Die Einsteins der Tiere
Menschenaffen und im besonderen Schimpansen gelten gemeinhin als die Hauptvertreter tierischer Intelligenz. Neben unseren behaarten Verwandten gibt es aber noch ganz andere tierische Intelligenzbestien.
stern.de, Wissenschaft, 19. Juni
2006
ST190606 - Wie klug sind Tiere? Diese pauschale
Frage zu beantworten scheitert schon an der Vielfalt der
Arten, die es auf der Erde gibt. Lässt sich die Intelligenz
von Schimpansen überhaupt mit der von Raben oder Ameisen
vergleichen? Ist der Mensch tatsächlich die intelligenteste
Art auf der Erde, oder verstehen wir einfach nur nicht die
kognitiven Fähigkeiten der anderen? Wenn es um Intelligenz
bei Tier und Mensch geht, gibt es mehr Fragen als
Antworten. Sicher ist, dass viele Tiere die meiste Zeit
unterschätzt wurden. Sie sind nicht einfach nur die
Verhaltensroboter, die auf Reize mit Reflexen reagieren und
wenn überhaupt nur durch Versuch und Irrtum lernen.
Menschenaffen, Rabenvögel, Delfine: Sie bilden die
kognitive Speerspitze im Tierreich. Doch auch andere
Organismen verblüfften in den letzten Jahrzehnten Biologen
immer wieder und lassen erahnen, dass Wissenschaftler
bisher nur einen kleinen Bereich der kognitiven Fähigkeiten
der Tiere sichtbar gemacht haben. Je tiefer
Verhaltensbiologen und Kognitionsforscher in ihre
Gedankenwelt vordringen, umso erstaunlichere Fähigkeiten
entdecken sie, nicht bei allen, aber bei immer mehr
Tierarten. Es zeigt sich aber auch: Keine andere Lebensform
scheint zu solchen kognitiven Höhenflügen fähig wie der
Homo sapiens.
Großes Hirn = hohe Intelligenz?
Wenn es so einfach wäre: Je größer das Gehirn, desto
intelligenter. Aber schon der Vergleich des Säugergehirns
mit denen von Vögeln oder Insekten zeigt, dass Größe nicht
alles sein kann. Schon der Vergleich unter Säugern macht
dies deutlich. Kapuzineraffen tragen gerade mal rund 50
Gramm Gehirn in ihrem Kopf, ein Pferd das Zehnfache. Die
kleinen Affen sind aber unbestritten flexibler in ihrem
Verhalten als auch in ihren kognitiven Leistungen. Ginge es
nach der Größe, wären Wale mit bis zu neun Kilo schweren
Gehirnen die intelligentesten, gefolgt vom Afrikanischen
Elefanten mit rund vier Kilo Hirnmasse.
Erst dann folgten Mensch und Delfin mit rund 1400 Gramm
Hirnmasse. Das Schimpansenhirn ist rund ein Kilo leichter.
Auch die Hirnmasse in Relation zur Körpermasse zu setzen,
führt zu nicht eindeutigen Ergebnissen. Unter den großen
Säugern hat zwar der Mensch mit zwei Prozent das größte
Gehirn im Vergleich zum Gesamtkörper. Spitzmäuse
übertreffen den Menschen in diesem Punkt aber locker. Sie
haben mit zehn Prozent an der Körpermasse das relativ
größte Gehirn. Sind sie vielleicht intelligenter als wir
dachten?
Auch andere Richtgrößen sind mit Problemen behaftet. Greift
man sich nur die Großhirnrinde heraus, sollten Elefanten
und Wale klüger sein als der Mensch. Selbst beim
Vorderstirnlappen, dem Sitz von Verstand und Planung
schneidet der Mensch im Vergleich zu Walen und Elefanten
schlechter ab, gleichauf mit Menschenaffen. Das einzige,
was die Spitzenstellung beim Menschen in punkto mentaler
Flexibilität erklären könnte, ist die Zahl der Nervenzellen
in der Großhirnrinde, die zudem auch noch besonders schnell
Informationen weiter geben. Das deckt sich mit einer
inzwischen unter Forschern anerkannten Vorstellung: Für
eine hohe Intelligenz muss eine Lebewesen viel Information
verarbeiten können. Und das menschliche Gehirn bietet dafür
wohl die besten Voraussetzungen.
Affen - die klugen Verwandten
Affen sind die Tiergruppe, die uns am meisten beeindrucken,
weil sie uns so ähnlich sind. Sie zeigen die vielfältigsten
kognitiven Fähigkeiten, sind aber auch die Tiergruppe, die
am besten untersucht ist. Vor allem Menschenaffen
(Schimpansen, Bonobos, Gorillas und Orang Utans) verblüffen
Forscher und Tierfreunde immer wieder durch ihre geistige
Flexibilität. Sie nutzen vielfältige Werkzeuge: Steine als
Hammer und Amboss, um Nüsse zu knacken, Zweige und
Stöckchen, um Termiten und Ameisen aus ihrem Bau zu
stibitzen, Blätter als Trinkschwamm. Sie zeigen
einsichtiges Verhalten in neuen Situationen und scheinen
sie innerlich zu überdenken. Sie versuchen andere hinters
Licht zu führen, was ein Hinweis dafür ist, dass sie
wissen, was ihr Gegenüber denkt.
Erst kürzlich entdeckten Leipziger Forscher, dass ihre
Bonobos und Orang Utans nicht nur im Hier- und Jetzt leben,
sondern sich Gedanken über ihre Zukunft machen - wenn auch
nur über die nächsten 14 Stunden. Und dass Menschenaffen
ein sprachliches Grundverständnis besitzen, haben der
Bonobo Kanzi, die Schimpansin Washoe, der Orang Utan
Chantek und die Gorilladame Koko längst bewiesen. Mit
gelernten Handzeichen oder Symbolen geben sie ihren
Mitmenschen Auskunft über ihre Wünsche und Gefühle, auch
wenn es sich in den meisten Fällen nur um Futter oder
Zuneigung handelt. Menschenaffen sollte man nicht unter-,
aber auch nicht überschätzen. Schon ein vierjähriges
Menschenkind ist den haarigen Verwandten gedanklich
überlegen.
Wale und Delfine - Intelligenz aus dem
Meer
Wale und Delphine haben die Intelligenz der Säuger mit ins
Wasser genommen. Der Ruf besonders klug zu sein, eilt vor
allem den beliebten Tümmlern voraus, und Fans halten sie
sogar für eine Lebensform des Meeres, die dem Menschen
ebenbürtig ist. Wissenschaftler ordnen sie eher auf dem
Niveau von Elefanten ein. Vor allem die Intelligenz der
Delfine ist gut untersucht und sie zeigen sich
außerordentlich lehrreich, sie erkennen Zusammenhänge
schnell und bestehen auch den Spiegeltest - ein möglicher
Hinweis für Selbstbewusstsein.
Dass Identität im Leben der sehr sozialen Tiere tatsächlich
eine wichtige Rolle spielt, entdeckten Meeresbiologen erst
vor kurzem. Große Tümmler erkennen sich gegenseitig an
einem für jedes Individuum typischen Laut, der menschlichen
Namen vergleichbar ist. Damit sind Delfine die erste
Lebensform neben dem Menschen, bei denen ein solches System
bekannt ist. Selbst Werkzeuge nutzen Delfine, was ebenfalls
erst seit kurzem bekannt ist: Ein Delfin wurde dabei
beobachtet, wie er mit dem steifen Körper eines toten
Drachenkopf-Fisches eine Muräne aus seinem Versteck trieb.
Delfinmütter vor der Küste Australiens stülpen sich
Schwämme über die lange Schnauze und betreiben so eine
schnabelschonende Krebsjagd. Das Besondere daran:
Delfinmütter geben diese Tradition an ihre Töchter weiter.
Und diese Form des sozialen Lernens gilt als
Grundvoraussetzung für Kultur.
Vögel - gefiederte Intelligenzbestien
Weil Vögel keine Säuger sind, hat man sie lange
unterschätzt. Vor allem Rabenvögel sind der Beleg dafür,
dass Hirngröße nicht alles sein kann, wenn es um kognitive
Fähigkeiten geht. Rabenvögel gelten unter Vögeln als das,
was Menschenaffen unter den Affen sind und doch ist ihr
Gehirn mit zehn Gramm etwa vierzig mal kleiner als das der
Primaten. Obwohl Vögel keine Hände haben, nutzen einige von
ihnen Werkzeuge und sie passen sie sogar ihren Bedürfnissen
an. Die Geradschnabelkrähe Corvus moneduloides von der
Pazifikinsel Neukaledonien verbog im Labor einen Draht so,
dass sie mit dem Haken das Futter aus einer Milchflasche
stibitzte, für die ihr Schnabel zu dick war. Mit Draht
hatte sie vorher nie gearbeitet, weil sie sich in freier
Natur kleine Stöckchen zurecht bricht. Eine echte
Designleistung.
Krähen in Japan lassen Nüsse auf die Straße fallen, damit
Autos sie zerquetschen. Damit sie die Leckerei auch
gefahrlos von der Straße klauben, suchten einige gezielt
Zebrastreifen auf, weil dort die Fahrzeuge immer wieder
stoppten, um Menschen passieren zu lassen. Wissenschaftler
beobachteten von Hand aufgezogene Raben, die von ihnen
gestellten Aufgaben immer wieder im ersten Versuch lösten.
Möglich erscheint dies nur, wenn sie es sich innerlich
vorstellen, den Lösungsweg im Kopf durchspielen. Eine
Leistung, die man bis dahin nur Schimpansen zutraute.
Die Fähigkeiten vieler Vogelarten hat inzwischen auch zu
einem Umdenken bei Hirnforschern geführt. Im vergangenen
Jahr änderten Sie die Nomenklatur der Hirnregionen der
Vögel. Bis dahin hatten die alten Namen genau das
wiedergegeben, was viele Forscher immer dachten: Das
Vogelgehirn sei primitiver aufgebaut als das Säugehirn,
weil es früher in der Evolution entstanden sein soll. Heute
weiß man, dass es sich erst nach dem Denkapparat der
Säugetiere entwickelt hat. Jetzt spiegeln die Namen den
Stand der Forschung wider: Es gibt zwei gleichwertige Wege
Intelligenz zu erzeugen.
Tintenfische, Bienen und Ameisen - weich oder klein
und trotzdem clever
Dass man bei Säugetieren immer wieder intelligente Lösungen
für Probleme entdeckt, etwa bei Hunden und Ratten,
verwundert niemanden. Auch Tintenfische oder Ameisen können
mehr als nur mit Reflexen auf äußere Reize zu reagieren.
Kraken zum Beispiel, die ein völlig andersartig aufgebautes
Gehirn besitzen als Säuger und Vögel, drehen die
Schraubverschlüsse von Gläsern auf, um an einen
Leckerbissen zu gelangen. Und sie finden sich in
Labyrinthen so gut zurecht wie Ratten.
Bei den Insekten sind Bienen seit Jahrzehnten für ihre
Sprache bekannt, mit der sie ihren Stockgenossinnen den Ort
ihres Nektarfundes übermitteln. Dank ihrer inneren Karte
kann man eine Biene an jedem Ort ihres Spähgebietes
entlassen, sie wird immer wieder zum Stock zurück finden.
Auch Ameisen überraschen Forscher immer wieder mit ihrem
weniger als ein Milligramm leichten Gehirn. Zum Beispiel,
wenn sie genau wie Schimpansen Werkzeug gebrauchen:
Ernteameisen nutzen trockene Blätter als Schwamm, um
Feuchtigkeit in den Bau zu transportieren. Bei Temnothorax
albipennis lehren ältere Geschwister die Jungameisen, den
Weg zur Futterquelle zu finden, indem sie sie "an die Hand"
nehmen und als Tandem den Weg weisen. Auch dieser Fall von
tradiertem Lernverhalten zeigt, dass man bei Tieren mit
winzigem Hirn höhere kognitive Leistungen erwarten kann.
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