Der Countdown läuft: Reiters Warten hat ein Ende
Geduld hat Thomas Reiter in der Vergangenheit genug bewiesen. Fünf Jahre lang musste er auf seinen Start im Space-Shuttle zur ISS warten. Am kommenden Samstag soll der Countdown endlich enden.
Handelsblatt, Thema, S. 2, 29. Juni
2006
HB290606 - Für einen kurzen Moment sieht man
Thomas Reiter an, dass er genug hat. Sein Blick ist
erschöpft, ein lautloser Seufzer der Ermüdung, als wollte
er sagen: „Ich würde gerne verschwinden.“ Das sagt er –
blond, blauer ESA-Einteiler – natürlich nicht, sondern
stellt sich nach der Pressekonferenz auf dem Gelände der
DLR den Einzelinterviews, dann noch ein Gruppenfoto mit
Vertretern eines Perry-Rhodan-Fanclubs und noch ein
Autogramm für den TV-Journalisten, immer freundlich
lächelnd. Thomas Reiter hat Geduld.
Geduld zu haben ist die Eigenschaft, die man ihm zuletzt am
meisten abverlangte. Fünf Jahre musste er auf seinen Start
mit dem Space-Shuttle zur Internationalen Raumstation (ISS)
warten, viermal wurde der Termin verschoben. Am kommenden
Samstag soll der Countdown zu Ende gezählt werden, bis es
um 21:48 (MESZ) Uhr endlich heißt: Ready for lift off! Zwei
Tage später wechselt er dann vom US-Raumgleiter auf die
Internationale Raumstation (ISS).
Reiter, 48, verheiratet und Vater von zwei Söhnen, ist
nicht das erste Mal auf einer Raumstation, aber der erste
Deutsche auf der ISS. Der Jetpilot war Mitte der 90er-Jahre
179 Tage auf der russischen Mir und durfte zweimal die
Station zu Außeneinsätzen verlassen. Wenn alles gut geht,
wird Reiter am Ende dieser Langzeit-Mission mit Namen
Astrolab der ESA-Astronaut sein, der die längste Zeit im
All verbracht hat. Außer seinem geplanten dritten Außentrip
hat er einiges zu erledigen auf der ISS. Er wird die
ständige Besatzung wieder auf die Normalstärke von drei
Mitgliedern bringen.
Seit dem Columbia-Unglück im Februar 2003 konnte die
Zwei-Mann-Besetzung nur Dienst auf Sparflamme verrichten.
Damit sind dann auch Kapazitäten für wissenschaftliche
Experimente frei. Die Versuche reichen von der Physiologie
des Menschen in der Schwerelosigkeit, über Plasmaphysik bis
zu Strahlungsbelastungen im Orbit. Reiter, Ingenieur der
Luft- und Raumfahrttechnik, wurde von jedem
Wissenschaftlerteam extra eingewiesen. „Die Grundlagen habe
ich in ein- bis vierstündigen Vorlesungen präsentiert
bekommen“, sagt er.
An Bord sind 160 Stunden für die Experimente eingeplant.
Auch wenn vieles in festgeschriebenen Prozeduren abläuft,
der Faktor Mensch spiele dabei eine entscheidende Rolle:
„Wir können solche Versuche nur in der bemannten Raumfahrt
machen, weil nur Menschen flexibel genug reagieren können,
wenn etwa Messwerte von den erwarteten Werten abweichen“,
verteidigt Reiter Astronauten im All. In schwierigen Fällen
könne er sich mit den Wissenschaftlern über Funk
kurzschließen.
Reiter ist einer der wenigen Astronauten, die westliche und
östliche Raumfahrt aus eigener Erfahrung kennen. Und auch
wenn er den amerikanischen Shuttle bequemer findet, weil er
mehr Platz bietet als die Sojus-Kapsel, entpuppt er sich
doch als heimlicher Fan der russischen Raumfahrt: „Die
Russen gehen vieles pragmatischer an, schon bei der
Entwicklung der Systeme.“ Im Westen gäbe es diese Tendenz
zum Perfektionismus: „Wenn man etwas kompliziert machen
kann, dann macht man es auch kompliziert“, sagt er und
lacht dabei.
Ins Detail gingen die Russen nur, wo es unbedingt notwendig
sei. Den Erfolg dieser Methode belege die im Vergleich zum
Space-Shuttle primitive Sojus-Kapsel: „Die Entwicklung geht
auf die 60er-Jahre zurück, und bis auf einige
Anfangsschwierigkeiten funktioniert das Ding inzwischen
zuverlässig wie eine Schweizer Uhr.“ Trotz der beiden
Unfälle des Shuttles hat Reiter keine Bedenken hinsichtlich
seines Trips: „Ich habe in den letzten Jahren erlebt,
welcher Aufwand betrieben wird, um solche Fälle
auszuschließen. Dass der Flug so oft verschoben wurde,
zeigt ja, wie wichtig die Sicherheit der Crew ist.“ Dass
sein Beruf mit einem gewissen Risiko behaftet sei, das sei
jedem der Astronauten klar, und das habe jeder auch schon
vorher für sich geklärt: „Die Erkenntnisse, die wir hier
sammeln, sind das Risiko allemal wert.“
Voraussichtlich wird der gebürtige Hesse im Dezember von
der Discovery auch wieder abgeholt. Viel länger müsse man
auch nicht oben bleiben, trotz der ganzen Faszination,
meint Reiter: „ So nach vier, fünf Monaten fängt man dann
doch an, die Tage zu zählen bis zur Rückkehr.“ Und sollte
er in der Zeit den Blues kriegen, auch weil es
wahrscheinlich seine letzten Tage im All sind, dann kann er
sich die Zeit mit ein paar Akkorden vertreiben: Seine
Gitarre wartet schon auf ihn.
Handelsblatt, Thema, S. 2, 29. Juni
2006
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