Gefährliche Jagd nach Schätzen der Tiefe
Meeresarchäologen haben in diesem Jahr sensationelle Funde präsentiert - darunter Hitlers Flugzeugträger und eines der ersten U-Boote der Welt. Die Unterwasser-Archäologie hat ihren Boom der Technologie zu verdanken - die Pioniere mussten noch unter ständiger Lebensgefahr arbeiten.
Spiegel Online, Wissenschaft, 4.
September 2006
SP040906 - Die Unterwasserarchäologie hat einen
Sommer mit spektakulären Funden hinter sich. In der Ostsee
wurde die "Graf Zeppelin", der einzige jemals gebaute
deutsche Flugzeugträger aufgespürt. In Schweden wurde durch
Zufall ein 600 Jahre altes Schiff gefunden, und in der
Karibik entpuppte sich ein rostiger Stahlkasten als eines
der ersten U-Boote der Geschichte. Vor Gibraltar soll der
vielleicht größte Goldschatz aller Zeiten aus dem Bauch der
HMS Sussex geborgen werden. In Berlin präsentierte die
Ausstellung "Ägyptens versunkene Schätze spektakuläre Funde
aus der Antike.
Der Boom der Unterwasser-Archäologie wurde durch enorme
technische Fortschritte verursacht. Die Pioniere der Zunft
hatten es dagegen ungleich schwerer. Die Apnoetaucher der
Antike - jene Furchtlosen, die unter Wasser die Luft
anhielten und verlorene Fracht emporholten -wurden nach
Tiefe bezahlt. Welche Tarife im Hafen von Rhodos galten,
ist überliefert: Lag das geborgene Gut mehr als einen Meter
tief, stand den Tauchern ein Zehntel des Wertes zu, ab vier
Metern ein Drittel. Tauchten sie tiefer als 7,50 Meter,
erhielten die Taucher die Hälfte des Wertes.
Es waren zunächst die Bergungsarbeiter, die halfen, in
Häfen verlorengegangene Fracht oder später Kanonen von
Kriegsschiffen aus dem Wasser zu ziehen. Der Einsatz, den
Historiker als erste unterwasserarchäologische Expedition
betrachten, fand am italienischen Nemi-See 30 Kilometer
südöstlich von Rom statt.
"Das Wort 'archäologisch' muss man aber in
Anführungszeichen setzen, es war erst einmal eine
Schatzsuche", sagt Hanz Günter Martin von der Deutschen
Gesellschaft zur Förderung der Unterwasserarchäologie.
Tauchglocke zur Bergung römischer Schätze
Aus antiken Quellen war bekannt, dass zwei Prunkschiffe des
Kaisers Caligula im Kratersee versunken waren. Nach
erfolglosen Versuchen, die Schiffe Mitte des 15.
Jahrhunderts von einer Plattform aus zu heben, konstruierte
Francesco de Marchi 1531 eine Tauchglocke. "Die Person
hatte die Hände frei und konnte einzelne Stücke
aufsammeln", sagt Martin. Der große Erfolg allerdings blieb
aus, auch bei späteren Versuchen.
Erst 400 Jahre später, zwischen 1928 und 1930, gelang am
Nemi-See der große Coup. Allerdings fand er nicht mehr
unter Wasser statt: "Diesmal tauchte man nicht zum Schiff,
sondern ließ einfach das Wasser bis auf den Grund
ablaufen", sagt Martin. Auf dieses Verfahren setzten
Archäologen auch später noch, zuletzt 1979, als ein
Wikingerschiff im Hafen der mittelalterlichen dänischen
Hafenstadt Haithabu geborgen wurde.
Wie mühsam und gefährlich die Tauchunternehmen waren, zeigt
die Bergung eines römischen Schiffs vor der Ostküste der
südlichen Ägäis-Insel Antikythera im Jahr 1901. "Sechs
Taucher hatten acht Minuten für den Tauchgang, davon fünf
Minuten für die Arbeiten am Wrack, drei Minuten für das
Auf- und Abtauchen", sagt Martin. Die Arbeit unter Wasser
ist so anstrengend, dass jeder nur zwei Tauchgänge
durchführen konnte - wenn das Wetter mitspielte.
"Die Taucher arbeiteten stets am Rande der Erschöpfung und
wollten zweimal die Aktion abbrechen", sagt Martin. Sie
ließen sich jedes Mal überreden. Zwei der Taucher bezahlten
ihre Entscheidung mit halbseitigen Lähmungen, einer mit dem
Leben. Archäologischen Erfolge waren solche Unternehmungen
nicht. "Es gab keine Dokumentation darüber, was wo gelegen
hatte, die Taucher waren eben keine Archäologen."
Taucherkrankheit und Tod drohten
Das Tauchen nach Amphoren, Statuen und Silbermünzen war
gefährlich. Die Druckunterschiede belasteten den Körper.
Beim zu schnellen Auftauchen aus zu großer Tiefe perlt
wegen des Druckabfalls Stickstoff im Blut aus.
Auch Apnoetaucher, die normalerweise nicht darunter zu
leiden haben, bekommen die Folgen zu spüren, wenn sie zu
häufig in zu kurzen Abständen hintereinander tauchen. Die
Folgen der schlechten Dekompression: Juckreiz,
Schwellungen, Lähmungen durch Lufteinschlüsse im
Rückenmark, Bewusstlosigkeit bis zum Atemstillstand,
Lungenriss, neurologische Langzeitschäden.
Lange war unklar, was die Ursache der Taucherkrankheit war.
Erst 1907 veröffentlichte der Physiologe John Scott Haldane
eine Tabelle, an der Taucher ablesen konnten, wie sie sich
beim Auftauchen verhalten mussten, um die gefürchtete
Taucherkrankheit zu vermeiden. "Keine Entwicklung in der
Geschichte des Tauchens hat so viele Leben gerettet wie
Haldanes Tabelle", sagt Trevor Norton, Meeresbiologe an der
University of Liverpool.
Helme für Spaziergänge am Grund
Ein Fortschritt - zumindest die Zeit unter Wasser
betreffend - waren Taucherhelme, die manchmal wie
umgedrehte Milchkannen aussahen. Zunächst waren sie noch
nicht wasserdicht am Anzug befestigt, sondern wurden über
einen Schlauch und eine von mehreren Männern handgetriebene
Pumpe mit Luft versorgt. Mitte des 19. Jahrhunderts blieb
der Belgier Henri Milne Edwards auf diese Art eine
Dreiviertelstunde bis zu acht Meter unter Wasser. "Nur die
Anstrengung hielt mich ab, auf dem Meeresboden einen
ausgedehnten Spaziergang zu machen", erzählte er später.
Doch der Helm hatte seine Tücken. Wenn Edwards nicht völlig
aufrecht ging, drang Wasser ein und er konnte ertrinken.
Ebenfalls mit Bleischuhen bestückt, war Edwards so schwer,
dass es Mühe machte, ihn hochzuziehen. Einmal brach die
Stange, an der das Seil befestigt war, mit dem der Taucher
wegen schlechten Wetters an Bord gehievt werden sollte. Die
Bleischuhe und der Helm zogen ihn in die Tiefe. Die
Seemänner sprangen hinterher. Edwards wurde gerettet, ein
Seemann ertrank - weil er nicht schwimmen konnte.
Explodierte Lungen im Ballon-Anzug
1819 präsentierte in England der deutschstämmige August
Siebe den ersten gummierten Taucheranzug, an dem ein Helm
mit Schrauben wasserdicht fixiert werden konnte. Doch
dadurch wurde das Tauchen nicht unbedingt ungefährlicher.
Mehrere Männer pumpten mühsam Luft über einen Schlauch in
den Anzug: "Wenn das Tauchen eine anstrengende Sache war,
dann war das Hinabpumpen der Luft eine Sträflingsarbeit",
schreibt Trevor Norton in seinem Buch "In unbekannten
Tiefen".
Bekam der Taucher zu viel oder zu wenig Luft, konnte der
Ausflug in die Tiefe tödlich enden. "Zu wenig Luft ließ den
Taucher ersticken, zu viel blähte den Anzug in den ersten
Modellen auf und ließ den Taucher wie einen Korken nach
oben schießen - so schnell, dass sich seine Lungen
aufbliesen und explodierten."
Gefürchtet war auch die "Presse". Wenn die Luftversorgung
abgeklemmt wurde und ein Ventil im Helm versagte, breitete
sich der Wasserdruck im Anzug so schnell aus, dass der
Taucher in bestimmten Tiefen schmerzhaft in den Helm
gepresst wurde.
Mit Luftschlauch waren Wracks tabu
Damit das nicht passierte, war eines wichtig: "Immer freies
Wasser über dem Taucher", sagt Martin. Damit war auch die
Suche für Schatztaucher nur eingeschränkt möglich. Gold-
und Silbertruhen tief im Inneren spanischer Fregatten aus
dem 16. Jahrhundert blieben unerreichbar.
Das änderte sich, als die Taucher dank Pressluftflaschen
endlich unabhängig wurden. "Die Erfindung der 'Aqualunge'
von Emile Gagnan und Jacques-Yves Cousteau in den vierziger
Jahren machte die Taucher endlich unabhängig", sagt Hanz
Günter Martin.
Von der Erfindung der Pressluftflasche und einem speziellen
Mundstück, das es den Tauchern ermöglicht, so viel Luft zu
atmen wie sie benötigen, profitierten nicht nur
Schatztaucher, sondern auch Archäologen: "Endlich konnten
Archäologen selbst hinuntergehen", sagt Martin.
Macho-Taucher gegen "ungeschickte
Archäologen"
Das war zunächst gar nicht so leicht, wie George Bass,
einer der Pioniere der modernen Unterwasser-Archäologie,
erzählt: "Hobbytaucher und Profis versuchten in den
fünfziger Jahren eine Art Monopol auf Schiffswracks zu
erkämpfen. Sie verbreiteten das Gerücht, wir Archäologen
würden niemals so gut tauchen können wie sie." Die
Akademiker seien unpraktisch veranlagt, und sie sollten die
schwere Arbeit den echten "Männern der See" überlassen.
Auch Tauchlegende Jacques-Yves Cousteau war bekannt dafür,
dass er Archäologen für ungeschickte Pedanten hielt und
ihnen klar machte, wer das Sagen hatte.
Selbst innerhalb der Archäologie hatten die Froschmänner
bis in die Gegenwart um die Anerkennung zu kämpfen: "Bis
heute nehmen mich viele Kollegen nicht als Archäologen
wahr, obwohl ich zwei Jahrzehnte lang Vorlesungen und
Seminare über die Archäologie der Frühzeit gehalten habe",
klagt Bass. Der inzwischen emeritierte Professor hatte mit
einen ersten Großunternehmungen Anfang der sechziger Jahre
vor der türkischen Küste den Startschuss für die moderne
Unterwasser-Archäologie gegeben.
Viele Laien glauben auch heute noch, Unterwasserarchäologie
und Schatzsuche seien im Grunde dasselbe. Aber eigentlich
ist es das Gegenteil. Schatzsucher wollen die Schätze der
Meere ausbeuten. "Unterwasser-Archäologen wollen die
meisten Funde inzwischen eher da belassen, wo sie sind",
sagt Hanz Günter Martin. "Am Meeresboden sind sie am besten
aufgehoben."
Spiegel Online, Wissenschaft, 4.
September 2006
zurück zu: Die Texte
2006