Wohlstand macht lang
Die durchschnittliche Körpergröße zeigt den Zustand eines Landes oft besser als die Einkommensstatistik. Kleine Bewohner sind ein untrügliches Zeichen für Misswirtschaft und Unterdrückung.
Süddeutsche Zeitung Wissen, S. 20, 14.
Februar 2006
SZ140206 - George W. Bush fällt aus dem Rahmen. In
seinen beiden Wahlkämpfen um das Präsidentenamt war er mit
seinen 1,85 Meter der kleinere Kandidat. In den
fünfzehnEntscheidungen nach dem Zweiten Weltkrieg hat
hingegen elfmal der größere Kandidat gewonnen.
Wer das für statistische Spielereien mit einer Marginalie
hält, der unterschätzt den Faktor Körpergröße. Denn ob ein
Mensch in den Himmel ragt oder kurz über der Grasnarbe
lebt, entscheidet über den Erfolg in Leben und Liebe mit.
Und die Verteilung der Körpergröße in einem Staat verrät
sogar, wie gut die Menschen in diesem Land leben und wie
groß die Unterschiede zwischen Arm und Reich sind, wie
Tübinger Forscher nun am Beispiel Afrikas belegt haben.
Die Größe eines Menschen entwickelt sich aus einem feinen
Wechselspiel seiner Gene und der Lebensbedingungen, unter
denen er aufwächst. Dass Eltern ihre Körpergröße in
gewissen Grenzen vererben, gehört zum Alltagswissen. Aber
auch die Lebensbedingungen tragen erheblich zur Körpergröße
bei.
Seit rund 150 Jahren wachsen Kinder ihren Eltern
buchstäblich über den Kopf: „Vor allem in den ersten beiden
Lebensjahren wachsen die Beine der neuen Generation
schneller als die der vorangegangenen“, fand Tim Cole vom
Londoner Centre for Paediatric Epidemiology heraus. Die
Lebensbedingungen der Kinder mit besserer medizinischer
Versorgung, höherem Bildungsstand und besserem Sozialsystem
beschleunigen das Wachstum. Dieser „biologische
Lebensstandard“ wird seit sechs Generationen stetig besser.
Die Körpergröße reagiert so sensibel auf schlechte
Lebensbedingungen, dass sich an ihr sogar die Missernten
herauslesen lassen, die es während der Kleinen Eiszeit in
Europa gab. „Im 17. Jahrhundert erreichten französische
Männer im Durchschnitt nur 1,62 Meter“, sagt der
Wirtschaftswissenschaftler John Komlos von der Universität
München.
Dagegen findet sich heute im Nordwesten Europas dank eines
modernen Gesundheits- und Bildungssystems eines der größten
Völker der Welt: die Niederländer mit durchschnittlich
1,85Meter langen Männern. Zum Vergleich: Die 18- bis
35-jährigen deutschen Männer waren laut Statistischem
Bundesamt im Jahr 2003 1,80Meter groß, die gleichaltrigen
Frauen 1,67Meter.
Eigentlich sei die Körpergröße der Parameter zum Messen von
Wohlstand schlechthin, sagt Komlos. „Pro-Kopf-Einkommen und
Pro-Kopf-Sozialprodukt erfassen viele Aspekte der
Lebensqualität nicht“, betont er. Zum Beispiel hätten
Hausfrauen und Kinder kein Einkommen. Zudem könne das
Pro-Kopf-Einkommen gleich bleiben, obwohl ein Teil der
Bevölkerung ärmer und ein anderer reicher wird.
Umweltverschmutzung taucht darin genauso wenig auf wie die
medizinische Versorgung. Und vor allem: Für Zeiten und
Länder, für die es keine Daten gibt, ist die Körpergröße
oft der einzige greifbare Parameter.
Beispiel Nordkorea: Wie schlecht die Versorgungslage unter
dem kommunistischen Regime seit 50 Jahren ist, hat die
Anthropologin Pak Sunyoung von der National-Universität
Seoul Ende 2004 anhand von Größendaten belegt.
Während das abgeschottete Land andere Daten nicht
herausgibt, gewann Pak ihre Größendaten mit Hilfe von
Flüchtlingen. „Anders als die meisten Völker der Welt sind
die Nordkoreaner nach dem Zweiten Weltkrieg praktisch nicht
mehr gewachsen“, sagt Pak. Die 20-Jährigen sind heute mit
durchschnittlich knapp 1,59 Meter noch so klein wie vor 60
Jahren, gleichaltrige Südkoreaner sind sechs Zentimeter
größer.
Die Analyse einer ganzen Region präsentierten Alexander
Moradi und Jörg Baten vor kurzem im Fachblatt World
Development. Die Tübinger Anthropometriker haben 200
Gegenden südlich der Sahara für die Jahre 1950 bis 1980
untersucht „Das ist ein Zeitraum, für den insgesamt wenig
wirtschaftliche Daten vorliegen“, sagt Baten. Die Forscher
wollten deshalb mit Hilfe von Körperdaten die Aussagekraft
gängiger Indikatoren überprüfen, etwa die von
Einkommensunterschieden für soziale Ungleichheit.
Dabei fanden sie in der Körpergröße sogar Antwort auf die
viel diskutierte Cash-Crop-Frage: Was ist sinnvoller für
ein Land – auf ein Produkt wie Kaffee oder Baumwolle für
den Weltmarkt zu setzen oder besser auf Vielfalt? „Die
Menschen in Regionen wie dem Südsenegal, die sich auf ein
Produkt spezialisiert haben, sind im Schnitt fast einen
Zentimeter kleiner als in Regionen wie Westäthiopien mit
mehr Anbauvielfalt“, sagt Baten.
Der Grund: Innerhalb der Monokultur-Regionen sind
Lebensmittel und medizinische Versorgung ungerechter
verteilt. Setzt eine Region auf Vielfalt, gleicht sich der
biologische Lebensstandard an, die Menschen gewinnen pro
zusätzlichem Anbauprodukt drei Millimeter Körpergröße
hinzu.
Ein Muster aber findet sich in allen Regionen Afrikas wie
fast überall auf der Welt und unabhängig vom biologischen
Lebensstandard: Männer sind größer als Frauen, weil Jungen
etwa zwei Jahre länger wachsen als Mädchen. Das ist so
universell, dass selbst Außerirdische damit konfrontiert
werden: Auf der Goldplakette der Raumsonde Pioneer-10 ist
die Frau einen halben Kopf kleiner.
Der Größenunterschied scheint ein Überrest der Evolution zu
sein. Auch wenn unsere Vorfahren deutlich kleiner waren als
der moderne Mensch, der Unterschied zwischen Mann und Frau
war deutlich größer, belegen Fossilienfunde. „Die
Frühmenschen lebten wahrscheinlich polygyn“, sagt Markus
Bernhard, Anthropologe an der Universität Wien. Deshalb gab
es unter den Männern starke Konkurrenz um die Frauen. Wer
groß und stark war, war dabei im Vorteil.
Größer als die Konkurrenten zu sein, nützt Männern noch
immer, nicht nur bei Wahlen. Größere Männer haben mehr
Erfolg bei Frauen und erreichen eher Führungspositionen,
wie Untersuchungen belegen. Ihr Gehaltsvorteil lässt sich
konkret berechnen: Dem Deutschen Institut für
Wirtschaftsforschung zufolge brachte im Jahre 2002 in
Deutschland jeder zusätzliche Zentimeter am Ende des Monats
brutto 0,6 Prozent mehr.
Aber was ist Ursache und was Wirkung? Vielleicht haben
größere Menschen einfach mehr Selbstbewusstsein, das sie in
Gesprächen mit den Vorgesetzten zur Geltung bringen,
spekulieren Psychologen.
Wie viel Einbildung dabei eine Rolle spielt, belegt ein
Versuch aus dem Jahr 1968 eindrucksvoll: Ein „Mr. England“
wurde zwei Gruppen von Studenten vorgestellt, einmal als
neuer Kommilitone und einmal als neuer Professor. Dann
sollten beide Gruppen die Körpergröße des Neuankömmlings
schätzen: Professor England war ganze zehn Zentimeter
größer als Student England.
Was den Erfolg bei künftigen Präsidentenwahlen angeht, wird
es für die Auguren, die sich auf den Faktor Körpergröße
stützen, auf keinen Fall leichter. Denn welche Rolle
Körpergröße in einem Duell „Mann gegen Frau“ spielt, ist
völlig unklar. George W. Bush kann es egal sein. Er darf
sowieso nicht mehr antreten.
Süddeutsche Zeitung Wissen, S. 20, 14.
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