Flechten: WG der Überlebenskünstler
Sie wachsen schleichend langsam, dafür aber überall. Sogar auf Köpfen von ehemaligen US-Präsidenten. Flechten sind Überlebenskünstler - nicht zuletzt, weil sie sich Bakterien oder Algen als Untermieter nehmen.
stern.de, Wissenschaft, 9. November
2006
SZ091106 - Wann liest man schon etwas über
Flechten? Einmal, im Sommer 2005, waren sie weltweit in
aller Munde. Als potenzielle Präsidenten-Killer. Die vier
berühmtesten, in Granit gemeißelten Köpfe der USA seien
gefährdet: durch Flechten. Washington, Jefferson, Roosevelt
und Lincoln sollten nach rund 70 Jahren von den
unscheinbaren Bewohnern befreit werden, sonst drohe
irgendwann der Zerfall.
Nach zweiwöchiger Gesichtspflege strahlten die vier 18
Meter hohen Idole am Mount Rushmore wie am ersten Tag.
Siedend heißes und unter Hochdruck versprühtes Wasser war
nötig gewesen, um den Bewuchs zumindest oberflächlich los
zu werden. Weltweit berichteten die Medien über das Peeling
der Präsidentenköpfe durch eine deutsche Reinigungsfirma.
Stetes Nagen höhlt den Stein
So unscheinbar Flechten sind, so zerstörerisch können sie
sein. Dabei höhlt allerdings nicht der stete Tropfen den
Stein, sondern langsames Nagen: "Sie produzieren Säuren,
die in der Lage sind, einige Gesteinsarten zu zersetzen",
sagt Imke Schmitt, Flechtenexpertin vom Leibniz-Institut
für Naturstoff-Forschung und Infektionsbiologie in Jena.
Durch den Säureangriff bilden sich Mikrorisse im Gestein;
feine Pilzfäden dringen ein, um die Flechte am Hang zu
verankern. Über die Risse kriecht auch Feuchtigkeit in den
Stein, im Winter bildet sich Eis mit enormer Sprengkraft.
"Außerdem entziehen sie dem Untergrund Silikate und machen
ihn porös", sagt Mark Seaward, Umweltbiologe von der
englischen University of Bradford.
Ob die Flechten allerdings den in Granit gemeißelten
Präsidenten wirklich hätten etwas anhaben können, da ist er
skeptisch: "Bei Granit spielt sich das eher in geologischen
Zeiträumen ab." Die geschürten Befürchtungen, die
Präsidenten blickten eines Tages wie die Sphinx ohne Nase
in die Landschaft, waren eher eine PR-Aktion der
Reinigungsfirma.
Pilze in biologischer Wohngemeinschaft
Flechten fehlt einfach alles für eine mediale Karriere. Der
Glamour der Blütenpflanzen, die Erhabenheit der Bäume. Sie
sind nicht einmal Pflanzen, sondern Pilze, die in einer Art
biologischer Wohngemeinschaft leben. Das Zimmer stellt
immer der Pilz, der meist eine Grünalge, manchmal auch ein
Cyanobakterium zum Bleiben eingeladen hat. Nicht ohne
Hintergedanken, denn die Bewohner können etwas, wozu Pilze
nicht fähig sind: Sie nutzen die Energie des Sonnenlichts.
"Die Pilze beziehen vom Photobionten Nährstoffe zum
Überleben wie den Zucker aus der Photosynthese", sagt Imke
Schmitt.
So dringen die Flechtenpilze in Lebensräume vor, die ihre
biologischen Brüder nicht erreichen, weil sie dort kein
verrottendes Substrat für die Versorgung finden. Je nach
Umweltbedingungen suchen sich Flechtenpilze der Gattungen
Nephroma oder Lobaria ihren Untermieter aus:Grünalgen im
gleißenden Licht, Cyanobakterien - Spezialisten für
Photosynthese unter schwachen Lichtverhältnissen - im
tiefsten Schatten.
Überlebenskünstler bei Trockenheit
Flechten gibt es in allen möglichen Farben und Formen. "Und
sie wachsen praktisch überall", sagt der Biologe Norbert
Stapper. Von der arktischen Tundra bis zu den Regenwäldern
am Äquator, von felsigen Meeresküsten bis hinauf auf 7400
Meter auf der Südseite des Makalu. Sie gedeihen auf Bäumen
wie auf Grabsteinen, an Häuserwänden und Kanaldeckeln, auf
Denkmälern, an Kirchenfenstern und sogar auf deren
Bleieinfassung. Und wo sie einmal Fuß gefasst haben, da
bleiben sie auch - wenn man sie lässt. "Man hat Flechten in
Lappland gefunden, die auf 9000 Jahre geschätzt werden",
sagt Stapper. Trockenzeiten verbringen die
Überlebenskünstler in einer Art Dämmerzustand, verlieren
all ihr Wasser, um beim nächsten Nebel oder Regen wieder
zum Leben zu erwachen.
Aber obwohl sie viele Lebensräume erobern können - die
einzelne Art ist oft sehr empfindlich. Und genau das macht
sie zu idealen Zeigerorganismen für Fachleute wie Norbert
Stapper, der für Umweltanalysen regelmäßig Flechten in
Stadt und Land kartiert. Flechten reagieren auf wechselnde
Umweltbedingungen so sensibel, weil sie Luft und Wasser
direkt ausgeliefert sind. "Ihnen fehlt zum Beispiel die
schützende Wachsschicht der höheren Pflanzen", sagt
Stapper. Jeder Stoff im Regenwasser dringt ungefiltert in
den Organismus - zum Beispiel Ammoniak und Schwefeldioxid:
Ersterer nährt sie, letzteres hingegen stört das
empfindliche symbiotische Gleichgewicht von Pilz und
Mitbewohner.
Städte sind für sie das Schlaraffenland
Gab es bis vor zehn, fünfzehn Jahren in Städten kaum
Flechten, feiern sie dort nun aufgrund weiträumiger
Entschwefelungsmaßnahmen ein Comeback. Sogar mehr, als
manchem lieb ist: "Wir wissen inzwischen, dass der
Drei-Wege-Katalysator geringe Mengen Ammoniak produziert
und der Verkehr zu einer extremen Düngung in den
angrenzenden Gebieten führen kann", sagt Stapper. Die
geringen Mengen, die der Katalysator auspustet, sind für
Menschen nicht gefährlich - für Pflanzen, die eine
nährstoffarme Umwelt brauchen, bedeutet der tägliche
Düngerauswurf aus Auto-Auspuffen eine Überfütterung. Daher
wachsen Moose und Flechten, die man sonst nur von
Betoneinfassungen ländlicher Misthaufen oder den Dächern
von Viehställen kennt, mitten in der Stadt - zum Leiden von
Statuen und Steinbauten.
In der industriellen Anwendung hingegen gelang ihnen der
große Durchbruch noch nicht. Zwar waren Flechten in der
Vergangenheit Farbstofflieferanten, mit der Wolfsflechte
Letharia vulpina wurden Wölfe und Füchse vergiftet. Noch
heute findet man das Isländisch Moos Cetraria islandica in
Lutschpastillen und moschusartige Substanzen aus Eichen-
und Baummoos in derParfümindustrie. Für den großflächigen
Einsatz, zum Beispiel in Medikamenten, hat es bisher nicht
gereicht - obwohl sie das Zeug dazu hätten: Flechten haben
antibiotische Wirkung. Doch gibt es bis heute kein
Antibiotikum auf Flechtenbasis, so wie das auf Pilzen
basierende Penicillin.
Flechten - die neuen
Antibiotika-Lieferanten?
Ein Grund: Flechten sind langsam. Einige Arten wachsen nur
Bruchteile eines Millimeters im Jahr - für eine
wirtschaftliche Ausbeute zu wenig. Das zweite Problem: Das
Symbiosegleichgewicht scheint so empfindlich zu sein, dass
schon geringe Abweichungen der Lebensbedingungen
verhindern, dass sie sich in Laborkulturen entwickeln.
Gentechnologie könnte den "Sensibelchen" doch noch zum
großen Durchbruch verhelfen. Forscher wie Imke Schmitt, die
das Flechtengenom nach bioaktiven Substanzen durchkämmt,
versuchen das Kultivierungsproblem zu umgehen, indem sie
die Gene der Flechten direkt untersuchen. In Zukunft
möchten Wissenschaftler ganze Gencluster aus Flechtenpilzen
herausnehmen und die zugehörigen Naturstoffe von schnell
wachsenden und leicht zu kultivierenden Pilzen oder sogar
Bakterien produzieren lassen. Dann wird er vielleicht
endlich kommen, der Aufstieg der Flechten - ohne dass es
sich nachher nur als fade PR-Geschichte herausstellt.
stern.de, Wissenschaft, 9. November
2006
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