Die Ur-Pizza, die sich selbst belegt
Münchner Forschern gelingt ein weiterer experimenteller Nachweis, dass das Leben nicht in einer Ursuppe, sondern eher auf einer Ur-Pizza entstanden ist.
Süddeutsche Zeitung,
Wissen, S. 18, 27. Oktober 2006
SZ271006 - Das Leben begann vor Urzeiten nicht in
einer Suppe, wie eine beliebte Metapher suggeriert, sondern
eher auf einem Stück Pizza. Darauf deutet zumindest ein
Experiment von Günter Wächtershäuser und Claudia Huber von
der TU München hin, das die beiden Chemiker jetzt im
Fachblatt Science präsentieren (2006, Bd. 314, S. 630,
2006).
Wenn es um die Anfänge des Lebens auf der Erde geht, denken
die meisten Menschen immer noch an die Ursuppe. Der
Doktorand Stanley Miller hatte 1953 in einer möglichen
Ur-Atmosphäre durch elektrische Entladungen aus
anorganischen Molekülen erstmals Aminosäuren und andere
einfache Bausteine des Lebens hergestellt. Sie sammelten
sich nach einer Woche im Glaskolben in einer schmutzig,
braunen Brühe.
In einer solchen Ursuppe sollten über Hunderttausende oder
Millionen von Jahren komplexere Bausteine und schließlich
erste einfache Zellen entstanden sein. Doch weiter kamen
die Forscher mit der Ursuppe kaum. Umstritten ist sie auch,
weil Miller eine unrealistische Atmosphäre benutzt hatte.
1988 hatte Günter Wächtershäuser eine radikal andere Idee
vorgestellt, die als Urpizza in der Öffentlichkeit nicht
ganz so bekannt wurde wie Millers Suppe. Nicht in der
Atmosphäre und der zähen, teerigen Ursuppe sollten demnach
die ersten organischen Bausteine und der erste Organismus
entstehen, sondern auf einer mineralischen Oberfläche in
wässrigem, heißen Milieu, zum Beispiel an Spalten, aus
denen heiße vulkanische Gase austreten.
Das erste Zeichen des Lebens wäre ein sich selbst
erhaltender, chemischer Prozess, nicht unbedingt gleich ein
sich selbst vervielfältigendes Produkt wie eine Zelle. Auf
der Oberfläche entstünde quasi eine Pizza, die sich selbst
belegt. Wächtershäuser hat die Idee über die Jahre
verändert und angepasst. „Inzwischen wissen wir, dass neben
Eisen, das ich schon berücksichtigt hatte, vor allem Nickel
eine entscheidende Rolle spielt.”
Eine der kniffligsten Fragen war immer: Wie entstehen die
Aminosäuren? Eigentlich braucht es dafür Enzyme als
Werkzeuge, die die chemischen Reaktionen katalysieren, das
heißt beschleunigen. Doch Enzyme bestehen selbst aus
Aminosäuren. Aus dieser logischen Falle helfen Eisen und
Nickel. Diese Elemente übernehmen in Wächtershäusers
Experimenten die Rolle des Katalysators. „Im menschlichen
Organismus gibt es das Nickel nicht, aber von Bakterien
kennen wir nickelhaltige Enzyme”, sagt der Chemiker und
Patentanwalt.
An Eisen und Nickel heften sich die chemischen Bausteine
der Aminosäuren, die sich schließlich zu vollständigen
Aminosäuren verbinden. Im Experiment erhielt Claudia Huber
in einem Temperaturbereich um 100 Grad Celsius einfache
Aminosäuren wie Glycin, Alanin und Serin, dazu
Brenztraubensäure und Glycol.
Um die These von den Prozessen zu belegen, fehle jetzt aber
noch der experimentelle Beweis, „dass die Endprodukte auch
tatsächlich den Prozess weiter beschleunigen können”, sagt
Wächtershäuser. Ob das gelingen wird, weiß er noch nicht.
Süddeutsche Zeitung,
Wissen, S. 18, 27. Oktober 2006
zurück zu: Die Texte
2006