Gene auf Wanderschaft
Ein bisschen Spucke erzählt die Geschichte eines ganzen Volkes. Seit Wissenschaftler das Erbgut eines Menschen Buchstabe für Buchstabe identifizieren können, gewinnen sie daraus manchmal mehr Informationen als aus Tonscherben oder vergilbten Schriftstücken.
MaxPlanckForschung, S. 26,
4/2006
MPF1007 - „Das hier ist die extrahierte,
hochaufgereinigte DNA aus den Zellen im Speichel. Jedes
Röhrchen enthält die Probe einer Person“, sagt Sean Myles.
Er steckt es zu den anderen in den Styroporhalter und legt
die Sammlung in den Gefrierschrank zurück.
Es sind nur wenige Tropfen klarer, gefrorener Flüssigkeit
am Ende eines transparenten, spitz zulaufenden
Plastikröhrchens. Doch sie verraten Geheimnisse über ganze
Völker, über die Eroberung neuer Landstriche, die
Wanderungen in entlegenste Winkel der Erde. Sie erzählen
von Liebschaften oder Vergewaltigung, kulturellem Austausch
oder Isolation über Jahrhunderte hinweg.
Und der Inhalt dieser Tropfen liefert Hinweise über die
Entwicklung der Menschheit. Sean Myles ist Doktorand in der
Arbeitsgruppe Molekulare Anthropologie von Mark Stoneking
am Max- Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in
Leipzig. Das Team hat sich unter anderem darauf
spezialisiert, die Folgen von Migration auf dem Planeten
Erde zu untersuchen.
Gene als Fenster in die Vergangenheit
Woher stammen die Vorfahren der Bewohner einer Region? Wie
stark haben sich Einwanderer mit Einheimischen vermischt?
Oder haben sie diese völlig verdrängt? Völker, die wandern,
hinterlassen Spuren. In der Sprache, der Kultur, aber auch
in den Genen derjenigen, denen sie begegnen.
Nach diesen genetischen Spuren suchen Mark Stoneking und
seine Mitarbeiter. Dabei eignen sich menschliche Gene
eigentlich eher schlecht, um die Herkunft einer
Bevölkerungsgruppe herauszufinden, weil sie in jeder
Generation hoffnungslos durchmischt werden: Väterliche und
mütterliche Gene werden nicht nur rein zufällig auf die
Nachkommen verteilt – jeder erhält daher einen
individuellen Mix an Genen –, die korrespondierenden
Chromosomen tauschen darüber hinaus auch ganze genetische
Abschnitte aus. Diese Rekombination verwischt die Spuren
der Abstammung in jeder Generation aufs Neue.
Mitochondrien-DNA und Y-Chromomosom
Zum Glück für die Molekulargenetiker gibt es aber einen
Bereich, der von dieser Rekombination verschont bleibt, und
zwar die DNA in bestimmten Zellorganellen, den
Mitochondrien: Sie bleibt vom Genaustausch der DNA des
Zellkerns unberührt. Denn Mitochondrien vermehren sich (wie
Bakterien) durch einfache Teilung. Diese kleinen Kraftwerke
in unseren Zellen sind daher alle Abkömmlinge der
Mitochondrien aus dem Plasma der mütterlichen Eizelle.
Mithilfe der mitochondrialen DNA, kurz mtDNA, lässt sich
somit die Abstammung der mütterlichen Linie einer
menschlichen Bevölkerungsgruppe zurückverfolgen. Einerseits
gut, andererseits auch wieder nicht, denn so erfährt man
immer nur die eine Hälfte der Geschichte.
Die andere Hälfte der Geschichte lassen sich die
Molekulargenetiker vom Y-Chromosom erzählen, der zweiten
genetischen Insel der Ruhe: Das Y-Chromosom im Zellkern
macht einen Menschen zum Mann. Weil es keinen
entsprechenden Partner für den Austausch von Genen auf
Seiten der Mutter hat, bleiben auch seine Gensequenzen zum
größten Teil erhalten. Mit ihnen lässt sich die väterliche
Linie zurückverfolgen.
Mutationen als Indizien
Zu viel Ruhe in der Gensequenz können die Genforscher aber
auch nicht gebrauchen. Wenn sich gar nichts verändert,
entstehen auch keine Unterschiede im genetischen Muster
zwischen einzelnen Bevölkerungsgruppen. Es braucht eine
Quelle für Variation. Und die gibt es: Mutationen. Der
zufällige, aber seltene Austausch einzelner Buchstaben der
Basensequenz ist die einzige Ursache für Veränderungen in
der mtDNA und der DNA des Y-Chromosoms. Selten genug, um
nicht zu viel zu verändern – und zugleich häufig genug, um
den Forschern das entscheidende Werkzeug an die Hand zu
geben, um Abstammung und Herkunft menschlicher Populationen
zu bestimmen.
Wenn diese Mutationen von einer Generation zur nächsten
vererbt werden, werden sie zu genetischen Markern für eine
Bevölkerungsgruppe. Die Forscher fassen mehrere Sequenzen
mit ihren typischen Mutationen zu Haplogruppen zusammen,
die kennzeichnend für eine Volksgruppe in einer Region sind
und nach den Buchstaben des Alphabets benannt werden. Die
Haplogruppe L etwa mit ihren Untergruppen L1, L2 und L3
gibt es nur in Afrika. M und N entstanden zwar in
Ostafrika, sie existieren aber auch in Eurasien und
Amerika. In der Neuen Welt findet man die Haplogruppen A
bis D, genau wie in Asien; G, Y und Z vor allem in
Sibirien.
Speichelproben für die Wissenschaft
Die typischen Mutationen in der DNA einer
Bevölkerungsgruppe verraten Mark Stoneking, wo sie sich auf
ihrem Weg von einer Region zur nächsten mit der ansässigen
Bevölkerung vermischt hat. „Es genügt das Zellmaterial aus
dem Speichel oder der Schleimhaut von 20 bis 50 nicht
verwandten Personen einer Gruppe“, sagt der
Wissenschaftler.
Mit den genetischen Markern können die Forscher
Wanderungswellen über die ganze Menschheitsgeschichte
zurückverfolgen, von der ersten großen Reise aus Afrika
hinaus vor etwa 100.000 bis 50.000 Jahren, der ersten
Besiedlung der Neuen Welt vor wahrscheinlich etwa 12.000
bis 13.000 Jahren, der Eroberung der pazifischen
Inselparadiese Polynesiens vor rund 5.000 Jahren.
Und selbst Wanderungen, die erst wenige hundert Jahre
zurückliegen, lassen sich mit den genetischen Methoden noch
untersuchen. Denn intensiver sexueller Kontakt zwischen den
Männern und Frauen zweier Völker hat schon nach kurzer Zeit
Folgen, die Stoneking und seine Mitarbeiter als Genbeitrag
im Genom der Bevölkerungsgruppen nachweisen können.
Weil ausgiebiger sexueller Austausch so eindeutige Spuren
hinterlässt, ist die Genanalyse ein gutes Instrument, um
Fragen zu klären, die Anthropologen, Völkerkundler,
Sprachwissenschaftler oder Archäologen bisher nur
lückenhaft beantworten können. Beispiel: die Ausbreitung
der Landwirtschaft. Den Übergang vom umherwandernden Jäger
und Sammler zum sesshaften Bauern vor rund 10.000 Jahren
betrachten Wissenschaftler als größte kulturelle Revolution
in der Geschichte des Menschen. „Aber bis heute ist unklar,
wie sich Ackerbau und Viehzucht über die Welt
verbreiteten“, sagt Stoneking.
Theoretisch gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder bringen
Menschen auf ihrer Wanderschaft die Idee mit in neue
Gebiete oder die Idee begibt sich auf eine Reise durch die
Köpfe, indem Bewohner anderer Regionen sie aufgreifen,
während ihre Erfinder am Ursprungsort zurückbleiben.
Hilfe aus Indien
Untersucht hat Mark Stoneking diese Thesen in einer Region,
die genau diesen Umbruch in vergleichsweise junger
Vergangenheit erlebt hat: Indien. „Dort haben wir
ursprüngliche Gruppen, die noch als Jäger und Sammler
leben, andere, die schon lange Landwirtschaft betreiben,
und Gruppen, die ihre Lebensweise erst in den vergangenen
3.000 Jahren auf Ackerbau und Viehzucht umgestellt haben“,
erklärt der gebürtige Kalifornier, der seit sieben Jahren
in Leipzig forscht. In Europa wäre eine solche Untersuchung
nicht möglich – nicht nur, weil es keine Jäger und Sammler
mehr gibt: „Wir kennen auch das genetische Muster der
Menschen nicht, die in Europa existierten, bevor sich die
Landwirtschaft hier ausbreitete.“ In Südindien leben solche
Ureinwohner noch.
Der Vergleich der genetischen Muster für die mütterliche
mtDNA und auch des männlichen Y-Chromosoms erbringen
dasselbe Ergebnis: Die Neubauern Südindiens sind mit den
eingefleischten Bauern Indiens enger verwandt als mit der
Urbevölkerung der Jäger und Sammler. Über Jahrtausende
haben Landwirte ihre Ideen also weitergetragen, wenn sie in
neue Gebiete vordrangen und sich mit der ansässigen
Bevölkerung mischten. Das Ergebnis, das Stoneking gemeinsam
mit indischen Kollegen 2004 im Fachmagazin „Science“
veröffentlichte, zeigt einerseits, dass Ackerbau und
Viehzucht sich ausbreiteten, weil die Bauern ihre
Technologie durch Migration verbreiteten. „Sie zeigt aber
auch“, sagt Mark Stoneking, „dass kulturelle Prozesse die
Kraft haben, die genetische Variation des Menschen zu
verändern.“ Oder anders ausgedrückt: Große Errungenschaften
machen unheimlich sexy.
Auf den Wellen von Insel zu Insel
Licht ins Dunkel bringen Genanalysen auch bei einer Frage,
über die sich Wissenschaftler seit zwei Jahrhunderten
streiten – auch wenn die Gene sie nicht völlig klären
können: die Besiedlung der Inselwelt des Stillen Ozeans von
Hawaii im Norden, den indonesischen Inseln im Westen,
Neuseeland im Süden und den Osterinseln ganz im Osten.
Obwohl es zahlreiche archäologische Überreste gibt, die zur
Klärung der Geschichte beitragen, und linguistische
Analysen zeigen, welchen Einflüssen die Sprachen der
Bewohner Melanesiens, Mikronesiens und Polynesiens
ausgesetzt waren, so ist bis heute nicht klar, wie die
Menschen die letzten unbewohnten Eilande eroberten.
Archäologische Funde belegen, dass auf Neuguinea schon vor
30.000 Jahren erstmals Menschen lebten. Die zweite große
Welle folgte wahrscheinlich vor 5.000 bis 6.000 Jahren –
die austronesische Migration, die zugleich die letzte große
Ausbreitungswelle der Menschheit war. Mit Booten, Hunden
und Schweinen fuhren die Migranten auf den Wellen des
Pazifiks von Insel zu Insel.
Eine der Hauptthesen besagt, dass die Migranten von Taiwan
aufbrachen und vergleichsweise schnell entlang der
indonesischen Inseln, an Neuguinea vorbei und dann hinaus
in die pazifische Inselwelt zogen. Dass es zu einem
intensiven Austausch zum Beispiel mit den ursprünglichen
Bewohnern Neuguineas gekommen ist, dafür sahen die
Vertreter dieser Express-Train-These bisher keine Belege.
Dass die Bewohner des gewaltigen Inselreichs alle eng
verwandte austronesische Sprachen sprechen, stützt die
These der schnellen Verbreitung.
Die genetischen Daten weisen aber nur zum Teil darauf hin.
Die Analyse der mtDNA unterstreicht die Express-
Train-These. „Wir finden bei 95 bis 100 Prozent der
Menschen asiatische mtDNA-Muster und auch die Variation ist
sehr ähnlich“, sagt Mark Stoneking. Aber das Y-Chromosom,
also die männliche Linie, erzählt eine etwas andere
Geschichte. Denn auf dem Y-Chromosom finden sich auch
Anteile der Ureinwohner der ersten Einwanderungswelle. Und
was bedeutet das konkret? Zunächst einmal, dass es durchaus
intensiveren Kontakt gegeben hat zwischen den alten und
neuen Besiedlern. Der Treck nach Osten kam immer wieder ins
Stocken.
„Die Spuren im Gen-Muster des Y Chromosoms sagen aber auch
aus, das Männer und Frauen sich unterschiedlich verbreitet
haben“, erklärt Sean Myles. Im Fall Neuguineas et wa
scheinen die Eroberer gegen den Heimvorteil der
Einheimischen keine Chance gehabt zu haben. Sie landeten an
der Küste der Insel – und verloren ihre Frauen
offensichtlich an die einheimischen Männer. „Nach einer
glorreichen Eroberung sieht es zumindest auf Neuguinea
nicht aus“, sagt Myles.
Sprachenmix im Schmelztiegel
So untrüglich die genetischen Analysen der
Molekularanthropologen auch sein mögen, sich alleine auf
die Gensequenzen zu stützen wäre töricht. „Wir müssen immer
wieder einen Schritt zurücktreten, um das gesamte Bild zu
betrachten“, sagt Stoneking, der sich seit Jahren darum
bemüht, die beteiligten Lager der Natur- und
Sozialwissenschaften zusammenzubringen. Die Genetik kann
helfen, Geheimnisse zu lüften, die andere Bereiche wie die
Linguistik oder die Archäologie nicht entschlüsseln können.
Aber auch die Basenzähler, wie die Genetiker manchmal
genannt werden, sind auf die Hilfe ihrer Kollegen
angewiesen. „Ohne das Wissen der anderen Disziplinen geht
es nicht. Wir brauchen sie, um etwa unsere Hypothesen zu
formulieren“, sagt Stoneking.
Wie im Fall der Kalmücken, einem Volksstamm von heute etwa
150.000 Menschen, die nördlich des Kaspischen Meeres
entlang der unteren Wolga leben, auf einem Gebiet, das zu
Russland zählt. Die Kalmücken leben in direkter
Nachbarschaft eines echten Schmelztiegels: der kaukasischen
Region zwischen Schwarzem etund Kaspischem Meer, in der es
mehr als 50 verschiedene Volksgruppen gibt und wo auf einem
Streifen von etwa 700 Kilometer Breite Sprachen aus vier
verschiedenen Sprachgruppen diesseits und jenseits des
Kaukasus- Gebirges gesprochen werden.
Dieser Region hat sich Ivan Nasidze in Stonekings Team
angenommen. Und dafür gibt es auch eine ganz einfache
Erklärung – abgesehen davon, dass die Gegend für einen
Populationsgenetiker äußerst spannend ist: „Ich bin dort
geboren“, sagt der Kaukasier mit tiefer Stimme und einem
zufriedenen Lächeln unter seinem Schnauzer.
Kalmücken: im Innersten mongolisch
Aus historischen Quellen weiß man, dass die Kalmücken
ursprünglich aus der Mongolei stammen. Vor rund 300 Jahren
wanderten ihre Vorfahren aus einem mehr als 4.000 Kilometer
entfernten Gebiet aus. Ihre mongolische Herkunft sieht man
ihnen heute noch an und man hört sie auch, denn sie
sprechen immer noch Mongolisch. Doch zehn bis zwölf
Generationen sind eine lange Zeit, und man sollte vermuten,
dass sich die Einwanderer inzwischen mit ihren russischen
Nachbarn vermischt haben. „In einem vergleichbaren Zeitraum
ist dies ja auch in Nordamerika bei Europäern und
Afroamerikanern vorgekommen“, sagt Ivan Nasidze.
Nasidzes Genanalysen zeigen aber, dass die Kalmücken mit
ihren russischen Nachbarn nicht warm wurden und unter sich
blieben. Sie sind heute noch so mongolisch wie ihre
Vorfahren. Die Gründe verrät die DNA allerdings nicht:
„Deshalb müssen wir unseren Blick auch auf andere Aspekte
richten“, sagt der Max-Planck-Forscher. Zum Beispiel auf
die Lebensweise der Kalmücken. Sie unterscheidet sich
völlig von der russischen. Kalmücken waren bis vor Kurzem
Nomaden, sie sind Buddhisten und sie sprechen Mongolisch.
Russen sind sesshaft, christlichorthodox und sprechen
Russisch. Klingt nach guten Gründen, um sich aus dem Weg zu
gehen.
Doppeltes Gen auf dem Y-Chromosom
Allerdings gibt es auch Beispiele, dass solche
unterschiedlichen sozio-kulturellen Faktoren einer
Vermischung nicht entgegenstehen müssen. Spielt also die
Lebensweise doch keine Rolle, wenn es um den intensiven
Kontakt zwischen Einwanderern und Ansässigen geht? „Im Fall
der Kalmücken glaube ich das schon“, sagt Ivan Nasidze. Und
er zieht noch ein Ass aus dem Ärmel, das die These stützt:
das Mongolen-Gen.
An einem Genort auf dem Y-Chromosom, DYS19, kam es
irgendwann zu einer Verdopplung dieses DNA-Abschnitts, der
typisch für das Genom der Mongolen ist. Bei keinem Volk der
Erde kommt es so häufig vor wie bei den Bewohnern
Zentralasiens. Die Kalmücken tragen es sogar noch häufiger
als die Bewohner ihrer Ursprungsregion. Die Russen tragen
es nicht. Aber bei einem anderen Nachbarvolk findet sich
das doppelte Gen von DYS19: bei den Kasachen.
Genau wie die Kalmücken waren auch die Kasachen einst
Nomaden und die Mehrheit der Bevölkerung ist buddhistisch.
Sie sprechen zwar eine türkische Sprache, in der finden
sich aber auch vereinzelt Worte mongolischen Ursprungs.
Offenbar haben Männer und Frauen auf beiden Seiten in der
Vergangenheit immer wieder genug Gemeinsamkeiten gefunden,
um eine gemeinsame Zukunft zu starten. Das Mongolen-Gen ist
der Beweis.
Dass Russen und Kalmücken nicht zusammengefunden haben,
könnte – neben der gegensätzlichen Lebensweise – auch noch
einen weiteren Grund haben: Es gab keine Notwendigkeit,
weil die Gruppe der Kalmücken von Anfang an so groß war,
dass es immer genug Auswahl für Partnerschaften gab, um
unter sich zu bleiben. Das schließt Nasidze aus den
Gendaten. „Es fehlt der für Auswanderungen typische
Flaschenhals in der Vielfalt des Genmusters“, sagt er. Die
genetische Variabilität bei den Kalmücken ist so groß wie
die der heutigen Mongolen.
Normalerweise geht ein Teil der genetischen Diversität
verloren, wenn sich eine kleine Gruppe von Menschen
absondert und zur Gründerpopulation eines neuen Volkes
wird. So war es bei der Besiedlung Polynesiens und auch bei
den ersten Amerikanern. „Die Auswanderergruppe der
Kalmücken hatte offenbar die gesamte genetische Bandbreite
mit im Gepäck“, sagte Mark Stoneking.
Stoneking und sein Team nutzen die feinen genetischen
Unterschiede der Völker dieser Welt für ihre Analysen. Aber
was ist eigentlich, wenn es die irgendwann nicht mehr gibt,
weil die Erde nur noch ein globales Dorf ist, in dem jeder
sich an jedem Ort niederlassen kann, und weil es keine
Vergleichsdaten ursprünglicher Völker gibt? Ob er sich
Sorgen macht? Ein kurzes Lächeln auf seinem Mund verrät,
dass er diese Bedrohung zurzeit noch nicht als akut
einschätzt, aber immerhin: „Es ist etwas, worüber wir
nachdenken müssen.“
Das Problem ist erkannt: In den 1990er-Jahren gab es das
Human Diversity Project, eine Art Archiv der menschlichen
Genvielfalt. Aus politischen Gründen wurde es jedoch
gestoppt: Indigene Gruppen hatten Protest eingelegt, weil
sie fürchteten, durch das Europäische Konglomerat, wie sie
sagten, ausgebeutet zu werden. Etwa durch Patentierung
ursprünglicher Genkombinationen, die zur Entwicklung von
Medikamenten genutzt werden, von denen dann aber wieder nur
die Menschen der reichen Länder profitieren.
Inzwischen existiert das Genographic Project der National
Geographic Society und von IBM. „Ob es erfolgreich sein
wird, muss sich erst noch zeigen“, meint Stoneking. Erste
Proteste habe es wohl schon gegeben. Für einen kurzen
Moment zieht sich eine kleine Sorgenfalte über Stonekings
Gesicht. Die Welt wird kleiner, die Vielfalt verschwindet
vielleicht eines Tages. Für Mark Stoneking ist die Sache
klar: „Wir müssen unsere Proben jetzt bekommen.“ Ein
bisschen Spucke von jedem reicht ja schon.
MaxPlanckForschung, S. 26,
4/2006
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