Medizinischer Datenzauber
Mit Angaben zur Häufigkeit von Krankheiten nehmen es Mediziner nicht immer so genau. Je höher die Zahlen, desto besser lässt sich mit ihnen Aufmerksamkeit erzielen, selbst wenn sei durch schlichte Rechenfehler entstehen.
Kölner Stadtanzeiger, Natur und
Wissenschaft, S. 28, 31. Januar 2006
KSTA310106 - Eine Epidemie der Volkskrankheit jagt durch
die Medien. Wer hören will, wie viele Menschen angeblich an
den unterschiedlichsten Krankheiten leiden, kommt aus dem
Staunen nicht mehr heraus. „Man wundert sich, dass es in
Deutschland überhaupt noch gesunde Menschen gibt“, sagt
Stefan Wilm, Epidemiologe am Uniklinikum der
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. Acht Millionen
Deutsche sollen Diabetes haben, fünf Millionen Arthrose,
sieben Millionen Osteoporose, vier Millionen Asthma, zehn
Millionen Inkontinenz. Zwei Millionen leiden an einer
Insektengiftallergie, drei Millionen an der Lungenkrankheit
COPD. Oder könnten es sogar zehn Millionen sein?
„Es gibt zwar viele Zahlen zur Häufigkeit von Krankheiten“,
erklärt Jürgen Stausberg, Epidemiologe an der Essener
Universitätsklinik. Doch solange nicht klar sei, wie sie
erhoben wurden, könne leicht ein falscher Eindruck
entstehen. „Die wenigsten Studien haben eine so gute
Datengrundlage, dass sie sich auf die Gesamtbevölkerung
hochrechnen lassen“, weiß Christa Scheidt-Nave vom Berliner
Robert-Koch-Institut (RKI). Wie weit medizinische
Propaganda und Realität mitunter auseinander klaffen,
offenbart eine Untersuchung von Wilm zum so genannten
„Offenen Bein“, einem Unterschenkelgeschwür, meist
hervorgerufen durch eine Durchblutungsstörung der
Beinvenen.
Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) in Berlin - die
Vertretung der Kassenärzte gegenüber den Krankenkassen -
geht von 1,2 Millionen betroffenen Bundesbürgern aus. Wilm
und seine Kollegin Josta Meidl werteten die Daten von 40
Allgemeinarztpraxen mit 54 000 Patienten aus. Eineinhalb
Jahre lang sollten die Ärzte jeden Fall eines
Unterschenkelgeschwürs melden. Am Ende waren es gerade mal
64 Patienten. Wilm folgert daraus: „Statt der beschworenen
1,2 Millionen haben nach unseren Hochrechnungen bundesweit
nur 50 000 Menschen ein offenes Bein.“
In ähnlichen Dimensionen bewegt sich die - in Fachkreisen
anerkannte - Bonner Venenstudie, die in den Jahren 2000 bis
2002 zu dem Schluss kam, dass 0,1 Prozent der Deutschen an
einem akut offenen Bein leiden würden. Bei einer
Bevölkerung von rund 80 Millionen wären das etwa 80 000.
Eine Nachfrage bei der KBV, wie die Zahl von 1,2 Millionen
zustande kommt, offenbart einen haarsträubenden
Rechenfehler. Die KBV beruft sich auf die Bonner
Venenstudie. Nur dass nach KBV-Rechnung 0,1 Prozent der
Bevölkerung 800 000 Menschen ergeben, obwohl man nach Adam
Riese hier nur auf 80 000 kommt. Eine Null zu viel also -
wobei auch zwischen 800 000 und den angeblich 1,2 Millionen
Betroffenen noch eine große Lücke klafft.
Täuscht der Eindruck, man wolle mit hohen Zahlen die
Krankenkassen dazu „verführen“, aus Sondertöpfen
zusätzliche Gelder lockerzu- machen, die das übliche Budget
der Ärzte übersteigen? Von der Hand zu weisen sei der
Verdacht jedenfalls nicht, findet Stefan Wilm. Roland
Stahl, Pressesprecher der KBV, weist den Vorwurf der
„Zahlenschönfärberei“ entschieden zurück: „Es geht um
Verbesserungen der Versorgung für bestimmte
Patientengruppen. Patientenschick- sale lassen sich nicht
an Zahlen festmachen.“ Ein Hang zu überhöhten Zahlen findet
sich allenthalben: in Werbebroschüren und auf
Internetseiten von Pharmafirmen, auch bei
Selbsthilfegruppen. Wer auf ein Leiden aufmerksam machen
will, versucht, durch selektives Hervorheben besonders
großer Krankenzahlen ein Szenario der Bedrohung zu
erzeugen. Auch die Presse springt eher bei einer Krankheit
an, die Millionen betrifft. Jüngstes Beispiel: Inkontinenz.
Um auf das oft aus Scham verschwiegene Leiden aufmerksam zu
machen, übermittelte die Deutsche Presseagentur Ende 2005
ein Gespräch mit dem Stuttgarter Urologen Ulrich Humke,
demzufolge es rund fünf Millionen Menschen gibt, die ihren
Harn oder Stuhl nicht zurückhalten können. Ein Problem sei
die Dunkelziffer: „Ich schätze die Zahl der Betroffenen auf
das Doppelte.“ Das wäre jeder achte Deutsche.
Im Jahr 2050 soll gar jeder Fünfte inkontinent sein. Dafür
gebe es keinen wissenschaftlichen Nachweis, räumt Humke
ein. Seine Prognose beruhe auf „einer inoffiziellen
Hochrechnung der Versorgungswirtschaft“, zu der die
Hersteller von Windeln gehören. Nach den Verkaufszahlen der
Industrie wären heute schon zehn Millionen Menschen
inkontinent. In 45 Jahren wären dann 40 Prozent aller
Einwohner betroffen. Das kann sich auch Humke nicht
vorstellen. „Rechnet man Übertreibung und wirtschaftliche
Interessen heraus, könnte eine Zahl von 20 Prozent
realistisch sein.“
Eine Methode, mit der sich Zahlen hochtreiben lassen, ist
die Ausweitung einer Krankheitsdefinition. Der
Cholesterinwert, war zeitweise so niedrig gesetzt, das 90
Prozent der Deutschen überhöhte Blutfettwerte hatten.
Experten sprechen von schleichender „Medikalisierung der
Gesellschaft“: Immer mehr Gesunde werden zu Kranken
erklärt.
Dass man versuche, Aufmerksamkeit für „seine“ Krankheit zu
erzeugen, kann Christa Scheidt-Nave vom RKI sogar
verstehen: „Es gibt schon Stiefkinder wie Inkontinenz,
Arthrose oder Osteoporose, bei denen man eben nicht mit
Schwerstkranken und Toten handeln kann.“ Nur: Mit
wissenschaftlich nicht belegten Zahlen zu operieren, sei
nicht akzeptabel. So bleibe nur eines: „Eigentlich muss man
bei jeder veröffentlichten Zahl erst recherchieren, auf
welchen Daten sie beruht.“
Kölner Stadtanzeiger, Natur und
Wissenschaft, S. 28, 31. Januar 2006
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