Die Formel 1 der Bildgebung
Wissenschaftler testen einen Magnetresonanztomographen mit sieben Tesla. Ihr Ziel: Die besten Ganzkörperaufnahmen, die es gibt. Doch es sind einige Hürden zu nehmen.
Süddeutsche Zeitung,
Beilage, S. 32, 29. März 2007
SZ290307 - Es rattert, hart, metallisch. Der Krach
bleibt erträglich dank des Oropax in den Gehörgängen. Dann
bricht das Hämmern ab. Stille. „Achtung, jetzt wird es
wieder laut”, sagt die Stimme des Mediziners Jens Theysohn
durch einen kleinen Lautsprecher. Dann wieder Stille. „So,
das war’s. Ich hole Sie jetzt langsam da raus.” Die
fahrbare Liegefläche schiebt sich wieder aus der Röhre.
„Jetzt haben wir mehr als tausend Fotos vom Inneren ihres
Kopfes gemacht”, sagt Theysohn. Beeindruckend: In circa 20
Minuten die Bildausbeute mehrerer Sommerurlaube. Aber es
geht hier gar nicht um die Anzahl der Bilder, sondern um
ihre technische Qualität. Theysohn bedient einen
Magnetresonanztomographen (MRT) der nächsten Generation.
Mit diesen auch als Kernspintomographen bekannten Geräten
durchleuchten Mediziner den Körper; Scheibe für Scheibe und
in 3D und alles ohne schädliche Röntgenstrahlung. Die 32
Tonnen schwere „Wuchtbrumme” steht im Erwin L. Hahn
Institut für Magnetresonanz auf dem Gelände der Zeche
Zollverein in Essen. Das Besondere an der Essener Anlage
ist die Stärke ihres Magnetfeldes: sieben Tesla. Tesla ist
die Einheit für die magnetische Flussdichte oder einfach
die Stärke des Magneten. Ein gewöhnlicher Hufeisenmagnet
zieht mit 0,001 Tesla Eisen an. Gängige MRT in deutschen
Krankenhäusern und Gesundheitszentren arbeiten mit 1,5 bis
3 Tesla. Das Essener MRT ist eines von nur zwölf Geräten
dieser Leistungsklasse weltweit. In Deutschland gibt es ein
zweites Hochfeld-Gerät in Magdeburg, in Tübingen wird
derzeit ein drittes aufgebaut.
Die Uni Duisburg-Essen arbeitet für das Mammutprojekt mit
der niederländischen Universität von Nijmegen zusammen.
„Die Kollegen nutzen das Gerät vor allem, um dem Gehirn bei
der Arbeit zuzuschauen, um zu verstehen, welche
Hirnbereiche wann genutzt werden”, sagt Mark Ladd, Leiter
der Abteilung Biomedizinische Bildgebung am Uniklinikum
Essen. Der geschäftsführende Direktor des Instituts und
sein Team wollen den Riesenmagneten für einen neuen Bereich
nutzbar machen: die klinische Diagnostik im gesamten
Körper. Die Hoffnung: Noch bessere Bilder aus allen
Bereichen des Körpers, um Krankheiten und Missbildungen
schneller auf die Spur zu kommen. Um herauszufinden, ob es
das kann, schleusen die Wissenschaftler mehrere hundert
Probanden in den nächsten Jahren durch das Magnetfeld der
Röhre.
Man spürt das gewaltige Magnetfeld nicht. Aber man kann es
erahnen. Eine Brille, die auf einem Regal etwa einen Meter
vom MRT entfernt liegt, dreht sich immer wieder in dieselbe
Richtung zurück. Abgeschirmt wird der Raum durch Stahl in
den Wänden: „An den dicksten Stellen sind das fünfzig
Zentimeter, an den dünnsten immer noch 15”, sagt Ladd. Die
gesamte Ummantelung wiegt mehr als der Airbus-Riese A 380:
425 Tonnen.
Auf dem Papier ist der sieben Tesla MRT den kleineren
Geräten überlegen: Die Auflösung ist dank des stärkeren
Magneten besser, die meisten Bilder sind sichtbar feiner
und schärfer gezeichnet, die Kontraste sind stärker.
Frühstadien von Tumoren, Mikroverletzungen, Entzündungen
oder Missbildungen könnten damit erkannt werden. Doch ob
das tatsächlich zu besseren Diagnosen führt und am Ende den
Patienten hilft, das muss sich erst noch zeigen. Denn die
Stärke des Magneten bringt auch Probleme mit sich: „Je
stärker das Magnetfeld ist, desto anfälliger sind wir für
kleine Störungen wie etwa luftgefüllte Hohlräume”, sagt
Ladd. Und: Die Körperteile dürfen nicht zu groß sein.
„Einen Kopf, ein Knie- oder Handgelenk kann man mit sieben
Tesla problemlos durchleuchten.” Aber der Rumpf erschließt
sich noch nicht: „Wir sind – wie alle anderen auch in dem
Bereich – noch nicht in der Lage, eine Leber zu
untersuchen”, sagt Ladd. Und damit ist auch das Hauptziel,
mit dem der Essener MRT beworben wird, noch in weiter
Ferne: die Ganzkörperaufnahmen.
Das Problem: Zusätzlich zu den Magnetfeldern arbeiten MRT
mit Radiowellen. Bei 1,5 Tesla liegt die Frequenz etwas
unterhalb des UKW-Bereichs von Radiosendern (88 bis 108
Megahertz). Die Wellenlänge ist so groß, dass es im
vergleichsweise breiten Rumpf kaum Probleme gibt. Deshalb
gibt es bereits Ganzkörperaufnahmen, die mit schwächeren
Magneten erstellt wurden. Das Sieben-Tesla-Gerät arbeitet
aber mit 300 Mhz. Die Wellenlänge schrumpft. „Da kommt es
dann zu Überlagerungen, Wellen verstärken sich oder löschen
sich aus”, sagt Ladd. Das Signal wird unscharf, die Bilder
werden schlecht. Und: Höhere Frequenzen werden stärker vom
Gewebe gedämpft.
Um den gesamten Körper in einer Prozedur mit der für sieben
Tesla üblichen Bildqualität zu durchleuchten, gibt es noch
eine Menge technischer Hürden zu nehmen. Doch die stellen
für Ladd und sein Team eine Herausforderung dar. Das was
man hier entwickelt, könne auch bei den kleineren Geräten
von Nutzen sein. „Das ist ein bisschen wie in der Formel 1:
Man entwickelt an den Grenzen, wo die Probleme am größten
sind, und liefert so auch Lösungen für normale Pkw.” Und
nach den ersten hundert Probanden und unzähligen
Vergleichsaufnahmen ist bei Ladd die anfängliche Skepsis
verschwunden: „Ich bin inzwischen überzeugt, dass wir
Erfolg haben werden.”
Süddeutsche Zeitung,
Beilage, S. 32, 29. März 2007
zurück zu: Die Texte
2007