Einzelhaft für Kragenbären
Auf chinesischen Farmen wird Bären Galle für Medikamente und Kosmetika abgezapft – das wollen Tierschützer stoppen und haben erste Erfolge.
Süddeutsche Zeitung, Wissenschaft, S.
18, 20. Juni 2007
SZ200607 - In China werden Bären auf Farmen wie
Hühner in engen Käfigen gehalten. In schmutzigen,
stinkenden Hallen vegetieren viele der Raubtiere in elender
Verfassung vor sich hin. In ihren Eisenkäfigen können sich
die Bären oft nicht einmal umdrehen und natürlich nicht
ausreichend bewegen. Die Tiere werden gehalten, um ihnen
Gallenflüssigkeit abzuzapfen, die in der Traditionellen
Chinesischen Medizin (TCM) verwendet wird. Auch
kosmetischen Produkten asiatischer Herstellung wird die
Körperflüssigkeit der Bären häufig beigemischt.
Der illegale Handel mit Bärengalle floriert weltweit, wie
nun eine Untersuchung der Welttierschutzgesellschaft (WSPA)
gezeigt hat. Um den Handel mit derlei Produkten zu
erschweren, präsentierte die WSPA vergangene Woche auf der
Artenschutzkonferenz in Den Haag ein Test-Kit, mit dem sich
feststellen lässt, ob ein Produkt natürliche Bestandteile
eines Bären enthält. Bei einer großangelegten Untersuchung
fanden Mitarbeiter der WSPA in TCM-Läden in den USA,
Kanada, Japan, Taiwan, Korea, Singapur, Australien und
Neuseeland in neun bis 75 Prozent der besuchten Läden
Produkte, die Bärengalle enthielten. Nach diesem
erfolgreichen Testlauf hoffen die Tierschützer nun, dass
der Zoll an den internationalen Grenzen das Analysesystem
routinemäßig einsetzen wird.
„Diese Tiere erleiden die Hölle am lebendigen Leibe, und
das viele, viele Jahre lang”, sagt Jill Robinson. Die
Gründerin und Vorsitzende der in Hongkong ansässigen
Tierschutzorganisation Animals Asia Foundation (AAF) kämpft
seit fast zehn Jahren gegen sogenannte Bärenfarmen in
China. Etwa 7000 der großen Raubsäuger – vor allem der in
Asien verbreitete Kragenbär Ursus thibetanus – werden seit
den achtziger Jahren in der Volksrepublik in Einzelkäfigen
auf nicht mal zwei Quadratmetern eingepfercht. Wilde Bären
durchstreifen normalerweise Quadratkilometer große
Waldgebiete.
„Das ,bear farming‘ haben die Chinesen in den achtziger
Jahren aus Korea übernommen, in der Hoffnung, die Jagd auf
die geschützten Tiere zu unterbinden”, sagt Robinson.
Geschätzte 5000 weitere Tiere vegetieren unter ähnlichen
Bedingungen in Vietnam und Südkorea. Über Jahre hinweg wird
den Tieren täglich bis zu einem Glas ihrer
Gallenflüssigkeit abgenommen. „Pro Jahr wird einem Bären so
viel Galle abgezapft, dass daraus etwa zwei Kilogramm
getrocknetes Gallenpulver gewonnen wird”, sagt Christina
Filipowicz von der deutschen Zweigstelle der AAF. Galle
wird seit mehr als 3000 Jahren in der Traditionellen
Chinesischen Medizin eingesetzt: Es soll gegen
Leberbeschwerden, gegen Würmer im Verdauungstrakt,
Hämorrhoiden und Augenprobleme helfen.
Mit der Bärengalle wird viel Geld verdient. In den späten
neunziger Jahren erzielten Händler für ein Kilo Galle von
einem Farmbären 3000 Dollar. Die gleiche Menge Galle aus
einem wilden Tier brachte auf dem chinesischen Schwarzmarkt
sogar bis 16 000 Dollar ein. Und die Nachfrage wird nicht
geringer. Immer häufiger enthalten auch asiatische Produkte
abseits der TCM Bärengalle, um sie aufzuwerten, etwa
Shampoos, Gesichtscreme oder sogar Zahnpasta. Dabei wäre
das alles gar nicht nötig. Selbst Anhänger der TCM räumen
ein, dass manche Kräuter eine ebenso gute und billigere
Alternative sind. Der Wirkstoff, die Gallensäure
Ursodeoxycholsäure, wird zudem längst künstlich
hergestellt.
Um an die natürliche Substanz zu gelangen wird den Bären
seitlich oder am Bauch dauerhaft ein dünner Latexschlauch
oder ein zehn bis 20 Zentimeter langes Metallröhrchen als
Katheter direkt in das Organ implantiert. Bei der
einfachsten Methode wird ein Loch in der Bärenhaut immer
wieder durchstoßen, damit Gallenflüssigkeit abläuft. Laut
AAF öffnen einige Farmer die verkrusteten und verstopften
Wunden der Tiere mit „glühend roten Metallstäben”.
Jill Robinson und ihre Mitarbeiter haben bisher 219 Bären
von kleinen, unrentablen Farmen mit Spendengeldern
freigekauft. Sie dokumentierten die gesundheitlichen
Zustände der Tiere in ihrem im März veröffentlichten
Veterinär-Report: schwärende Wunden, Narben am ganzen
Körper, Geschwüre an der Gallenblase, abgewetzte und
abgebrochene Zähne und Krallen, abgeschnittene
Tatzenspitzen, Augenentzündungen. Um die Produktion an
Gallenflüssigkeit nicht zu unterbrechen, werden die Tiere
laut Informationen der AAF am Winterschlaf gehindert.
Doch allmählich scheint die Aufklärungsarbeit der
Tierschutzorganisationen zu fruchten. Im März machte eine
Abgeordnete des Nationalen Volkskongresses eine Eingabe mit
dem Ziel, die Bärenfarmen schrittweise zu schließen. Und
auch das Test-Kit der WSPA könnte helfen, den Handel mit
den Bärenprodukten einzuschränken: „Es wird die Sache in
Bewegung und den politischen Willen in die richtige
Richtung bringen”, hofft Jill Robinson.
Süddeutsche Zeitung, Wissenschaft, S.
18, 20. Juni 2007
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