Auf gute Zusammenarbeit
Kein Wesen ist so hilfsbereit wie der Mensch – das war ein entscheidender Vorteil im Wettstreit der Evolution.
Süddeutsche Zeitung , Wissen, S. 20, 8.
Dezember 2006
SZ081206 - Schimpansen zahlen in keine
Krankenversicherung ein. Sie helfen auch Fremden nicht über
den Trampelpfad oder spenden einer Hilfsorganisation, die
Affen in fernen Ländern hilft. Für solidarische
Unterstützung hätte ein Schimpanse kein Verständnis. Auch
wenn Menschen vieles mit Tieren gemeinsam haben, eines
unterscheidet Homo sapiens definitiv von allen anderen
Erdbewohnern: „Wir sind Weltmeister der Kooperation”, sagt
Martin Nowak, Mathematiker an der Harvard University. Und
es ist vor allem die Solidarität zwischen Personen, die in
keiner Beziehung zueinander stehen, die nicht verwandt oder
befreundet sind, die die Menschheit zu einem Erfolgsmodell
der Evolution machte.
„Durch Kooperation entstehen neue Ebenen des Lebens”, sagt
Nowak. Die „natürliche Kooperation” habe eine ähnliche
Macht in der Evolution entwickelt wie sonst nur Mutation
und natürliche Selektion. An sich ein Widerspruch: In der
Evolution wetteifern doch eigentlich einzelne Einheiten wie
Gene, Zellen oder Individuen um Erfolg. „Evolution sollte
also egoistisches Verhalten belohnen”, sagt Nowak.
In den vergangenen vier Jahrzehnten entdeckten
Evolutionsbiologen, Mathematiker und
Wirtschaftswissenschaftler aber ein Puzzlestück nach dem
anderen, mit denen sich das Paradox des kooperativen
Egoisten erklären lässt. Martin Nowak hat nun diese
Mechanismen für die Evolution der Kooperation erstmals in
einer einheitlichen Theorie formuliert (Science, Bd. 314.
S. 1560, 2006). Der Mathematiker hat herausgearbeitet,
unter welchen Bedingungen Kooperation möglich ist und wann
nicht. „Im Grunde ist es immer nur ein Spiel, das sich auf
zwei Personen reduzieren lässt”, sagt Nowak.
Zu den Kooperationsbeschleunigern zählt etwa
Verwandtschaft. Diese erklärt nicht nur Hilfsbereitschaft
unter Familienmitgliedern, sondern auch die Unterstützung
bei Tieren bis hin zu den Millionenstaaten etwa der
Ameisen, Termiten und Bienen. Auch Zellen in einem
Organismus arbeiten zusammen, weil sie praktisch alle Gene
miteinander teilen. Ein anderer Geburtshelfer der
Zusammenarbeit ist das, was Forscher direkte Reziprozität
nennen: Organismen unterstützen sich gegenseitig, wenn die
Chance besteht, dass ihnen dafür ebenfalls geholfen wird –
ganz nach dem Schimpansen-Motto: „Ich kratze Deinen Rücken,
dafür kratzt Du meinen.”
Wenn man sich aber nicht unmittelbar sondern nur über
Umwege hilft, würde es in großen Gruppen selbst für
intelligente Schimpansen zu kompliziert. Die indirekte
Reziprozität ist die große Stärke der Menschen. „Jetzt
heißt es: Ich kratze Deinen Rücken, und Du kratzt jemand
anderem den Rücken oder jemand anderes kratzt meinen”, sagt
Nowak. Wenn alle danach handeln, funktioniert ein solches
System. Doch wer garantiert, dass der, dem geholfen wurde,
die Wohltat auch weitergibt? Existiert keine Möglichkeit,
das zu überprüfen, passiert, was Wissenschaftler als
„Tragödie des Gemeinguts” bezeichnen: Egoistisches
Verhalten wird belohnt und Kooperation entwickelt sich zum
Nachteil.
Der geborene Rächer
Doch es gibt Gegenmittel. Das eine heißt Reputation. Wer
anderen hilft, gewinnt einen guten Ruf und qualifiziert
sich für die Unterstützung durch andere. „Der Vorteil der
Reputation ist, dass es niemanden etwas kostet”, sagt
Manfred Milinski, Evolutionsbiologe vom Max-Planck-Institut
für Limnologie in Plön. Wer einen Ruf als Egoist erworben
hat, provoziert dagegen Sanktionen: Zahlreiche Studien
zeigten zuletzt, dass Menschen geradezu darauf brennen,
Betrüger und Trittbrettfahrer zu bestrafen. Die Ergebnisse
dieser Untersuchungen waren so eindeutig, dass sie den
Anschein erweckten, Bestrafung sei das beste Mittel, um ein
auf Kooperation basierendes Gemeinwesen im Gleichgewicht zu
halten. Doch: „Das ist es sicherlich nicht”, sagt Nowak. So
seien die Nachteile noch nicht untersucht. „In den Studien
gibt es zum Beispiel nie die Variante, dass Vergeltung
eskaliert.” Aber schon Nachbarschaftsstreitigkeiten oder
der Konflikt im Nahen Osten legten die Vermutung nahe, dass
Bestrafungen in einer endlosen Spirale aus Vergeltung und
Rache münden könnten, aus der kooperatives Verhalten
verdrängt würde, sagt der Mathematiker Nowak.
Doch es gibt einen Weg, effektiver zu bestrafen. Das haben
Manfred Milinski und die Wirtschaftswissenschaftlerin
Bettina Rockenbach von der Universität Erfurt durch Spiele
mit Studenten erfahren (Nature, Bd. 444, S. 718, 2006).
Demnach wird Strafen in einer kooperierenden Gruppe
effektiver, „wenn man den Teilnehmern ermöglicht,
Reputation aufzubauen”, sagt Rockenbach. In einem
Wirtschaftsspiel, in dem eine kooperierenden Gesellschaft
simuliert wird, wählten die Teilnehmer die
Gesellschaftsform aus, in der sie sowohl Betrüger
bestrafen, als auch selbst einen guten Ruf aufbauen
konnten. Die Kombination beider Systeme brachte den
gewinnbringenden Nebeneffekt: Durch das Reputationssystem
wurde die Häufigkeit der Bestrafungen auf fast ein Drittel
gesenkt. „Strafe wird also gewünscht, aber im Zusammenspiel
mit anderen Mechanismen nimmt sie eine geringere Rolle ein,
als wenn Strafe das einzige Mittel ist”, sagt Rockenbach.
Menschen wollen Betrug dennoch bestraft sehen, aber sie
sehen es wohl wie Martin Nowak: „Strafe ist ein notwendiges
Übel, das am sinnvollsten ist, wenn allein die Androhung
ausreicht.”
Betrüger zu belangen, zählt wohl zu den Moralvorstellungen
des Menschen, die besonders tief verankert sind. Dies geht
auf die Zeit zurück, als Menschen noch in kleinen Jäger-
und Sammlersippen lebten. Zum evolutionären Erfolg verhalf
ihnen ein Mechanismus, von dem auch Nowak annimmt, dass er
einer der Grundtypen menschlicher Kooperationsbereitschaft
ist: die Gruppenselektion. Schon Charles Darwin vermutete,
dass der Mensch Moral entwickelte, weil sich damals – vor
etwa 150 000 bis 10 000 Jahren – die Stämme im
Überlebenskampf durchsetzten, die mehr Altruisten in ihren
Reihen hatten.
„Für diese Vorstellung gab es bisher leider keine Belege”,
sagt Samuel Bowles vom Santa Fe Institute. Bisher hatte man
angenommen, dass die Mitglieder einzelner Gruppen nicht eng
genug verwandt waren, dass sich Gene für eine altruistische
Haltung hätten durchsetzen können. Doch offenbar war die
Verwandtschaft innerhalb der Gruppen ausgeprägter als
bisher gedacht, wie Bowles in Science nachzuweisen versucht
(Bd. 314, S. 1569, 2006).
Er wertete Untersuchungen heutiger Sammler- und
Jägergesellschaften aus, um deren Verwandtschaft zu
bestimmen. „Die Daten zeigen, dass der Grad der
Verwandtschaft knapp unter dem von Cousins und Cousinen
liegt”, sagt Bowles Kollege Robert Boyd von der University
of California in Los Angeles. Diese familiären Verhältnisse
sollten ausreichen, um Altruismus-Genen eine Chance zu
geben, besonders unter den harten Bedingungen der Vorzeit.
Die Auslese unter den Gruppen muss sehr stark gewesen sein,
glaubt Bowles. Zum einen, weil die Umweltbedingungen sich
ständig änderten. Zum anderen, weil es auch zwischen den
einzelnen Sippen immer wieder Kämpfe gegeben haben muss.
Das schließt er aus archäologischen wie ethnographischen
Befunden. Die Zahl der durch Kriege Gestorbenen habe damals
bei etwa 15 Prozent aller Todesfälle gelegen, heute liege
sie bei einem Prozent.
Hohn und Spott
In heutigen Jäger- und Sammlergesellschaften fand Bowles
zudem Normen, die so wohl schon in Vorzeiten existiert
hatten. Diese garantieren, dass diejenigen, die durch
kooperatives Verhalten theoretische Nachteile in Kauf
nehmen, von den anderen Gruppenmitgliedern trotzdem fair
behandelt wurden.
Wer gegen Gruppennormen verstößt, wird seit jeher bestraft:
durch subtile Anspielungen, Spott, symbolische und
tatsächliche Ausgrenzung. Und was in kleinen Gruppen
funktionierte, in denen sich die Mitglieder untereinander
kannten, hilft auch heute noch in großen, anonymen
Gesellschaften. Dass Schimpansen und andere Tiere das nie
verstehen werden, liegt wohl daran, dass ihnen die
kognitiven und sprachlichen Fähigkeiten fehlen. „Affen
können sich nicht über Dritte unterhalten”, sagt Nowak. Es
fehle ihnen die Fähigkeit, komplexe soziale Netzwerke zu
begreifen. Anders der Mensch, deshalb ist kein Wesen so
hilfsbereit wie er.
Süddeutsche Zeitung , Wissen, S. 20, 8.
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