Probleme beim Schlüpfen? ...


Je mehr Kinder ein Tier in die Welt setzt, desto weniger kümmert es sich um den Nachwuchs. Umgekehrt gilt das genauso mit kuriosen Folgen.

SZ Wissen, S. 36, Mai/Juni 2006


SZW290406 - Menschenmütter sind einzigartig. Kein Tier kümmert sich so lange und intensiv um seinen Nachwuchs. Würde man Mutterliebe in Zeit messen, leisteten menschliche Mütter Unvergleichliches. Aber sind Tiermütter deswegen schlechtere Mütter? Fischweibchen offenbar schon. Sie kümmern sich generell selten um ihre Kinder. Wenn man bis zu 300 Millionen Eier ablaicht wie der riesige Mondfisch Mola mola, werden in jedem Fall ausreichend viele Fischbabys alt genug, um die nächste Generation zu begründen.

Mensch und Mondfisch sind die Extrembeispiele natürlicher Mutterliebe, die sich nach dem Prinzip verteilt: Je mehr Nachwuchs zur Welt kommt, desto weniger kümmert sich die Mutter darum. Am Ende zählt nur, wie viele der Kleinen es schaffen, selbst Kinder zu bekommen. Und so erzeugt dieses Prinzip eine Vielfalt an Formen der Aufopferung und des Erziehungsaufwands.

Viele Tiergruppen müssen immense Mühen auf sich nehmen. Für Säugetiere sind sie geradezu ein definierendes Merkmal. Weil die Jungen nach der Geburt Milch brauchen, hat die Mutter praktisch keine Wahl, ob sie sich um ihren Nachwuchs kümmern will. Dieses Verhalten begrenzt auf natürliche Weise die Zahl der Nachkommen pro Wurf: Selten sind es mehr als ein Dutzend, Primaten bekommen in der Regel nur ein Junges.

Den Rekord allerdings hält der Große Tanrek, eine Insekten fressende, ursprüngliche Säugerart. Besonders fruchtbare Weibchen bekommen manchmal bis zu 30 Junge pro Wurf, das Doppelte der normalen Zahl. Allerdings wird es dann eng an der "Milchbar", mehr als 24 Zitzen gibt es nicht.

Da die Weibchen nicht nur die Gebärmutter, sondern auch die Milchdrüsen besitzen, bleibt bei Säugetieren die Aufzucht der Jungen in der Regel an den Müttern hängen. Fischfrauen haben es da besser, wenn man so will. Wo es überhaupt Brutpflege gibt, übernehmen oft auch Männchen diese Aufgabe. Einer der Gründe dafür lautet: Die Weibchen vieler Arten geben die Eier ins Wasser, bevor der Auserwählte sie befruchten kann. Der Vater muss dann zumindest aufpassen, dass sich kein anderer Besamer ans Gelege heranmacht. Die Elternschaft der Mutter hingegen ist in jedem Fall gesichert, sie kann sich davonmachen. Säugerweibchen haben diese Möglichkeit nicht, auch wenn es gute Gründe für sie gäbe zu fliehen: Die Aufzucht der Jungen zehrt oft genug an der Substanz.

See-Elefantenweibchen etwa gehen auf Vier-Wochen-Null-Diät, während sie ihr einziges Junge säugen. Sie verbrennen ihre Fettreserven zu einem wahren Energydrink. Ihre Milch hat einen Fettgehalt von 55 Prozent; menschliche Muttermilch kommt auf etwa vier Prozent. Auch für Schwarzbärmütter kommt das wochenlange Stillen der Jungen in ihrer Winterhöhle einer Radikaldiät gleich. Sie gehen mit bis zu 180 Kilogramm Kampfgewicht in den Bau. Wenn sie zu Beginn des Frühjahrs wieder herauskommen, haben sie bis zu 40 Prozent ihres Gewichts verloren. In Spitzenzeiten kostet sie das Stillen der Kleinen 20 Kilogramm in einer Woche.

Auch Vögel halten sich an die Regel, dass weniger Junge aufzieht, wer viel Aufwand betreiben muss. Ein Extremfall bei den Federtieren ist daher der Kiwi. Dieser scheue Laufvogel legt das weltgrößte Ei im Verhältnis zur eigenen Körpergröße und packt so viel Proviant hinein, dass das Ei bis zu 25Prozent seines Körpergewichts ausmacht. Kiwis erreichen die Größe eines Haushuhns, ihr Ei aber ist zwölf Zentimeter lang und acht Zentimeter dick, gefüllt mit energiereichem Dotter. Statt der üblichen 35 bis 40 Prozent liegt der Dotteranteil bei 65 Prozent.

Wo Brutpflege selten ist, müssen einfallsreiche Mechanismen sie ersetzen. Das gilt auch bei Fröschen und Kröten: Je mehr Nachwuchs, desto weniger Aufwand. Der Rekordhalter, die Riesenkröte gibt bis zu 30000 Eier ins Wasser. Brutpflege? Fehlanzeige.

Ganz anders die südamerikanische Verwandte, die Wabenkröte Pipa pipa. Sie trägt ihre bis zu 200 Eier auf dem Rücken spazieren. Um den Nachwuchs dorthin zu bekommen, vollführt sie während der Paarung im Wasser einen Salto nach dem anderen. Sie entlässt die Eier ins Wasser, schwimmt unter die absinkende Brut und fängt sie mit der angeschwollenen Rückenhaut wieder auf.

Den Müttern der australischen Magenbrüterfrösche hingegen war das anscheinend zu unsicher. Die mittlerweile wahrscheinlich ausgestorbenen Amphibien verschluckten ihren Nachwuchs im Eier- oder Kaulquappenstadium. Zwei Monate lang war die Mutter dann auf Null-Diät gesetzt, denn die Kleinen funktionierten den Magen zu einer Art Gebärmutter um. Fertig entwickelt, schlüpften bis zu 25 Jungfrösche aus dem Maul des Mutterfroschs.

Giftfrosch-Weibchen der amerikanischen Tropen wie der Zwerg-Panamabaumsteiger Dendrobates pumilio wollen ebenfalls ganz sicher sein, dass sich ihre wenigen Jungen gut entwickeln: Die Mutter trägt die Kaulquappen einzeln zu Ananasgewächsen, in deren Blattscheiteln sich Wasser sammelt. Dort hinein entlässt sie die Kleinen und legt ein paar unbefruchtete Eier dazu, als Fresspakete.

Manchmal geben Tiermütter ihren Söhnen und Töchtern aber auch unterschiedliche Startchancen: Die Bienenwolfmutter Philanthus triangulum zum Beispiel, eine Honigbienen jagende Wespe, gräbt für jedes Ei eine unterirdische Brutkammer und legt als Proviant betäubte Bienen hinein: für die bevorzugten Töchter bis zu sechs Bienen, die Söhne bekommen höchstens drei. Was nach ungerechter Verteilung aussieht, hat jedoch seinen Sinn: Weibchen haben später bei der Fortpflanzung die ganze Arbeit am Hals und nur große Weibchen werden erfolgreiche Mütter. Die kleineren Männchen hingegen verbringen den Sommer auf Blüten und versuchen dort nichts anderes, als Bienenwolfweibchen zu begatten.

Auch in der Erzwespen-Familie der Apheliniden behandeln die Mütter Töchter und Söhne unterschiedlich. Die einen Millimeter winzigen parasitischen Fliegen bohren für jedes Geschlecht eine andere Wirtstierart an, um ihre Eier abzulegen. Motten zum Beispiel werden zur Kinderstube der Söhne, Töchter entwickeln sich in Wanzen. Das Geschlechterverhältnis passt die Mutter flexibel den Wirtstieren an. Gibt es mehr Motten als Wanzen, produziert sie mehr Söhne. Werden Motten seltener, fährt sie die Produktion der Töchter hoch und sichert so die Zukunft ihrer genetischen Linie.

Auch Reptilien können das Geschlecht ihres Nachwuchses steuern: Wird das Gelege wärmer, entstehen mehr Männchen. Manche Krokodile vergraben daher ihre Eier in unterschiedlichen Tiefen. Anschließend sind vor allem Mississippi-Alligatoren oder Gaivale zärtliche Eltern. Die Krokomutter schichtet einen ganzen Bruthügel auf. Während Sonne und Faulwärme die Eier brüten, ist sie immer in der Nähe, um Nesträuber zu verjagen. Geht es ans Schlüpfen, trägt sie die Kleinen zwischen ihren gewaltigen Kiefern zum Wasser. Probleme beim Schlüpfen? Mama hilft: Ganz vorsichtig zerdrückt sie die Schale im Maul, bis das Kleine herausfindet.

Auch Pythonweibchen tun etwas für Reptilien völlig Untypisches: Sie rollen ihren Schlangenkörper um die Eier, um sie zu wärmen, was für wechselwarme Tiere nicht ganz einfach ist. Die nötige Temperatur muss die Schlange auf eine von gleichwarmen Tieren bekannte Weise erzeugen: Sie lässt ihre Muskeln zittern. Diese Anstrengung bezahlt sie mit der Hälfte ihres Körpergewichts. Der Job als lebende Heizdecke zehrt so an ihren Kräften, dass sie erst zwei oder drei Jahre später wieder Eier legen kann.

Das größte Opfer aller Mütter aber bringt unzweifelhaft eine Spinne: die Schwarze Finsterspinne Amaurobius ferox. Während die meisten anderen Spinnen kaum mehr für ihre Brut tun, als einen Kokon um die Eier zu weben, schenkt Amaurobius ferox den Kindern ihr eigenes Leben. Nachdem die 60 bis 130 Jungspinnen geschlüpft sind, setzt sie sich mitten unter die Brut und lässt sich ohne jeden Widerstand fressen. Der Erfolg: Die kleinen Spinnen sind nach dem Mahl zwei- bis dreimal so schwer wie vorher und es überleben deutlich mehr Spinnen, als ohne dieses Opfer möglich wäre.

Wer wollte angesichts solch eines extremen Verhaltens entscheiden, wer die besseren Mütter hat? Mensch oder Spinne?

SZ Wissen, S. 36, Mai/Juni 2006

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