Menschen in Zeiten der Dürre
Klimaschwankungen haben wahrscheinlich eine entscheidende Rolle bei der Evolution des Homo sapiens gespielt. Hat der nächste Kiimawandel auch das Zeug dazu?
Süddeutsche Zeitung, Wissen, S. 16, 30.
Mai 2006
SZ300506 - Wer denkt beim Stichwort Klimawandel
nicht an Katastrophen? In ihrem nächsten Klimabericht
werden die Vereinten Nationen wieder vor den verheerenden
Folgen der Klimaveränderung warnen. Es wird immer
wahrscheinlicher, dass Horrorszenarien von steigenden
Meeresspiegeln, versinkenden Küstenstädten und Millionen
Menschen auf der Flucht Wirklichkeit werden. Dabei ist der
Mensch nach Ansicht vieler Wissenschaftler durch den
Klimawandel erst geworden, was er heute ist.
Anna Kay Behrensmeyer, Paläobiologin am Smithonian
Institute in Washington, schrieb Anfang des Jahres im
Fachmagazin Science (Bd. 311, S.476, 2006): „Es gibt einige
Thesen, nach denen Klimawechsel etwa für den aufrechten
Gang, ein größeres Gehirn oder die große
Anpassungsfähigkeit des menschlichen Verhaltens
verantwortlich waren.“ Warum auch sollte das, was für Tiere
und Pflanzen gilt, nicht ebenso für den Menschen gelten?
Eine ganze Ausstellung im Westfälischen Museum für
Archäologie in Herne zeigt von heute an, wie sich nicht nur
Tiere und Pflanzen, sondern auch der Mensch dem Klima
anpasste. Es ist das alte Mantra Darwins: Nur die an ihre
Umwelt angepassten Wesen überleben. Und wenn sich global
das Klima ändert, wie es das in großen Zyklen und kleinen
Zyklen immer wieder tut, dann wirken sich die neuen, auch
regional veränderten Lebensbedingungen aus: Arten sterben
aus, wandern ab oder passen sich an.
Aber es ist nicht so einfach, diese Zusammenhänge zu
entschlüsseln: „Wir können oft gar nicht genau sagen, wie
globales und regionales Klima zusammenhängen“, sagt
Behrensmeyer. Globale Klimadaten lassen sich sehr gut aus
Sedimentablagerungen des Meeresbodens herauslesen. Die
klimatischen Bedingungen unter denen sich der Mensch und
die Tierwelt entwickelten, lesen Forscher aus
Kohlenstoffisotopen, Pollenanalysen und Fossilien vor Ort
auf dem Land ab. Diese Signale öffnen aber immer nur
räumlich und zeitlich sehr kleine Fenster. Zudem wurden sie
oft durch andere Prozesse wie tektonische Störungen
verändert. „Immerwieder verwischen oder überlagern diese
Prozesse die Signale des globalen Klimas“, sagt
Behrensmeyer.
Hinzu kommt das Problem aller Wissenschaften, die sich mit
komplexen Entwicklungen in der Vergangenheit befassen.
Behrensmeyer sagt: „Es ist sehr schwer, echte kausale
Zusammenhänge zwischen einem Klimawandel und einem
evolutionären Event herzustellen.“ Die These etwa, dass
Vorfahren des Menschen ihre Haare verloren, weil sich das
Klima erwärmte, lässt sich nicht im Labor testen. Beweisen
können dieWissenschaftler gar nichts. Sie können ihre
Vermutungen nur so gut belegen, dass sie möglichst
wahrscheinlich werden.
Wie anfällig die Thesen zur Klimawandel Mensch-Connection
sind, zeigt sich am Beispiel des aufrechten Gangs, der
entstand, noch bevor der erste Vertreter der Gattung Homo
das Licht der Welt erblickte. Die klassische Erklärung
lautet: In Ostafrika verließen die Affen die Bäume, als das
Klima trockener wurde und der Regenwald schrumpfte. In den
Weiten der Savanne brachte das Gehen auf zwei Beinen
Australopithecus mehr ein, als auf allen Vieren zu laufen.
Bis dann im Jahr 2000 Forscher den „Millenium Man“
präsentierten. „Orrorin tugenensis lief auch schon auf zwei
Beinen, lebte aber im Wald. Das konterkariert die zwanzig
Jahre alte Savannen-Vorstellung auf gewisse Weise“, sagt
Jürgen Richter, Archäologe der Uni Köln und einer der
wissenschaftlichen Berater der Ausstellungsmacher in Herne.
Auch unsere Gattung Homo ist nach Ansicht vieler
Wissenschaftler als Folge eines globalen Klimawandels
entstanden, als sich vor 2,8 bis 2,4 Millionen Jahren das
Klima auf der Erde abkühlte, wie Meeressedimente belegen.
In der nördlichen Hemisphäre läutete das die Phase der
Eiszeiten ein. In Ostafrika wurde es erneut trockener, über
Hunderttausende von Jahren fielen die Regenzeiten aus. Die
Pflanzenwelt wehrte sich wie immer, wenn es trockener wird:
Sie wird hartfaserig und hüllt Früchte und Samen in härtere
Schalen. In dieser Phase verdickt sich bei vielen
Großsäugern wie Antilopen oder Schweinen der Zahnschmelz
als Reaktion auf die Nahrung, auf der man immer länger
herumkauen muss. Auch Australopithecus reagiert auf das
veränderte Nahrungsangebot: Er spaltet sich auf.
Dickschädelige Rabauken
Paleoanthropologen wie Friedemann Schrenk vom Naturmuseum
Senckenberg in Frankfurt am Main interpretieren die
fossilen Funde so: Es tauchen zwei Typen auf, die das
Problem vor etwa2,4 Millionen Jahren auf unterschiedliche
Art und Weise lösen. Die einen sind die robusten
Australopithecinen, dickschädelige Rabauken mit großen
Unterkiefern, dreimal so großen Zähnen wie der moderne
Mensch, kräftigen Kaumuskeln, die an einem Knochenkamm oben
auf dem Schädel ansetzen. Der ganze Kopf dieser
Nussknacker-Menschen ist ein einziges Mahlwerk.
Die andere Gruppe, die sich zeitgleich den Lebensraum mit
dem Nussknacker teilte, antwortet mit einem Quantensprung
in der Hominidenevolution: Homo rudolfensis und Homohabilis
entdecken die Kraft von Steinwerkzeugen, mit denen sie die
schwer zu kauende Nahrung bearbeiten. Und die ersten
Vertreter der Gattung Homo kommen auf den Geschmack des
Fleisches. Mit ihren Werkzeugen zerschneiden sie die Häute
und Muskeln von Aas und erschließen sich so eine
eiweißreiche Nahrungsquelle, die das Gehirn der Gattung
Homo wachsen lässt. „Das ist der Beginn der kulturellen
Evolution“, sagt Friedemann Schrenk und ergänzt: „Damit
endet aber auch nach und nach die Abhängigkeit des Menschen
vom Klima, wie sie zuvor bestanden hatte.“
So plausibel das Szenario auch klingt: Ob das Klima vor Ort
über so lange Zeit tatsächlich so trocken war, stellten im
vergangenen Jahr Wissenschaftler in Science (Bd. 309, S.
2051, 2005) infrage. Sie untersuchten Sedimente der Seen im
ostafrikanischen Graben, um daraus auf deren Pegelstand zu
schließen. Ihre Daten zeigen, dass die Seen zeitweise sehr
stark anschwollen. „Die lange Trockenphase wurde immer
wieder von feuchten Phasen unterbrochen“, so die Forscher.
Aber auch sie glauben, dass das Klima die Evolution
vorantrieb. Nur seien es gerade diese ständigen Wechsel
zwischen trockenen und feuchten Phasen gewesen, die den
notwendigen evolutionären Druck erzeugten, damit neue Arten
entstanden.
Auch zu anderen Zeiten und Orten haben globale Klimawechsel
den Lauf der menschlichen Entwicklung gelenkt. Die
Besiedlung Amerikas vor etwa 15 000 Jahren war nur möglich,
weil die Landbrücke, die heutige Bering-See, zwischen Asien
und Nordamerika nicht überschwemmt war. Die Eispanzer der
Nordhemisphäre banden das Wasser. Aber Eis und Schnee
versperrten für die Menschen möglicherweise auch den Weg
von einem zum anderen Kontinent. Auch hier halfen
Klimawechsel: Mehrere kurze Warmphasen räumten nach
Untersuchungen von Geoforschern der Universität Kiel den
Weg immer wieder lange genug frei, damit die Küstenregionen
eisfrei waren. (Geology, Bd.34, S.141, 2006).
Erschwert wird die Suche nach Zusammenhängen zwischen
menschlicher Evolution und Klimawandel durch die Tatsache,
dass Klima nur ein Faktor unter vielen ist. „Neue Arten
entstehen ja auch durch Mutationen ohne dass sich das Klima
ändert. Oder weil Gruppen einer Art räumlich getrennt
werden, und sich dann anders weiter entwickeln“, sagt
Jürgen Richter. Trotzdem kann man sich dem Gedanken schwer
entziehen, dass auch ein Klimawandel Auslöser für wichtige
Entwicklungen ist: „Wo immer alles stabil ist, ändert sich
letztlich auch nicht viel“, sagt Friedemann Schrenk. Und
das Klima ist schließlich ein Teil der Bühne, auf der das
Leben sich entwickelt.
Wenn das Schicksal der Menschen in der Vergangenheit durch
das Auf und Ab des Klimas beeinflusst wurde, hat der
anstehende Klimawandel das Zeug dazu uns wieder zu
verändern? „Ich glaube nicht für unsere biologische
Evolution“, sagt Schrenk. Es werde sicher keine neue Art
entstehen, dafür habe sich der Mensch zu sehr von der Natur
unabhängig gemacht.
Genau so sieht es auch Josef Reichholf von der Zoologischen
Staatssammlung München, Autor einiger Bücher über die
Evolution des Menschen. „Sehen Sie, wir sind eigentlich
eine an die Tropen angepasste Art, und trotzdem besiedeln
wir fast alle Klimaregionen der Welt. Das zeigt, wie
unabhängig uns die kulturelle Evolution gemacht hat.“ Es
habe auch in der jüngeren Vergangenheit immer wieder
heftige Klimaveränderungen gegeben, ohne dass sich in der
menschlichen Physis etwas verändert hätte. Außerdem: Im
Vergleich zu historischen Ausmaßen erscheint selbst ein
Anstieg des Meersspiegels von sieben Metern nicht mehr so
gewaltig. „Es gab Zeiten, da war der Meeresspiegel hundert
Meter höher oder tiefer als in den Phasen davor“, sagt
Reichholf.
Aber abgekoppelt von einer biologischen Evolution scheint
der Mensch trotzdem nicht zu sein. Erst kürzlich haben
Wissenschaftler Hinweise dafür gefunden, dass Homo sapiens
nicht aufgehört hat, sich genetisch zu wandeln. Sie spürten
im Genom Veränderungen für Hautfarbe, die Gehirngröße oder
die Toleranz gegenüber bestimmten pflanzlichen Giften auf.
Diese waren erst in den letzten 15 000 bis 5000 Jahren
entstanden und etablieren sich seitdem in den menschlichen
Populationen. Ob klimatische Veränderungen aber darauf
einen Einfluss hatten oder haben werden, bleibt
Spekulation.
Die Entwicklung geht weiter
Christopher Wills, Biologe von der University of California
in San Diego könnte sich schon vorstellen, dass sich der
Mensch verändert, wenn das Klima sich massiv wandelt: „Über
lange Zeiträume betrachtet, könnte es sein, dass sich zum
Beispiel unser Verhalten verändern wird, wenn die Menschen
wegen steigender Meeresspiegel auf immer engerem Raum leben
müssen.“ Es könnte ein großer Druck für kooperatives
Verhalten entstehen, also Menschen begünstigen, die eher
dem Überleben der Gruppe dienen als dem eigenen.
Der Druck für eine kulturelle Evolution des Menschen wird
aber wohl weit größer werden als für eine biologische. Je
stärker die Folgen des Klimawandels sein werden, desto mehr
müssen Menschen sich einfallen lassen, um ihnen zu
begegnen. Gewaltige Deichsysteme, die Küstenstädte besser
schützen, neue Anbaumethoden für Pflanzen in veränderten
Klimazonen, soziale Lösungen, für die Millionen Menschen,
die ihre Heimat verlassen müssen. Auch wenn noch niemand
weiß, wie der Klimawandel ausfallen wird, eines ist sicher:
Die Bühne für die menschliche Evolution – ob kulturell oder
biologisch – verändert sich.
Süddeutsche Zeitung, Wissen, S. 16, 30.
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