Begraben in der nackten Erde
Archäologen finden in Südtirol das Skelett einer Frau, das vermutlich älter ist als Ötzi. Allerdings hat es bei weitem nicht so viel zu bieten, wie die bekannte Südtiroler Mumie.
Süddeutsche Zeitung
Wissen, S. 18, 21. März 2006
SZ210306 - Vielleicht ist sie die älteste
Südtirolerin, die Archäologen bisher aus italienischer Erde
ausgegraben haben. Zwischen 5500 und 7000 Jahren seien die
Skelettreste nach ersten Schätzungen alt, die Archäologen
in einem jungsteinzeitlichen Grab bei Schloss Sigmundskron
in der Nähe von Bozen entdeckten. Falls sich das Alter bei
genauerer wissenschaftlicher Untersuchung bestätigen
sollte, wäre das Skelett deutlich älter als die etwa 5000
Jahre alte Mumie von Ötzi, dem bekanntesten archäologischen
Südtiroler.
„So lange die Kohlenstoff-14 Datierung noch nicht
durchgeführt wurde, ist es für dieses Urteil eigentlich
noch ein wenig zu früh“, sagt Lorenzo Dal Ri, Direktor des
Amtes für Bodendenkmäler in Bozen. Die „steinzeitliche
Südtirolerin“ macht den Wissenschaftlern ihre Analysen
recht schwer. In „nuda terra“, in nackter Erde, sei sie
begraben, so Dal Ri: „Wir haben auch noch keine
Grabbeigaben gefunden.“ Die schmucklose Bestattung mache
sehr wahrscheinlich, dass die Frau älter als Ötzi sei. In
seiner Zeit wurden die Menschen bereits mit Grabbeigaben
wie Schmuck und Waffen für die letzte Reise ausgestattet.
Dass es sich um eine Frau handelt, schließen die
Archäologen allein aus den Knochen wie dem Becken, dessen
Stellung und Größe dem einer Frau entsprächen. Für die
Jungsteinzeit spreche die Haltung, in der die Überreste der
Frau gefunden wurden: Mit angezogenen Beinen
zusammengekauert wie ein Fötus, lag sie seitlich in der
Erde. „Das ist ganz typisch für eine jungsteinzeitliche
Bestattung“, sagt Dal Ri. Für diese Epoche, das
Neolithikum, spreche außerdem auch die Erdschicht, in der
die Skelettreste gefunden wurden, ein bis eineinhalb Meter
unter der Oberfläche. Dort hatten die Archäologen schon
häufiger Überreste wie neolithische Keramikscherben
ausgegraben. Dal Ri schließt nicht aus, dass sich in der
Gegend noch weitere jungsteinzeitliche Gräber befinden. Es
habe damals eine Siedlung am Hügel von Sigmundskron bei
Bozen gegeben.
Im Schloss Sigmundskron wird derzeit im Auftrag des
Bergsteigers Reinold Messner ein „Museum der Berge“
eingerichtet. Im Zuge der Umbauarbeiten werde der Boden
überall da, wo er sowieso aufgerissen werde, auch
archäologisch untersucht, so Dal Ri.
Süddeutsche Zeitung
Wissen, S. 18, 21. März 2006
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