Strafe muss sein


Eine Überraschung für Freunde von Love and Peace: Im Experiment bevorzugen Menschen Gruppen, die Egoismus sanktionieren.

Süddeutsche Zeitung, Wissen und jetzt.de, S. 7, 20. April 2006


SZ200406 - Menschen, die sich für das Gemeinwohl einsetzen, kommen in zwei Schattierungen vor, und keiner der beiden Typen hat viel von seinem Engagement. Da sind zum einen die Helfer, die ein Ehrenamt übernehmen oder Zivilcourage zeigen, wenn Schläger in der U-Bahn einen Ausländer schikanieren. Sie bekommen Respekt, aber wenig mehr. Und es gibt die Nörgler, die andere maßregeln, wenn sie im Halteverbot parken, Papier fallen lassen oder ein Auto fahren, das zu viel Benzin verbraucht. Die mag keiner.

Doch diese Menschen, die Gemeinwohl zumindest gelegentlich über Eigeninteresse setzen, machen eine moderne Gesellschaft überhaupt erst möglich, wie Wirtschaftswissenschaftler und Biologen inzwischen immer besser belegen können. So zeigen Forscher um die Ökonomin Bettina Rockenbach von der Universität Erfurt im Fachmagazin Science vom heutigen Freitag, dass Menschen offenbar Gemeinschaften bevorzugen, in denen Schmarotzer bestraft werden (Bd. 312, S. 108, 2006).

Die Art, wie Menschen kooperieren, stellt Verhaltensforscher immer wieder vor Probleme. Gilt doch eigentlich ihr soziobiologisches Mantra: „Lebewesen tun nichts, was nicht ihnen und ihren Genen zugute kommt.“ So lassen sich tatsächlich viele Kooperationen im Tierreich erklären, wo die Hilfe Verwandten gilt, aber beim Menschen „kommt man mit gängigen Konzepten der Soziobiologie nicht weiter“, sagt Ernst Fehr, Wirtschaftswissenschaftler an der Universität Zürich.

Allenfalls der reziproke Altruismus in kleinen Gesellschaften ist denkbar, nach dem Motto: „Ich helfe dir, weil ich weiß, dass Du mir später hilfst.“ Doch dieser Ansatz scheitert in großen anonymen Gesellschaften weitgehend. Denn Anonymität schafft die Möglichkeit, allein auf seinen Vorteil bedacht öffentliches Gut auszunutzen; Schwarzfahrer beweisen das täglich. „Unter diesen Bedingungen kann Kooperation unter Menschen eigentlich gar nicht entstehen“, sagt Bettina Rockenbach. Wissenschaftler nennen dies die „Tragödie des Gemeingutes“: Trittbrettfahrer nutzen jede Kooperation zur Förderung des Gemeinguts aus, sodass die Gemeinschaft daran sogar zerbrechen kann.

Wirtschaftswissenschaftler haben diese Situation immer wieder in Computermodellen durchgespielt: „Diese reinen Gemeingut-Situationen gehen immer schlecht aus, sagt Manfred Milinsky, Evolutionsbiologe vom Max-Planck-Institut für Limnologie in Plön, der sich dort mit Evolutions-Ökologie befasst. Einen der Auswege, der mildtätiges Verhalten trotz Egoismus erklärt, hat Milinski selbst vor Jahren beschrieben: „Wenn Menschen die Möglichkeit haben, ihre Reputation durch soziales Verhalten zu steigern, dann kooperieren auch Egoisten zum Wohle der Allgemeinheit“ – wie jede Charity-Veranstaltung belegt. Aber damit lassen sich auch nicht alle Situationen erklären, in denen Kooperation funktioniert.

Um das fehlende Element zu finden, haben Bettina Rockenbach, ihr Mitarbeiter Özgür Gürerk und Bernd Irlenbusch von der London School of Economics ein Computerspiel entworfen. Darin konnten die Teilnehmer einer Gemeinschaft, sämtlich Studenten, in jeder Runde neu entscheiden, wie viel von ihrem Kapital sie der Gemeinschaft zur Verfügung stellen wollten. Dieser Topf warf satte Zinsen von 60 Prozent ab, wurde dann aber auf alle Mitglieder der Gemeinschaft verteilt, egal wie viel sie beigetragen hatten.

Von diesen Gemeinschaften gab es zwei Varianten, zwischen denen sich die Teilnehmer jede Runde aufs Neue entscheiden konnten: eine mit und eine ohne die Möglichkeit, Trittbrettfahrer zu bestrafen. Allerdings: „Jede Sanktion kostete den Spieler sein eigenes Geld“, sagt Rockenbach. Wer eine Geldeinheit bezahlte, konnte damit den anderen um drei Geldeinheiten ärmer machen; der Betrag verfiel dann. „Wir haben den Teilnehmern eine Alternative geboten, um zu sehen, welche Gemeinschaft sie wählen würden“, sagt Rockenbach.

Die Tragödie des Gemeinguts

Zunächst verhielten sich die meisten Studenten ganz wie junge Revoluzzer oder die Hippies der späten 60er-Jahre, die an das Ideal der freien Gesellschaft glaubten, in der sich das Gute von allein durchsetzt. Fast zwei Drittel wählten die sanktionsfreie Spielwelt. Das verbleibende Drittel glaubte eher an die Kraft von Belohnung und Bestrafung, um Kooperation durchzusetzen.

Dann nahm die Tragödie des Gemeinguts ihren Lauf. In der „freien Welt“ setzten sich schnell die Trittbrettfahrer durch. Statt Geld für das Gemeinwohl zu spenden, schöpften sie nur ab und füllten die eigenen Taschen. In der bestrafenden Welt etablierte sich dagegen das kooperative System. Da die Spieler erfuhren, was in der jeweils anderen Gemeinschaft passierte, entvölkerte sich die „freie Welt“, bis niemand mehr dort war. „Die Welt von Belohnung und Bestrafung war der unbestrittene Sieger“, sagt Rockenbach.

Die genaue Analyse offenbarte, warum sich im sanktionierenden System Kooperation etablierte. Es gab Spieler, die sich aufopferungsvoll für das Gemeinwohl einsetzten. „Wir nennen solche Personen, strong reciprocater‘“, sagt Rockenbach. Diese starken Vergelter belohnten und bestraften, auch wenn sie Verluste erlitten. „Wir nennen das altruistisches Bestrafen. Es gibt inzwischen Studien, die zeigen, dass es ein wichtiges Element ist, um Kooperation zu etablieren und aufrecht zu erhalten“, sagt Rockenbach.

Auch Ernst Fehr ist überzeugt, dass altruistisches Bestrafen ein Schlüssel für soziale Ordnung und Kooperation ist: „Man könnte es sogar den Zement der Gesellschaft nennen.“ Die Möglichkeit, Egoisten zu bestrafen, scheint große Anziehungskraft zu haben, obwohl es aus Sicht der Gewinnmaximierung höchstens in ferner Zukunft etwas einbringt. So erlebten die Forscher um Bettina Rockenbach manch wundersame Wandlung: Studenten, die im freien System noch als Schmarotzer das Gemeinwohl ausgenutzt hatten, fingen nach dem Wechsel an, Abweichler abzustrafen. Ganz nach dem Motto: „Wenn ich schon nicht betrügen kann, dann sollen das andere auch nicht tun.“

Die Natur scheint altruistisches Bestrafen sogar zu unterstützen. Den Vergeltern bereitet ihre Tat offensichtlich Befriedigung. Ernst Fehr und ein Kollege haben vor zwei Jahren das Gehirn von Spielern mit einem Tomografen beobachtet, während diese Betrüger bestraften. „Vergeltung aktiviert Neuronen in einem Bereich, der für Belohnung zuständig ist“, sagt der Züricher Forscher. Trotz dieses Resultats sieht Fehr im starken Vergelter mehr als nur den Hüter des Gemeingutes. „Es ist grundsätzlich falsch, dem Menschen ausschließlich eigennütziges Verhalten zu unterstellen. Menschen sind häufig auch durch Beweggründe motiviert, die sich am Wohle anderer Menschen ausrichten.“

Evolutionsbiologe Manfred Milinski ist da allerdings skeptisch: „Dass es völlig selbstlose Menschen gibt, würde mich angenehm überraschen.“ Irgendetwas Egoistisches steckte bisher immer dahinter.

Bettina Rockenbach zieht aus ihrer Studie auch allgemeine Schlüsse: „Eine Gesellschaft, die Missstände wie Schwarzarbeit oder U-Bahn fahren ohne Ticket auch als solche deklariert und sozial sanktioniert, fährt besser als eine Gesellschaft, in der Menschen weggucken.“ Es gehe dabei gar nicht um einen starken Staat oder harte Strafen. Von Freunden, Kollegen oder Nachbarn schief angesehen zu werden, reiche oft schon. Und vielleicht wäre es ein erster Schritt, denen Anerkennung zu zollen, die sich für das Gemeinwohl engagieren: ehrenamtlichen Helfern ebenso wie ewigen Nörglern.

Süddeutsche Zeitung, Wissen und jetzt.de, S. 7, 20. April 2006

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