Einschlag mit langem Nachhall
Ein Meteorit markierte vor 65 Millionen Jahren das Ende der Dinosaurier, so lautet die vorherrschende Meinung unter Wissenschaftlern. Doch eine kleine Gruppe findet zu viele offene Fragen, um die einfache Antwort zu akzeptieren.
Handelsblatt, Wissenschaft, S. 11, 30.
November 2006
HB301106 - Kino-Macher lieben die einfachen
Antworten, sonst werden die Geschichten zu kompliziert.
Warum starben die Saurier aus? Weil vor 65 Millionen Jahren
ein gigantischer Meteorit auf der Erde einschlug. In
Dokumentationen wurden der Einschlag und der Untergang der
Riesenechsen animiert und in Kinofilmen als Vorlage für das
Armageddon der Menschheit durch den „deep impact“
ausgeschlachtet.
Wenn es nur so einfach wäre. Denn einige Wissenschaftler
sind gar nicht so sicher, ob der Wanderer aus dem All das
Ende der Echsen und vieler anderer Arten besiegelte. Die
Mehrheit der Geowissenschaftler und Paläontologen geht
derzeit zwar von den Killer-Eigenschaften des Meteoriten
aus, doch so mancher könnte der Macht der einfachen Lösung
erlegen sein angesichts der Zahl der wissenschaftlichen
Arbeiten zum Thema: „Ich habe allein dazu zweitausend Paper
auf meinem Computer, die kann man natürlich nicht alle
detailliert kennen“, sagt etwa Peter Schulte, Geologe an
der Uni Nürnberg-Erlangen, selbst ein Anhänger der
Meteoritenthese.
Die Diskussion über das Ende der Saurier erinnert an ein
Strafgericht. Angeklagt: Ein gewaltiger Felsbrocken, der
vor rund 65 Millionen Jahren auf der Erde einschlug. Die
Anklage: Auslösen einer globalen Katastrophe und Auslöschen
von 50 bis 70 Prozent aller Arten, darunter die bis dahin
beherrschende Gruppe der Dinosaurier, aber auch viele
Kopffüßer und ein Großteil des Planktons. Beweise:
Eigentlich keine, Zeugen auch keine mehr, dafür eine
Unmenge an Spuren, die der Meteorit hinterlassen haben
soll. Die wichtigsten: eine dünne Erdschicht aus Iridium,
einem Platinmetall, das auf der Erde äußert selten ist,
aber seit Ende der 70er-Jahre als Hinweis für einen
Einschlag gilt. Außerdem gibt es einen etwa 180 Kilometer
breiten Einschlagskrater, der – nach dem mexikanischen
Örtchen Chicxulub benannt – je zur Hälfte auf der Halbinsel
Yukatan und unter dem Meer liegt.
Die Anklage, deren Wortführer der Geologe Jan Smit von der
Universität Amsterdam ist, stellt den Fall so dar: Ein mehr
als zehn Kilometer großer Meteorit schlägt ein mit einer
Geschwindigkeit von über 25 Kilometer pro Sekunde und der
Zerstörungskraft des Zehntausendfachen des heutigen
Atomwaffenarsenals. Er dringt mehrere Kilometer in die
Erdkruste ein, schleudert riesige Mengen an Staub,
Kohlendioxid, Schwefeldioxid, Wasserdampf und Gasen in die
Atmosphäre. Ein tödlicher Tsunami breitet sich kreisförmig
über die Erde aus. Die Folgen: Das Klima wird instabil, der
Staub wirkt als Sonnenfilter, der so wenig Licht
durchlässt, dass Pflanzen kaum oder gar nicht mehr
Photosynthese betreiben können. Pflanzenfresser verhungern,
ihnen folgen die Fleischfresser. Das Massenaussterben
markiert den Übergang von der Kreidezeit in das Tertiär und
den Aufstieg der Säugetiere einschließlich des Menschen.
Die Iridiumschicht trennt die Fossilien der einen Epoche
von der folgenden. Dinosaurier gibt es über dieser Schicht
praktisch nicht mehr. Für die Bestimmung der Erdzeitalter
sind die versteinerten Dino-Reste alleine aber schlecht
geeignet: „Dafür sind sie einfach zu selten“, sagt Schulte.
„Der Meteorit kann es nicht alleine gewesen sein“,
antwortet die Verteidigung. Eine kleine Gruppe von
Geowissenschaftlern um Gerta Keller von der
Princeton-Universität will den Steinbrocken aus dem All
entlasten. „Der Meteorit ist 200 000 bis 300 000 Jahre
früher eingeschlagen“, sagt Wolfgang Stinnesbeck, Geologe
an der Universität Karlsruhe. Das zeige ein Bohrkern aus
dem Chicxulub-Krater. Eine 50 Zentimeter dicke Kalkschicht
belege, dass der Meteorit früher eingeschlagen sei als
bisher vermutet. Diese Schicht enthält Mikroorganismen, so
genannte planktonische Foraminiferen, die kleiner als ein
Millimeter sind. Die Mikrofossilien liegen über den
Einschlagsspuren des Kraters, aber unterhalb der
Iridiumschicht, so die Keller-Gruppe.
Wenn aber der Krater älter ist als die Iridiumschicht,
lautet die logische Konsequenz: „Es muss einen zweiten,
womöglich noch größeren Einschlag gegeben haben, dessen
Krater bisher noch nicht entdeckt wurde“, sagt Stinnesbeck.
Das Problem: Die Spuren von Meteoritenkratern verwischen
sich auf der Erde mit der Zeit, anders als auf dem Mond.
Wäre der zweite Meteorit auf ozeanischer Kruste
niedergegangen, wären seine Spuren längst vom Erdinneren
verschluckt, weil die ozeanischen Platten unter die
kontinentalen absinken. Die einzige Spur, die er nach
Meinung von Stinnesbeck und Keller hinterlassen hat, ist
die Iridiumschicht.
„Es werden auch noch drei kleinere Einschläge diskutiert,
die sind bisher aber nur ungenau datiert“, sagt
Stinnesbeck. Doch damit nicht genug. Die Massenmörder aus
dem All hatten einen irdischen Verbündeten, der den
Massentod vorbereitete: „Wie auch bei den anderen vier
großen Massenaussterbewellen in der Erdgeschichte wurde das
Leben auf der Erde am Ende der Kreide durch massiven
Vulkanismus unerträglich“, sagt Stinnesbeck. Dessen Spuren
finden sich im Norden des indischen Subkontinents: die so
genannten Dekkan-Trapp-Basalte über eine Fläche von
eintausend mal zweitausend Kilometer und eine Dicke von
über zwei Kilometern. Die gewaltigen Mengen an vulkanischen
Gasen vergifteten nach Meinung der Keller-Gruppe die
Atmosphäre und erwärmten diese und den Ozean um bis zu vier
Grad Celsius. Ergebnis: Die Artenvielfalt sank schon in den
letzten 500 000 Jahren vor den Einschlägen, die der
angegriffenen Fauna und Flora dann den Rest gaben.
Trotz dieser von der Keller-Gruppe angeführten Gegenbelege
ist Jan Smits Meteoriten-Killer-Fraktion seit einigen
Jahren so übermächtig, dass die Kritiker kaum wahrgenommen
wurden. Auch ihre Belege seien lückenhaft und
widersprüchlich. „Geologische Daten sind von Natur aus nun
mal chaotisch. Es gibt nirgendwo die perfekte, vollständige
Sedimentsequenz“, sagt Smit. „Die Meteoriten-These ist so
attraktiv, weil sie alle Phänomene in einer umfassenden,
eleganten Theorie vereint“, sagt Smit. Kellers Gruppe wirft
der Mehrheit vor, entscheidende Hinweise zu ignorieren. Es
werde viel zu selten über die biologischen Effekte der
Einschläge und des Vulkanismus gesprochen. Hatte der
Einschlag des Chicxulub-Meteoriten überhaupt das Zeug dazu,
ein Massenaussterben alleine auszulösen? „Das ist die Frage
aller Fragen“, sagt Geologe Peter Schulte. Obwohl es mehr
Fragen als Antworten gibt, urteilen die meisten
Wissenschaftler derzeit unjuristisch: Im Zweifel gegen den
Beklagten. Für sie ist der Meteorit der alleinige
Dino-Mörder.
Handelsblatt, Wissenschaft, S. 11, 30.
November 2006
zurück zu: Die Texte
2006