nektarsporne der Gattung Aquilegia
entstanden, weil die Blumen im Laufe der Evolution immer
wieder den Bestäuber wechselten. Die Akeleien wurden ihrer
alten Liebe schlagartig untreu, wenn ein neuer Bestäuber
mit längerem Saugrüssel auf der evolutionären Bildfläche
auftauchte. Innerhalb kürzester Zeit passten sie dann die
Länge ihrer Nektarsporne an und es entstand eine neue Art.
Das lesen Whittall und Hodges aus dem Stammbaum der
Akeleien-Gattung. Die ältesten Formen mit zehn Millimeter
kurzen Nektarspornen lassen sich von Hummeln bestäuben.
Neuere Arten, deren Kelche doppelt so lang sind, setzen auf
Kolibris, deren Schnäbel länger sind als die Rüssel der
Hummeln. Modernste Akeleien mit Kelchlängen von 40 bis 120
Millimeter arbeiten mit Schwärmern zusammen, Motten mit
besonders langen Saugrüsseln. Insgesamt wechselten die
Blumen siebenmal den Bestäuber, zweimal von der Hummel zum
Kolibri, fünfmal vom Kolibri zum Schwärmer.
„Darwins Mechanismus des Kopf-an-Kopf-Rennens zwischen
einer Pflanze und seinem Bestäuber kann zwar die Länge von
Nektarspornen innerhalb einer Art erklären”, schreiben
Whittall und Hodges. „Aber die unterschiedlichen
Kelchlängen innerhalb einer ganzen Gattung wie den
Akeleien, lassen sich besser mit dem Wechsel der Bestäuber
erklären.”
Süddeutsche Zeitung, Wissenschaft, S.
19, 8. Juni 2007
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2007