Die das Äußerste lieben
Sie lieben die Extreme: besonders heiß, kalt, sauer, strahlend. Seit Wissenschaftler immer mehr Einzeller kennen lernen, die unter extremen Lebensbedingungen gedeihen, steigen die Chancen für Leben im All.
Handelsblatt, Wissenschaft, S. 11, 11.
Mai 2006
HB110506 - Die ersten Außerirdischen, auf die
Menschen stoßen, werden wohl eine herbe Enttäuschung sein.
Sie werden eher einem Magenbakterium ähneln als kleinen
grünen Männchen. Wenn Astrobiologen wie Elke Rabbow vom
Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) in
Köln-Porz an Leben auf anderen Planeten denken, haben sie
nicht „E.T.“ vor Augen: „Wahrscheinlicher sind wohl
Einzeller“, sagt Rabbow. Diese Erwartung legt eine Gruppe
ganz irdischer Mikroorganismen nahe: Die Extremophilen
(„die das Äußerste lieben“) zeigen Fähigkeiten, die
Wissenschaftler vor Ehrfurcht erstarren lassen.
Wer glaubt, Leben brauche Licht, Sauerstoff, moderate
Temperaturen, einen neutralen ph- Wert und Wasser, der
kennt diese Hardcore-Organismen nicht. So wie Pyrobolus
fumarii, der über 100 Grad Celsius erst richtig aufblüht.
Oder Deinococcus radiodurans, ein Einzeller, der bis zu 18
000 Gray an radioaktiver Strahlung überlebt, das
Zweitausendfache der Hiroshima- Atombombe. Menschen sterben
bei sechs Gray. Oder Sulfolobus acidocaldarius, der sich
pudelwohl fühlt im 80 Grad warmen Säurebad bei einem
ph-Wert von 2 bis 3.
Diese Mikroorganismen leben an den scheinbar unwirtlichsten
Orten: im Wasser der heißen Quellen des
Yellowstone-Nationalparks, unter gigantischem Druck und
kochender Hitze an den Heißwasserquellen der Tiefsee oder
noch einige Etagen tiefer im licht- und sauerstofflosen
Ozeanboden, im Permafrost der sibirischen Steppe, dem Eis
der Arktis, den Salzseen Australiens und den Erdölfeldern
Arabiens. „Dass die Extremophilen unter so ungewöhnlichen
Bedingungen leben können, hat der Astrobiologie einen
deutlichen Schub gegeben“, sagt Rabbow. Nun kann man sich
auch Leben vorstellen auf Planeten oder Monden, die für
Menschen völlig unbewohnbar sind. Auf denen Bedingungen
herrschen, unter denen das Leben einst auf der Erde mit
Einzellern begann: heiß und ohne Sauerstoff. Nicht zufällig
zählen die meisten Extremophilen zur Gruppe der Archaeen,
die früher „Urbakterien“ genannt wurden.
Im Simulationslabor des DLR stellen Rabbow und ihre
Kollegen die Strahlungsverhältnisse des Alls und auf dem
Mars nach, um zu überprüfen, ob die Einzeller eine
Überlebenschance haben – und ob Menschen, die das All
bereisen, das „Reinheitsgebot“ einhalten können. Die
Forscher malträtieren ihr Haustier Bacillus subtilis mit
tödlichen Strahlendosen im luftleeren Raum, um
herauszubekommen, was es alles einsteckt. „Im Boden auf dem
Mars könnte er die gefährliche UVStrahlung überleben“, sagt
Rabbow. Das Eis auf dem Roten Planeten böte Kälte liebenden
Mikroorganismen Unterschlupf. Theoretisch könnten Einzeller
also mit einer Marsmission eingeschleppt werden. „Und das
wäre doch besonders tragisch. Wir finden Leben auf dem
Mars, und dann stellen wir fest, dass es Extremophile von
der Erde sind.“
Aber nicht nur Weltraumforscher sind fasziniert von den
Winzlingen. Auch Biotechnologen wie Garo Antranikian von
der Technischen Universität Hamburg-Harburg kriegen
leuchtende Augen, wenn es um Extremophile geht. Seine Zunft
ist an den molekularen Werkzeugen im Stoffwechsel der
Einzeller interessiert. Sie versuchen, die unter extremer
Hitze und Kälte besonders gut funktionierenden Enzyme zu
identifizieren. „Vor allem für die Pharma- und die
chemische Industrie tun sich da große Möglichkeiten auf“,
prophezeit der gebürtige Armenier.
In den Genlabors weltweit tummeln sich schon heute
Extremozyme, die den Wissenschaftlern die Arbeit
erleichtern. Wenn sie in der Polymerase-Kettenreaktion
(PCR) aus DNS-Schnipseln Genabschnitte zusammensetzen,
nutzen sie Enzyme aus Einzellern, die hohe Temperaturen gut
vertragen. Weil diese Polymerasen so hitzebeständig sind,
müssen sie nicht mehr so oft erneuert werden wie die alten
DNS-Werkzeuge. Der Reparaturmechanismus von Deinococcus
radiodurans, der durch Trockenheit und radioaktive
Strahlung zerbröselte DNS zusammenflickt, könnte eines
Tages Medizinern Hinweise liefern, wie sie mit der
Strahlentherapie Krebszellen effektiver abtöten.
Auch Otto Normalverbraucher könnte profitieren: „Wäsche
waschen, ohne das Wasser zu erhitzen, könnte möglich
werden“, sagt Antranikian. Statt der gängigen waschaktiven
Substanzen bräuchte man nur Eiweiß auflösende Enzyme Kälte
liebender Einzeller, die auch im kalten Wasser Speisereste
auflösen.
Bis zur Serienreife sei es aber ein weiter Weg, meint
Antranikian: „Für industrielle Prozesse braucht man
tonnenweise Enzyme und nicht nur ein paar Laborkolben
voll“, sagt Antranikian. Sie einfach von den Extremophilen
produzieren zu lassen scheitere daran, dass man die
Einzeller noch schlecht versteht. Die Gene, die für die
Enzyme kodieren, in bekannte Bakterien wie Escherichia coli
einzubauen klappe auch nicht immer, weil „die Enzymsysteme
der Archaeen oft anders funktionieren“.
Auch Extremophile sind nicht beliebig belastbar. Beispiel
Pyrodictium occultum, das „verborgene Feuernetz“. Karl
Stetter präsentierte es 1982 in der Zeitschrift „Nature“:
„Das war damals eine Sensation, weil es das Pasteur-Prinzip
aushebelte“, sagt der inzwischen emeritierte Professor der
Uni Regensburg. Bis dahin galt: Etwas abzukochen, es zu
„pasteurisieren“, tötet alles Lebendige, bis auf einige
Sporen, das Ruhestadium vieler Bakterien. Das Feuernetz
fühlt sich aber bei 105 Grad Celsius gerade wohl, 80 Grad
sind ihm schon zu kalt. Ab 120 Grad Celsius, der Temperatur
beim Sterilisieren, wird es aber auch für den Heißsporn
unerträglich. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass Leben,
wie wir es kennen, über 120 Grad Celsius eine Chance hat“,
sagt Stetter. Die natürlichen Grenzen des Werkstoffs ließen
das nicht zu: „Das müsste eine ganz andere Lebensform sein,
nicht auf Kohlenstoffbasis, vielleicht auf Silikatbasis.
Aber das ist reine Science- Fiction.“
Doch bei Extremophilen sollte man mit Überraschungen
rechnen: „Wir kennen ja gerade mal ein Prozent der
Organismen, 99 sind noch zu entdecken“, sagt Antranikian.
Handelsblatt, Wissenschaft, S. 11, 11.
Mai 2006
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