Schrullige Eidechsen, ängstliche Clownfische
Verhaltensbiologen hatten jahrzehntelang einen blinden Fleck, die individuelle Persönlichkeit von Tieren. Doch mehr und mehr setzt sich die Erkenntnis durch: Tiere besitzen genauso Persönlichkeit wie Menschen.
Süddeutsche Zeitung , Wissen, S. 18, 19.
Dezember 2006
SZ191206 - Walt Disney lag nicht so falsch: In
seinen Filmen gibt es mutige Mäuse, neurotische Enten,
schüchterne Krabben oder ängstliche Clownfische. Doch
Mickey, Donald oder Nemo sorgen bei vielen
Wissenschaftlern, die sich mit Tieren befassen, eher für
Naserümpfen. Nette Filme, aber was hat das mit der echten
Tierwelt zu tun?
Mehr als man bisher vermutet hatte. Denn Helden und
Drückeberger, Stoiker und Neurotiker scheint es im Reich
der wilden Tiere genauso zu geben wie in der Welt des Homo
sapiens. Verhaltensbiologen haben es nur nie wissen wollen.
Individuelle Persönlichkeit, Charakter und Temperament war
für sie jahrzehntelang kein Thema. „Es gab immer diese
Angst der Wissenschaftler, Tiere zu vermenschlichen“, sagt
der Psychologe Sam Gosling von der University of Texas in
Austin, der das bisher einzige Labor für Tierpersönlichkeit
leitet. Trotz der jahrzehntelangen Scheu: Tiere sozusagen
durch die Disney-Brille zu betrachten, das setzt sich mehr
und mehr durch.
Tiere sind mutig, schüchtern oder
neugierig
Immer häufiger trauen sich Goslings Kollegen, Tieren
individuelle Charaktereigenschaften zuzuschreiben. Was
jeder Hundebesitzer längst geahnt hat, finden Forscher
inzwischen überall in der Tierwelt.
Affen, Hyänen, Regenbogenforellen, Stichlinge, Goldfische,
Kohl- und Blaumeisen, Tintenfische und selbst Spinnen,
Ameisen und Wasserläufer werden als „mutig“, „schüchtern“,
„neugierig“ oder „durchsetzungsfähig“ beschrieben.
Zuletzt berichteten im November französische Forscher in
den Proceedings of the Royal Society B (Online-Ausgabe, Bd.
274, S. 383, 2007) von Waldeidechsen, unter denen es sozial
verträgliche und weniger verträgliche Charaktere gibt.
Während sich die Tiere vom geselligen Typ gerne an Orten
niederlassen, die von Artgenossen bereits besiedelt sind,
ziehen es die Eigenbrötler vor, solche Orte zu meiden.
Zwei Wochen später beschrieben britische Forscher ebenfalls
in den Proceedings (Online-Ausgabe, Bd. 274, S. 333, 2007)
das Kampf- und Erkundungsverhalten mutiger und schüchterner
Regenbogenforellen.
Dass einzelne Tiere einer Art sich in bestimmten
Situationen in ihrem Verhalten unterscheiden, ist an sich
nichts Ungewöhnliches. Das beobachten Verhaltensbiologen
jeden Tag im Labor oder im Freiland.
Dass Tiere aber individuelle Eigenheiten zeigen, die über
verschiedene Situationen hinweg erhalten bleiben, dass sich
zum Beispiel die kampfeslustigsten Forellen auch bei der
Erkundung unbekannter Futterquellen als die Mutigsten
erweisen, diese Erkenntnis zu akzeptieren haben
Verhaltenforscher erst in den letzten zehn Jahren gelernt .
Und auch, dass man diese Verhaltenssyndrome oder
Verhaltensphänotypen mit durchaus vertrauten Begriffen
beschreiben kann.
Von Biologen verlacht
„Heute habe ich keine Scheu mehr zu vermenschlichen, aber
vor zehn, 15 Jahren, da wäre ich auf einem
verhaltensbiologischen Kongress ausgebuht worden, wenn ich
von verschiedenen Verhaltensphänotypen gesprochen hätte“,
sagt Kurt Kotrschal, Leiter der
Konrad-Lorenz-Forschungsstelle Grünau in Österreich.
Die Befürchtung, nicht ernst genommen zu werden, als
unwissenschaftlich zu gelten, ließ Verhaltensbiologen ein
offensichtlich grundlegendes Phänomen ausblenden: „Als
Leute wie Lorenz und Tinbergen in den 30er Jahren mit ihrer
Art Tiere zu erforschen begannen, haben sie extrem darauf
geachtet, Naturwissenschaft zu betreiben und nicht
irgendwelche psychologischen Spielereien“, sagt Kotrschal.
Bis dahin tummelten sich in der Fachrichtung - die damals
noch Tierpsychologie hieß - vor allem beseelte Vitalisten,
denen der sezierende Blick und das methodische Vorgehen der
Naturwissenschaften fehlte.
Während Lorenz und Tinbergen die Tierforschung in Europa
wissenschaftlicher machten, übernahmen in den USA die
Behavioristen das Ruder. Nach ihrer Vorstellung ließ sich
jedes Verhalten bei Tieren auf einfache Reflexe
zurückführen. „Für Emotion und Charakter war da kein Platz,
weil es nach der damals herrschenden Meinung nicht möglich
war, so etwas wissenschaftlich zu untersuchen“, sagt Sam
Gosling. Im Wettstreit mit den „harten“ Wissenschaften wie
Physik und Chemie wurde erst einmal alles über Bord
geworfen, was irgendwie nach naiver Naturbeschreibung
aussah.
Tiere auf der Couch
Dass Tierforscher das inzwischen anders sehen, hat mit
einem Erklärungsansatz zu tun, den man als evolutionäre
Kontinuität bezeichnet: Da letztlich alle Lebewesen
irgendwie miteinander verwandt sind, weil sie irgendwann
einen gemeinsamen Vorfahren hatten, sollten sie auch auf
ähnliche Weise funktionieren. Die Natur erfindet das Rad
nicht für jede Art neu. Inzwischen ist klar: „Diese
evolutionäre Kontinuität findet sich überall und zwar in
einem Ausmaß, wie man es bis vor zehn Jahren nicht zu
denken gewagt hat“, sagt Kotrschal.
Ein aggressives Männchen in einer Vogelgruppe kann zwar
besonders erfolgreich sein, wenn es darum geht,
Konkurrenten aus dem Feld zu schlagen, ist aber vielleicht
viel zu stürmisch beim Umwerben der Weibchen und mindert so
seinen Fortpflanzungserfolg. Für die Zunft ein
gewöhnungsbedürftiger Gedanke: „Das heißt ja, dass
Evolution zu einem in bestimmten Situationen unangepassten
Verhalten führen kann“, sagt Andy Sih von der University of
California in Davis.
Aber es gibt auch schon erste Hinweise darauf, dass der
Charakter eines Individuums gar nicht starr ist. Die
mutigen und schüchternen Regenbogenforellen der britischen
Forscher etwa veränderten ihren Charakter je nachdem, wie
ihnen das Leben mitgespielt hatte.
Waren sie als Sieger aus einem Kampf gegen einen
Kontrahenten hervorgegangen, stürzten sich die sowieso
schon Mutigen selbstbewusster denn je auf ein unbekanntes
Futter. Hatten sie dagegen verloren, verhielten sie sich
deutlich vorsichtiger, so als ob sie die Niederlage
eingeschüchtert hätte.
Stressmanagement wie Menschen
Tiere besitzen zum Beispiel im Kern dasselbe
Stressmanagement wie der Mensch. „Die Hirnmechanismen für
soziales und sexuelles Verhalten, die Emotionssysteme, die
im Bereich Persönlichkeit sehr wichtig sind, sind auch
genetisch konserviert“, sagt Kotrschal. Ergebnis: Mensch
und Tier haben ähnliche Ausprägungen von Persönlichkeit und
Emotionen. „Und das gilt - ein bisschen übertrieben
ausgedrückt - von den Fischen bis zu den Menschen, auf
jeden Fall aber innerhalb der Säuger“, sagt der
Verhaltensbiologe.
Aber möglicherweise ist dieser Kreis noch zu eng gesteckt.
Untersuchungen an Ameisen, Wasserläufern und Spinnen legen
nahe, dass es auch im Reich der Krabbeltiere Charakterköpfe
und Drückeberger gibt. Temperamentsunterschiede könnten
auch erklären, warum manche Vogelmännchen und -weibchen
fremdgehen und andere nicht.
Dass Tiere feststehende individuelle Unterschiede in ihrem
Verhalten zeigen, forderte nicht nur alte Ängste einer
Zunft heraus, sondern vor allem die moderne
Evolutionstheorie, auch wenn schon Darwin davon ausgegangen
war, dass Tiere sich in ihren Persönlichkeiten
unterscheiden. Sam Gosling: „Beständige individuelle
Unterschiede in dieses Gebäude einzuflechten, ist gar nicht
so einfach“.
Natürliche Selektion sollte die Unterschiede zwischen
Individuen eigentlich abschwächen. Verhaltensökologen
stützen sich bisher aber vor allem auf Modelle, in denen
diese Unterschiede als leidige Variation um einen
Mittelwert betrachtet wurden. Doch langsam erkennen sie,
dass Tiere ihr Verhalten nicht immer optimal an ihre Umwelt
anpassen, sondern in gewisser Weise Gefangene ihrer
Persönlichkeit sind.
Die Tiere auf der Couch könnten auch für die
Humanpsychologie wertvolle Erkenntnisse liefern. „Wir
können mit Tieren Persönlichkeit ganz anders erforschen als
mit Menschen“, sagt Sam Gosling. Tiere kann man klonen und
kreuzen, um den Einfluss von Genen und Umwelt zu bestimmen.
Weil Labormäuse lange nicht so alt werden wie Menschen,
seien Langzeitstudien über mehrere Generationen möglich.
Doch für verwertbare Erkenntnisse müsste die Bandbreite der
untersuchten Verhaltenstypen größer werden. Bisher wurden
vor allem Charakterzüge wie Mut und Schüchternheit
untersucht. Nach Meinung von Sam Gosling ist das aber kein
Zeichen dafür, dass das psychologische Moment bei Tieren
weniger vielfältig sei als beim Menschen. Das habe eher
praktische Gründe: „Es lässt sich einfach untersuchen,
kommt bei vielen Arten vor und es hängt mit interessanten,
messbaren Parametern wie dem Überleben zusammen.“
Je mehr Forscher sich damit beschäftigen, desto eher würden
auch andere Persönlichkeitstypen untersucht, glaubt
Gosling. „Wir sind ja auch erst am Anfang“, sagt Andy Sih.
Und sollte den Wissenschaftlern auf ihrer Suche nach neuen
Charaktertypen einmal die Phantasie fehlen, dann lohnt es
sich vielleicht, mal wieder ins Kino zu gehen. Der nächste
Disney-Film kommt bestimmt.
Süddeutsche Zeitung , Wissen, S. 18, 19.
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