Der Sitz der Fairness
Menschen verhalten sich anders als das Modell des Homo oeconomicus postuliert. Fairness ist ihnen wichtiger als einen kleinen Gewinn mitzunehmen. Und Wissenschaftler können diesen Sinn für Fairness sogar beeinflussen – mit Magneten.
Süddeutsche Zeitung, Wissen, S. 20, 6.
Oktober 2006
SZ061006 - Wenn es unter der Schädeldecke jedesmal
kitzeln würde, wenn Menschen sich fair verhalten, dann gäbe
es in den Labors von Neuroökonomen eine Menge zu lachen.
Sie erforschen seit einigen Jahren intensiv den
menschlichen Sinn für Gerechtigkeit, weil er vehement dem
Standardmodell der Wirtschaftswissenschaften widerspricht.
Ein echter „Homo oeconomicus” nämlich sollte sich stets so
verhalten, dass am Ende das meiste für ihn herausspringt.
Aber die Menschen tun es einfach nicht. Immer wieder zeigen
die Versuche der Forscher: Menschen verzichten lieber auf
einen Gewinn, als unfaires Verhalten ihres Gegenübers
durchgehen zu lassen.
Wo es im Gehirn kitzeln müsste, wenn Menschen dem Impuls
zur Fairness folgen, zeigt jetzt eine Untersuchung von
Schweizer Forschern: etwa dort, wo bei Männern die
Geheimratsecken entstehen (Science online). Die
Arbeitsgruppe um den Wirtschaftswissenschaftler Ernst Fehr
von der Universität Zürich ließ Probanden am klassischen
Experiment ihrer Zunft teilnehmen, um faires Verhalten zu
untersuchen, dem „Ultimatum-Spiel”.
Ein Spieler bekommt einen Betrag von zum Beispiel 20 Euro,
muss einem anderen Spieler aber einen Anteil anbieten.
Dieser kann den Handel akzeptieren, dann bekommen beide
ihren Anteil, oder ablehnen. Wenn er ablehnt, gehen beide
leer aus. „Nüchtern betrachtet, müsste jeder Spieler auch
das unfairste Angebot von einem Euro annehmen und dem Geber
19 Euro überlassen”, sagt Bettina Rockenbach,
Wirtschaftswissenschaftlerin von der Universität Erfurt.
Tatsächlich verzichten Teilnehmer aber lieber auf das Geld
eines unfairen Angebots, um den unfairen Partner in die
Schranken zu weisen.
Während ihre Probanden das Ultimatum-Spiel
durchexerzierten, störten die Forscher um Fehr nun die
Hirnfunktion des rechten und linken Vorderlappens des
Geldempfängers durch einen an den Kopf angelegten
Elektromagneten. Hirnscans hatten bereits gezeigt, dass
diese Hirnbereiche besonders aktiv sind, wenn es um
Fairness geht. Das magnetische Störfeuer veränderte das
Verhalten der Geldempfänger: „Sie nahmen unfaire Angebote
eher an, wenn wir den Magneten einsetzten”, schreiben die
Forscher. Allerdings nur, wenn der rechte Vorderlappen
gestört wurde: Dann verweigerte nur jeder Zweite den
unfairen Geldbetrag. Richteten die Forscher den Magneten
dagegen auf die linke Seite, lehnten 85 Prozent das
unmoralische Angebot ab.
Aber auch wenn mehr Teilnehmer schwach wurden bei einem
unfairen Angebot, das Gefühl für Fairness hatten sie nicht
verloren: „Besonders interessant ist, dass die Störung zwar
das Verhalten der Personen veränderte, aber nicht die
Einschätzung, was fair und unfair ist”, sagt Bettina
Rockenbach. Mit und ohne magnetisches Störfeuer blieb der
Anteil der Personen, die eine unfaire Aufteilung auch
unfair nannten, weitgehend gleich. Von einem
Fairnesszentrum im Gehirn möchte Daria Knoch, die
Hauptautorin der Untersuchung, aber nicht sprechen: „Nach
solchen Zentren hat man früher gesucht. Tatsächlich sind
aber alle Bereiche miteinander vernetzt und übernehmen
unterschiedliche Aufgaben.”
Leicht fällt dem Menschen seine Fairness aber nicht: Sie
braucht eine enorme Rechenleistung, die die Großhirne
anderer Säuger nicht zu leisten vermögen. „Das erklärt,
warum Fairness gerade beim Menschen so ausgeprägt ist”,
sagt Knoch. Und es macht deutlich, warum manche Teenager
ihren Mitmenschen das Leben durch Anfälle von Egoismus
schwer machen: „Früher dachte man, das Großhirn sei bei
Jugendlichen fertig entwickelt. Heute ist aber bekannt,
dass es noch nicht völlig ausgereift ist”, sagt Knoch. Erst
am Ende der Jugend scheint sich der Sinn für Fairness voll
entwickelt zu haben.
Süddeutsche Zeitung, Wissen, S. 20, 6.
Oktober 2006
zurück zu: Die Texte
2006