Im Reich der grünen Riesen
Diese Wälder atmen Geschichte(n): Die Römer fürchteten sich einst vor den urigen Baumgestalten, Franken und Sachsen standen sich hier im Kampf gegenüber. Und die Gebrüder Grimm fanden reichlich Stoff für ihre Märchen.
National Geographic, S. 164, Oktober
2006
NG1006 - Der
Baum hat gelacht. Ich bin mir sicher. Doch als ich mich
umdrehe, ist da kein Gesicht mehr. Nur schöne, dicke
Eichenborke, die einen Stamm umhüllt, so breit, dass drei
Männer ihn nicht umfassen könnten. «Das ist die
Berthold-Eiche, benannt nach einem besonders engagierten
Förster aus dem vorigen Jahrhundert», sagt Heinz-Jürgen
Schmoll. Er ist der Geschäftsführer des erst im Jahr 2001
gegründeten Naturparks Kellerwald- Edersee, im Norden von
Hessen, fast in der geographischen Mitte Deutschlands. Fern
jeder Autobahn, ist diese Region nur über schmale
Landstraßen zu erreichen. Ein Grund wohl, warum sie bisher
unter der Rubrik „wenig bekannt“ rangiert.
Schmoll will mir ein paar ihrer Besonderheiten zeigen. Es
sind Sommergewitter gemeldet. Dauernd geht mir die Warnung
«Buchen sollst du suchen, vor Eichen sollst du weichen»
durch den Kopf. Buchen muss man hier nicht suchen, die
stehen überall. Mehr als 60 Prozent des Naturparks sind
Wald – einer der größten geschlossenen Buchenwälder
Mitteleuropas, einer der Reste jenes gewaltigen Bestands
von Rotbuchen, die einst ganz Europa bedeckten. Im Westen
zählt noch der Naturpark Rothaargebirge dazu, im Norden und
Nordosten die Naturparks Habichtswald, Meißner-Kaufunger
Wald und Eichsfeld-Hainich-Werratal.
Eichsfeld! Den Eichen zu weichen wäre ein Fehler. Es gibt
hier welche, die könnte man nicht schöner malen, deutsche
Eichen, wie sie im Buche stehen, knorrig und verknarzt,
dass es eine Pracht ist. Die alten Recken tragen oft Namen
von Waldläufern, die sich um die Bäume verdient gemacht
haben: Berthold-, Beck- und Schnitzer-Eiche. Die
Blitz-Eiche allerdings mahnte, dass die altbekannte Warnung
ernst zu nehmen ist. Der Baum wurde gleich mehrfach von
Thors Feuerspeeren getroffen; heute steht nur noch sein
Stumpf.
Schmoll präsentiert mir auf unserer Wanderung eine
abwechslungsreiche Mittelgebirgslandschaft. Wohl fehlt ihr
das Imposante, mit dem etwa das Berchtesgadener Land oder
das Wattenmeer auftrumpfen kann. Unauffällige Vielfalt ist
das Pfund, mit dem die Region wuchert. Schattige Waldstücke
wechseln sich ab mit kleinen, von Fachwerkhäusern geprägten
Ortschaften, Wiesen, Weiden und Kornfeldern.
Idyllisch, «aber die Leute unterschätzen Mittelgebirge auch
oft», sagt – leicht außer Atem – Schmolls Kollege Reiner
Ohlsen, der uns auf den höchsten Punkt des Naturparks
begleitet, den 675 Meter hohen Wüstegarten im Süden des
Parks. Die letzten Meter bis zum Kellerwaldturm geht es
steil bergauf, wir kommen ins Schwitzen. Oben angekommen,
genießen wir die Aussicht über die Wipfel und schnappen
erst einmal Luft.
Am nördlichen Horizont liegen die Hügel des besonders
streng geschützten Nationalparks Kellerwald-Edersee,
umschlossen vom gleichnamigen Naturpark. Der Nationalpark
ist Buchenwald pur, der Naturpark ist artenreicher. «Das
hier ist der östlichste Teil des Rheinischen
Schiefergebirges », sagt Ohlsen. Von oben ist deutlich zu
sehen, wo der Schiefer aufhört und der Sandstein anfängt:
Im Süden und Osten ist das Land sanfter gewellt, der Boden
landwirtschaftlich besser nutzbar, goldene Kornfelder und
Ortschaften werden nur von ein paar Waldparzellen
unterbrochen. Im Naturpark sind die Hügel steiler, das
dunkle Grün des Walds herrscht vor, die Dörfer wirken darin
wie Inseln in einem Laubmeer. Sogar aus der
Satellitenperspektive von Google Earth kann man die
Unterschiede der Regionen deutlich ausmachen.
Wer es weiß, sieht, dass es auch Zeiten gab, in denen die
Hügel kahl waren. «Der Name Kellerwald», sagt Ohlsen, «hat
nichts mit Kellern, sondern mit Köhlern zu tun.» Vom 16.
Jahrhundert an wurde der Buchenwald großflächig zu
Holzkohle verfeuert, für die Erz- und Eisenindustrie. Heute
zeugen davon nur noch ein paar Mühlen, ein Bergbaumuseum –
und das Dorf Bergfreiheit.
Der Ort hat inzwischen lokale Berühmtheit erlangt: Hier
sollen die Vorbilder für Schneewittchen und die sieben
Zwerge gelebt haben. Sagt ein Heimatforscher, der
zahlreiche Hinweise für die Entstehung des Grimmschen
Märchens in dieser Region entdeckt haben will. Seit letztem
Jahr stehen die Zwerge und ihr Schneewittchen auch als
steinerne Attraktion im Dorf. Von Bergfreiheit bis
Disneyland ist es aber wohl noch ein weiter Weg.
In einem sonst wenig auffälligen Stück Wald zeigt mir
Ohlsen zwei prachtvolle Süntelbuchen. Es sind Mutationen
der Rotbuche Fagus sylvatica. Statt eines mächtigen Stamms,
der sich erst nach drei, vier Metern in kräftige Nebenäste
und eine ausladende Krone verzweigt, hängen die Blätter bis
auf den Boden. Ich trete durch die grüne Wand. Fünf oder
sechs Stämme winden sich unter dem Laubbaldachin wie
Meerungeheuer aus dem Boden: eine pflanzliche
Laokoon-Gruppe. Teufelsholz, Schlangenbuche, so heißen
diese Bäume anderswo. In Parks lässt man sie stehen, in
Wirtschaftswäldern sind die verdrehten Stämme nicht mal als
Brennholz zu gebrauchen, weshalb sie dort fast überall
gefällt wurden. Die Kettensäge hätte auch das Schicksal
dieser Buchen besiegeln können.
Heinz- Günther Schmoll erzählt, wie schwierig es war, die
Menschen der Region für den Park zu gewinnen: «Es gab
Widerstände von allen Seiten.» Zwölf Jahre habe der Verein
„Pro-Nationalpark“ dafür gefochten, sagt der Biologe Markus
Schönmüller. Mancher Bauer habe zu
Diskussionsveranstaltungen gleich die Mistgabel zur
Bekräftigung seiner Ansichten mitgebracht. Die Gegner des
Nationalparks fürchteten, in dieser Gegend werde niemand
mehr investieren, es dürfte nicht mehr gebaut werden.
Argumente, wie man sie immer hört, wenn es um die
Einrichtung neuer Schutzgebiete geht. Nach zähem Ringen
wurde 2001 dann zunächst der Naturpark gegründet. «Auf die
Einsicht, dass alles gar nicht so schlimm ist, durfte 2004
der Nationalpark folgen», sagt Schmoll. «Und nun wollen
immer mehr Gemeinden Anschluss an den Naturpark.» Für die
wirtschaftlich unterentwickelte Region ist der
Naturtourismus eine echte Chance. Viele Landwirte begreifen
den Park inzwischen doch als Möglichkeit, ein paar Euro
extra zu verdienen.
Christian Höhle zum Beispiel. Er betreibt mit einem
Kollegen ein Maislabyrinth, in dem man sich schon mal zwei
Stunden lang verirren kann. «Natur ist doch alles, was wir
hier haben», sagt Höhle. Neben Ahle natürlich, der
nordhessischen Wurstspezialität. Rohwurst, hausgemacht,
luftgetrocknet. Ein Förderverein vertreibt sie sogar übers
Internet. Der technologische Fortschritt ist im Kellerwald
angekommen.
Darüber sollte man aber auch die Geschichte nicht
vergessen. Forstamtsleiter Eberhard Leicht erweist sich als
wandelndes Lexikon. Er kennt sich nicht nur mit der
Biologie aus, sondern auch mit Kultur und Vergangenheit
dieser Gegend. Er erzählt mir zum Beispiel von den Römern,
die es nie geschafft haben, ihr Weltreich bis in den
Kellerwald auszudehnen. Von den Kelten, deren Wälle und
Hünengräber man noch auf einigen Hügeln findet. Und dass
die Waldregion seit uralten Zeiten umkämpftes Grenzgebiet
war: «Sie sitzen gerade im ehemaligen Großherzogtum
Hessen-Darmstadt; ich stehe auf vormaligem Boden des
Fürstentums Waldeck», sagt er, als wir an einem Grenzstein
rasten. Im 8. Jahrhundert standen sich hier die Franken und
Sachsen gegenüber.
Aber eigentlich sind wir hier, um noch weiter in die
Vergangenheit abzutauchen. Leicht will mir ein Juwel der
Region präsentieren. Einen der letzten echten Urwälder in
Mitteleuropa, an einem steilen Südhang am Nordufer des
Edersees. Er ist seit Tausenden Jahren nahezu ohne
menschlichen Einfluss geblieben – abgesehen von dem
Knorreichenweg für Wanderer und einigen Schwarzkiefern, dem
kläglichen Versuch aus dem unzugänglichen Gelände etwas
Kapital zu schlagen. «Das Gelände sieht im Grunde noch so
aus wie vor 6000 oder 7000 Jahren, als es entstand», sagt
Leicht. Die letzte Eiszeit war vorbei, und in einer
vorübergehenden Warmphase breiteten sich Eichen, Ulmen und
Linden über Mitteleuropa aus. Als sich dann das Klima
wieder abkühlte, brach vor etwa 4 000 Jahren die große Zeit
der Buchen an. Sie drängten die Eichen auf einige warme,
trockene Standorte zurück.
Anfangs säumen noch Buchen unseren Weg zu diesem letzten
Stück echten Urwalds: ein klassischer Säulenwald, an einem
nicht sehr steilen Hang; gedämpftes Licht; der Himmel ist
durch das weit über uns liegende Kronendach kaum zu sehen,
der Boden gleichmäßig mit vertrockneten Blättern bedeckt.
Schlagartig ändert sich die Szenerie: Statt schlanker
Buchen drücken sich knorrige Traubeneichen an den Hang,
gerade mal fünf Meter hoch. Mit ihren Wurzeln krallen sie
sich in den Schieferboden. «Einige Bäume werden an die 500
Jahre alt sein, aber das kann man nicht genau bestimmen»,
sagt Leicht. Ein Diplomand hatte versucht, die Stämme
anzubohren, um die Jahresringe zu zählen: «Aber die Kerne
sind fast immer hohl, da gibt’s nichts zu zählen.» Eine
Zahl hat er trotzdem: «Hier leben 1 000 verschiedene
Käferarten, was typisch ist für einen alten, reifen Wald»,
sagt der Fortsamtsleiter, sichtlich stolz auf sein
Schmuckstück.
Und dann ist da noch der Halloh, ein Hutewald, in dem sich
früher die Schweine der Bauern mit Bucheckern vollschlagen
durften. Genau 189 bis zu 400 Jahre alte
Baumpersönlichkeiten stehen auf dem künstlich angelegten
Areal. Darunter sind Buchen wie aus Tolkiens Fantasy-Epos
„Der Herr der Ringe“. Als warteten diese Baumriesen nur auf
das Signal, ihre dick bemoosten Wurzeln aus dem Boden zu
ziehen und zusammen mit Menschen und Elfen gegen Mordor,
das Land des Bösen, zu marschieren. Doch solange niemand
ruft, kann man sie in all ihrer Schönheit in Ruhe
betrachten, ihre raue, bucklige Rinde betasten und in den
zahllosen Baumhöhlen nach Untermietern suchen.
Der uralte Bestand muss für Fledermäuse, Spechte, Uhus oder
Kleinsäuger ein Paradies sein. Und für Wildbiologen, die
das alles irgendwann untersuchen dürfen. Denn im Halloh –
wie an so vielen Ecken im jungen Naturpark
Kellerwald-Edersee – gibt es noch viel zu entdecken. Nicht
nur die Gesichter der alten Baumriesen, die den Wanderer
hinter seinem Rücken auslachen.
National Geographic, S. 164, Oktober
2006
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